26.05.1969

JAPAN / WIRTSCHAFTGrausam aber gut

Ergreife des Feindes eigenes Schwert, kehre es um, und du schlägst ihn damit. Takuan Shuho, 1573 bis 1645, Schwertmeister und Zen-Philosoph.
Heute gibt es zwei große Weltmächte", sagte Japans Ministerpräsident Eisaku Sato, "ich finde, es ist Platz genug für eine dritte."
Die dritte Weltmacht ist Japan. Am 31. März dieses Jahres, dem Ende des japanischen Fiskal-Jahres 1968/1969, stieg das asiatische Inselreich zur drittgrößten Industrienation auf und verdrängte die Bundesrepublik.
Kleiner als Frankreich, nur zu 32 Prozent nutzbar, erschüttert von 54 tätigen Vulkanen und mehr als 7000 Erdbeben im Jahr, traumatisiert von den einzigen Atombomben, die bislang auf Menschen abgeworfen wurden, gedemütigt in der totalen Niederlage des Zweiten Weltkriegs, fordert Japan die Welt erneut heraus -- zum Kampf um Märkte und Macht.
"24 Jahre Zurückhaltung sind genug für jede Nation, besonders für ein selbstbewußtes, stolzes Volk wie die Japaner", sagt Kei Wakaizumi, Professor der Syngyo-Universität in Kioto. "Jetzt müssen wir wieder stolz auf unser Vaterland sein."
"100 Millionen ruhelose und fieberhaft energische Menschen treten aus der Nachkriegsisolierung heraus", schreibt das US-Magazin "Newsweek", "und drängen nach einer führenden politischen, diplomatischen und vielleicht sogar militärischen Rolle in der Welt."
Japan ist heute die größte Schiffsbaunation, zweitgrößter Automobil-, Computer-, Fernsehgeräte-, Zement-, Gummi-, Garn- und Kunststoffproduzent, drittgrößter Stahlhersteller.
Dabei besitzt das Land praktisch keine Rohstoffe, weder Eisenerze noch Erdöl, weder Bauxit noch Wolle.
Aber: Japans Industrie ist moderner als die seiner Konkurrenten. 77 Prozent aller japanischen Maschinen sind weniger als sechs Jahre alt.
Amerikanische Werften brauchen 450 000 Arbeitsstunden für ein "Freedom"-Schiff von 14 000 BRT. Die Japaner kommen mit 320 000 aus.
1958 exportierte der japanische Automobilproduzent Toyota seinen ersten Wagen in die USA -- den "Toyopet". Er fuhr nur 110 Stundenkilometer und wurde ein völliger Versager.
Fünf Jahre später startete Toyota erneut, mit dem Kleinwagen "Corona". Allein 1968 verkauften die Japaner im Autoland Amerika 182 500 Wagen -- und wurden damit zum schärfsten Konkurrenten für das Volkswagenwerk.
Die Japaner bedrängen VW auch in Lateinamerika. Sie bauten Zweigwerke dort, wo auch VW Fabriken hat: in Mexiko und Brasilien, darüber hinaus noch in Uruguay, Venezuela, Peru und Costa Rica.
In Australien brachten die Japaner zum VW-Preis eine viertürige Limousine mit Radio und Klimaanlage auf den Markt. Erfolg: Zwischen 1960 und 1967 stieg der Anteil japanischer Autos in Australien von weniger als einem auf 12,5 Prozent. VW, mit seinem Zweigwerk in Clayton 1960 größter Autoproduzent Australiens, sackte auf 4,2 Prozent Marktanteil ab. Heute montiert Japans Nissan-Konzern seine Wagen in gemieteten VW-Fabrikhallen.
Deutschlands Photo-Industrie wurde bereits Anfang der sechziger Jahre von den Japanern überrundet: 1963 bauten deutsche Firmen 2,5 Millionen Kameras, japanische schon 3,8 Millionen. Photoreporter von "Paris-Match" und "Life" sehen die Welt längst durch japanische Linsen.
Japan war so erfolgreich, weil es nach seiner totalen Niederlage im Krieg -- 2,5 Millionen Japaner fielen dem Krieg zum Opfer, 101 Städte wurden zerstört, allein in Tokio lagen 720 000 Häuser in Asche -- nur ein einziges Ziel kannte: den Aufbau seiner Wirtschaft.
Die Welt identifizierte Japan bald so sehr mit seinen Wirtschaftserfolgen, daß Frankreichs Ex-Staatschef Charles de Gaulle Japans damaligen Außenminister Miki einen "Transistor-Verkäufer" nannte. Japans größte Tageszeitung, "Asahi Shimbun", fand: "De Gaulles Worte sind eine ungeheure Beleidigung. Das Schlimmste ist nur, daß wir uns schon selbst so fühlen."
Den Aufstieg zur drittgrößten Industriemacht schaffte Japan in der kürzesten Zeit, die je eine Nation gebraucht hat: in einem Jahrhundert.
Vor 100 Jahren kämpften in Japan Samurai-Krieger zumeist noch mit dem blanken Schwert wie die Ritter im frühen europäischen Mittelalter. Vor 100 Jahren gab es in Japan keine Dampfmaschine, kein Ozeanschiff, keine Eisenbahn, keine Universität.
Heute bauen die Japaner die größten Schiffe, die kleinsten Transistorradios, die schnellsten Züge, die riesigste Stadt der Welt. Heute paukt eine ganze Nation die Pflichtlektion des modernen Zeitalters, heute hat Japan "das höchste Erziehungsniveau der Welt" -- so Finanzminister Takeo Fukuda.
Jeder 20. Einwohner der Elf-Millionen-Stadt Tokio ist Student -- und ihre Zahl wächst. 1972 werden 30 Prozent der Berufsanfänger ein Hochschuldiplom haben, 1990 die Hälfte der Schulabgänger. "Japans Wirtschaftswunder ist schon keine Neuigkeit mehr", schreibt "Newsweek", "am wenigsten für die Japaner."
Aber sie wollen noch mehr. 56 Kilometer von Tokio entfernt baut Japans Regierung für sechs Milliarden Mark ein Wissenschaftszentrum, in dem ab 1975 etwa 160 000 Forscher, Techniker und Hilfskräfte mit ihren Familien wohnen und unter optimalen Bedingungen erfinden und experimentieren werden. In der Denkerstadt wird Japan den Marschplan für die wissenschaftliche Eroberung der Welt von morgen erarbeiten.
Amerikanische und japanische Wissenschaftler waren sich auf einem Symposium in Tokio Ende September 1968 darüber einig, daß ihre beiden Länder für den Sprung in die "postindustrielle Gesellschaft" am besten vorbereitet sind. "Japan", so Professor Hayashi vom Technologischen Institut in Tokio, "steht an der Schwelle einer sozialen Metamorphose von historischer Bedeutung."
