19.05.1969

„Wir werden am Galgen enden!“

2. Fortsetzung
Die wenigen Angehörigen der aktiven Widerstandsgruppen, die den Krieg überlebten, sprachen oft vom Oktober 1939 als einem langen Alptraum. Im Hintergrund stand die ständige Drohung der geplanten Offensive im Westen. Sollte es Hitler gelingen, sie zu starten, würde es kein Zurück mehr geben.
Jedes zeitgenössische Dokument stützt das Zeugnis der Überlebenden, daß in jenen Tagen ein Gedanke alles beherrschte: Ein Zusammenprall im Westen mußte um jeden Preis verhindert werden.
Der Monat war noch nicht weit vorgeschritten, da zeigte sich so klar wie noch nie, wer die Entschlossenen im Widerstand waren. Die jungen Verschwörer im Auswärtigen Amt konnten in der Frage des Umsturzes auf die volle Unterstützung ihres Protektors, des Staatssekretärs Ernst Freiherr von Weizsäcker, zählen. Auf der militärischen Seite standen die Männer um den Abwehr-Oberst Hans Oster, die vor Tatendrang brannten.
Tief ins Oberkommando des Heeres (OKH) hinein reichte der Oster-Weizsäcker-Brückenkopf in der "Abteilung zur besonderen Verwendung" (unter der Leitung von Oberstleutnant Helmuth Groscurth). Dieser Oppositionskreis wiederum konnte auf den zuverlässigen Beistand von General von Stülpnagel, dem Stellvertreter des Generalstabschefs Halder, und dem späteren Generalquartiermeister Oberst Eduard Wagner zählen.
Hier und dort ließ sich ein isolierter Stützpunkt in manchem der Heeres-
* 1969 Verlag C. H. Beck. München.
gruppenkommandos im Westen erkennen. Eindrucksvoll war auch die Anhänglichkeit an den ehemaligen Generalstabschef Beck, die alle diese Elemente einte, und das allgemeine Ja zu Goerdeler als seinem zivilen Gegenpol.
In begrenztem Umfang standen ihnen die Mittel der Abwehr zur Verfügung, davon abgesehen aber waren diese zum Handeln entschlossenen Kräfte völlig ohne Machtmittel. Sie mußten jede Einflußmöglichkeit mobilisieren, um zwei gepeinigte Männer, Halder und den Heeresoberbefehlshaber Brauchitsch, unter Druck zu setzen. Unablässig drängten sie die beiden Generäle, Hitlers Angriffspläne zu vereiteln und den Krieg durch einen Staatsstreich zu beenden.
In diesen Wochen, da die Fragen, welche Art von Putsch wann und wie durchzuführen sei, ständig auf die Verschwörer eindrangen, hatte sich allerorten das Problem erhoben, ob man Hitler umbringen sollte. Im Abwehr-Kreis war es das Thema endloser Diskussionen.
Abwehr-Chef Canaris, konsequent in seiner Abneigung gegen Gewaltanwendung, war immer gegen ein Attentat. Dohnanyi und Justus Delbrück, ein anderes Mitglied des Oster-Kreises, waren aus religiösen Gründen dagegen. Wie andere, hatte Halder immer große Zweifel an dem Erfolg eines wohlvorbereiteten Staatsstreichs geäußert, da die Gefangennahme Hitlers nicht der krönende Abschluß des Unternehmens, sondern der Beginn endloser Risiken und Komplikationen sein könne.
Halder scheint allzeit zu denen gehört zu haben, die das sicherste Mittel für einen Erfolg darin erblickten, den "Führer" ein für allemal aus dem Weg zu räumen. Unzählige Male hatte er zu Vertrauten grollend gesagt: "Bringt doch endlich den Hund um!"
So viele quälende Probleme würden durch diesen einen Schlag gelöst werden -- der Treueid, die Gefahr, daß der Diktator befreit wurde oder entkam, die Wahrscheinlichkeit eines Bürgerkriegs. Halder hatte sich im Vorjahr als erster für ein Vorgehen ausgesprochen, das Hitlers Tod als Folge eines Unglücksfalls erscheinen lassen sollte.
Zu Oster sagte er einmal: "Wenn man einen solchen Mann beseitigen will, warum muß es ausgerechnet ein hoher Funktionär des Staates oder des Militärs sein? In anderen Staaten dingt man sich dafür einen Privatmann oder einen Desperado und läßt ihn das machen."
Gleichwohl war Halder Mitte Oktober 1939 so weit, daß er daran dachte, es selbst zu übernehmen, und eine Pistole bei sich trug, wenn er in die Reichskanzlei ging. Am 31. Oktober vertraute er Groscurth in einem Gefühlsausbruch und mit Tränen in "den Augen an, daß er dies "seit Wochen" tue.
Er war in einem solchen Zustand der Verzweiflung, daß er sich alle paar Tage von neuem vor die Frage gestellt sah, ob er von seiner Waffe Gebrauch machen solle, um den Tyrannen aus dem Wege zu schaffen. Man kann sich die innere Spannung vorstellen, wenn er, die Pistole in der Tasche, in der Reichskanzlei saß und anhören mußte, wie Hitler immer wieder seine Absicht wiederholte, das zu tun, was nach Halders Meinung um jeden Preis verhütet werden mußte.
Was Wunder, daß er in diesen Tagen manchmal am Ende seiner Kraft zu sein schien. Groscurth, Osters Vertrauensmann im OKH, schrieb am 16. Oktober in sein Tagebuch: "Admiral (Canaris) macht Besuch bei Halder. Kommt sehr erschüttert zurück. Völliger Nervenzusammenbruch. Auch Brauchitsch ratlos. Führer verlangt Angriff. Verschließt sich jeder sachlichen Einwendung; (Halder behauptet) man könne nichts machen, da wir bei innerer Auseinandersetzung von den Engländern zerschlagen würden."
