23.06.1969

„Mit dem Latein am Ende“

Heute wird gern totgesagt: die Ehe, das Parlament, Opas Kino, der liebe Gott und auch die Universität. Doch alles atmet noch ein bißchen, und wie noch immer Ehen wider den Zeitgeist geschlossen werden und für manche die Bibel immer noch recht hat, so schleppt sich auch die Alma mater von Semester zu Semester -- zu gesund zum Sterben, zu krank zum Leben.
Am Krankenbett drängen sich 300 000 Studenten, 30 000 wissenschaftliche Mitarbeiter, 7000 Professoren -- lehrend und lernend so gut es noch geht, untereinander und miteinander streitend, uneins über Diagnose und Therapie -- sowie das große Konsilium aller, die auch ein Rezept haben.
Da ist der Wissenschaftsrat, ein angesehenes Gremium von Hochschullehrern, Kulturpolitikern, Industriellen und Ministerialbeamten, das seit 1958 Regierungen wie Hochschulen berät und umfängliche Reformempfehlungen vorlegt -- doch weder Politiker noch Universitäten brauchen sich daran zu halten.
Da ist die Westdeutsche Rektorenkonferenz (WRK), das Forum der Hochschul-Chefs -- zumeist nur reagierend auf das, was andere fordern oder verwerfen; sie hat 73 Plenarversammlungen hinter sich gebracht und denkt vorerst weiter nach über die "Neuordnung der Lehrkörperstruktur".
Da ist der Verband Deutscher Studentenschaften (VDS), der Dachverband deutscher Hochschüler, der früher als staatsbeflissen galt und jetzt
* Großer Hörsaal der Zweiten Medizinisehen Universitätsklinik München.
wie ein "sozialistischer Kampfverband" auftritt -- heute Reformen verneinend, die er einst erstrebte.
Laut Grundgesetz für Hochschulfragen bisher nicht zuständig, aber auf Mehrung von Kultur-Kompetenzen bedacht: der Bund, dem jetzt vom Parlament eine gewisse Verantwortlichkeit für die "Allgemeinen Grundsätze des Hochschulwesens" übertragen wurde -- doch noch ist ungewiß, wie weit diese Kompetenzen reichen sollen.
Ganz und gar zuständig in Hochschulfragen: die Kultusminister der Länder, die es fast zwei Jahrzehnte lang den Hochschulen überließen, sich selbst zu reformieren und nun, da sich diese Hoffnung als trügerisch erweist, allenthalben Hochschulgesetze planen oder mit Hilfe der Parlamente durchsetzen -- zum Verdruß der auf Eigenständigkeit bedachten Universitäten.
Vernünftiges wie Aberwitziges, Banales wie Hochtrabendes erschallt aus dem dissonanten Chor der Studenten, die dem ehemaligen Stuttgarter Rektor Professur Fritz Leonhardt in ihrer Mehrheit noch immer "viel zu pflichtbewußt und fleißig, aber nicht wagemutig und streitbar genug" vorkommen, in ihren radikalen Minderheiten aber eher streitwütig gegen "reformistische Scheiße" agitieren, die "alte Wissenschaft" für tot erklären und Steine werfen für eine neue Welt.
Progressives wie Reaktionäres, Einsichtiges wie Borniertes ist aus der Schar der Professoren zu vernehmen, die sich in ihrer Mehrheit als reformunfähig oder reform-unwillig erwiesen haben und nunmehr eher hilflos dem studentischen Aufbegehren gegenüberstehen; manche von ihnen glauben noch immer, daß die deutsche Universität -- wie es der Historiker Hermann Heimpel einmal in den fünfziger Jahren ausdrückte -- "in ihrem Kern gesund" sei.
Und da sind schließlich bildungspolitische Amateure wie Verkehrsminister Georg Leber, dem -- laut "Frankfurter Rundschau" -- danach zumute ist, einigen Studenten der Soziologie und Politologie den Hintern zu verhauen und mindestens einigen Professoren dazu; oder wie der Unternehmensberater Ludwig Kroeber-Keneth, der als "Allheilmittel" zunächst die "Schließung aller Universitäten" empfiehlt und meint, die Wirtschaft müsse dazu übergehen. "sich die Menschen, die sie braucht, selbst zu backen".
So einfach, so schwierig stellt sich das Problem der Erneuerung der deutschen Universitäten dar. So vielfältig sind die Interessen, so zahlreich die Interessenten. Und so vehement werden die Auseinandersetzungen geführt, daß -- wie Baden-Württembergs Ministerpräsident Hans Filbinger sagte die Hochschulen eine "Kampfstätte aller gegen alle" geworden sind (siehe Kasten Seite 47).
Alle gegen alle mit Tomaten und Rempeleien, mit Verächtlichmachung und Selbstbemitleidung, mit Pseudo-Argumenten und altväterischen Belehrungen. Wie radikal-reformerische Studenten sich in fanatisierten Teachins unter Anarchisten kaum noch Gehör verschaffen können (Hamburgs ehemaliger Asta-Vize Jens Litten: "Die würden mich verprügeln"), so erstickt die Stimme reformerischer Professoren häufig im Chor konservativer Kollegen (Professor Alexander Schwan von der FU Berlin: "Wenn wir Reformer den Mund aufmachen, geht bei den anderen gleich der Vorhang runter").