Für diese Welt von morgen konstruieren Ingenieure der Meijo-Universität von Nagoya den Prototyp der wohl letzten Eisenbahn-Generation -- einen Gleitzug. Sie montieren die Räder auf Riesenpfeiler, die Schienen bildet der sich bewegende Zug. Elektronisch gesteuert, huschte der starre, etwa 230 Meter lange Ganzmetallzug über im Abstand von 100 Metern stehende Pfeiler -- schneller als ein Düsen-Passagierflugzeug.
Mit Versuchsmodellen erreichten die Nagoya-Forscher Spitzengeschwindigkeiten von 1030 Stundenkilometern. Bald soll ein Minizug zwischen Nagoya und dem 32 Kilometer entfernten Gifu verkehren und Post und Pakete in drei Minuten transportieren.
Die Welt von morgen konzipierten auch Städtebauer und Wirtschaftsprofessoren des japanischen Instituts für Futurologie im Juli vergangenen Jahres in Tokio. In drei Fünfjahresplänen (Kosten: etwa 6000 Milliarden Mark) wollen sie bis zum Orwellschen Zukunftsjahr 1984 das Industriegebiet zwischen Tokio und Osaka (Entfernung 530 Kilometer) zu einer riesigen Megalopolis ausbauen.
Komplette Wohnstädte werden dabei auf dem Meer entstehen. Sechsgleisige U-Bahnen sollen im 550-Stundenkilometer-Tempo die Stadtteile verbinden, für den Autoverkehr werden zwölfspurige unterirdische Schnellstraßen gebaut. Die Stadt wird für 90 Millionen Einwohner geplant.
Schon heute planieren Unterwasser-Bulldozer den Meeresgrund vor Japans Küsten. Auf versenkten Riesentanks sollen Industrieanlagen mit eigenen Häfen errichtet werden, die jedem Taifun trotzen.
Heute verdient der Japaner mit jährlich durchschnittlich 4560 Mark noch weniger als der Italiener. 1988 aber wird Japan -- nach Schätzungen des Finanzministeriums -- das höchste Pro-Kopf-Einkommen der Welt haben. "Es ist kein leerer Traum mehr", sagt Fukuda, "sondern ein Ziel, dessen Erfüllung wir mit Vertrauen entgegensehen."
"Mitte der siebziger Jahre werden wahrscheinlich 20 000 japanische Ingenieure, Wissenschaftler und Techniker in der Kernforschung tätig sein", berichtet "Newsweek", "und Mitte der achtziger Jahre wird Japan wahrscheinlich in der Produktion atomgetriebener Handelsschiffe führen."
Anfang des 21. Jahrhunderts wird Japans Bruttosozialprodukt, nach Schätzung des japanischen Planungszentrums, fast zehnmal größer sein als heute und die 4000-Milliarden-Mark-Grenze erreichen -- mehr als 500 Milliarden mehr als die Vereinigten Staaten im vergangenen Jahr.
"Das 21. Jahrhundert", prophezeite das in der Futurologie führende Hudson-Institut, "wird vielleicht das japanische Jahrhundert sein" Weiter noch ging der einzige Mann, der Japan in seiner mehr als 1500jährigen Geschichte besiegt hat: Douglas Mac-Arthur. "Die nächsten tausend Jahre werden eine asiatische Ära sein", mutmaßte der amerikanische Weltkrieg-II-General bei seinem ersten Japan-Besuch nach der Kapitulation. Und in Asien sind die Japaner weit voran.
"Wenn Japan und die übrigen asiatischen Länder ihre derzeitige Wachstumsrate beibehalten", prognostiziert Politologe Kei Wakaizumi, "wird Japan Mitte der siebziger Jahre ein gleich großes Bruttosozialprodukt haben wie alle anderen asiatischen Länder zusammen -- die Volksrepublik China eingeschlossen."
Japan liegt am Rande eines Wirtschaftsraumes -- des Pazifischen Ozeans -,in dem künftig zwei Milliarden Konsumenten leben werden. Sie sollen kaufen, was Japan produziert.
Transportiert werden Japans Erzeugnisse mit dem billigsten Verkehrsmittel: dem Schiff. Die Mehrheit der Großbetriebe liegt an der Küste. Meist haben sie eigene Häfen. Förderbänder transportieren Kohle und Erz direkt vom Frachter in die Hochöfen -- und Stahl in die Schiffe, billiger und schneller als in Europa.
Nahezu jedes zweite Schiff der Welt wird in Japan gebaut. Allein Im vergangenen Jahr liefen 1118 Schiffe auf japanischen Werften vom Stapel -- 49,7 Prozent der gesamten Neubautonnage.
Noch Japans zweitgrößte Werft, "Ishikawajima-Harima Heavy Industries", baut mehr Tonnage als alle Werften der Bundesrepublik (des zweitgrößten Schiffsbauers der Welt) und zur Zelt den größten Tanker der Welt (370 000 tdw). In den Konstruktionsbüros der großen Werften liegen bereits die Pläne für das erste 500 000-Tonnen-Schiff, das Ende des kommenden Jahres auf Kiel gelegt werden soll. Es wird die Transportkosten für Rohöl um 46 Prozent senken und eine Tiefe von 40 Metern haben.
"Was ist das für ein Volk", stöhnte Japan-Experte Hans Wilhelm Vahlefeld, "das nicht in Betten schläft, aber in der schnellsten Eisenbahn fährt; nicht auf Stühlen sitzt, aber die größten Schiffe baut; kaum Straßen hat, aber Raketen abschießt; im Rhythmus der Jahreszeiten schwitzt und friert, aber tagsüber in klimatisierten Hochhäusern arbeitet; so unlogisch erscheint, aber die winzigsten Radios der Welt konstruiert; gigantische Städte baut, aber seinen Straßen keine Namen gibt; die auflagenstärksten Zeitungen druckt, aber das Wesentliche verschweigt; in Gruppen und Clans atomisiert ist, aber als unbedingt national gilt; für die Sumo-Ringkämpfe die dicksten, fettesten und größten Männer der Welt mästet, aber selbst so klein ist."
Das Volk der kleinen Menschen und großen Städte, der wirren Gedanken und klaren Konzeption, der alten Bräuche und modernen Industrieverfahren schaffte den Aufstieg zum Wirtschaftsgiganten, obgleich es ununterbrochen gegen anachronistische Zustände kämpfen muß.
Japans Welt-Firmen sind mittelalterlich organisiert. Die japanische Schrift ist die komplizierteste dieser Erde, sie "vereinigt gewissermaßen ägyptische Hieroglyphen mit Gabelsberger stenographischen Sigeln und musikalischen Notenzeichen für mehrere Instrumente" -- so Japan-Biograph Arthur Koestler -, aber in keinem Land wird so viel gelesen wie in Japan.