Halders Unfähigkeit, das Attentat selbst zu übernehmen, machte grundlegende Vorbereitungen für eine Machtübernahme noch dringender. Es muß in dieser Periode gewesen sein, daß er Schritte unternahm, Truppen um Berlin zusammenzuziehen.
Unter dem Vorwand, sie würden neu ausgerüstet, wurden zwei gepanzerte Divisionen, die nach dem Westen unterwegs waren, östlich der Elbe zurückgehalten. Dies schien auch der gegebene Augenblick für Halder, Anweisung zu erteilen, daß mit der Detailplanung für einen Staatsstreich zu beginnen sei.
Tatsächlich gab der Generalstabschef damals dem ihn drängenden Groscurth den willkommenen Auftrag, eine Arbeitsgruppe zu hilden, die einen Putschplan erstellen sollte. Groscurth und sein kleiner Stab, vor allem Hauptmann Schrader und Hauptmann Fiedler, arbeiteten bald mit wahrem Feuereifer an einer Unmenge von Details, die sich ergaben, sobald spezifische Probleme der geplanten Aktion untersucht wurden.
Oster hatte schon früher eine Analyse der Probleme eines Putsches und einer Regierungsneubildung sowie eine Übersicht über die zu ergreifenden Maßnahmen angefertigt, eine Arbeit, die in der Geschichte der Opposition als Studie Oster" bekannt ist. Halder wußte von der "Studie", und auch Groscurth war sicherlich mit ihrem Inhalt völlig vertraut.
Oster beabsichtigte, vor Tagesanbruch. solange es noch dunkel war, zuzuschlagen und zunächst das Regierungsviertel im Zentrum von Berlin umstellen zu lassen. Die Truppen sollten die Ministerien und wichtigeren Reichszentralbehörden, Post- und Telegrafenämter, Rundfunkgebäude und Sender, Verkehrszentralen, Flugplätze, Polizei- und Parteidienststellen besetzen.
Abgesehen von Ausnahmefällen war die Verhaftung aller hohen Amts- und Parteiwürdenträger bis zum Kreisleiter einschließlich vorgesehen. Sondergerichte sollten gebildet werden, uni die Festgenommenen abzuurteilen.
Presse und Rundfunk sollten eine Reihe von Erklärungen an die Nation veröffentlichen. Der für den Anfang November geplante Putsch sollte vor der Öffentlichkeit durch einen Schritt gerechtfertigt werden, für den Hitler persönlich die Hauptverantwortung zugeschrieben wurde: die unheilverheißende und alle Friedensaussichten zerstörende Offensive an der Westfront.
Ein gesonderter Entwurf skizzierte die Heranführung von Truppen und ihre Verteilung in Berlin sowie die ganze militärische Seite des Unternehmens. Hitler sollte gefangengenommen und auf seinen Geisteszustand untersucht werden. Beck, der dagegen war, daß Hitler bei dem vorgesehenen Staatsstreich getötet wurde, ließ Halder mitteilen, nach seiner Überzeugung sei der Diktate wahnsinnig.
Als die für Anfang November erwartete Entscheidung über die West-Offensive näherrückte, Wurden die Appelle aus dem Auswärtigen Amt, diesen Augenblick zum Losschlagen zu nützen, immer zahlreicher und insistenter. Etzdorf, Weizsäckers Verbindungsmann zum OKH, der dem besorgten Staatssekretär fast täglich Bericht erstattete, wurde jedesmal mit Worten wie "Sind die Generäle endlich soweit?" oder "Wann werden unsere Generäle losschlagen?" empfangen.
Die Stimmung des Generalstabschefs Halder schwankte in jenen Tagen Mitte bis Ende Oktober zwischen einer gewissen Zuversicht und tiefster Niedergeschlagenheit. Etwa am 19. Oktober rief Hai er Weizsäcker an: Da er wisse, wie wenig mit seinem Vorgesetzten Brauchitsch anzufangen sei, wolle er sich nun an "Jüngere, Tatkräftigere" wenden, die ihm helfen sollten, die notwendige Operation seihst durchzuführen.
Die Haltung der Frontkommandeure ließ Halder immer mutloser werden. Wie wenig sie mit dem Offensivplan einverstanden waren, wie wenig auch mit Hitler selbst, zeigt sich daran, daß keiner von ihnen den zuständigen Behörden Meldung erstattete über dir wiederholten Versuche, mit denen man testen wollte, wie weit sie bereit seien. sich einer Revolte gegen den "Führer" anzuschließen.
Aber würden sie sich mitreißen lassen, eine solche Aktion zu unterstützen? Über diese Frage führte Halder eine endlose Diskussion mit seinem Vertreter Stülpnagel, der keineswegs davor zurückschreckte' ohne Brauchitsch loszuschlagen.
Stülpnagel war sich voll und ganz im klaren darüber, daß Brauchitsch neutralisiert werden mußte, und erbot sich, diese Aufgabe selbst zu übernehmen.,, Ich sperre ihn in sein Zimmer ein und werfe den Schlüssel ins WC"
* Auf dem Podium (von rechts): Propagandaminister Goebbels, Ersatzheer-Befehlshaber Fromm.
bedrängte er Halder, zitternd vor unterdrückter Wut und Erregung.
Halder aber, wenn er nicht gerade einen optimistischen Augenblick hatte, meinte, ein Putschversuch wäre mit Brauchitsch schon schwierig genug und ohne ihn fast aussichtslos. Er war überzeugt, daß die jüngeren Soldaten durch den Siegeszug in Polen allzu begeistert seien, um unter diesen Umständen mitzumachen.
Um die Debatten zu beenden, forderte er Stülpnagel schließlich auf, die Hauptquartiere an der Westfront zu besuchen, um sich selbst zu orientieren. Die Gesamtsumme dieser Eindrücke war deprimierend. Wie Halder später erzählte, kam Stülpnagel entmutigt und resigniert zurück. "Franz. sagte er, "du hast recht. Es geht nicht so."
