02.06.1969

BUNDESLÄNDER / RHEINLAND-PFALZMüller und Maier

Der Kandidat steht "sichtbar im Vordergrund", der Assistent "etwa einen Schritt schräg hinter ihm". Kandidat und Assistent sind "ohne Mantel und Hut", beide tragen einen "gut sitzenden Anzug", denn: "Der erste Eindruck ist entscheidend."
Öffnet sich die Tür, so spricht der Kandidat: "Guten Tag, Herr Müller. Mein Name ist Maier -- ich bin der Kandidat der CDU für den Stadtrat ..."
Maier und sein Assistent laufen derzeit als Klinkenputzer im rheinland-pfälzischen Kommunalwahlkampf treppauf" treppab. Ihre Auftritte an den Wohnungstüren vollziehen sich exakt nach Drehbuch: Sie überreichen Visitenkarten und Broschüren, doch wenn ihr Gegenüber sie hereinbittet, müssen sie ablehnen. Die Order an "Herrn Maier", den Wahlkämpfer der Christen-Union, ist streng: "Nicht in die Wohnung gehen, nicht auf politische Argumentation einlassen -- das bringt ... nichts ein." Und: "Nehmen Sie keinen Alkohol an."
Solche Anweisungen enthält ein Kandidaten- und Helferhandbuch ("streng vertraulich"), mit dem die CDU von Rheinland-Pfalz in Großstädten sowie in Kreis- und Ortsverbänden in Hunsrück und Eifel amerikanische Wahlkampfmethoden propagiert. Im bislang größten "Flächen-Canvassing"* in der Bundesrepublik müssen derzeit rund 2000 CDU-Honoratioren und ebenso viele Helfer bis zur Kommunalwahl am 8. Juni an 600 000 rheinland-pfälzischen Wohnungstüren klingeln und jeder zweiten Familie guten Tag sagen -- stets nach Muster Maier.
So wollen es der neue Mainzer Ministerpräsident und CDU-Chef Helmut Kohl, 39, und sein Canvassing-Experte Elmar Pieroth, 34, der in ruhigen Zeiten in Burg Layen bei Bingen Wein verkauft, in Wahlkämpfen aber zwischen Rüben und Reben ein Heer von CDU-Malers dirigiert.
"Canvassing" " so ermittelte Pieroth nach der rheinland-pfälzischen Landtagswahl 1967 mit Hilfe eines Computers, "erreicht mindestens eine Verdoppelung des Stimmengewinns" der durch konventionellen Wahlkampf erreicht werden kann." Kohls CDU verbesserte ihren Stimmenanteil damals von 44,4 auf 48,7 Prozent, während die SPD Einbußen von 3,9 und die FDP von 1,8 Prozent erlitten.
Diese Erfolge will die Christen-Union jetzt auf kommunaler Ebene wiederholen. Nach den Erfahrungen der ersten Wahlkampfaktion vor zwei Jahren stellte Pieroth mit Polit-Studenten und Public-Relations-Fachleuten einen Katalog von Regeln für den Einsatz der christdemokratischen Kandidaten-Teams auf.
* canvassing = engl.: Stimmenwerbung.
Danach dürfen die Haustür-Kontakte ("sonntags nie" bei normalen Wählern höchstens zwei Minuten dauern." Öffentlichen Würdenträgern, Vereinsvorsitzenden und bestimmten Geschäftsleuten" aber, die als "Multiplikatoren" gelten, dürfen die CDU-Klinkenputzer "zehn bis zwanzig Minuten" widmen. Niemals soll ein Kandidat allein an eine Tür gehen, denn: "Es könnte ja eine junge Frau in kurzen Shorts öffnen" (Pieroth). "Zwei Männer", sagt der Familienvater. "sind da besser."
Was freilich für den Kontakt an der Haustür gilt, ist beim Straßen-Canvassing an Fabriktoren und Tankstellen, in Kaufhäusern und Weinbergen schon nicht mehr opportun. In Ballungszentren von Städten etwa sollen "die Frau und die Kinder des Kandidaten (mit Luftballonen)" Begleiter spielen. Ein oder zwei Helfer "gehen dabei zwei Schritte schräg vor dem Kandidaten ... und sprechen die entgegenkommenden Passanten an". Laut Anweisung aus der Mainzer Parteizentrale streckt der Kandidat dem Passanten dann die Hand entgegen und sagt: "Freut mich, Sie kennenzulernen -- kommen Sie mal zu mir, wenn Sie etwas auf dem Herzen haben." Fragen und Argumente sind auch unter freiem Himmel nicht zugelassen.
CDU-Pieroth will so "unseren Wählern" zeigen, "daß wir eine dynamische, junge erneuerungswillige Partei sind die Partei für die Zukunft".
Telephon-Canvassing ("Nur Helfer mit wohlklingender und angenehmer Stimme einsetzen") hält der Weinhändler ausschließlich in FDP-Gebieten und Villenbezirken "mit hohem Durchschnittseinkommen" für geeignet, doch auch hier gilt: "Lange politische Diskussionen sind fruchtlos."
Bis Ende letzter Woche operierten die CDU-Teams nach dieser Devise im Rebenland nahezu konkurrenzlos. "Die Sozis", meldete Pieroths Wahlkampfbüro-Leiter Reinhard Löw, 22, "tun überhaupt nichts." Und tatsächlich bestätigte SPD-Sprecher Karl-Heinz Nass: "Konzentrierte Anstrengungen der SPD im rheinland-pfälzischen Kommunalwahlkampf gibt es nicht."
Die Opposition -- wenigstens in den Großstädten siegesgewiß -- wirbt konventionell mit Plakaten, Broschüren und Inseraten; hier und da, so in Mainz, auch mit Hausbesuchen. Die Freien Demokraten schicken den von Bonn ausgeliehenen Wahlkampfbus über Land und schenken Passanten kostenlos ein Gläschen "reinen Wein ein". Telephon-Canvassing, so FDP-MdL Werner Danz, "machen wir nur bei unseren persönlichen Bekannten".
Eine Prognose für den Wahlausgang am 8. Juni mochte bei den Parteien bislang niemand wagen. Zwar kandidiert die NPD offiziell nur in den Städten Kaiserslautern, Pirmasens, Zweibrücken und Neustadt sowie in sechs ländlichen Wahlkreisen. "Aber die große Unbekannte sind diesmal die freien Listen" (Pieroth).
Dort sammeln sich zu Gemeindewahlen Parteilose, aber auch unzufriedene Gruppen, die sonst -- etwa in der Nordpfalz -- traditionell rechts wählen. Aus Verärgerung über die Eingemeindung ihrer Dörfer bei der kürzlich vollzogenen rheinland-pfälzischen Verwaltungsreform haben überdies zahlreiche alte Mandatsträger der CDU und SPD ihren Parteien den Rücken gekehrt und freie Wählerlisten eingereicht.
Etwaige CDU-Verluste an diese freien Listen -- da ist sich Millionär Pieroth schon heute sicher -- "haben nichts mit unserem Canvassing zu tun". Und für den Bundestagswahlkampf im Spätsommer arbeitet der geheime Verführer aus der Weinbranche schon "an ganz neuen Gags".

DER SPIEGEL 23/1969
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