Die beiden größten japanischen Tageszeitungen, "Asahi Shimbun" (Auflage neun Millionen) und "Yomiuri Shimbun" (acht Millionen), sind größer als der "Daily Mirror" (5,4 Millionen), die größte Zeitung der übrigen kapitalistischen Welt. Selbst die Intellektuellen-Zeitschrift "Bungei-Shunju" verkauft monatlich noch eine halbe Million Stück Eierkopf-Kost.
Weil ihre Schrift aus etwa 30 000 bis 40 000 chinesischen Ideogrammen (den Begriffszeichen) und 95 Typen der japanischen Silbenschrift Katakana und Hirakana besteht, haben nur wenige große Unternehmen das wichtigste Hilfsmittel der modernen Bürokratie -- eine Schreibmaschine. Der größte Teil des Schriftverkehrs wird mit der Hand erledigt, ohne Kopie und Registratur.
Nur einige große Straßen Tokios haben einen Namen. Die meisten Häuser in der Metropole führen nur den Namen des Stadtviertels, eine Block- und eine Hausnummer. Die wiederum ist nicht nach einem von jedem erkennbaren Prinzip, sondern nach der Reihenfolge der Eintragung ins Katasteramt festgelegt. Nur Briefträger und örtliche Polizeistellen können Auskunft darüber geben, wer wo wohnt.
Kaum ein Volk der Welt ist so verkrampft wie die Japaner. Deshalb wollen sie größer und schneller sein als die übrige Welt, um jeden Preis.
1958 ließ die Stadtverwaltung von Tokio einen Fernsehturm bauen: Eine Kopie des Pariser Eiffelturms -- jedoch zwölf Meter höher als das französische Vorbild. Am 20. August des vergangenen Jahres bestieg der vierzigmillionste Besucher den Turm -- so viel wie in 74 Jahren den Eiffelturm.
Im November 1967 vollendete Moskau den mit 533 Metern höchsten Fernsehturm der Welt. Tokio wird 1971 nachziehen und abermals einen -- 17 Meter -- höheren Turm bauen.
Kaum ein Volk der Welt hat einen Sittenkodex von solch unerbittlicher Strenge wie die Japaner. Ehre bedeutet für sie mehr als das Leben. Im Krieg stürzten sich die Kamikaze-Piloten -- insgesamt etwa 2500 Soldaten -- mit ihren Flugzeugen auf feindliche Schiffe.
Aber der seltsame Ehrbegriff leitet Japaner nicht nur zum Heldentod. Im letzten Sommer wollte ein 19jähriger Japaner morden -- und erstach seinen Vater: "Wenn ich einen Fremden getötet hätte", gestand er der Polizei, "hätte das meinem Vater Schmerzen bereitet."
Religionsapostel aus Indien und China und der urjapanische Shinto-Glauben haben in vielen Jahrhunderten die Mentalität des Inselvolkes geformt. Ergebnis ist eine Volksgemeinschaft, in der der einzelne wenig gilt -- das Kollektiv aber alles.
Chinesische Konfuzianer hatten die Japaner gelehrt, daß sich das Individuum der Gemeinschaft unterordnen müsse. Buddhisten hatten ihnen das individuelle Sein als eine der fundamentalsten Illusionen dargestellt und Selbstvervollkommnung und Selbstbeherrschung gepredigt. Im Shintoismus, der einzigen im Land entstandenen Religion, hatten die Japaner die Ehrerbietung des Schülers vor dem Lehrer, des Sohnes vor dem Vater, des Volkes vor seinem göttlichen Kaiser gelernt.
Heute zählt der Shintoismus wie der Buddhismus in Japan je 80 Millionen Gläubige -- die Mehrheit der Japaner fühlt sich beiden Religionen zugehörig.
Aus ihren Religionen lernten die Japaner zu schweigen und zu lächeln. Noch heute zitieren Pädagogen das beispielhafte Verhalten des Grafen Katsu, eines Adligen des 19. Jahrhunderts. Ein Hund hatte den Knaben Katsu in die Hoden gebissen. Während ihn ein Chirurg operierte, hielt Katsus Vater ein Schwert über das Kind und drohte, daß es beim kleinsten Schrei "sterben würde auf eine Art, die wenigstens nicht schmählich ist".
"Die Etikette ist gewichtiger als ein Berg", sagte ein japanisches Sprichwort, "während der Tod leichter ist als eine Feder."
Wie kaum ein anderes Volk lieben es die Japaner, vieldeutig zu reden, vermeiden sie klare Stellungnahmen, reagieren sie allergisch auf die Frage "Warum?" "Die Art ihres Denkens ist uns teilweise unverständlich", sagt Hans-Bernd Giesler, Direktor des Deutsch-Japanischen Wirtschaftsbüros, "aber die Effektivität ihres Denkens stellt unsere Kategorien in Frage."
"Unser größtes Problem", erklärte Toshiwo Doko, 58, Chef des mächtigen japanischen Elektrokonzerns "Toshiba" dem SPIEGEL, "bestand in der Nachkriegszeit darin, rationales Denken in unseren Betrieben einzuführen."
Aber das Volk mit der eigenartigen Moral hat Organisationsformen und Gesellschaftsnormen entwickelt, die es für das kommende Jahrhundert -- was die Effizienz ihrer Wirtschaft angeht -- prädestinieren. "Japan zeigt unglaubliche Fähigkeiten für das moderne Zeitalter", befand der Pariser "Monde".
Seit 1952 weist Japans Wirtschaft reale Wachstumsraten von durchschnittlich zehn Prozent (Bundesrepublik: 5,1 Prozent) auf. Und für die nächsten zehn Jahre prophezeit eines der größten Bankhäuser des Landes, die Mitsubishi-Bank, ein nominales Wachstum von 12,4 Prozent.
97 Prozent aller japanischen Haushalte besitzen heute einen Fernsehapparat, 84 Prozent einen Kühlschrank, 75 Prozent eine Waschmaschine -- mehr als in irgendeinem europäischen Land.
"Unser Motto war immer: Lernen wir von den Deutschen und überholen wir sie " sagte Japans Finanzminister Fukuda dem SPIEGEL. Heute kann Deutschland viel von Japan lernen -- überholen wird es das fernöstliche Inselreich vermutlich nie wieder.
Fukudas jüngere Landsleute blicken nicht mehr auf den europäischen Verbündeten aus dem letzten Krieg. Sie haben nur noch ein Vorbild, nur noch einen Gegner, den sie wirtschaftlich besiegen wollen, um die Schmach ihrer Niederlage zu tilgen: Amerika.