Zwischen Resignation und Fanatismus, im Wust von Geschwätz und Gezänk ist es mühselig geworden, ernsthaft zu diskutieren, was nach Ansicht des relativ kleinen Kreises einsichtiger Politiker, Professoren und Studenten diskutiert werden muß, etwa:
* ob das überkommene Prinzip der "Einheit von Forschung und Lehre" ohne Ausnahme beibehalten werden soll -- oder ob bestimmte Hochschulen oder Hochschulbereiche sich auf Forschung, andere sich auf die Wissensvermittlung konzentrieren sollen;
* ob in einer technologisch orientierten Industriegesellschaft die Geisteswissenschaften in vielen Schulen und Hochschulen noch einen Rang einnehmen sollen wie im 19. Jahrhundert -- zu Lasten einer naturwissenschaftlichen und sozialwissenschaftlichen Ausbildung, die der Zukunft angemessen wäre;
* daß Hochschulausbildung und künftige Berufspraxis in neuen Studienplänen besser aufeinander abgestimmt werden müssen -- Psychologie-Studenten zum Beispiel ihr Urteil durch die Beobachtung leibhaftiger Menschen schärfen und nicht nur, wie an vielen Instituten üblich, an papierenen "Blinddiagrammen" mit Testberichten über irgendeinen XY;
* ob der weiter anschwellende Strom der Abiturienten nicht nur in die Universitäten herkömmlicher Art, sondern auch in neu zu errichtende Fachhochschulen (etwa für Ingenieurberufe, für Wirtschafts- und Verwaltungslaufbahnen) gelenkt werden sollte, die sich innerhalb sogenannter Gesamthochschulen um die bestehenden Universitäten gruppieren würden;
* daß die hierarchische Struktur der Universität, in der Lehrstuhlinhaber (Ordinarien) fast unbeschränkt über Forschungsvorhaben, Lehr-Inhalte und Wissenschaftler-Karrieren bestimmen, ersetzt werden muß durch eine demokratische Universitätsverfassung, die Assistenten und Studenten wirksamere Mitbestimmungsrechte einräumt;
* inwieweit Entscheidungen an der Hochschule öffentlich fallen sollen und nicht wie bisher hinter verschlossenen Türen -- angefangen von den Examina, in denen ein Professor Gunst oder Mißgunst walten lassen kann, bis zur Bestellung von Assistenten und zur Berufung von Professoren;
* inwieweit die überkommene Gliederung der Universität in Fakultäten (Philosophische, Medizinische, Naturwissenschaftliche etwa) aufgegeben werden soll zugunsten einer neuen Fachbereich-Organisation, wie sie nach amerikanischen Erfahrungen in doppelter Hinsicht vorteilhaft ist: einmal, weil sie der Team-Arbeit innerhalb einer Spezialdisziplin förderlich ist, zum anderen, weil sie Wissenschaftlern verschiedener Disziplinen intensive Zusammenarbeit ermöglicht;
* wie die Hochschulbürokratie, bisher noch geteilt in akademische Selbstverwaltung und staatlich gelenkte Wirtschaftsverwaltung, vereinheitlicht werden soll und ob anstelle eines häufig nur für ein bis zwei Jahre amtierenden Rektors aus dem Professorenstand künftig ein für mehrere Jahre gewählter Präsident an die Spitze der immer mehr einem modernen Großbetrieb ähnelnden Universität treten soll -- ein Präsident, der nicht unbedingt über akademische Würden verfügen muß, aber sich im modernen Management auskennt. Wie und aus welchem Geist heraus diese Fragen entschieden werden davon hängt nicht nur die Befriedung der aufgewühlten Universitäten und das staatsbürgerliche Engagement ganzer Generationen des akademischen Nachwuchses ab, sondern nach Ansicht profilierter Kritiker auch die kulturelle und wirtschaftliche Zukunft der Bundesrepublik.
Was der Karlsruher Professor Karl Steinbuch in seiner Studie "Falsch programmiert" über die Versäumnisse in Wissenschaft und Forschung sagt, gilt auch für den Hochschulbereich: "Wenn wir so weitermachen wie bisher, sind wir im Jahre 2000 keine international führende Industrienation mehr, sondern nähern uns dem Zustand eines unterentwickelten Landes ...: wissenschaftlich, technisch und sozial zurückgeblieben."
In anderen Industrieländern sind die Weichen für das Jahr 2000 schon gestellt worden -- sei es durch verstärkte Investitionen für Bildung, Wissenschaft und Forschung (wie in Großbritannien, das im Jahre 1964 bereits 2,3 Prozent seines Bruttosozialprodukts in "Forschung und Entwicklung" investierte -- im Gegensatz zur Bundesrepublik, die sich 1964 mit 1,6 Prozent beschied und es auch bis 1967 nur auf 2,1 Prozent brachte).
Sei es durch eine radikale Neuordnung des gesamten Bildungssystems (wie in der DDR, die -- wenn auch reglementierend -- praktisch jedes wissenschaftliche und technische Talent mobilisiert).
Oder sei es durch kontinuierliche Bemühung, die häufig zur Selbstisolierung neigenden Wissenschaften in Dialog miteinander und mit dem Alltag zu bringen (wie in Amerika, wo Team-Arbeit in der Wissenschaft selbstverständlich geworden ist und die Studiengänge der meisten Disziplinen längst entrümpelt worden sind).
In Westdeutschland aber wird in vielen Fächern noch gelehrt und gelernt wie vor 50 Jahren. Deutsche Studienräte müssen semesterlang Gotisch oder Althochdeutsch pauken, doch von praktischer Pädagogik erfahren sie fast nichts. "Der künftige Studienrat", so kritisierte unlängst der Bochumer Pädagogik-Professor Joachim H. Knoll, "wird wie der präsumptive Privatdozent ausgebildet, als Spezialist, als Fachwissenschaftler; und kein Mensch scheint daran zu denken, daß dieser so ausgebildete Studienrat später zehnjährigen Schülern Interpunktion beibringen und mit zwölfjährigen Nacherzählungen üben muß -- bei solchem Geschäft ist er ein meist hoffnungsloser Dilettant."
Angehende Hochschul-Ingenieure werden mit viel, aber zu wenig zukunftsträchtigen Kenntnissen befrachtet, so daß der Berliner TU-Professor Friedrich-Wilhelm Gundlach sich zu der Feststellung genötigt sieht: "Der Ingenieur wird heute in seiner Berufspraxis mit der Lösung von Problemen betraut, von denen er während seines Studiums auch nicht andeutungsweise etwas gehört hat." In einer Epoche, in der Ingenieure etwa mit Laser-Strahlen umgehen müssen, die zur Zelt ihres Studiums noch gar nicht entdeckt waren, kommt es nach Gundlach vor allem darauf an, den Ingenieuren die Fähigkeit zum selbständigen Lernen zu vermitteln,
Angehende Mediziner bekommen in den ersten drei Jahren ihres Studiums kaum Patienten zu Gesicht -- es sei denn beim Krankenpflegedienst. Professor Ludwig Demling, Direktor der Medizinischen Klinik und Poliklinik Erlangen, schreibt in einem Brief an den SPIEGEL: "Das mit dem Medizinstudium ist heute noch so wie zu meiner Zeit. Man weiß nach dem Staatsexamen vielerlei und kann nichts."
Anders in Amerika, wo die Medical Schools beispielsweise dazu übergehen, schon den Studenten der Anfangssemester eine Schwangere als "Leitpatientin" und Studienobjekt anzuvertrauen. Der Student ist bei jeder Untersuchung durch Fachärzte, bei jeder Beratung oder eventuellen Operation zugegen, verfolgt die Entwicklung des Kindes und beginnt dabei -- so beschreibt der Münchner Privatdozent Dr. Gerhard Ulbrecht die Neuerung -- "bereits ärztliches Erfahrungsgut zu sammeln. Er wird nicht nur mit praxisnahen medizinischen Fragen, sondern auch mit sozialen Problemen konfrontiert, die in der Familie des Kindes auftreten."
Anders auch in Frankreich, wo die juristische Ausbildung weit mehr der Praxis zugewendet ist als in Deutschland -- und gleichwohl allein nicht hinreicht, einem Universitätsabsolventen hohe Verwaltungspositionen zu sichern. Eine politische oder ministerielle Karriere ist einem Franzosen um so eher möglich, je vielseitiger er sich für öffentliche Aufgaben rüstet. Der französische Staatsminister Jean-Marcel Jeanneney etwa ist nicht nur Doktor der Rechte, sondern er besitzt zugleich die Lehrbefähigung für den Gymnasialunterricht und hat zudem Diplome in Wirtschaftswissenschaften und Politik erworben.