Die Befehlshaber waren nicht geneigt, sich festzulegen, vor allem, weil, wie sie behaupteten, ihre Truppen ihnen nicht gehorchen würden.,, Wenn ich diesen Degen ziehe, zerbricht er mir in der Hand", drückte Rundstedt es aus. Von den drei Heeresgeuppenoberbefehlshabern war nur der alte Recke Leeb bereit, ganze Sache zu machen. "Ich mache alles, was Sie machen", ließ er Halder ausrichten. "Ich kenne Sie von Jugend auf. Wenn Sie sagen, daß es gemacht werden soll, gehe ich mit."
Am 31. Oktober suchte Halder an einer anderen, sehr wichtigen Stelle Unterstützung. Im Reichsinneren stand das sogenannte Ersatzheer; wenn Halder sich außer auf die Divisionen, die er östlich der Elbe festhielt. noch auf Verbände stützen konnte, die für längere Zeit an vielen Punkten innerhalb des Reiches stationiert waren, würden sich seine Putsch-Chancen gewaltig bessern.
General Fritz Fromm, Befehlshaber des Ersatzheeres, stand in dem Ruf, ein nüchtern denkender, vernünftiger Mann zu sein, politisch zwar farblos. aber kein Anhänger des Nationalsozialismus. Seine Pflichten verlangten. daß er alle zehn oder vierzehn Tage Brauchitsch in Zossen Vortrag hielt, wobei er dann auch Halder aufzusuchen pflegte. Gewöhnlich kam er in Begleitung seines Stabschefs, Oberst Kurt Haseloff.
Am 31. Oktober gingen beide Männer zu Halder. Der Chef des Generalstabes brachte das Gespräch rasch auf Ritters Kriegspolilik, die er als verhängnisvoll für das Reich bezeichnete. Ein Angriff im Westen müsse unbedingt verhindert werden. Er sprach davon, daß er einige zuverlässige Divisionen nach Berlin holen und bereitstellen könne, um Hitler und die Reichsregierung kurz vor dem geplanten Beginn der Offensive festzusetzen und auszuschalten.
Fromm verriet nicht, was er davon hielt. Auf dem Weg zu ihrem Wagen fragte er Haseloff, wie er über die Enthüllungen des Generalstabschefs denke. "Der General Halder hat sich augenscheinlich zum Entschluß zum Staatsstreich durchgerungen", lautete die Antwort. "Das ist glatter Hochverrat." Fromm nickte, und als sie nach Berlin zurückgekehrt waren, wies er Haseloff an, den Vorfall in seinem Diensttagebuch aktenkundig zu machen.
Am Tag danach befahl Fromm seinem Stabschef, völliges Stillschweigen zu bewahren. Er selbst werde seinem Vorgesetzten, Brauchitsch, Bericht erstatten, der dann zu entscheiden habe, was zu tun sei. Halder sandte er Bescheid, er glaube nicht, sich dem Unternehmen anschließen zu können,
Als der Oktober in den November überging, schien sich alles verschworen zu haben, Halder größere Lasten aufzubürden, als sie für einen einzelnen tragbar waren. Die Stunde der Entscheidung war nur noch wenige Tage entfernt. Dann mußte er entweder losschlagen oder fortan den Dingen ihren Lauf ins Verhängnis lassen, denn Hitler beharrte auf seiner Offensive.
Er hatte den Angriff auf den 12. November festgesetzt. Und als Brauchitsch und Halder am 27. Oktober um eine Verschiebung ersuchten, weil das Heer zum vorgesehenen Termin einfach noch nicht bereit sei, war Hitlers Antwort ein barsches "Das ist viel zu spät".
Der Diktator hatte gesprochen. So blieb nur noch die Hoffnung, bis zum 5. November die letzten Reserven für einen Schlag zu sammeln: Denn am 5. November um ein Uhr mittags sollte der Offensivbeginn endgültig auf den 12. November festgelegt werden, und für zwölf Uhr war Brauchitsch auf seine eigene Bitte zu einem Privatgespräch beim "Führer" bestellt.
Halder und Brauchitsch entschlossen sich, am 2. und 3. November die Hauptquartiere im Westen zu besuchen. Dies war keineswegs ein Versuch, in letzter Minute Anhänger für einen Putsch zu sammeln, den ja Brauchitsch nicht einmal erwog. Die beiden OKH-Generäle verfolgten lediglich das viel bescheidenere Ziel, Material als Beweis für die Schwierigkeiten zu sammeln, die allerorten der Offensive entgegenstanden. Die Abreise der beiden Generäle war auf den 1. November acht Uhr abends festgesetzt. Zuvor aber mußte Halder sich schlüssig werden, ob er der Aktionsgruppe innerhalb seines Stabs in Zossen und vielleicht auch ihren Partnern hei der Abwehr am Tirpitzufer eine Vorwarnung geben sollte. Die Zeit während seiner Abwesenheit mußte konstruktiv genützt werden, wenn er am 5. November den notwendigen Entscheidungsspielraum haben sollte.
Er rief Groscurth zu sich und sprach eingehend über "die innenpolitische Lage". Der Generalstabschef war äußerst erregt. Zunächst äußerte er sieh pessimistisch über einen Putschversuch und kam auf seinen Lieblingsplan, ein Attentat, zurück. Ribbentrop und der offizielle "Kronprinz", Göring, sollten seiner Meinung nach Hitlers Schicksal teilen.
Groscurth riet zu einem geordneten Vorgehen. Darauf klagte Halder, "es sei kein Mann da", womit er zweifelsohne einen "starken Mann" meinte. Als Groscurth Beck und Goerdeler nannte, beauftragte Halder ihn, Goerdeler zu bitten, er möge sich bereithalten.