Nur die Vereinigten Staaten haben ein höher entwickeltes Fernseh- und Radiosystem sowie mehr Klimaanlagen als Japan. Nur die Vereinigten Staaten und die Sowjet-Union bilden noch vergleichsweise mehr Naturwissenschaftler und Ingenieure aus als Japan. Nur die Vereinigten Staaten liegen in den Erkenntnissen der modernen Physik -- dem naturwissenschaftlichen Grundstein unseres Zeitalters -- noch vor dem Inselreich.
Schon heute setzen die Japaner Amerika -- mit etwa einem Drittel des Außenhandels wichtigster Handelspartner -, aber auch europäischen Produzenten auf den Märkten Asiens und Amerikas zu. "Früher standen die japanischen Produkte im Ruf, billig und minderwertig zu sein", schreibt das US-Wirtschaftsmagazin "Fortune", "heute sind sie nur noch billig."
Japan unterbietet die Preise amerikanischer Stahlhersteller um zehn bis zwanzig Prozent. Der erste von den Vereinigten Staaten hergestellte "Video Tape Recorder" (VTR) zur Aufzeichnung von Schwarzweiß- und Farbfernsehsendungen kostete 200 000 Mark. Das erste von der japanischen Elektronikfirma Sony produzierte VTR-Gerät kostete nur noch ein Hundertstel: 2000 Mark.
Als Vertreter von vier amerikanischen Firmen vor sechs Jahren die Sony-Fabrikationsstätten in Japan besuchten, fragte Sony-Chef Masaru Ibuka sie, was sie von kleinen Taschen-Fernsehgeräten hielten. Die Amerikaner winkten ab. Noch im gleichen Jahr brachte Sony ein selbstentwickeltes Kleingerät auf den amerikanischen Markt. Bereits am ersten Tag waren alle 3000 Kleinstgucker verkauft.
Kaum ein Volk kämpft so zäh um Absatzmärkte wie die Japaner. Wo westliche Kaufleute allein auf sich gestellt neue Exportmärkte erschließen, schicken japanische Unternehmer Expertenteams, die genaue Analysen des Marktes ausarbeiten, die Mentalität des fremden Volkes ergründen und selbst persönliche Eigenschaften der künftigen Gesprächspartner ausfindig machen, um sie bei den Geschäftsverhandlungen überrumpeln zu können.
Um den deutschen Möbelmarkt zu erschließen, beauftragte das Japanische Handelszentrum in Hamburg deutsche Photographen, für einzelne Sozialschichten typische Wohnungseinrichtungen aufzunehmen. Nach diesen Vorlagen wird Japans Möbelindustrie ein spezielles Deutschland-Programm entwerfen.
Die Hauptoffensive der Japaner gilt Südostasien. Japan baut Stahlwerke in Malaysia, Elektrizitätswerke in Burma, Indonesien und Kambodscha, Fernsprechnetze in Thailand und auf den Philippinen. Japans asiatischer Vorzugsmarkt wird Indonesien mit seinen mehr als 100 Millionen Konsumenten sein. Ein japanischer Industrieller: "Indonesien könnte für uns das werden, was früher die Mandschurei war."
Die Japaner taktieren äußerst geschickt. Denn viele asiatische Länder haben noch nicht die harte Hand japanischer Besatzer vergessen. In Indonesien betreiben Japaner deshalb mit einheimischen Firmen gemeinsam Erdölraffinerien. Japan liefert die Destillier-Anlagen und baut sie auf -- sichert sich dafür aber eine bestimmte Menge an dem geförderten Öl zu sehr günstigen Preisen.
Rohstoffarmut war einer der Gründe für Japans Expansionsdrang Anfang der 30er und 40er Jahre gewesen. Eroberungen in der Mandschurei und Südostasien sollten das Land unabhängig machen von fremden Rohstofflieferanten. Heute verschaffen Japans Wirtschaftsführer Rohstoffländern Zugang zum japanischen Markt -- und binden sie durch feste Lieferverträge an sich.
Selbst mit der Sowjet-Union ist Japan im Geschäft. Auf der russischen -- und ehemals zur Hälfte japanischen -- Insel Sachalin werden beide Länder gemeinsam nach Erdgas bohren. Sowjetische und japanische Expertenteams verhandeln bereits über das vielleicht größte sowjetische Entwicklungsprojekt: die gemeinsame Industrialisierung Sibiriens.
Die jugoslawische Parteizeitung "Borba" berichtete, daß die Sowjet-Union mit Hilfe japanischer Kredite ein Gebiet von 1,5 Millionen Quadrat-Kilometern industrialisieren und für die Landwirtschaft erschließen will. Der größte Teil des Gebiets wird von Peking beansprucht. Höhe der von Japan gewünschten Investitionen: zehn Milliarden Mark.
Zwar erarbeitet Japan heute erst zehn Prozent seines Bruttosozialprodukts (Bundesrepublik: 23,9 Prozent) mit Exporten. Aber technologisch fortgeschrittene Unternehmen wie Sony exportieren bereits mehr als 60 Prozent ihrer Produktion.
Dabei lebte das Land bis zum Beginn seiner industriellen Revolution in völliger Isolierung.
Erst vor hundert Jahren entmachtete der 15jährige Tenno Meiji den letzten Statthalter des Feudalstaates der Tokugawa. Nach tausendjähriger selbstgewählter Isolation war einer der ersten Staatsakte des jungen Kaisers ein Eid: "In der ganzen Welt werden wir Weisheit und Wissen suchen."
Noch im gleichen Jahr schickte Japan junge Gelehrte nach London, Berlin, Paris, New York und Manchester. Sie sollten dort westliche Techniken studieren. Es holte noch im gleichen Jahr westliche Eisenbahn- und Schiffsbauingenieure, Steuer- und Rechtsberater, Landwirtschaftsspezialisten, Universitäts- und Oberschullehrer, Marine- und Heeresoffiziere in das Inselreich, um von ihnen zu lernen.
Hundert Jahre lang kopierten die Japaner den Westen, sein Recht, seine Armee, seine Industrieprodukte.
Sie empfanden es nicht als Schmach; denn die Kunst des Kopierens ist uralte japanische Tradition. Das "klassische Land der Kulturrezeption" (so der deutsche Philosoph Eduard Spranger) importierte in seiner Geschichte mongolische Küche, indisches Joga, chinesische Schrift und Philosophie, komplette Religionen und Moralsysteme -- und absorbierte sie.
Sie kopierten nur das Beste. Die japanische Armee wurde anfangs nach französischem Muster aufgebaut -- bis die Franzosen 1871 gegen die Deutschen unterlagen. Sofort schwenkten die Japaner um und richteten sich nach preußischem Muster aus.