Was sich so an Mängeln in Deutschland offenbart, in der Ausbildung von Juristen und Medizinern ebenso wie in Naturwissenschaft und Technik, schrumpft in der Sicht mancher sogenannter Experten zu einer simplen Geldfrage zusammen: mehr Geld, mehr Wissenschaft, bessere Hochschulabsolventen,
Das stimmt nur zum geringeren Teil, und Kritiker wie Karl Steinbuch halten es gar "für einen Irrtum, anzunehmen, die Unzulänglichkeiten unserer Schulen und Hochschulen, unserer Institutionen und Bemühungen um Wissenschaft und Technik seien vorwiegend ein organisatorisches oder finanzielles Problem". Vielmehr sieht Steinbuch als Kernursache der Misere eine "irrationale, antitechnische .und antiwissenschaftliche Ideologie", die sich von der Lebenswirklichkeit entfernt habe.
Die These findet ihr Exempel, wenn studentische Ultras in der kaum verständlichen Kunstsprache der Revolution stundenlang über den Kontakt zur Arbeiterschaft palavern, der dann -- schon wegen dieser Sprache -- nicht zustande kommt; wenn sie sich in Visionen einer schönen neuen Welt verlieren, deretwegen die von heute zu zerschlagen sei.
Und Steinbuchs These hat ihren Beleg auch in der Klüngelei von Professoren, die sich hinter verschlossenen Türen um ihre althergebrachten Privilegien sorgen und sich, wie der Hamburger Kunstgeschichtler Professor Wolfgang Schöne in seiner Streitschrift zum "Kampf um die deutsche Universität", dagegen wehren, daß "wissenschaftliche Erkenntnisse popularisiert und ihres esoterischen Charakters beraubt" werden -- nachtrauernd einer Zeit, da Studenten wie Jünger zu Füßen erlauchter Geister saßen (Schöne: "Das vergißt man nicht!").
So tag träumen am Krankenbett der deutschen Alma mater die einen in einer Welt von übermorgen, die anderen in der Welt von vorgestern, und bei allen ideologischen Gegensätzen offenbart sich dabei ein Stückchen alter deutscher Tradition: fernab von den politischen wie gesellschaftlichen Problemen der Gegenwart Wolken zu schieben.
Hoch droben hat sich die Alma mater in Deutschland immer zu Hause gefühlt, frei von den Anfechtungen des Alltags. Von Königstreuen gleich geachtet wie von Demokraten, Revolutionen trotzend und Reformen wehrend, strebt sie seit Jahrhunderten danach, sich selber gleich zu bleiben.
An der Spitze steht, wie einst, der "rector magnificus", ein herrlicher Herrscher. Als "Spektabilitäten" lassen sich die Dekane anreden, die in den Fakultäten die Geschäfte führen. Wie im Mittelalter verleiht die Universität auch heute noch -- als Fridericiana und Carolo Wilhelmina, unter dem Namen Ruprecht-Karls und Christian-Albrechts -- ihren strebsamsten bürgern akademische Würden, als vergebe sie Adelstitel.
Mehr als 5000 Doktoren aller Fakultäten verlassen jährlich die deutsche Alma mater, die zudem Wissenschaftlern und Wirtschaftskapitänen, Politikern und Potentaten die Doktorwürde honoris causa verleiht. Die Universität erhebt Freunde und Förderer in den Stand von Ehrensenatoren -- den Offenburger Illustriertenverleger Franz Burda ebenso wie den Freiburger Erzbischof Hermann Schäufele. Der hochkarätigen Prominenz gewährt sie das akademische Bürgerrecht -- etwa dem amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy.
Während sie den Mächtigen allenthalben Reverenz erweist, dünkt sie sich gleichwohl erhaben über staatliche Institutionen und Kabinette, seien sie, wie einst in Preußen, königstreu oder, wie heute in deutschen Ländern, republikanisch. Das Privileg der Unabhängigkeit vom Staat, das Päpste und Kaiser der "universitas magistrorum et scholarium" im Mittelalter gewährten und das der preußische Universitäts-Gestalter Wilhelm von Humboldt zu Beginn des 19. Jahrhunderts noch einmal beschwor, wird von manchen deutschen Professoren noch heute mit einer Inbrunst verteidigt, die ihresgleichen sucht.
Preußens Humboldt schwebte, wie der Humboldt-Monograph Eduard Spranger erläutert, eine Universität "fern von jeder Nützlichkeitsidee" vor. Und der Hallenser Universitäts-Gutachter Johann Christian Reil wollte damals am liebsten jeden von der Universität verweisen, der Wissenschaft "nicht um ihrer selbst willen" treibe, sondern "weil sie dazu taugt, Häuser zu bauen, den Acker zu bestellen und das Kommerz zu beleben".
Das Humboldt-Ideal von der "hülfreich Einsamkeit" des Wissenschaftlers entsprach durchaus der vorindustriellen Zeit, da man noch idyllisch lehren und lernen konnte. Die gute Stube des Professors bot häufig Platz für Kollegsaal und Katheder.
Diese durch ein Vater-Sohn-Verhältnis geprägte Art der Wissensvermittlung war auch zu Anfang dieses Jahrhunderts noch akzeptabel, als der einzelne Professor in Natur- wie Geisteswissenschaften sein Fachgebiet überblicken und die Ergebnisse eigener Forschungen mitteilen konnte,
Daß in dem heraufziehenden Zeitalter der Industriegesellschaft andere Bedingungen für Forschung und Lehre gelten mußten -- diese Einsicht blieb zwar bedeutenden Gelehrten wie dem Soziologen Max Weber nicht versagt. Aber weitaus die meisten Wissenschaftler nahmen davon vor 1933 kaum Notiz, und nach 1933 hatte die Wissenschaft andere Sorgen.
Mehr als 2000 deutsche Hochschullehrer, ein Drittel der gesamten Professorenschaft, wurden ins Exil getrieben -- darunter Nobelpreisträger wie Albert Einstein. Als er, der die Physik revolutioniert hatte, aus dem Berliner Kaiser-Wilhelm-Institut für Physik nach Princeton in den USA übersiedelte, nannte der französische Physiker Paul Langevin dies "ein so großes Ereignis, wie es die Verlegung des Vatikans von Rom in die Neue Welt wäre.
Ganze Wissenschaftszweige verdorrten. Angesehene Forschungsstätten verkümmerten zu mittelmäßigen Lehranstalten. Zukunftsträchtige Forschungsbereiche -- etwa die Biochemie, die Physikalische Chemie und die Genetik -- verloren ihre Pioniere.