Als das Gespräch dann wieder auf das Attentat kam, brach Halder in Tränen aus und erzählte, daß er während der letzten Wochen wiederholt mit der Pistole in der Tasche zu "Emil" (so hieß Hitler bei der Opposition) gegangen sei, "um ihn eventuell über den Haufen zu schießen".
Groscurth fuhr sofort nach Berlin, wo er die frohe Botschaft und ihre Konsequenzen mit seinen Freunden vom Tirpitzufer diskutierte und sich sogleich an die Ausarbeitung des Operationsplans machte.
Halder kehrte von der Westfront entschlossener denn je zurück. Sehr wahrscheinlich war kein Wort darüber gefallen, welche Chancen ein aktiver Widerstand gegen Hitlens Pläne hätte. Aber man hatte bei den Stäben von fünf für den Angriff vorgesehenen Armeen eine ansehnliche Menge rein militärischer Daten gesammelt.
Sie sprachen alle für die Schlußfolgerung, die Halder unter der Überschrift "Bemerkenswerte Punkte" in sein Tagebuch eintrug. Er konstatierte nüchtern: "Ein Angriff mit weitgesteckten Ziel kann zur Zeit noch nicht geführt werden."
Während Brauchitsch sich am 4. November auf den schweren Gang vorbereitete, der ihn am nächsten Tag erwartete, packte Halder mit nie gekannter Tatkraft das Problem an, wie man dem Tyrannen einen Strich durch die Rechnung machen könnte. Stülpnagel erhielt Weisung, Beck und Goerdeler zu verständigen, daß es bald soweit sei. Wagner wurde ausgeschickt, um den ehemaligen Reichsbankpräsidenten Schacht zu alarmieren. Oster wurde eigens nach Zossen beordert und ersucht, seine Putsch-Pläne aus dem Jahr 1938 mitzubringen.
Der Generalstabschef war also in zugänglichster Stimmung, als die Opposition ihn mit einer dokumentarischen "Bombe" überraschte. Zwei Tage vorher hatten Oster und seine Mitarbeiter Dohnanyi und Hans Bernd Gisevius Generalmajor Thomas, den Chef des Wehrwirtschaftsstabes im OKW, aufgesucht, um mit ihm zu erörtern, was man tun könne, um Halder zum Handeln zu bewegen. Thomas hatte ihnen die Chancen Deutschlands in einer großen Materialschlacht in den schwärzesten Farben geschildert.
Schließlich hatten Dohnanyi und Gisevius eine Denkschrift zusammengestellt, mit der man einen letzten Angriff unternehmen wollte. Thomas erklärte sich bereit, ihm das Schriftstück zu überbringen.
In dem Dokument wurde vor allem betont, daß eine Offensive im Westen den Krieg so sehr verschärfen würde, daß es keine Umkehr mehr geben könnte. Noch stehe der Weg zum Frieden offen. Man bemühe sich soeben, über den Vatikan eine Möglichkeit zu erkunden, und die ersten Berichte aus Rom seien überaus ermutigend. Den Alliierten sei sichtlich an einem Friedensschluß gelegen, wenn er sich mit einer vertrauenswürdigen deutschen Regierung aushandeln ließe.
Am 4. November um 15.30 Uhr erschien Generalmajor Thomas bei Halder und wurde freundlich empfangen. Nachdem er die Denkschrift überreicht hatte, stellte er mit allem Nachdruck die weltweiten Auswirkungen dar, die eine Verletzung der belgisch-holländischen Neutralität nach sich ziehen würde.
Halder hörte ihm wohlwollend zu. Ja, meinte er, es müsse etwas geschehen, um diesen schrecklichen Folgen vorzubeugen. Dann aber kam er auf das Thema eines Attentats zu sprechen -- zum Kummer von Thomas, der eine solche Möglichkeit vor allem aus religiösen Gründen ablehnte -- und vertraute ihm an, daß er darin noch immer die geeignetste Lösung sehe.
Er hatte von jeher nur begrenztes Vertrauen in einen Staatsstreich gesetzt und schreckte davor zurück, eine so große persönliche Verantwortung zu übernehmen. Zwar waren manche Angehörige der Opposition einer Meinung mit ihm, aber das Attentat war für sie eigentlich nur ein allerletztes Mittel, mit dem sie sich in ihrer wachsenden Verzweiflung allmählich abfanden.
Wie weit dieser Trend reicht, läßt sich vielleicht am besten am Fall Goerdelers illustrieren, der sich diesem Vorschlag aus religiösen Empfindungen und ethischen Prinzipien bis ganz zuletzt widersetzte. Wie Beck hatte Goerdeler schwerste Bedenken, eines der Zehn Gebote zu brechen, und er wollte ein neues Deutschland nicht auf einem politischen Mord aufbauen. Und doch kam es manchmal so weit. daß Goerdeler verzweifelt rief, er würde die Tat auf sich nehmen, wenn es nicht gerade für ihn so fürchterlich schwer wäre, an den Tyrannen heranzukommen.
Der 5. November 1939 war ein Sonntag. Pünktlich um zwölf erschien Brauchitsch, mit einer prall gefüllten Aktentasche und zur Rückenstärkung von Halder bis ins Vorzimmer begleitet. in der Reichskanzlei. Ohne Zweifel wollte der Generalstabschef möglichst rasch erfahren, was bei dem Gespräch herauskam, um seine eigenen Pläne danach einzurichten.
Das Gespräch fand wenige Augenblicke später unter vier Augen statt. Brauchitsch übergab Hitler zunächst ein Memorandum und begann dann mit einer eingehenden Darlegung der bekannten Argumente, die gegen eine Offensive vor dem nächsten Frühjahr sprachen. Er unterstrich erneut vor allem die Auswirkungen der herbstlichen und winterlichen Regenfälle. "Auf den Feind regnet es auch", unterbrach ihn Hitler ungehalten.