Heute können Wirtschaftspolitiker und Unternehmensbosse des Westens von Japan lernen. Zwar führt Japan heute noch zehnmal mehr Lizenzen ein als es exportiert. Aber in den letzten fünf Jahren stiegen die Patent-Exporte auch zehnmal schneller als Importe.
35 Prozent ihres Bruttosozialprodukts investierten die Japaner jährlich, relativ doppelt soviel wie die Vereinigten Staaten -- ein Drittel mehr als die Bundesrepublik.
Seit 1960 hat Japans Regierung ihre Ausgaben für Wissenschaft und Forschung verfünffacht. Die private Industrie gibt heute sogar achtmal soviel Geld für moderne Produktionstechniken und die Entwicklung neuer Produkte aus wie vor acht Jahren.
Die Hälfte der privaten Investitionen geht in technologisch fortschrittliche Industriebereiche wie Chemie und Elektronik.
Japan schafft den Aufstieg zur Wirtschafts-Großmacht so rasch, weil Unternehmer und Gewerkschaftler, Professoren und Studenten, Minister und Manager wie nirgendwo zusammenarbeiten, weil eine seit Jahrhunderten an Disziplin gewöhnte, in demokratischen Freiheiten ungeübte Bevölkerung nahezu fatalistisch mitarbeitete.
Japanische Unternehmer konkurrieren nur dort, wo es ihrem Land nicht schadet. Japan vereint die Prinzipien der zentral gesteuerten Planwirtschaft und die des marktwirtschaftlichen Kapitalismus in einem wirtschaftspolitischen Lenksystem, das der Londoner "Economist" als "das intelligenteste dirigistische System der heutigen Welt" einstufte.
Wie schon einmal vor mehr als tausend Jahren, als Japan die überlegene chinesische Kultur übernahm, handelt das Inselvolk nach dem Motto seines damaligen Ministers Sugawara Michizane: "Wakon, kansei -- Seele Japans, Geschicklichkeit Chinas." Die Japaner übernehmen das, was ihnen fehlt, und verschmelzen es mit dem -- ihrer Meinung nach besseren -, was sie besitzen.
Als sich die Amerikaner 1945 das Land unterwarfen, lösten sie die Unternehmen der mächtigen Familienklans -- der Zaibatsu -- auf, führten Gewerkschaften, Antitrustgesetze und Streikrecht ein.
-- Japans Regierungsbeamte und Unternehmenschefs akzeptierten das System aber nur dort, wo es ihrer Wirtschaft nutzte. In hartem Konkurrenzkampf wurden unrentable Unternehmen ausgeschieden. Allein 1968 gingen 18 000 Firmen bankrott -- im Vergleich zu 2371 in der Bundesrepublik. Japans Unternehmen überboten sich gegenseitig in technischen Neuerungen und brachten die Qualität ihrer Erzeugnisse auf Weltniveau.
Aber wo die amerikanischen Neuerungen das nationale Ziel des wirtschaftlichen Aufstiegs behinderten, boykottierte es Japans Regierung. Arbeiter öffentlicher Betriebe wie Post, Bahn, Elektrizitäts- und Gaswerke dürfen gesetzlich nicht streiken, Arbeiter kleinerer und mittlerer Betriebe werden häufig entlassen, wenn sie sich an Streiks beteiligen.
Die Japaner ließen kaum amerikanische Unternehmen ins Land, weil sie verhindern wollten, daß die US-Betriebe mit ihrer überlegenen Technologie ganze Industriebranchen -- wie in Europa die Herstellung von Halbleitern, integrierten Schaltkreisen und Computern -- eroberten und damit die japanische Entwicklung in diesen Bereichen lähmten.
Nur zwei Prozent aller Investitionen in Japan (Europa: zehn Prozent) werden mit US-Dollar finanziert. Nur 55 der 2000 größten japanischen Unternehmen werden von Ausländern kontrolliert. Während deutsche Firmen nur 13 Prozent der in der Bundesrepublik installierten Computer herstellen, sind es in Japan 48 Prozent. Nach zehn Jahren eigener Produktion hat Japan den US-Giganten IBM verdrängt, 1967 selbst einen Großcomputer in die Vereinigten Staaten geliefert und an IBM das technische Know-how für eine verbesserte Technik zur Herstellung von Speicherbändern in Computern verkauft.
Nach ausführlichen Analysen westlicher Industrienationen erkannte Japans Regierung, daß liberale Marktwirtschaft allein nicht reicht. Sie richtete deshalb eigene Planungsämter ein, heuerte brillante Nationalökonomen und Naturwissenschaftler an und beauftragte sie mit der Lenkung der japanischen Wirtschaft.
Ingenieure, Natur- und Wirtschaftswissenschaftler mit den besten Diplomen der besten Universitäten beobachten die Industriebranchen der jeweils fortschrittlichsten Länder der Welt und stellen für die "Economic Planning Agency" (EPA) einen langfristigen Stufenplan auf.
Wenn die EPA-Wissenschaftler ihren Plan fertiggestellt haben, paßt das Wirtschaftsministerium (Miti) die staatliche Finanz- und Steuerpolitik dem EPA-Plan an und lädt Unternehmer und Funktionäre aus Industrie, Gewerbe und Landwirtschaft zu Beratungen ein.
In der Regel setzten die Planer dabei ihre Programme durch. Denn in Japans Planstuben wird gleichzeitig die Staatselite gezüchtet.
Nach etwa einem Jahrzehnt Planarbeit wechseln die Zukunftsprogrammierer regelmäßig ins Regierungs- und Unternehmerlager über. Die Wirtschafts- und Verwaltungsführer kennen und schätzen die Arbeit ihrer Plan-Kollegen und richten sich danach.
Sind Pläne einmal fertiggestellt, werden sie nirgends so schnell in die Tat umgesetzt wie in Japan. Als sich Japan vor hundert Jahren von der Feudalherrschaft. lossagte, arbeitete die Regierung ein Eisenbahnprogramm aus -- vier Jahre später fuhr der erste Zug.
In den neunziger Jahren studierten japanische Rechtsgelehrte den Bismarckschen Entwurf für ein bürgerliches Gesetzbuch und befanden ihn für gut. Am 16. Juli 1898 setzte Japan sein getreu kopiertes Schuld- und Sachenrecht in Kraft -- eineinhalb Jahre vor dem deutschen Kaiserreich.
US-Ingenieure entwickelten Transistoren und integrierte Schaltkreise, zwei der wichtigsten Erfindungen unserer Zeit. Japanische Ingenieure bauten sie als erste in ihre Radios und Computer ein -- noch vor den Amerikanern.
Erfindungen im eigenen Land halten sie möglichst lange geheim. Wissenschaftliche Abhandlungen über neuartige technische Verfahren werden zumeist auf japanisch veröffentlicht.