Die NS-Herrscher richteten Lehrstühle für "Rassenbiologie" und "Rassenhygiene" ein, konzentrierten sich auf die Rüstungstechnik und vernachlässigten die Grundlagenforschung In Geistes-, Natur- und Ingenieurwissenschaften. Während die Universitäten in westlichen Ländern einen zunehmenden Andrang von Studenten bewältigen mußten, entvölkerten sich die Hochschulen in Deutschland. Die Zahl der Studenten schrumpfte von 111 000 im Jahre 1928 auf 56 000 im Jahre 1938 (30 Prozent weniger als 1914).
Eine potentielle Gelehrten-Generation wurde im Zweiten Weltkrieg verheizt. Wer überlebte, sah die Hochschulen in Schutt und Asche wieder. Akademische Lehrer gab es kaum; sie mußten, weil NS-beiastet. meist zeitweilig aus dem Hochschuldienst ausscheiden, oder sie wurden (wie Wernher von Braun, der heute Mondraketen baut) eine Beute von Amerikanern und (wie Nobelpreisträger Gustav Hertz) von Russen.
Die ideell, personell und materiell ausgemergelten Universitäten tristeten nach dem Kriege, wie jedermann in Deutschland, zunächst ein Hungerdasein. In einer Denkschrift über die Notlage der Universität Göttingen hieb es 1949: "Die Verwaltungskosten des Wohnungsamtes einer einzigen Stadt ... liegen bereits in ähnlicher Höhe wie der Sachetat der Landesuniversität."
Und auch, als sich die Deutschen wieder satt essen konnten, mußte die Wissenschaft hinter dem Geld herlaufen. Zur Zeit des aufblühenden Wirtschaftswunders, 1955, gaben die Länder karge 3,48 Prozent ihrer Etats für wissenschaftliche Einrichtungen aus, der Bund 0,46 Prozent seines Etats für Wissenschaftsförderung.
Wissenschaftspolitik wurde so gut wie nicht betrieben -- zu einer Zeit, da in Ost und West begann, was Soziologen die "Wissenschafts-Explosion" nannten. Von Jahr zu Jahr pumpten Sowjets und Amerikaner mehr Geld in Hochschulen und Forschungsstätten.
Die Bundesrepublik versäumte für die Zukunft zu investieren. Bund und Länder gaben im Vergleich zu anderen Industrie-Nationen viel zuwenig für "Forschung und Entwicklung aus -- 1964 nur 2,8 Prozent der Staatsausgaben im Vergleich zu 8,2 Prozent in den USA; und dies, obgleich die Zahl der Studenten von 107 035 im Jahre 1950 auf rund 300 000 im Jahre 1969 emporschnellte: immer noch zu wenig, gemessen an den Anstrengungen anderer Industrie-Länder, doch zu viel, gemessen an den knappen Kapazitäten deutscher Hochschulen.
Und just, als es galt, ein gewaltiges Nachhol-Pensum in Forschung und Lehre zu bewältigen, mußten immer mehr Professoren ihre Zeit in Lobbies zubringen. um Geld für die darbende Wissenschaft locker zu machen. "Da ist der Professor als Institutsdirektor, der zusieht, ob er aus irgendwelchen Fonds das Geld zusammenbringt, die Bücher zu kaufen, die seit Jahren fehlen. der sich damit beschäftigt, Werkstatt personal anzustellen -- so das Klagelied des Physik-Professors Siegfried Flügge, der "das Eigentliche und Wesentliche" der Professoren-Arbeit dahinschwinden sah in "tausend Tätigkeiten von früh bis spät".
Als Tausendsassas vermochten viele Professoren auch einträglichen Nebenbeschäftigungen nachzugehen. Bereitwillig nahmen sie Arbeitsangebote an, die ihnen Gerichte, staatliche Instanzen und Industriebetriebe machten. Als Gutachter verdienen Hochschullehrer (so die Berliner Studenten-Zeitung "Anrisse") neben ihrem Beamtengehalt noch "horrende Summen". Wo die Bitte um Mitarbeit außerhalb der Hochschule ausbleibt, helfen mitunter Zeitungsanzeigen weiter -- wie jene in der FAZ: "Universitäts-Professor, international bekannter Physiker, sucht Verbindung zur Industrie,
Für "eine sechsstellige Summe" -- so berichten die "Anrisse" -. entwarf ein Berliner Professor der Betriebswirtschaftslehre ein neues Organisationsmodell für einen Zigarettenkonzern ("der ganze Lehrstuhl war damit etwa ein halbes Jahr lang beschäftigt"). Von dem Geld "bekamen zwei Assistenten je zwei Monatsgehälter. vom "Rest ließ sich der Professor eine Luxusvilla in der Terrassenstraße im Grunewald bauen".
Ordinarien als Gutachter, als Verwalter ihrer Institute, als Arbeitgeber ihrer Assistenten, als Lehrer der Studenten, als Prüfer von Examenskandidaten, als Doktor-Väter junger Wissenschaftler, als Vertreter in Fakultäten -- die Lehrstuhlinhaber wurden Gefangene ihrer angestammten Funktionen; die wissenschaftliche Arbeit kam dabei zu kurz.
Daß Forschung unter solchen Umständen an deutschen Universitäten nur noch bedingt betrieben werden konnte, führte wiederum, wie Nobelpreisträger (1961) Professor Rudolf Mößbauer erläuterte, zu "außerordentlich gefährlichen Folgen". Denn nachlassende Forschungstätigkeit bedinge ein "Zurückbleiben der Lehre". Und: "Hand in Hand hiermit geht eine qualitative Verschlechterung der Ausbildung der Studenten ..., die später die Entwicklung vorantreiben sollen."
Diesen von Möllbauer als " Circulus vitiosus" umschriebenen Teufelskreis zu durchbrechen, hätte es schon damals einer umfassenden Hochschulreform bedurft. Dazu aber waren die Ordinarien, die über die forschungsfremde Arbeitslast lamentierten, nicht bereit.
Sie mußten fürchten, daß durch eine vorurteilsfreie Analyse der Hochschulwirklichkeit "versteckte Interessenlagen aufgedeckt, Monopolstellungen erschüttert, Gewohnheitsrechte verletzt und liebgewordene Ressentiments abgebaut werden könnten" -- so der Heidelberger Religionsphilosoph Professor Georg Picht, der das Wort von der "deutschen Bildungskatastrophe" prägte.
Die "durch nichts zu rechtfertigende Privatmacht" (Soziologe Ralf Dahrendorf) aufzugeben, etwa zugunsten einer Kollegialverfassung neuen Typs, hätte für die Lehrstuhlinhaber bedeutet, daß gewinnbringende Privataufträge nicht länger geheim blieben, Forschungsvorhaben aufeinander abgestimmt werden mußten und wissenschaftliches wie technisches Personal der persönlichen Verfügungsgewalt des einzelnen Ordinarius entzogen worden wäre,
Es gab keine Reform, obwohl von Reformen immer häufiger die Rede war, von Jahr zu Jahr mehr. Die Universität lag, wie Jürgen Habermas -- selber Professor, doch links von der Mehrheit -- schreibt, "unter der Dunstglocke einer unermüdlichen Reformrhetorik". Sie widerstand aber dabei beharrlich "dem Ansinnen einer planvollen Umgestaltung" und war mithin, wie Universitäts-Kritiker Hei -- mut Schelsky drastisch formulierte, unfähig, "sich am eigenen Zopf aus dem Sumpf zu ziehen".
