26.05.1969

PRESSE / GRUNER + JAHRDas lechzt

Gerd Bucerius, 63, Mitverleger von "Stern", " Constanze", "Brigitte", "Petra", "Capital", "Schöner Wohnen", "Jasmin", "Eltern" und "Twen", Alleineigentümer von "Zeit" und "Volkswirt" sowie Mehrheitsverleger beim "Monat", wetterte stets gegen die "Zusammenballung verlegerischer Macht" im deutschen Verlagswesen.
Noch Anfang März hatte er seinen Kompagnon Richard Gruner, der seine Konzern-Anteile (damals: 39,5 Prozent) an den Zeitschriften-Verlag Heinrich Bauer veräußern wollte, mit Beschwörungsformeln ("Größer als Springer!") vom Verkauf abgehalten und damit eine Fusion vereitelt.
Nun kann Bucerius den Fortgang verlegerischer Machtkonzentration aus nächster Nähe studieren. Zu Gruner + Jahr gesellte sich am Mittwoch letzter Woche anstelle des ausscheidenden Gruner als neuer 25-Prozent-Teilhaber das Bertelsmann-Verlagshaus in Gütersloh (Jahresumsatz: 600 Millionen). Bucerius, leichthin: "Bertelsmann beschäftigt ja keine Redaktionen." Und: "Diversifikation gehört heute nun mal dazu."
Diverses hat der neue Partner aus Gütersloh in der Tat zu bieten: Buchverlage, Druckereien (Tagesausstoß: 120 000 gebundene Bücher), Schallplattenpressen, Filmtheater, Filmproduktionen, Leseringe, Buchvertriebs- und Filmverleihfirmen, Geschenkversand für Kinder (Baukästen und Modelleisenbahnen), bis hin zur Produktion von Eiern (270 Millionen Stück jährlich) und pulverisierten Nahrungsmitteln.
Der Gemischtwaren-Konzern wurde 1835 als Verlag für religiöse Literatur (Erster Bestseller: "Kleine Missionsharfe") gegründet und kam bis 1945 über die Größenordnung eines mittleren Betriebs nicht hinaus. Erst als Reinhard Mohn, nach dem Krieg als erster von drei Brüdern aus der Gefangenschaft zurück, den Familienbetrieb generalstabsmäßig gliederte und mit gefechtsartigen Vorstößen den deutschen Lesermarkt erschloß, gedieh das Haus zum heutigen "Großkonzern für die Herstellung und Verbreitung unterhaltenden und belehrenden Wortes, Tons und Films" ("FAZ").
Mit dem Rechenschieber in der Hand und Finanzexperten wie seinem Generalbevollmächtigten Manfred Köhnlechner zur Seite, brachte Alleininhaber Mohn, 47, mit aggressiven Werbeeinsätzen auf offener Straße oder vor Wohnungstüren riesige Buchauflagen unters Volk. Wer lesen wollte und konnte, wurde von Bertelsmann prompt wie preiswert beliefert.
Mohn bündelte seine Kunden überdies zu beständigen Leseringen (heute: vier Millionen Mitglieder in Europa), von denen er zuweilen ganze Partien verlieh. So pachtete sich der Hamburger Drucker Gruner -- damals noch Alleinunternehmer -- 1956 gegen eine Summe von 750 000 Mark 25 000 Lesering-Mitglieder und kassierte pro Stück und Monat eine Mark.
1963 kaufte Mohn von der Deutschen Bank die Überreste des Ufa-Konzerns samt 60 Uraufführungskinos und Studios in Berlin und München. Mit der Constantin-Film GmbH (Jahresumsatz 80 Millionen) besitzt Mohn zudem die größte Verleihfirma Europas.
Sobald der "Inlandsmarkt abgegrast" ist (Köhnlechner), will Bertelsmann ausländische Märkte beackern. In Francos Spanien zählt die Bertelsmann-Gemeinde schon heute 600 000 Mitglieder.
Die kommerzielle Expansion überdeckte freilich nie vollständig die Herkunft des Unternehmens vom Religiös-Erbaulichen. "Christ", so verkündet eine Türinschrift am Eingang des Gütersloher Stammhauses, ist immer noch "aller Dinge Anfang". Rolf Hochhuths Papst-Anklage "Der Stellvertreter", die in einem Bertelsmann-Verlag erscheinen sollte und bereits gesetzt war, wischte Reinhard Mohn vom Programm, weil es ihm da nicht hineinpaßte. Und nach den Grundsätzen des Hauses, so Köhnlechner, wird "politisches Engagement ebenso vermieden wie harter Sex".