Große japanische Unternehmen sind ein Firmenstaat im Staat. Sie haben ihre eigenen Gewerkschaften, eigene Sportplätze, Wohnstädte, Swimmingpools, Supermärkte und Erholungsheime, bevorzugte Schulen und Universitäten, eine eigene Firmen-Hymne und eine Firmen-Fahne.
Die Mehrheit der Arbeiter und Anstellten bleibt den Großunternehmen lebenslang treu. Wer -- nach schwerer Aufnahmeprüfung -- in die Stammbelegschaft aufgenommen wird, ist praktisch unkündbar.
Japans junge Unternehmens-Beamten haben zwar eine gesicherte Zukunft, aber auch keine Möglichkeit, aus der vorgeschriebenen Karriere auszubrechen. Sie beginnen mit einem niedrigen Gehalt, das sich nach ihren Abschlußzeugnissen richtet. Junge Mittelschüler verdienen anfangs etwa 230 Mark, junge Universitätsabsolventen etwa 340 Mark.
Bis zu ihrer Pensionierung -- mit durchschnittlich 55 Jahren -- steigt ihr Lohn nach dem Alter auf etwa den fünffachen Betrag. Hinzu kommen ein jährlicher Bonus von zwei bis acht Monatsgehältern, kostenloser Krankendienst, Gratis-Urlaub und eine vom Unternehmen bezahlte Altersversorgung in Höhe von etwa 30 bis 40 Prozent des Endgehalts.
Dafür arbeiten sie hart. Während sich in den Vereinigten Staaten und Europa die durchschnittliche Wochenarbeitszeit in den Nachkriegsjahren laufend verringerte, stieg sie in Japan bis 1960 stetig an und liegt auch heute noch mit 48 Stunden über dem westeuropäischen Standard. Die Produktion pro Arbeitsstunde stieg in den vergangenen 15 Jahren um jährlich 9,2 Prozent (Deutschland 6,2 Prozent).
Japans Industrie-Gewerkschaften sind zahm. Nur etwa 20 Prozent der Arbeiter sind in überregionalen Arbeitnehmerverbänden organisiert. Der Rest verteilt sich auf mehr als 50 000 Firmengewerkschaften.
Die betriebseigenen Arbeiterbosse sind in der Regel mehr an einem florierenden Unternehmen interessiert als an verkürzter Arbeitszeit und hohen Gehaltsforderungen.
An der Spitze japanischer Firmen herrscht ein patriarchalischer Chef -- und wird von seinen Untergebenen unterstützt. Pläne neuer Projekte werden in einem Arbeitspapier dem "ringisho" -- festgelegt. Das Dokument wandert durch sämtliche beteiligten Ressorts. Auf diesem Weg haben auch junge Mitarbeiter, die in der festgesetzten Hierarchie noch niedrige Chargen bekleiden, Möglichkeiten, neue Ideen vorzubringen.
Mit zehn bis 25 Siegeln der einzelnen Abteilungsleiter und Direktoren versehen, wird das "ringisho" sodann dem Firmenchef vorgelegt.
"Diese Teamarbeit -- von den westlichen Managern gerade erst entdeckt -- ist in japanischen Unternehmen bereits wichtigster Bestandteil"; behauptet Harvard-Dozent Henri-Claude de Bettignies, "die unpersönlichen Beziehungen im Berufsleben und der Individualismus des Westens sind in Japan ersetzt durch eine vertrauensvolle Teilnahme aller Mitglieder am Leben des Betriebs."
Auch in der Flexibilität seiner Manager ist Japan dem Westen voraus, obwohl es sich bei japanischen Unternehmen "um eine patriarchalische Gesellschaft handelt, die von einer Oligarchie von Greisen dirigiert wird" (de Bettignies).
Mit frühestens 50 Jahren steigen Japans Manager in die Unternehmensspitze auf. Das Durchschnittsalter der Top-Industriellen ist 60 Jahre. Aber selbst pensionierte 80jährige spielen noch eine große Rolle: als Berater des Direktoriums.
Die Gewinne japanischer Unternehmen sind in der Regel niedriger als die des Westens. Japans Schiffsbauer begnügen sich mit halb so hohen Profiten wie ihre bundesdeutschen Kollegen. Statt dessen modernisierten Japans Manager ihre Unternehmen um jeden Preis und zumeist mit fremdem Geld.
Mehr als 80 Prozent ihres Kapitals (USA: 35 Prozent) bestehen aus Fremdkapital-Bankkrediten. Aber was jedem westlichen Fabrikbesitzer und Bilanzbuchhalter schlaflose Nächte verschaffen würde, brachte Japan den Fortschritt.
Wie die Bundesrepublik hatte Japan nach dem verlorenen Krieg kein Geld. Während sich westdeutsche Industriebetriebe das notwendige Startkapital aus Marshallplan-Mitteln borgten und durch Selbstfinanzierung über die Preise aufbrachten, schöpfte Japan zunächst Geld aus dem Nichts.
In keinem Industriestaat der Welt sind Großfirmen so stark verschuldet wie in Japan. Die hohe Investitionsneigung und die Bereitschaft japanischer Unternehmer, um den Preis hoher Verschuldung zu expandieren, trieb Japans Wirtschaft in einen Dauerboom.
Der Einsatz lohnte sich. Zwar stiegen die Preise seit 1950 um jährlich 4,76 Prozent, aber die reale Wachstumsrate war mehr als doppelt so hoch.
Ein Bankenkrach wie im Vorkriegsdeutschland, und der tönerne Koloß wäre zusammengebrochen -- ein unwahrscheinliches Ereignis freilich in einem Land, in dem Staat und Wirtschaft so zusammenarbeiten wie in Japan.
"Unsere Industrie-Unternehmen wagen es, kräftig zu borgen, um zu expandieren", sagt Yoshizane Iwasa, Präsident der größten japanischen Bank "Fuji", "in diesem Sinn mag man sie aggressiver nennen als die europäischen."
Dabei profitierten Japans Banken vom Spareifer der Japaner. Die Japaner legen ein Fünftel ihres Einkommens auf die hohe Kante -- mehr als irgendein Volk auf der Welt. Der größte Teil der Spargroschen ist für die teure Ausbildung ihrer Kinder bestimmt oder für das Alter.
Im Westen vertraut der einzelne Aktionär sein Geld einer bestimmten Firma an. In Japan lenken die von der Zentralbank abhängigen Geschäftsbanken die Finanzierung der Wirtschaft, nachdem sie sich mit dem Planungsamt und dem Wirtschaftsministerium abgesprochen haben.