Gefangen in einem "komplizierten Geflecht von Traditionen, Gewohnheiten, Mentalitäten und politischen Reminiszenzen" (Picht), pochte sie auf Autonomie, die sie in vollem Ausmaß nie besessen hatte.
Gewiß hat sie das Recht zur Verleihung akademischer Würden, Doch seit langem schon hatte sie sich an den Zugriff des Staates gewöhnen müssen, der Prüfungsordnungen für Ärzte, Juristen und Lehramtskandidaten erläßt, Hochschullehrer besoldet -- alle ordentlichen Professoren sind Beamte -- und Forschungsobjekte finanziert.
Und wie es keine Autonomie mehr gab, die diesen Namen noch verdient hätte, so war auch das immer wieder bemühte Humboldtsche Bildungsideal nur mehr illusionärer Anspruch. Längst konnten Hochschulen nicht mehr Wissenschaft allein um ihrer selbst willen treiben, sondern mußten vornehmlich Studenten auf den Beruf vorbereiten -- und das taten sie unzulänglich.
Auch die Vielfalt der Fachwissenschaften konterkarierte das Humboldtsche Konzept einer einheitlichen "Philosophischen Universität". Heute ist die Wissenschaftsorganisation der Hochschule -- so Picht -- "nahezu deckungsgleich mit der Struktur der arbeitsteiligen Prozesse in einem hochentwickelten Industriebetrieb".
Als Anfang der sechziger Jahre die Universitäten den Zustrom der Studenten kaum noch fassen konnten, ge-
* Oben: Mit Studenten solidarisierter Fleischer Hans-Joachim Gaffron bei der Besetzung des FU-Rektorats am 27. Juni 1968: unten: Professor Dr. Gottfried Leonhardi beim Verlassen einer Konzilssitzung der Frankfurter Universität am 16. Dezember 1967.
riet die Idylle der "hilfreich Einsamkeit" vollends zur Farce. Es war der Wissenschaftsrat, der wenigstens diese Misere zu beheben suchte. Er empfahl -- ohne freilich das volle Ausmaß des Studentenandrangs einkalkulieren zu können -- dringend, die bestehenden Universitäten auszubauen, neue Hochschulen und Medizinische Akademien einzurichten und den Stellenplan für das Lehrpersonal zu erweitern.
An den starren Strukturen der Hochschulen rüttelte er nicht. Vielmehr wurde, so Jürgen Habermas, "die alte Verteilung der Kompetenzen und Abhängigkeiten, also die Ordinarien-Universität, mit geringfügigen Korrekturen noch einmal bestätigt.
Und eine der Rats-Empfehlungen erwies sich geradezu als Katalysator, die allmählich wachsenden Spannungen an den Hochschulen in offene Auseinandersetzungen umschlagen zu lassen: die Studienzeit-Verkürzung, mit der man der Hochschul-Überfüllung begegnen wollte.
Die Studenten, zuerst in Berlin, begehrten auf, weil nicht gleichzeitig Studienpläne und Prüfungsordnungen von überflüssigem Stoffballast befreit und neu konzipiert wurden; weil die Arbeitsbedingungen in Labors und Bibliotheken allein durch die Befristung der Studienzeit -- wie sie von zwei Fakultäten der Freien Universität beschlossen wurde -- offenkundig nicht zu bessern waren.
Es kam 1966 an der Freien Universität in Berlin zum Studenten-Streik. Indem die Jungakademiker dagegen protestierten, daß über ihre Köpfe hinweg Entscheidungen über ihren Studiengang gefällt wurden, ließen sie zum ersten Male anklingen, was später zum Leitmotiv der Studentenbewegung wurde: Mitbestimmung. Es ging ihnen, wie sie in einer Resolution erklärten, "nicht nur um das Recht, längere Zeit zu studieren", sondern "vielmehr da um, daß Entscheidungen, die die Studenten betreffen, demokratisch und unter Mitwirkung der Studenten" zustande kämen.
Das war der Anfang der Rebellion, die 1967, nach dem Tod des Studenten Benno Ohnesorg, von Berlin nach Westdeutschland übergriff und dann, nach dem Attentat auf den Studenten Rudi Dutschke, sich nicht nur gegen die Universität, sondern immer stärker auch gegen die Gesellschaft kehrte.
Mit einer Vehemenz, die den Wohlstandsbürgern unfaßlich war, entluden sich studentische Enttäuschungen und Aggressionen. Schmährufe gegen Professoren und Steine gegen Springer-Fenster, Rektoratsbesetzungen und Straßenschlachten, Streiks in Instituten und Provokationen vor Gericht -- das waren untrügliche Zeichen dafür, daß zum ersten Male in diesem Jahrhundert eine Studentengeneration links von der etablierten Gesellschaft stand,
Dies zu bewirken, bedurfte es eines weltweiten jugendlichen Aufbegehrens gegen die vermutete. Öde einer Industriegesellschaft, die -- so sahen es die Studenten -- Hochschulen als Fließbandfabriken zur Herstellung von Fachidioten unterhält; bedurfte es einer reformunwilligen Universität, in der sich die Studenten mancherorts -- so der Tübinger Pharmakologe Fred Lembeck -- "zusammendrängen, fast so wie Bambusstäbe im Mekong-Delta"; bedurfte es eines Krieges in eben jenem Mekong-Delta, der einer neuen Studentengeneration als Musterbeispiel der Inhumanität gegenüber Ländern der Dritten Welt erschien; bedurfte es schließlich des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS), der die Hochschulmisere als zwangsläufiges Übel einer dem Tode geweihten spätkapitalistischen Gesellschaft interpretierte.
Ursprünglich erstrebte der SDS -- so 1961 mit seiner Denkschrift "Hochschule in der Demokratie" -- eine Reform der bestehenden Hochschulen. In demselben Maße aber, wie die Universität sich diesem radikal-reformerischen Ansinnen versagte und die Bonner Politik im Koalitionsdenken erstarrte, überholten sich die SDS-Leute nun selber links: Revolution statt Reform.
Sie sagten bald allen "Institutionen" -- auch den parlamentarisch-demokratischen -- den Kampf an; und in diesem Stadium der Entwicklung war es für den SDS konsequent, die Universität nunmehr als revolutionäre Basis zu betrachten und aufkeimende Reformen zu hintertreiben (siehe Kasten Seite 54).
Damit zeigten die revolutionären Studenten der Bonner Republik Gemeinsames mit den reaktionären Akademiker-Generationen der Weimarer Republik: die Verachtung gegenüber der parlamentarischen Demokratie und die elitäre Intoleranz, die diesmal nicht obrigkeitsstaatlichem Denken entsprang, sondern einem immer wieder beanspruchten "kritischen Bewußtsein".
