07.07.1969

TURNIERREITEN / PREISEKlötze und Kommerz

Vor den Olympiarichtern sind alle Amateure gleich: Geldpreise haben ihnen ein Greuel zu sein -- wenigstens offiziell. Nur die Turnierreiter sind gleicher als die anderen. Sie dürfen Prämien kassieren -- sogar fünfstellige.
Auf dem Höhepunkt der bundesdeutschen Saison, während des Internationalen Turniers in der letzten Woche in Aachen und beim Springderby in Hamburg (9. bis 14. Juli), stehen allein Geldpreise von zusammen 270 000 Mark auf dem Spiel.
Im Turnierreiten sind Kommerz und Klötze -- die Bauteile der künstlichen Sprunghindernisse -- für erfolgreiche Reiter gleichsam zu zwei Seiten einer Medaille zusammengeschmolzen.
Bis zum Zweiten Weltkrieg hatten die deutschen Turnierreiter nahezu problemlos Erfolge eingeheimst; 1936 erritten sie bei den Olympischen Spielen alle erreichbaren vier Goldmedaillen. Die Reiter dienten als Offiziere; sie trainierten an der Kavallerieschule Hannover; Pferde, Futter, Transport und Spesen bezahlte der Staat.
Inzwischen übernahmen Zivilisten die Herrschaft auf dem Parcours -- vorwiegend Landwirte. Ein Pferd kostet den Besitzer während der Ausbildung ungefähr 5000 Mark im Jahr, ein Spitzenspringer durch zusätzliche Betreuung, Transport- und Nenngelder etwa doppelt soviel.
So fördern vor allem die Geldpreise das Turnierreiten und die Pferdezucht. 1968 setzten die bundesdeutschen Veranstalter insgesamt 1 925 293,68 Mark an Preisen aus. Dagegen stehen 15 000 Turnierpferde in den Ställen; mithin beträgt der Anteil an den Preisgeldern je Pferd im statistischen Durchschnitt nur 128 Mark. Die meisten Hobby-Reiter (155 000 sind organisiert) setzen zu, sogar siegreiche wie der Landshuter Möbelfabrikant Hans Emslander, der 1968 überraschend Zweiter im Springderby geworden war.
Doch geschickte Turnierreiter galoppierten weit in die Gewinnzone. Von den 1893 Prüfungen bei den 199 Turnieren des Vorjahres etwa pickten sie sich Springen heraus, die ihren Pferden den sichersten Gewinn versprachen. Das Holsteiner Rekordpferd "Meteor" (150 Siege) verdiente insgesamt 177 112 Mark, die Stute "Halla" 157 920 Mark. Der Wallach "Donald Rex" ersprang in einem Jahr mehr als 40 000 Mark. Aus dem Gewinn ihrer erfolgreichen Pferde finanzieren viele Besitzer die Ausbildung von Nachwuchspferden.
Die private Terminplanung führte zwangsläufig zu Nachteilen bei wichtigen internationalen Prüfungen: Die besten Pferde wurden auf 20 und mehr Turnieren pro Jahr strapaziert. Aber wegen einträglicher Verpflichtungen fehlten die erfahrensten Reiter und Pferde vielfach bei den am höchsten eingestuften Wettbewerben um den Nationenpreis für National-Equipen: Er ist nicht mit Geldpreisen ausgestattet. Von 1925 bis 1964 siegten deutsche Equipen 69mal -- darunter viermal bei Olympischen Spielen -, obwohl sie von 1940 bis 1952 nicht für Deutschland satteln konnten. In den letzten fünf Jahren glückten nur noch zwei Erfolge im Preis der Nationen.
Findige Reiter erschlossen sich zusätzliche Geldquellen. Sie handelten Besitzern, deren Pferde sie ritten, Anteile von 50 Prozent und mehr an Siegprämien und Verkaufsgewinnen ab. So ritt Gert Wiltfang die Pferde des Homberger Fabrikanten Josef Kun, Olympiasieger Hans Günter Winkler "Fidelitas" und "Romanus" aus dem Besitz der Bayer-Werke, für die er auch als Repräsentant auftritt.
In wertvollen Springen (Deutsches Springderby: 27 000 Mark) dürfen meist nur zwei Pferde pro Reiter starten. Pfiffige Eigner verdoppelten ihre Chancen, indem sie Reiter verpflichteten. So setzte Olympiasieger Alwin Schockemöhle zeitweilig Wiltfang als zweiten Reiter -- und somit vier Pferde -- ein. Der Fleischwaren-Fabrikant Werner Stockmeyer beschickte gleichzeitig stattfindende Turniere in Dortmund und Wiesbaden mit seinen Angestellten, den Springreitern Lutz Merkel und Sönke Sönksen.
Einige Turnierexperten verleibten ihrem Stall gelegentlich bis zu 30 Pferde ein. Sie bereiteten sie auf leichtere Turniere vor und verkauften sie anschließend. Su brachten Nachwuchspferde, die der erfolgreiche Springreiter Hartwig Steenken beim ersten Turnier des Jahres in Münster vorstellte, schon 20 000 Mark ein. Für seine besten Springer "Fairness" und "Porta Westfalica" schlug er freilich Angebote von 200 000 Mark aus. 1968 erkrankte "Fairness" und schied aus -- unverkauft.
"Der kann im Dunkeln Pferde kaufen", bewunderte der frühere Olympiasieger Fritz Thiedemann den Oldenburger Schockemöhle, der beispielsweise "Ferdl" für 2100 Mark einkaufte und mit dem Wallach mehr als 100 000 Mark gewann. 1964 boten die Japaner 90 000 Mark. Den Verkaufsgewinn für "Monodie" legte Schockemöhle in einem Jaguar-Sportwagen an. "Da fährt Monodie", witzelten Nachbarn.
Das meiste Geld investierte Schockemöhle gewinnträchtig. Der geschäftstüchtige Turnierreiter sanierte zunächst seinen Erbhof in Mühlen. Dann stach er Torf und zog pro Jahr 75 000 Küken auf. Aus dem Dung produzierte er Dünger. Außerdem stellt er Blechschneide-Maschinen her und gründete mit einem Schwager die Alwin Schockemöhle KG zur Herstellung von Baustahlgewebe. Insgesamt setzte er schätzungsweise 40 Millionen Mark um. Demnächst will Schockemöhle VW-Zulieferer werden.
Mit seinen zwei Brüdern arbeitet Alwin Schockemöhle eng zusammen. Bruder Werner ist Zuchtspezialist und kaufte günstig Fohlen ein: Für den durch seinen Stall gegangenen "Shirokko" bot ein Engländer jüngst 180 000 Mark. Zudem ist Werner Schockemöhle Mitinhaber der Eierverwertungsfirma "Egga" und Buchautor ("Deutsche Springreiter").
Der jüngste Schockemöhle-Bruder Paul reitet selbst und reiste als Pferdepfleger zum Olympia in Mexiko mit. Er brach sein Studium ab und begann einen Getreide- und Futtermittel-Handel. Fachleute schätzen den Gesamtumsatz der Schockemöhle-Unternehmen auf jährlich 80 Millionen Mark.
In Aachen galoppierte Schockemöhle auf "Donald Rex" zum Springchampionat von Deutschland (Dotierung: 20 000 Mark). Dagegen blieb im Sixtant-Springen am letzten Dienstag sogar ein Preis liegen. Die Siegerin Barbara Simpson aus England hatte keine Verwendung für den ausgesetzten Elektrorasierer.

DER SPIEGEL 28/1969
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