Die Japaner hatten -- im Gegensatz zum Westen -- frühzeitig erkannt, daß private Geldanleger nicht mehr übersehen können, welchen Industriebranchen in einer hochkomplizierten Wirtschaft die Zukunft gehört -- das aber können die Experten-Teams der Regierung und der Geldinstitute.
Sie entschieden, welchen Unternehmen für welche Investitionsvorhaben Kredite zu gewähren sind -- und lenkten die Gelder hauptsächlich in Industriebranchen mit Zukunft wie Elektronik und Chemie, in denen die Wachstumsraten höher waren als in den übrigen Wirtschaftszweigen.
Noch eine andere Ursache ist für die nationalen Erfolge verantwortlich: Das krasse Gefälle zwischen großen und kleinen Unternehmen. Japans Großbetriebe sind die Träger des technischen Fortschritts, Japans Mini-Fabriken (99 Prozent aller Betriebe haben weniger als 300 Mitarbeiter) sind seine Sklaven.
Japans kleine Produzenten leisteten jahrzehntelang die Schwerstarbeit und verdienten kaum. Durch sie konnte Japan auf dem Weltmarkt Waren zu oft konkurrenzlos niedrigen Preisen anbieten. Während in der Bundesrepublik Arbeiter und Angestellte von Kleinstbetrieben immerhin noch etwa drei Viertel der Gesamtbezüge ihrer Konzern-Kollegen kassieren, verdienen Japans Kleinstwerker nur knapp ein Drittel.
Anders als die Stammarbeiter in den Großbetrieben bekommen sie keine Gratifikation, kaum Sozialleistungen, keinen Gratisurlaub und keine Pension.
Japans Minifirmen machen in Krisenzeiten als erste pleite. "Ein grausames System", stellt der "Economist" lakonisch fest, "aber für die Wirtschaft das beste."
Die Kleinen sind in der Regel durch feste Lieferverträge an die Großen gebunden -- und damit völlig abhängig von ihren Auftraggebern. Sie müssen Halbfabrikate zu konkurrenzlos niedrigen Preisen abliefern -- was die Kosten der Großunternehmen senkt.
Japans offizielle Statistik kennt nur einige hunderttausend Arbeitslose, in den Kleinbetrieben aber vegetiert eine Reservearmee von etwa drei Millionen Arbeitern, die nur durch zusätzliche Betätigung in der zumeist elterlichen Landwirtschaft über das Existenzminimum kommt.
Japans Kleine müssen sich nicht nur für wenig Geld abrackern, sie müssen auch unter allen Umständen pünktlich liefern. Ein zu spät erledigter Auftrag kann sie ihre Existenz kosten. Die Unternehmen verlassen sich so sehr auf die Einhaltung einmal festgelegter Zeitpläne, daß sie sich kaum Vorrats- und Pufferlager anlegen -- und damit wieder erhebliche Kosten einsparen. Pünktlichkeit ist eine der Haupttugenden des modernen Japan -- zumindest im geschäftlichen Bereich.
Im Sommer letzten Jahres forderte die Eisenbahnverwaltung alle Japaner auf, ihre Uhren nach Ankunft und Abfahrt ihrer "Tokaido"-Schnellzüge zu stellen. Tatsächlich betrug die Verspätung von 2339 Schnellzügen zwischen dem 1. und 16. August 704 Minuten -- durchschnittlich 18 Sekunden pro Zug.
Ob beim Start eines olympischen Wettbewerbs, beim Stapellauf eines Ozeanriesen oder beim morgendlichen Wecken im Hotel: In Japan klappt alles auf die Minute genau.
Fast alles. Am 4. Februar 1966 lenkte Flugkapitän Masaki Takahashi, von einem Klub japanischer Linien-Piloten als "hochangesehener Experte in der Kunst der Direktanfluglandung" dekoriert, seine Boeing 727 von der All Nippon Airlines auf Tokios Flugplatz Haneda. Um 18.59 Uhr war er noch 21,6 Kilometer von der Landebahn entfernt und steuerte mit 450 bis 468 Stundenkilometer in 3300 Meter Höhe die Einflugschneise an.
Obgleich die Boeing höchstens 700 Meter in der Minute fallen darf, zwang der japanische Pilot sie mit 1,1 Kilometer pro Minute herunter, anstatt eine -- zeitraubende -- Flughafenrunde einzulegen. Die Maschine verfehlte die Landebahn und versank im Meer. 133 Menschen kamen in einer der größten Katastrophen der Luftfahrtgeschichte ums Leben.
Die Ursache des Unglücks wurde niemals öffentlich geklärt. Alle Instrumente hatten einwandfrei gearbeitet, schadhaftes Material konnte die Unfall-Kommission auch nicht feststellen, und die Maschine hatte noch für zwei Flugstunden Sprit an Bord. Japanische Flugpiloten verraten den vermutlichen Grund der Katastrophe unter der Hand: Flugkapitän Takahashi wollte pünktlich sein. Die Ankunftszeit war 19.10 Uhr.
Pünktlichkeit und Präzision, Fleiß und Familiengeist, Zucht und Zuverlässigkeit, Mut zu Neuem, ausgeprägter nationaler Ehrgeiz und die großen Opfer seiner Menschen haben zu Japans Wirtschaftswunder geführt.
Japans Führung ist damit nicht zufrieden. So wie sie hart ist gegen ihre eigenen Untertanen, ist sie hart auch gegen die anderen. Japan "überläßt Aktionen wie 'Brot für die Welt' Ländern mit schlechtem Gewissen", schreibt Japan-Kenner Vahlefeld, "und macht ohne Sentimentalitäten nur schlichte harte Geschäfte."
Harte Geschäfte machte Japan mit den Kriegen der Amerikaner. Der Koreakrieg brachte Japans Wirtschaft US-Aufträge im Wert von zehn Milliarden Mark -- und leitete den ersten Nachkriegsboom ein. Am Vietnamkrieg, den ihre Studenten in wütenden Demonstrationen verdammen, verdienten Japans Unternehmer bisher jährlich etwa vier Milliarden Mark.
Der amerikanische Bombenkrieg gegen Nordvietnam ließ Japans Unternehmer kalt. Aber am Wiederaufbau des zerstörten Landes wollen sie verdienen. Als US-Präsident Johnson im Oktober vergangenen Jahres den Bombenstopp dekretierte, verkündete Japans Regierung sofort ein Aufbauprogramm für Vietnam.
Die Regierung lenkt und koordiniert die Exportwirtschafts-Expansion. In allen wichtigen Ländern fördert die "Japan Export Trade Promotion Agency (Jetro) Nippons Exportoffensive. Der japanische Außenhandelsrat "Nihon Boeki Kai", ein Zusammenschluß der großen japanischen Außenhandelsfirmen, sorgt sich um Details.