Daß die Ultralinken sich in ideologischen Richtungskämpfen bis zur Richtungslosigkeit zerstritten; daß sie Argumentation durch Agitation ersetzten -- das alles gab der Im Kern so berechtigten Studentenbewegung einen Hauch von Absurdität, der weniger von kritischem Selbstbewußtsein denn von Selbstbetrug kündete.
Fernab der politischen Wirklichkeit, die zu ändern sich durchaus lohnte, verspannen sich die Radikalen, so sie sich nicht in Anarchie verloren, in soziologische Theoreme. Und ihre Vorstellungen von einer neuen Universi-
* Am 13. Mai 1968 demontierten Berliner Studenten das Emblem der Freien Universität (Inschrift: "Veritas, Iustitia, Libertas") und setzten es in Brand.
tät, so sie nicht auf die Errichtung linker Parteihochschulen hinausliefen, gerieten unversehens wieder in die Nähe des elfenbeinernen deutschen Idealismus. Die von allen Ausbildungszwängen freie Universität dieser Machart nennt Jens Litten denn auch ein Phantasieprodukt, das einem "kastrierten Humboldtianismus" entspreche.
Und doch stimmt auch dies: Ohne die radikalen Maximalforderungen auf Abschaffung der "alten Wissenschaft" wäre kaum eine Diskussion darüber in Gang gekommen, daß Wissenschaften ihre Position innerhalb der Gesellschaft ständig neu durchdenken müßten. Ohne Provokationen ("Unter den Talaren -- Muff von 1000 Jahren") wären die hohlen Autoritäten nicht so sinnfällig entlarvt worden.
Keine fundierte Kritik angesehener Rechtswissenschaftler hätte die Verkrustung der deutschen Justiz treffender charakterisieren können als eine beiläufige Bemerkung des Kommunarden Fritz Teufel vor Gericht. Der Aufforderung des Vorsitzenden, sich gefälligst von der Anklagebank zu erheben, kam der bärtige Anarcho-Clown zögernd mit den erhellenden Worten nach: "Wenn es der Wahrheitsfindung dient."
Dennoch bieten die ultralinken Studenten, voran die SDS-Leute, heute kein neues Konzept für Hochschule und Gesellschaft, das nur die geringste Aussicht auf Verwirklichung hätte aber an ihren Utopien wird zugleich deutlich, wie antiquiert das noch gültige Konzept ist. Indem sie es mit Marx halten, daß man "diese versteinerten Verhältnisse ... zum Tanzen zwingen" müsse, bringen sie wenigstens einige Liberale auf Trab, die zwei Jahrzehnte über Reformen nur geredet haben.
Diese sozialistischen Studenten, die Ihre Konzepte immer wieder über Bord warfen, sobald Reformer sich bereit zeigten, darauf einzugehen, entstammen fast ausnahmslos sozial- oder geisteswissenschaftlichen Disziplinen -- so der Frankfurter Hans-Jürgen Krahl (Doktor-Thema: "Die Naturgesetze der kapitalistischen Entwicklung in der Lehre von Marx"), so der Berliner Bernd Rabehl (Doktor-Thema: "Die Sozialisierung im russischen Marxismus").
In den soziologischen und politologischen Instituten zumal Frankfurts und Berlins, wo stets von der Miserabilität der Gesellschaft die Rede war hat sich ein Rebellen-Kader formiert der, des Seminar-Sozialismus überdrüssig, endlich handeln möchte -- zum Entsetzen der Lehrer wie Theodor Adorno, der dann findet: "Ich habe ein theoretisches Denkmodell aufgestellt. Wie konnte ich ahnen, daß Leute es mit Molotow-Cocktails verwirklichen wollen."
Für manche Kritiker reduziert sieh das Problem auf die These, daß adornistische Soziologie eine brotlose Kunst sei -- fern von den sozialen und ökonomischen Bedürfnissen der Industriegesellschaft, die für die vermeintlichen Fabel-Theoretiker dann auch keine Arbeit hat. "Daß die mal was Richtiges lernen sollen", ist zur dumpfen Volksweisheit geraten, die nicht nur in manchem Politiker den Wunsch wachrief, Soziologie-Studenten wie -Professoren den Hintern zu verhauen.
Die von angehenden Geisteswissenschaftlern angeführten Revolten auf dem Campus und in den Straßen, die deutsches Ordnungsempfinden verletzen; das verquollene Soziologesisch der um Weltverständnis bemühten Jungakademiker, das gewiß kontra -- stiert zu Bonner Platitüden; die Weltentrücktheit manches Seminarbetriebs" die mit dem Bedarfsdenken der Wirtschaft kollidiert -- das alles nährt Aversionen in einer Gesellschaft, die es noch nie verstanden hat, Konflikte besonnen auszutragen.
Als die Soziologie-Professorin Helge Pross (Gießen) einen Häusermakler um Hilfe bei der Wohnungssuche bat, "ging er schlagartig auf kaum noch höfliche Distanz. Soziologie schien für ihn eine Art Aussatz zu sein, den nicht einmal der Professorentitel hygienisiert, (Helge Pross).
Vorurteil, Argwohn, Mißgunst und Intrige kennzeichnen denn auch das Klima innerhalb der Universitäten stärker als je zuvor. Die scheinbar feste Konflikt-Beziehung zwischen Studenten und Professoren hat sich vielerorts aufgelöst in eine Vielzahl von Konfrontationen mit immer neuen Gegnern oder Partnern: mal Professoren gegen andere Professoren, mal Studenten gegen Assistenten und Professoren gegen Politiker, mal Studenten gegen Studenten -- und irgendeiner bleibt immer auf der Strecke:
So der Soziologie-Doktorand Martin Baethge in Göttingen, der an seiner Universität nicht promovieren konnte, weil sich Professoren über die Bewertung der mit Engagement verfaßten bildungspolitischen Arbeit über "Wirtschaftsinteressen und Bildungspolitik nicht einigen konnten; während Doktor-Vater Professor Hans Paul Bahrdt darin ein "opus eximiom", ein ausgezeichnetes Werk", sah, beanstandete der Gutachter Professor Alfred Heuß ein "Vokabular der Diffamierung.
So der Politologie-Professor Christian Graf von Krockow in Frankfurt. der unlängst um Entlassung aus dem Beamtenverhältnis als ordentlicher Professor bat, weil seine Reformbemühungen ihm von Kollegen den Vorwurf eintrugen, er betreibe "Vorrat an der Ordinarien-Universität" und weil er sich andererseits der "dogmatischen Indienstnahme der Wissenschaft für revolutionäre Utopien" durch radikale Studenten widersetzte.