Nun beging Brauchitsch zweifellos einen taktischen Fehler, als er Hitlers Eingriffe in die Operationen in Polen anschnitt. Brauchitschs Vorschlag, der "Führer" möge bei jedem zukünftigen Feldzug die Grenzen seiner eigenen Position wahren, stieß auf ein unheilverkündendes Schweigen.
Danach machte Brauchitsch einen Fehler nach dem anderen. Hitler gegenüber war es immer ein verhängnisvoller Mißgriff, zu übertreiben, wo die Genauigkeit einer Erklärung durch die Forderung nach konkretem Beweismaterial geprüft werden konnte. In solchen Fällen stürzte sich der "Führer" sofort auf den verwundbaren Punkt und verlangte Beweise.
Brauchitsch aber dramatisierte die Dinge, er sprach von Fällen, in denen die soldatische Disziplin zusammengebrochen sei, und zog -- sein ärgster Fehler -- einen Vergleich zwischen dem angeblichen Mangel an Angriffsgeist im Jahr 1939 und der Kampfbereitschaft, die im Ersten Weltkrieg zumeist geherrscht habe.
Nun explodierte Hitler. Sofort stand für ihn fest, daß Brauchitsch sich zu einem Tadel an der nationalsozialistischen Jugenderziehung erkühnt habe. Über den entsetzten, entgeisterten Brauchitsch goß Hitler nun die Flut seines Grimms gegen das Heer aus. Es sei nie loyal gewesen, habe noch nie das richtige Vertrauen zu Hitlers Genius besessen. Wieder und wieder habe es das Tempo der Aufrüstung gebremst. Es sei zu feige zum Kämpfen.
Er sei fast am Ende seiner Geduld mit dem "Geist von Zossen", den er eines Tages erbarmungslos ausrotten werde. Die Beschimpfungen wollten kein Ende nehmen, immer wieder unterbrochen von der Forderung, Beweise für die angebliche Gehorsamsverweigerung zu erbringen. Als Brauchitsch nach wiederholter Aufforderung eingestehen mußte, daß er keine speziellen Fälle zur Hand habe, verließ Hitler abrupt den Raum. Er hatte dem Heeresoberbefehlshaber praktisch die Tür gewiesen. Das Gespäch war nach knapp zwanzig Minuten zu Ende.
Schon der Anblick Brauchitschs, wie er, "kreidebleich" und "mit einem verzerrten Gesicht", aus des "Führers" Allerheiligstem wankte, muß Halder mit Bestürzung erfüllt haben. Auf der Rückfahrt nach Zossen hörte Halder den etwas wirren Bericht über das Vorgefallene.
In der Reichskanzlei tobte Hitler noch weiter. Schließlich zog er sich mit Keitel und seinem Wehrmachtsadjutanten, Hauptmann Engel, zurück und ging die Personallisten der Stäbe an der Westfront durch, um die mutmaßlich vom Defätismus angesteckten Offiziere zu identifizieren. Es war schon fast halb zwei Uhr, als Oberst Warlimont vom Wehrmachtsführungsstab Gelegenheit fand, Keitel zu erinnern, daß unbedingt eine Entscheidung getroffen werden müsse, ob die Offensive am 12. November losgehen solle.
Keitel griff sich an den Kopf, stürzte wieder zurück, mußte aber entdecken, daß Hitler den Raum durch eine andere Tür verlassen hatte und eben in seinen Wagen stieg. Im letzten Augenblick von seinem atemlosen Lakaien aufgehalten, gab Hitler barsch den gefürchteten Befehl.
Das Gefühl einer unmittelbar drohenden Katastrophe, das Halder empfand, als er sich neben den zitternden Brauchitsch in den Wagen setzte, verließ ihn auch während der Rückfahrt nach Zossen nicht. Eine der Drohungen Hitlers, von denen Brauchitsch ihm berichtet hatte, ging ihm nicht aus dem Kopf. Hitler hatte den Oberbefehlshaber des Heeres angeschrien, er kenne den "Geist von Zossen" ganz genau und sei entschlossen, ihn zu vernichten.
Für Brauchitsch, der nichts von den Plänen für einen Putsch ahnte, war dies nur eine der vielen Beschimpfungen, die sich über sein Haupt ergossen hatten. Halder aber legte ihr eine besondere, furchterregende Bedeutung bei. Hitler, so folgerte er, hatte von der Verschwörung gegen ihn erfahren und war im Begriff, seine Schergen loszulassen.
Jeden Augenblick konnten Heydrichs Leute über Zossen herfallen, falls sie nicht bereits dort waren. Diese allbeherrschende Befürchtung verscheuchte jeden Gedanken, den Putsch in Gang zu setzen, aus seinem Gehirn. Nichts anderes war Halder nun wichtig, als alle Beweise zu vernichten, die für eine Verschwörung sprechen konnten.
Halder ließ zuerst Stülpnagel kommen. Alle Spuren der Verschwörung, verlangte der Stabschef, müßten sofort getilgt werden. Stülpnagel eilte mit dieser Katastrophenmeldung zu Groscurth und schickte ihn zum Weisungsempfang zu Halder.
Groscurth traf den Stabschef in einer Gemütsverfassung an, die ihn für weitere Argumente zugunsten eines Putsches völlig unzugänglich machte. Der Angriffsbefehl sei bereits erteilt, erklärte Halder, und man könne sich ihm nicht länger widersetzen.
Der Führer habe seine militärischen Opponenten zermürbt, und sonst sei niemand da, den Kampf aufzunehmen, Volk und Heer seien getrennt, und daher werde er, Halder, die West-Offensive weiter vorbereiten. Groscurth zitiert Halders abschließende Worte, die eine vernichtende Wirkung gehabt haben müssen: "Damit sind die Kräfte, die auf uns rechneten, nicht mehr gebunden. Sie verstehen, was ich meine."