Jetro-Experten tüfteln alle Exportmöglichkeiten aus, die beispielsweise die "Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung" (OECD) ihren Mitgliedsländern -- darunter seit 1964 auch Japan -- erlaubt, und teilt sie den japanischen Außenhandelsfirmen mit.
Japanische Exportunternehmen erhalten finanzielle Hilfen durch
* Steuerrückvergütungen,
* Refinanzierung über die Export-Import-Bank und
* Abdeckung der Exportrisiken über Versicherungen der Exporterlöse, der Werbung, der Investitionsgelder sowie der Auslandsgewinne.
Exporteuren von technischem Know-how billigt Japans Regierung besonders hohe Abschreibungssätze zu. Rückstellungen für die Erschließung ausländischer Märkte können -- anders als in Deutschland -- vom Gewinn abgesetzt werden.
Japans Unternehmer nutzen die Regierungshilfe mit asiatischer Geschicklichkeit. In den Vereinigten Staaten beispielsweise beauftragen sie US-Firmen mit der Absatzplanung, wenn sie kaschieren wollen, daß die Erzeugnisse aus Japan stammen. Eine Umfrage unter amerikanischen Rundfunkhändlern zeigte, daß die wenigsten von ihnen wußten, daß die Farbfernsehgeräte aus Japan kamen.
Der Welt größter Motorradfabrikant, Honda, verschaffte sich in den USA erst eine Nachfrage nach Motorrädern -- die als Rocker-Symbol unpopulär waren -- mit dem Werbespruch: "Sie treffen die nettesten Leute auf einer Honda". Staunte ein amerikanischer Manager: "Daneben wirken unsere Marketing-Experten manchmal wie Provinzler."
Japans Marketing-Feldzüge in den Vereinigten Staaten waren so erfolgreich, daß einige von ihnen den berühmtesten amerikanischen Wirtschaftsuniversitäten bereits als "case studies" -- beispielhafte Fallstudien -- dienen.
Im Dezember vergangenen Jahres kapitulierte erstmals ein amerikanisches Großunternehmen, der Seifenhersteller Procter & Gamble Co., auf einem ausländischen Markt -- vor den Japanern. In Formosa kontrollierten die Amerikaner 45 Prozent des nationalchinesischen Marktes -- bis die Japaner kamen. Heute empfangen sie ihre Order aus Tokio -- von der Kao Soap Co.
Japans Ausfuhr stieg im vergangenen Jahr um 25 Prozent, um mehr als doppelt soviel wie der Welthandel. Neuestes Ziel der Jetro-Leute: Europa -- Deutschlands wichtigster Markt.
In einigen Distrikten der EWG-Hauptstadt Brüssel patrouilliert die Polizei bereits in nagelneuen Toyota-Wagen. In Amsterdam wird Japans größter Hotelkonzern, Okura, ein 32stöckiges Hotel bauen, das in Komfort und Perfektion Hilton übertrifft.
Die Bundesrepublik ist mit vier Prozent des gesamten japanischen Exports bereits größter Handelspartner in Europa. Japans viertgrößter Automobilfabrikant, Honda -- in Japan "der Hungrige" genannt -- kaufte in Westdeutschland ein komplettes Service-Netz mit 700 Vertragshändlern auf, bevor er im vergangenen Jahr die Kleinwagen N 600 und N 360 sowie die Sportwagen S 500 und S 800 startete.
Spitzenreiter unter den Japan-Importen sind jedoch elektronische und optische Gebrauchsartikel. Japan exportiert 50 Prozent seiner Tonbandproduktion, 60 Prozent aller Kameras und 90 Prozent aller Radios -- und bietet sie zu konkurrenzlos niedrigen Preisen an.
Das reicht Japans Führung noch nicht. Nach Jetro-Bericht soll die Industrie ihre Europa-Exporte auf Waren konzentrieren, die einen hohen Forschungsaufwand und große technologische Kenntnisse voraussetzen.
"Wir haben die Welt zu unserer Bühne erklärt", sagt Taizo Ischisaka, Ehrenpräsident des mächtigen Industrievereins Keidanren und Grand Old Man der japanischen Wirtschaft, "dementsprechend müssen wir handeln."
Anders als im Westen akzeptieren Japans sozialistische Parteien und Arbeiterorganisationen das weitgehend kapitalistische Wirtschaftssystem. Nicht sozialistische Gesellschaftsformen sind ihr Ziel, sondern soziale Verbesserungen. Nicht von marxistischen Gesellschaftsnormen lassen sie sich leiten, sondern von Gefühlen. "Nicht Logik entscheidet", schreibt Japan-Expertin Ingeborg Y. Wend, "sondern eine Stimmung."
"Wenn es den japanischen Arbeitern so gut ginge wie den westdeutschen", sagte Kaoru Ohta, Ex-Präsident der größten Gewerkschaft "Sohyo" einmal, "dann wäre Japan das ideale Land."
Gefühl und Stimmung leiten auch Japans radikale Studenten. Etwa 13 000 Radikale bilden den militanten Kern der "Zen Nihon Gakusei Jichikai Sorengo" (Alljapanische Föderation autonomer Studentenvereinigungen) -- kurz "Zengakuren" genannt -- der die Hälfte der insgesamt 1,5 Millionen Studenten angehören. Sie demonstrieren zwar auch gegen das Establishment, zumeist aber gegen die Vereinigten Staaten -- das Symbol der einzigen japanischen Niederlage.
Japans radikale Studenten berufen sich dabei weniger auf Marx und Marcuse als vielmehr auf einen anderen deutschen Philosophen, dessen Philosophie Faschisten und Nationalsozialisten usurpiert hatten: Nietzsche.
"Nietzsche, der eine totale Umwertung aller Werte durch die totale Negierung aller bestehenden Werte anstrebte, mußte sich selbst zu einem Verrückten machen", proklamierte das Studenten-Kampfblatt "Shingeki" (Vorwärts) der japanischen Elite-Universität Todai. "Wir sind stolz darauf, Verrückte zu sein.
In einem inhumanen System zieht sich Japans junge Generation nicht auf Ideologien zurück -- sondern auf die Humanität.
Doch noch bestimmen nicht Nietzsche-Jünger Japans Schicksal. Politologie-Professor Wakaizumi: "Japan respektiert noch immer das Alter, deshalb wird diese Generation erst Ende der siebziger Jahre eine wirkliche Macht darstellen."
Bis dahin beherrscht noch Japans traditionsbehaftete -- und in Disziplin geübte -- Generation das Land. "Man sagt, das 21. Jahrhundert werde das Jahrhundert Japans sein", stellt Premierminister Sato fest. "Es ist meine Pflicht, das zu realisieren."

DER SPIEGEL 22/1969
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