So der Jura-Student Gerhard Nolle in Marburg, der auf Lebenszeit von der Philipps-Universität relegiert wurde, weil er Vorlesungen des Rechtsprofessors Ernst Wolf wiederholt mit Zwischenrufen gestört und Aushänge des Professors mit der Aufschrift versehen hatte: "Wolf redet Scheiße." (siehe Kasten Seite 52).
So der Akademische Rat Dr. Hans Joachim Winkler in Marburg, der den Hochschuldienst quittierte, nachdem die beiden Direktoren des Soziologischen Instituts, die linken Professoren Heinz Maus und Werner Hofmann, seinetwegen in Streit geraten waren. Hofmann warf dem ehemaligen Maus-Assistenten Winkler vor, er habe Forschungsmittel zweckentfremdet und Studenten durch unbezahlte und nur notdürftig vertraglich gesicherte Arbeit für eigene Zwecke eingespannt. Maus hingegen wertete solche Vorwürfe gegen seinen Ex-Assistenten als "absolut unrichtige Entstellungen.
Was sich mitunter an altehrwürdigen Hochschulen zuträgt, bleibt auch den neuen Universitäten etwa in Bochum und Konstanz -- nicht erspart. Hier wie dort, mal leiser, mal lauter, hadern und feilschen Wissenschaftler aller Ränge um Planstellen, Laboreinrichtungen und Bibliotheksausstattungen. Unter Lehrenden wie Lernenden gedeiht das "Wechselspiel von Gruppenangst und Gruppenaggression", wie Dr. Rolf Hildebrandt, Studienberater an der Frankfurter Universität, die Zustände charakterisiert.
Und überall Mängel im Überfluß:
Es fehlen Wissenschaftler. Gemessen an den Empfehlungen des Wissenschaftsrates, gab es allein an der Universität Stuttgart im vergangenen Semester 31 Planstellen für Mathematiker zu wenig (fast 50 Prozent des Solls). An der Universität Gießen errechnete die Medizinische Fakultät im April dieses Jahres ein Defizit von 60 Planstellen (25 Prozent des Solls) für wissenschaftliche Assistenten,
Es fehlen Arbeitsplätze für Studenten. An der Universität Köln gibt es nicht einmal für die Hälfte aller Teilnehmer am Geographischen Unterseminar einen Sitzplatz; nur acht von hundert Bibliotheks-Benutzern finden zur gewünschten Zeit die notwendige Fachliteratur in den Regalen. In Tübingen stehen für 600 Mathematik-Studenten nur 35 Arbeitsplätze zur Verfügung, und die Hälfte der Chemie-Studenten konnte im vergangenen Semester keine Praktika machen. Dutzende von Hochschulinstituten können sich nur mit Zulassungsbeschränkungen (Numerus clausus) behelfen.
Es fehlt Geld. Obwohl der Wissenschaftsrat der Gießener Universität zum Ausbau der Medizinischen Fakultät 100 Millionen Mark empfohlen hat, bewilligte die hessische Landesregierung nicht einmal die Hälfte.
Es fehlt Zeit. Eine Umfrage des Soziologen Helmut Schelsky unter Professoren der Universität Münster etwa ergab, daß ein Hochschullehrer bei einer 68 1/2-Stunden-Woche allein 15 1/2 Stunden lang verwaltet, knapp acht Stunden forscht und acht Stunden -- außerhalb der Universität -- als Experte Dienst tut; die restlichen 37 Stunden bereitet er Vorlesungen und Seminare vor, hält Prüfungen und Kollegs ab. Für individuelle Studentenberatungen können die Professoren kaum mehr Zeit aufwenden als die meisten Assistenten, die es auch nur auf fünf Stunden wöchentlich bringen, wie der Mainzer Assistent Dr. Peter Kaupp in einer Umfrage ermittelte.
Und es fehlen -- vielleicht der ärgste Mangel -- klare Studienvorschläge, einheitliche Prüfungsordnungen und Chancengleichheit beim Erwerb akademischer Grade.
Hinter gleichklingenden akademischen Titeln verbirgt sich vielerorts ein ungleiches Mali an Arbeitsaufwand und wissenschaftlichem Renommee. Von hundert Medizinern erwerben in der Bundesrepublik über fünfzig den Doktor-Grad, oft mit einer Arbeit, die nicht mehr als acht Wochen in Anspruch nimmt. Von hundert Englisch-Studenten aber promovieren nur zwei oder drei -- und das bei einem Zeitaufwand von mehreren Jahren.
Unterschiedlichen Wert haben in vielen Fällen wiederum die Doktor-Titel gleicher Fakultäten. So verzeichnete die Promotionsstatistik der Juristischen Fakultät in Köln 1968 insgesamt 124 Promotionen, die Juristische Fakultät der Freien Universität Berlin hingegen nur 18 Doktor-Grade. Der Berliner Jura-Professor Roman Herzog kommentiert den Unterschied: "Unter den Eingeweihten ist dann eben der Berliner Doktor-Grad oder der Münchner Doktor-Grad ... etwas mehr wert als an anderen Fakultäten.
Wie willkürlich Prüfungsordnungen oft zustande kommen, zeigt jener Restbestand an humanistischer Bildung, den Examens-Kandidaten an vielen Fakultäten in Form des Großen oder Kleinen Latinums nachweisen müssen. Während in Köln und Tübingen der doctor iuris nur an Kandidaten verliehen wird, die der Sprache Ciceros und Catulls mächtig sind, dürfen in Mainz auch Juristen promovieren, die über keinerlei Lateinkenntnisse verfügen.
Opfer mangelnder Koordination an den deutschen Hochschulen werden auch Soziologie-Studenten, die je nach Universität und Fakultät verschiedene Studiengänge mit unterschiedlichen Fächerkombinationen absolvieren müssen -- je nachdem, ob die soziologischen Institute an philosophischen, rechts- und staatswissenschaftlichen oder an wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Fakultäten eingerichtet wurden.
So stellt sich mit unterschiedlichen Prüfungsbedingungen, Examensordnungen und unklaren Studienplänen das Studium vielfach dar als ein akademisches Labyrinth, in dem Studenten erst nach mancherlei Irrwegen verspätet ans Ziel gelangen: Künftige Gymnasiallehrer verlassen im Durchschnitt die Universität als Lehramtskandidaten statt nach acht erst nach zwölf Semestern; Juristen nicht nach sieben, sondern erst nach zehn Semestern.
Eine Repräsentativ-Befragung von 1983 Studienanfängern des Jahres 1957 ergab, daß nach mehr als sieben Jahren 15 Prozent der Kommilitonen noch immer in den Hörsälen saßen. 22 Prozent hatten das Studium aufgegeben, davon
* 11 Prozent bei den Pharmazeuten,
* 15 Prozent bei den Theologen,
* 18 Prozent in der Medizin,
* 17 Prozent bei den Naturwissenschaftlern,
* 17 Prozent in den Rechtswissenschaften,
* 24 Prozent in den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften,
* 38 Prozent in den Fächern der Philosophischen Fakultät.