Groscurth verstand nur zu gut! Totenbleich kam er in sein Arbeitszimmer zurück und teilte seiner kleinen Widerstandsgruppe mit: "Wir haben Befehl, alles zu verbrennen." Die Pläne für die Besetzung der Reichskanzlei und des Regierungsviertels, Proklamationen, detaillierte Anweisungen für die Bewegungen der zurückgehaltenen Panzerdivisionen -- alles wanderte ins Feuer.
Halder hatte anscheinend unterdessen seine Haltung zum Teil wiedergefunden. Nirgends war Gestapo zu sehen, und allmählich schien es, als habe Hitler nicht ernstlich beabsichtigt, sofort einen Schlag gegen Zossen zu führen. Der Gedanke an einen Putsch hätte also durchaus wieder aufleben können. Außerdem hatte Halder noch einmal mit Brauchitsch beraten.
Der Oberbefehlshaber hatte sich so weit erholt, daß er imstande war, die Lage zu überdenken. Die Offensive, erklärte er, wäre nach wie vor ein Unglück für Deutschland. Daher sei er bereit, einen Schritt weiterzugeben als bisher. Was auch geschehe, er werde -- nichts tun! "Ich tue nichts", sagte er zu Halder, "aber ich werde mich auch nicht dagegen wehren, wenn es ein anderer tut Nachdem er diese Deklaration abgegeben hatte, zog er sich von der Bühne zurück.
Als Halder um fünf Uhr Groscurth empfing, war er nicht mehr so negativ eingestellt wie zwei Stunden vorher. Trotzdem aber war die Stimmung des Generalstabschefs durch das mittägliche Debakel in der Reichskanzlei zu tief gesunken, als daß er sich wieder zur vorigen Entschlossenheit hätte emporschwingen können. Schließlich erklärte er sich bereit zu "handeln", wenn Canaris es übernehme, Hitler aus dem Wege schaffen zu lassen.
Groscurth ließ einen Wagen kommen und fuhr in höchster Eile zum Tirpitzuter, wo er sich bereits telephonisch angesagt hatte. Um 20 Uhr traf er ein; Canaris, Oster und Heyden-Rynsch vom Widerstandskreis in Auswärtigen Amt erwarteten ihn.
Der kleine Admiral reagierte auf Halders Vorschlag äußerst vehement. In seinem Tagebuch vermerkt Groscurth: "Canaris lehnt sehr erregt ab. Groscurth erhielt Auftrag, Halder unmißverständlich zu bestellen, er mögE ein solches Ansinnen persönlich vorbringen, die Verantwortung, die ihm zukomme, selbst übernehmen und alle Möglichkeiten ausschöpfen, eine direkte militärische Aktion in Gang zu setzen.
Inzwischen ging man in der Abwehr-Aktionsgruppe noch einmal alle Pläne und Vorschläge durch, die seit dem Beginn der konspirativen Tätigkeit im Jahre 1938 gemacht worden waren. Gisevius griff auf seine alte Lieblingsidee zurück, ein angebliches Komplott Görings und Himmlers als Vorwand für eine "Gegenaktion zu benützen, bei der die Gestapo-Zentrale besetzt werden sollte.
Oster, der wie die meisten in verzweifelter Stimmung war, griff nach diesem Strohhalm, und Gisevins machte sich daran, improvisierte Proklamationen zu verfassen. Mit einigen in aller Eile zusammengestellten Entwürfen fuhr Oster am Abend nach Zossen, um sich mit Stülpuagel und Wagner zu besprechen.
Auch Groscurth muß dabei anwesend gewesen sein, denn in seinem Tagebuch ist vermerkt-. "Neuer Vorschlag: Besetzung der G. St. (Gestapo-Zentrale). Aber alles ist zu spät und völlig verfahren. Diese unentschlossenen Führer ekeln einen an. Grauenvoll."
Noch einmal erörterte man die Möglichkeit, Halder doch noch umzustimmen. Ein paar Stunden zuvor hatte er seufzend gesagt, wenn nur Witzleben zur Hand wäre, ließe sich vielleicht noch etwas machen. Aber Witzleben saß in seinem Hauptquartier an der und es war nicht so einfach ihn nach Zossen zu bringen.
So beschloß man, eine Zusammenkunft von Witzleben und Halder in Gießen zu arrangieren, wohin da OKH zur Leitung der Offensive verlegt werden sollte; Oster sollte Witz leben aufsuchen und ihm erklären, was man von ihm wünsche. Canaris stimmte Osters Reise zu und erlaubt sogar Gisevius, ihn zu begleiten.
Am Morgen des 8. November trafen die beiden Emissäre im Frankfurte: Hauptquartier der von Leeb kommandierten Heeresgruppe C ein, wo Oster ein vertrauliches Gespräch mi Oberst Vincenz Müller führte. Müller nach dem Krieg als Baumeister der ostdeutschen Volksarmee bekannt war damals 1. Generalstabsoffizier in Leebs Stab.
Müller stellte mehrere bohrendE Fragen nach den verfügbaren Einsatzmitteln und wie Hitler und Görung beseitigt werden sollten. Offenbar hatte er den Eindruck, daß nicht nur ile Planung unzureichend sei, sondern daß man es auch an der nötigen Vorsicht fehlen lasse. Er kritisierte, daß Oster -- ein unnötiges Risiko -- die Entwürfe für die Aufrufe an die Bevölkerung und an die Wehrmacht nitgebracht hatte, und veranlaßte ihn, sie im Aschenbecher zu verbrennen.
Als Oster und Gisevius in Bad Kreuznach von Witzleben empfangen wurden, wirkte der General müde und leprimiert; nach seiner Ansicht waren Ile Chancen, die Offensive zu verhindern, gleich null, ebenso wie die Ausächten für die Offensive selbst. Er glaubte nicht, daß es ihm gelingen werde, Brauchitsch oder Halder zu beeinflussen.