Einem solchen Konzept ist der liberale "Stern" (geschätzter Jahresgewinn: 35 Millionen) nicht eben angepaßt. Und damit die unterschiedUchen Wertvorstellungen im neuen Großkonzern nicht kollidieren, haben die Vertragspartner vorsorglich in einer (mündlichen) Vereinbarung den "verlegerischen und redaktionellen Bereich" dem neuen Vertragspartner entzogen. Bertelsmann-Bevollmächtigter Köhnlechner, der letzten Dienstagabend in der Wohnung des Verlegers John Jahr an der Hamburger Alsterkrugchaussee per Handschlag den Kaufpreis (Jahr: "80 Millionen und ein paar Zerquetschte") wie Nebenabsprachen akzeptierte, zeigt vorerst "keinerlei Ambitionen" im verlegerischen Bereich -- bekundete aber schon einen Tag nach dem Kauf Interesse am Bild-Archiv des "Stern": "Das lechzt ja geradezu nach Auswertung für die Buchproduktion."
Jahr freilich möchte die Kooperation mit den Buch-Machern streng im technischen Bereich halten: "Die sind im Offsetdruck sehr groß, und wir im Tiefdruck." Und Kompagnon Bucerius interpretiert die Absprache mit Köhnlechner noch kraftvoller: "Selbst wenn wir den Verlag ruinieren, muß Bertelsmann tatenlos zusehen."
Weltanschauliche Konflikte durchlitt schon Richard Gruner, der sich vor vier Jahren mit seiner Itzehoer Druckerei und einer Achtel-Beteiligung am "Stern" mit Bucerius und Jahr zusammengetan hatte. Der kinderlose Drucker, der Penthouse-Partys in New York ebenso schätzt wie Börsen-Booms, war durch progressive Redakteure verprellt worden.
Beim Ankauf der Münchner Blätter "Jasmin", "Eltern" und "Twen" mußte er die Redaktionsspitze durch Handgelder von mehreren Millionen Mark bei Laune halten. Als er bald danach die Verlegerei aufgeben wollte, muckten "Stern"-Journalisten auf. Und schließlich präsentierte ihm die "Stern"-Redaktion einen Beirat, den Gruner als "erste westdeutsche Redaktions-Kommune" empfand. Ein vom "Stern"-Beirat (Vorsitzender: "Stern"-Chefredakteur Henri Nannen) entworfenes Redaktionsstatut degradiere, so Gruner, den Verleger zum "Kassenwart eines Verlags".
Mitte April entwarf Mitbestimmungsgegner Gruner ein Gegenkonzept, in dem nur die pathetischen Deklamationen über Freiheit, Demokratie und Redaktionsverantwortung erhalten blieben -- nicht aber zum Beispiel die Mitspracherechte der Redaktion bei der Bestallung des Chefredakteurs.
Gruner scheiterte jedoch am Widerstand der Mitverleger und der Redakteure und gab auf. John Jahr und Bucerius übernahmen am Freitag vorletzter Woche das restliche Gruner-Viertel und unterzeichneten am Montag letzter Woche bei Sekt und kaltem Büfett mit den sieben "Stern"-Beiräten das volle, neun Punkte umfassende Statut: Der für ein Jahr gewählte Beirat des "Stern" darf künftig beim Wechsel von Chefredakteuren und leitenden Redakteuren mitreden und muß bei Besitzveränderungen informiert und gehört werden. "Süddeutsche Zeitung": "Sternstunde des "Stern
Jahr und Bucerius, durch Investitionen in Itzehoe (50 Millionen), den Erwerb der drei Münchner Blätter (70 Millionen) und die Übernahme der ersten Gruner-Rate vor neun Wochen (50 Millionen) finanziell erschöpft, konnten das frisch erworbene Gruner-Viertel nur eine knappe Woche lang selbst tragen -- Banken und ein Kollektiv aus Privatleuten verlangten garantierte Gewinne und Rückkaufzusagen, die beide Verleger nicht geben konnten. Jahr: "Wir sind ja schon jetzt ein wenig verschuldet."
Und von einer Mitbeteiligung der "Stern" -Redakteure, die sich jüngst anheischig gemacht hatten, durch Privatverschuldung 20 Millionen Mark aufzubringen und sich am Verlagsgeschäft zu beteiligen, war letzte Woche nicht mehr die Rede.
* Bei der Unterzeichnung des "Stern"-Statuts am Montag letzter Woche.

DER SPIEGEL 22/1969
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