Aber auch neue Prüfungsordnungen und Studienpläne, wie sie eine gemeinsame Kommission der WRK und der Kultusminister-Konferenz seit 1959 vorlegt, künden noch nicht von einer radikalen Reform, die nur durch selbstkritische Entrümpelung ganzer Studienzweige möglich wäre.
Zu jener Art wissenschaftlicher Selbstreflektion, die das Studium auf die -- sich ständig wandelnden -- Berufserfordernisse abstellt, ist die Alma mater nicht imstande. Ob etwa ein Apotheker, der heutzutage fast nur noch Fertigfabrikate pharmazeutischer Großfirmen über den Ladentisch reicht, an der Universität so ausgebildet werden muß, als solle er befähigt werden, noch einmal das Penicillin zu entdecken -- solche Fragen sind noch tabuisiert.
Das zu ändern hieße, das ganze Geflecht wissenschaftlicher und hochschulorganisatorischer Traditionen aufzudröseln. Es hieße, neue Maßstäbe zu setzen für Kliniken und Labors, die -- gemessen an der Zahl der Beschäftigten und der Höhe der Investitionen -- heute industriellen Unternehmen gleichen.
Es hieße, neu zu definieren, was für die Universität "Einheit von Forschung und Lehre" noch bedeuten kann in einer Zeit, da die Großforschung längst aus den Universitäten abgewandert ist und ein einziges Großunternehmen der chemischen Industrie in einem Jahr einen Betrag für Forschung aufwendet (BASF 1969: 400 Millionen Mark), der größer ist als der Gesamtetat mehrerer deutscher Universitäten.
Und es hieße, die ganze Ordinarien-Universität mit ihren Petrefakten aufzugeben und insbesondere den akademischen Mittelbau -- Assistenten und Hilfsassistenten, Oberingenieure und Oberassistenten, wissenschaftliche Räte und Lehrbeauftragte, Lektoren und Studienräte im Hochschuldienst -- aus uralten Abhängigkeiten zu lösen und ihm mehr Möglichkeiten für selbständige wissenschaftliche Arbeit zu geben.
Denn obwohl die Wissenschaftler ohne Professoren-Rang manchmal Vorlesungen, Seminare und Übungen halten, Studenten prüfen und Examensschriften korrigieren, fühlen sie sich noch immer als "dritter Stand an den deutschen Hochschulen" (so Soziologie-Assistent Kaupp). Sie tun Professoren-Arbeit ohne Professoren-Titel und Professoren-Salär.
Als "unmündige Kammerdiener und Privatsekretäre der Professoren" (Studenten-Klassifizierung) müssen sie hin und wieder Professoren-Bücher schreiben und Professoren-Kinder hüten -- oder, wie im Dienst eines Münchener Soziologen geschehen, gar Professoren-Unterleibchen zählen.
Den wissenschaftlichen Mitarbeitern bleibt -- eingesponnen in dem Netz befohlener Auftragsarbeit für den vorgesetzten Ordinarius, selbstverantworteter Studenten-Unterweisung und zeitraubender Verwaltungstätigkeit -- meist nur wenig Zeit für die eigene wissenschaftliche Arbeit. Schon vor Jahren errechneten Soziologen zum Beispiel, daß Tübinger Mediziner eine auffallend "lange Zeitspanne zwischen Promotion und Habilitation -- im Durchschnitt über zwölf Jahre" benötigen.
Die deutsche Universität, erkannte der Kieler Politologe Michael Freund denn auch, präsentiert sich als eine "Oase der Wartenden" -- wo Assistenten und Privatdozenten lange ausharren müssen, bis ihnen die Würde des Habilitierten oder ein Lehrstuhl zuteil wird.
Angesichts dieser Verhältnisse nimmt es geradezu wunder, daß die Assistenten nicht in vorderster Front der Radikalen stehen, sondern das "Gesamtinteresse ... einer demokratischen und leistungsfähigen Hochschule" -- so der Vorsitzende der Bundes-Assistenten-Konferenz (BAK), Dr. Peter Fischer-Appell -- noch immer als das "Maß und Ziel ihrer hochschulpolitischen Arbeit" betrachten (siehe Kasten Seite 57).
Ermutigt durch Studentenstreiks, sinnen nun aber auch die Assistenten auf Mittel und Wege, um ihrerseits ausgebliebene Reformen zu erzwingen. Ein "System abgestufter Maßnahmen" -- bis zum "Dienst nach Vorschrift" -- soll Assistenten-Unmut künftig spürbar machen und Professoren zwingen, Privilegien aufzugeben.
Wie schwierig das ist, zeigt sich an der vergleichsweise modern konzipierten neuen Universität in Konstanz wo reformfreudige Gründer von Anbeginn anstelle alter Institute neue Fachbereiche schufen. In Konstanz steht jedem Hochschullehrer noch ein bestimmter Fonds zu, über den er frei verfügen kann, ohne die Zustimmung der Fachkollegen einzuholen "Alte Rivalitäten, Abhängigkeiten und Ungerechtigkeiten schwelen unter der Decke" -- so beschreibt der Konstanzer Politologie-Assistent Dr. Wolf-Dieter Narr die Situation an den neuen Hochschulen.
Was für die Universität in Konstanz nur ein Risiko sein mag, ist für die meisten anderen Hochschulen tägliche Gewißheit: Sie ächzen unter ihren Unzulänglichkeiten und sind nicht imstande, sie zu beheben. "Die Ordinarien-Universität", konstatiert Ordinarius Alexander Schwan, "ist mit ihrem Latein am Ende."
"Deklarationen des guten Willens gibt es heute im Überfluß", resümierte der Konstanzer Soziologe Ralf Dahrendorf die Reformdebatten der letzten Jahre, "auch an mehr oder minder hochtrabenden Erfolgsberichten einzelner Institute, Fakultäten und Hochschulen und Kultusminister ist kein Mangel, ... aber noch haben alle Verantwortlichen eher Grund, schamrot zu werden, als sich mit angeblichen Verdiensten zu schmücken, wenn sie von der Hochschulreform sprechen."
Noch skeptischer äußert sich Dahrendorfs Kollege Professor Helmut Schelsky. "Die Chancen zu einer bloß reformerischen Lösung der Erneuerung der traditionellen deutschen Universität sind verpaßt", schreibt der Soziologe in seinem jüngsten, noch nicht veröffentlichten Buch "Erforderlich ist ein planmäßiger Neuaufbau des westdeutschen Wissenschaftssystems und seines Hochschulwesens."
Der in Münster lehrende Soziologe, der seiner Veröffentlichung den resignierenden Titel "Abschied von der Hochschulpolitik" geben will, mag nicht ausschließen, daß sich "die Universitätskrise zur allgemeinen Staatskrise ausweitet". Der SPIEGEL veröffentlicht auf den folgenden Seiten Auszüge aus der Schelsky-Betrachtung.

DER SPIEGEL 26/1969
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