Beiden sei er einige Tage zuvor während ihrer Frontreise begegnet; Brauchitsch habe einen kläglichen Eindruck gemacht, ihm sogar anverraut, daß er -- der Oberbefehlshaber des Heeres -- sich nicht mehr sicher fühle, "Heydrich ist hinter mir her" hatte er gejammert. Als Witzleben ihr pointiert gefragt hatte: "Warum verhaften Sie ihn nicht?", war ihm nut mit einem Schweigen geantwortet worden.
Angesichts der negativen Haltung Brauchitschs sah Witzleben die einzige Chance darin, daß die drei Heeresgruppenchefs sich gemeinsam weigerten, einen Angriffsbefehl auszuführen. Wie viele andere schätzte er die Haltung der jüngeren Offiziere, die er als von Hitler "besoffen" bezeichnete, sehr pessimistisch ein. Niemand könne sagen, ob in einer Krise "der putschistische General oder ein die Nazischlagworte nachplappernder Truppenoffizier" die Mannschaft stärker beeinflussen würde.
Während des Gesprächs traf die Meldung ein, daß die Wetterlage eine Verschiebung der Offensive um drei Tage erforderlich gemacht habe und das Hauptquartier infolgedessen entsprechend später nach Gießen verlegt werde. Damit war Zeit gewonnen, Halder zu bearbeiten, aber es bedeutete auch, daß Witzleben sich nach Zossen begeben mußte, um auf ihn einzuwirken.
Ein Vorfall während des Gesprächs mit Witzleben sollte den Anlaß dazu geben, daß es zwischen Oster und Halder praktisch zum Bruch kam. Das Erlebnis mit Müller hatte Oster die Notwendigkeit. mit kompromittierenden Schriftstücken vorsichtiger umzugehen, nicht nachhaltig genug vor Augen geführt.
Mit den beiden so feierlich verbrannten Proklamations-Entwürfen war der Vorrat in seiner Aktentasche offensichtlich keineswegs erschöpft. Zumindest blieb noch eine Garnitur übrig, die er am Nachmittag Witzleben zeigte, der noch schärfer reagierte: "Was, Sie haben das bei sich im Wagen gehabt? Dann will ich Sie nicht mehr sehen."
Dann schlug der General einen etwas milderen Ton an, was die Wirkung seiner Vorhaltung leider abgeschwächt zu haben scheint, so daß Oster sich am Abend noch unvorsichtiger benahm. Der Nachmittag war schon zu weit vorgerückt, als daß die beiden Reisenden noch, wie beabsichtigt, nach Berlin hätten zurückfahren können.
Sie schafften es nur bis Frankfurt, wo Oster sich am Abend im Offizierskasino in derart heftigen Ausbrüchen gegen das Regime erging, daß man ihn in ein Nebenzimmer bugsieren mußte, wo er unter Gleichgesinnten isoliert war. Zu allem Überfluß ließ er Kopien der beiden Beck-Aufrufe und eine Liste der voraussichtlichen Mitglieder einer provisorischen Regierung liegen, die zum Glück ein zuverlässiger Offizier an sich nahm.
All dies kam irgendwie Oberst Müller zu Ohren. Und wie Osters Pech es wollte, wurde am nächsten Morgen ausgerechnet Müller von Witzleben mit einer mündlichen Nachricht zu Halder geschickt, die unter anderem Ratschläge für die Abfassung und Aufbewahrung von kompromittierendem Material enthielt und erwähnte, daß Oster es in dieser Hinsicht ei Vorsicht mangeln lasse.
Witzlebens Kritik war sehr maßvoll gehalten und mit hohen Lobesworten für den "absolut zuverlässigen" Oste vermischt. So wie Müller jedoch di Botschaft ausrichtete, erhielt sie ein, von Witzlehen nicht beabsichtigt Schärfe. Müller unterließ es denn nun nicht, den Generalstabschef über Osters leichtsinniges Benehmen er dem Frankfurter Abend zu informieren.
Man kann Halder seine Empörung kaum verdenken, aber sie war zweifellos auch auf seinen Ärger über der unablässigen Druck vom Tirpitzufer und die schweren Nervenbelastungen der letzten Wochen zurückzuführen Nun bot sich ihm ein Anlaß, seiner Gefühlen Luft zu machen, und dat volle Gewicht seines Zornes ging auf den unglücklichen Oster nieder.
Groscurth erhielt Weisung. seinem Freund den schärfsten Tadel auszuprechen. Er milderte zwar den Schlag, indem er Halders schärfste Ausdrücke zerschwieg und nicht, wie dieser vorgeschlagen hatte, Canaris Bericht erstattete, aber Oster hatte nunmehr praktisch Hausverbot im OKH.
Die zweite Novemberwoche brachte für die Opposition ebenso große Nervenbelastungen wie die erste. Am 7. November frühabends traf in Berlin eine gemeinsame Botschaft der belgischen und holländischen Monarchen ein, die ihre guten Dienste für Friedensverhandlungen anboten. Dem Weizsäcker-Vertrauten Erich Kordtfie es zu, das Schriftstück in die Reichskanzlei zu bringen. Als er dorthin kam, erteilte Hitler in seinem Vorzimmer eben den Adjutanten und Ordonnanzen letzte Anweisungen.
Der "Führer", gerade im Aufbruch nach München. zur alljährlichen Versammlung zur Feier des Bürgerbräu-Putsches 1923, schien von der Botschaft nichts weniger als erbaut. "Wir müssen jetzt fort". sagte er ärgerlich ... "Man soll den Holländern und Belgiern sagen, daß ich auf Reisen sei und daß man mich nicht habe erreichen können. Man braucht auf diese Anzapfung nicht gleich zu antworten."
Hitlers Weigerung, den Appell der beiden Souveräne rasch zu beantworten, wirkte sich in jeder Weise zu seinen Gunsten aus. London und Paris reagierten noch vor ihm negativ, was ihm die Möglichkeit gab, vor der deutschen Öffentlichkeit so zu tun, als wäre er zu einer positiveren Antwort bereit gewesen, wenn auch England und Frankreich auf den Appell eingegangen wären.
