24.03.1969

AUTOMOBILE / GEBRAUCHTWAGENBöses Börse

Wochenlang suchte der hessische Transportunternehmer Robert Sticker einen Käufer für seinen leicht beschädigten roten Alfa Romeo Giulia Super. Schließlich wählte er die Frankfurter Telephonnummer 25 11 44. Schon nach wenigen Tagen sprachen gleich zehn Sportwagenfans bei ihm vor; Rallyefahrer Felix Kortländer aus Bad Soden nahm ihm den Renner für 4700 Mark ab.
Die Vermittlung kam durch Europas einzige Autobörse zustande, die der frühere Olivetti-Verkaufsdirektor Herbert Böse, 42, am Frankfurter Güterplatz eröffnete. Mit 100 000 Mark, die er in sein neuartiges Börsengeschäft investierte, will er überall dabeisein, wo gebrauchte Kraftwagen angeboten und verlangt werden.
Böse: "Wer seinen Wagen loswerden will, meldet ihn mir zum Verkauf. Er braucht das Auto nicht einem Händler in Kommission zu geben, denn ich verschaffe ihm in kurzer Zeit ernsthafte Interessenten." Auch dem Käufer bietet der Frankfurter Vorteile: "Er bekommt eine komplette Marktübersicht und kann sich aus der langen Liste meiner Auto-Steckbriefe das für Ihn günstigste Fahrzeug herausfischen."
Jeden gemeldeten Gebrauchtwagen registriert der Autobörsen-Chef mit allen technischen Details und dem geforderten Preis auf einem Datenformular, Auch Art und Zustand der Bereifung sowie alle Vorbesitzer und Unfälle werden vermerkt. Diese Aufzeichnungen stehen jedem Anfrager, der nach einem Wagen bestimmter Marke und Preisklasse sucht, kostenlos zur Verfügung.
"Durchschnittlich braucht ein Autosteckbrief nur sechs- bis achtmal verteilt zu werden", sagt Böse, "dann ist der Wagen weg." Vermittlungsgebühr kassiert der Auto-Börsianer nur von den Anbietern: 33,30 Mark für jede Offerte. 180 Auto-Vertragshändler, die mit Böse gleich Jahresabonnement-Verträge abschlossen, brauchen je Fahrzeug nur 15 bis 20 Mark zu zahlen.
Sie stellen zwei Drittel des Börsenangebotes und tragen über die Frankfurter Drehscheibe ihre Gebrauchtwagen-Halden ab. Auf ihren Höfen stauten sich die Fahrzeuge aller Marken, seit bei acht von zehn Neuwagenverkäufen alte Autos in Zahlung genommen werden.
Zunächst mißtrauten die Händler dem Branchenfremdling, doch dann erkannten sie, daß Böses Steckbrief-System "die billigste und erfolgreichste Form des Gebrauchtwagenverkaufs ist" (Opel-Händler Fritz Engert in Mainz-Bischofsheim).
Wer Böses Börse nutzt, kann die elf Prozent Mehrwertsteuer umgehen, da der Verkauf -- steuerrechtlich -- als Privatgeschäft gilt, das die Händler nicht in ihren Büchern auszuweisen brauchen. Deshalb können die Neuwagen-Verkäufer Ihren Kunden für den eingebrachten Altwagen günstige Preise zahlen und sie leichter zum Umsteigen überreden.
Den Händlern bietet Herbert Böse außerdem einen kostenlosen Sonderservice: Aus seiner Steckbriefkartei stellt er jeden Monat Markt-Statistiken zusammen. Sie zeigen seinen Börsenkunden an, welche Gebrauchtwagenmarken und -modelle besonders stark gefragt, welche nur zähflüssig abzusetzen sind und was Autointeressenten zahlen wollen.
Die jüngste Statistik warnte davor, gebrauchte Opel und Ford allzu flott hereinzunehmen. Böse riet den Händlern, bei der Preisgutschrift vorsichtig zu sein, denn nur jeder 15. Kaufinteressent suchte einen Ford, aber jedes siebte Auto in Böses Steckbriefkartei war ein Ford.
Für das reichhaltige Opel-Angebot -- 17 Prozent aller Offerten -- interessierten sich nur zwölf Prozent der Gebrauchtwagensucher. An BMW-, Citroen- und Renault-Modellen hingegen herrschte Mangel; auch Mercedes und Volkswagen waren mühelos abzusetzen. Bei den Marken Peugeot, Simca, Auto-Union und NSU hielten sich Angebot und Nachfrage die Waage. Zur Zeit stehen in Böses Kartei 1700 Fahrzeuge im Wert von rund fünf Millionen Mark.
Obwohl die Vertriebsmanager mehrerer Automobilwerke die präzise Marktaufklärung des Frankfurters gar nicht schätzen, weil er auch die niedrigen Wiederverkaufs-Chancen mancher Typen offenlegt, will der Gebrauchtwagen-Vermittler seinen Analysen-Service noch erweitern und verfeinern.
In Mainz eröffnete er bereits eine Nebenstelle, In Berlin wird das dritte Börsenkarussell vorbereitet, Böses Fernziel: "Ein bundesweites Börsennetz mit einer zentralen Computer-Kartei."

DER SPIEGEL 13/1969
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