Mittlerweile war die Aufmerksamkeit der Welt auf andere Sensationen gelenkt worden. Am Abend des 8. November. kurz nachdem der "Führer" seine Ansprache im Bürgerbräukeller beendet und eilends den Saal verlassen hatte. erschütterte eine Explosion das Gebäude, wobei sieben "alte Kämpfer" getötet und 33 verletzt wurden.
Fast ebenso elektrisierend war am nächsten Tag die Nachricht, daß ein Stoßtrupp des SD auf holländischem Territorium bei Venlo die englischen Geheimdienstler Best und Stevens festgenommen hatte. Berlin brachte die beiden Ereignisse sofort miteinander in Verbindung und stellte einen Zusammenhang zwischen den Machenschaften der Briten und dem Attentatsversuch her.
In den Kreisen der Opposition lösten die Vorkommnisse Verwirrung und Bestürzung aus. Hatte eines ihrer Mitglieder oder eine Untergruppe auf eigene Faust gehandelt? Angesichts der hitzigen Debatten
über ein Attentat erschien dies höchst wahrscheinlich.
Der Venlo-Zwischenfall wirkte sich auf die Oppositionspläne noch hemmender aus als die Explosion im Bürgerbräukeller. Er führte in allen Oppositionssektoren zu Bestürzung und Unsicherheit. Er erschwerte den Ausbau der Kontakte mit den Alliierten. Die Widerstandsgruppe am Tirpitzufer konnte nur mutmaßen, Heydrich werde sich in seinem Argwohn bestätigt fühlen, daß den Engländern bekannte hohe militärische Stellen sich· mit Umsturzplänen beschäftigten.
Die Frage war, wieviel Best und Stevens, etwa von den England-Kontakten der Opposition, wußten. Wieviel von ihrem Wissen würde man ihnen ablisten oder abpressen? Es war fast unmöglich, darüber etwas in Erfahrung zu bringen, da Heydrich es strikt verboten hatte, der Abwehr die Unterlagen zugänglich zu machen.
Der Bürgerbräu- und der Venlo-Zwischenfall trugen das ihre "dazu bei, daß der Plan, durch Witzleben einen letzten Versuch bei Halder unternehmen zu lassen, scheiterte. Am 9. November fuhr Witzleben nach Frankfurt, um sich mit seinen Vertrauten im Heeresgruppenkommando zu besprechen. Zuerst unterhielt er sich mit Leeb; das Hauptthema war die auf denselben Tag angesetzte Besprechung der Heeresgruppenoberbefehlshaber in Koblenz, auf der Leeb seine Kameraden zu einer gemeinsamen Haltung zu bewegen hoffte.
Statt sogleich nach Berlin weiterzureisen, sandte Witzleben Vincenz Müller mit einer Botschaft zu Halder, die er zuvor mit Leeb abgesprochen hatte. Müller sollte Halder die Nachricht überbringen, daß "Leeb eine Denkschrift zur militärischen Lage und gegen einen Angriff im Westen für den Oberbefehlshaber des Heeres ausarbeitet".
Am 10. November saß Müller mit Halder zusammen, der voller Hochachtung von Leeb sprach, aber wenig Hoffnung sah, mit seiner Denkschrift viel zu erreichen. Brauchitsch würde vermutlich nicht einmal wagen, sie Hitler vorzulegen, dem gegenüber er sich "wie ein kleiner Kadett vor seinem Kommandeur" vorkomme. Er, Halder, verstehe vollkommen, warum Witzleben dränge. Deshalb wolle er versuchen, einige der von Witzleben gewünschten Entscheidungen von Brauchitsch zu erwirken.
Müller ging anschließend zu Stülpnagel, der ihm viel optimistischer schien und versprach, Witzleben in ein paar Tagen zu besuchen. Der Oberst kehrte am 11. November nach Frankfurt zurück und erstattete Witzleben Bericht, der über die Schilderung des Gesprächs mit Halder ungehalten war. Er beschloß, nichts zu unternehmen, ehe er mit Stülpnagel gesprochen hatte.
Am 13. November suchte Stülpnagel Witzleben in Frankfurt auf und erklärte sich voll und ganz einverstanden mit seinem Entschluß, weiterhin zum Handeln zu drängen. Trotz des wiederholten Aufschubs, betonte er, könne man nie sicher sein, wann Hitler an einem Angriffsbefehl festhalten werde. Im Gegensatz zu Halders Prognose glaubte er zuversichtlich, daß genügend qualifizierte Zivilisten für eine stabile neue Regierung zur Verfügung stehen würden.
Der unverzagte Witzleben wollte noch immer nicht die Waffen strecken. Die Vorbereitungen, sagte er, müßten weitergehen, damit alles bereit sei, wenn es plötzlich zu einem Umschwung komme. Hitler werde vermutlich noch vor Weihnachten an die Westfront kommen, und dann könne sich vielleicht eine Gelegenheit ergeben, ihn ein für allemal unschädlich zu machen. Tatsächlich besuchte Hitler kurz vor Weihnachten Saarbrücken. Aber man hatte keine Vorbereitungen getroffen, und danach war von irgendwelchen Widerstandsplänen in der Heeresgruppe C nichts mehr zu hören.
Oberst Müllers Beitrag zur Geschichte der Opposition endete mit diesem Schlußton der Resignation. Was er natürlich nicht wissen konnte, war, daß Witzleben, weit davon entfernt aufzugeben, schon an der Jahreswende nach Berlin unterwegs war. Er wollte Halder noch einmal bewegen, sofort zur Tat zu schreiten.
IM NÄCHSTEN HEFT
Hitler zieht die schwankenden Truppenführer auf seine Seite -- Die deutsche Opposition will die britische Flotte zum Eingreifen veranlassen -- Oster verrat den Termin der Westoffensive

DER SPIEGEL 21/1969
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