26.05.1969

DIESE WOCHE

"Weil Deutsch eine so schwierige Sprache ist", erfuhr die japanische Schriftstellerin Hisako Matsubara (Photo) in einem deutschen Wirtshaus, "können Sie den Humor unseres Volkes nicht voll verstehen."
Für den unfreiwilligen Humor deutscher Küchen-, Kneipen- und D-Zug-Bekenntnisse jedoch ("Quark mit Schnittlauch und Petersilie ist gesund") hatte die Japanerin ein feines Ohr. Einige ihrer ironischen Reise-Marginalien, 1968 als Buch erschienen, sprach sie nun mit dezentem Fernost-Tonfall dem WDR ins Mikrophon. Dazu zeigt der Regisseur Hansen Stillleben und Schnappschüsse aus der Perspektive eines Photoapparats mit Wechselobjektiv.
Im Rhythmus des gelesenen Textes, durchschnittlich alle vier Sekunden, tasten Studiokameras eines von 2500 Schwarzweiß-Bildern ab, die Hansen photographiert hat: Opas auf Bänken, Putten im Park, Hinterhöfe, Bahnhöfe, Friedhöfe, Frauen am Fenster, Kinder auf der Straße und deutsche Männer im Gesangverein.
"Ich bin der Meinung", erklärt Hansen, "daß unsere Arbeit ein diskutabler Versuch ist, Literatur im Fernsehen zu interpretieren." Manchmal liefern seine Stand-Photos tatsächlich einen diskutablen Kommentar oder eine verblüffende Pointe zum Text; manchmal, beim Blick durchs Geäst und in die Wolken, sind sie auch nur von ästhetischem Reiz.
Das achte Feuilleton des Matsubara-Buches hat der Regisseur in seinem "Photofilm" wohlweislich ausgespart. Es behandelt das Westdeutsche Fernsehen und heißt "Kölner Mühen um Kultur".
Eines stellt der Philosoph und Prophet der Studentenrebellion richtig: Zur Revolution habe er niemals aufgerufen. Und Karasek, der Interviewer, nickt dazu -- das Nickerchen macht der alles begreifende "Zeit"-Redakteur den ganzen Film hindurch, was immer der große Horkheimer auch sagt.
Und Max Horkheimer, 74, Autor jener kritischen Gesellschaftstheorie" die mittlerweile die Studenten auf die Barrikaden getrieben hat, distanziert sich nun von der Saat der Gewalt. Einen Umsturz hält die ehemalige Frankfurter Magnifizenz nicht für nötig, und von seinen Schülern erwartet der Emeritus, daß sie "hellere Menschen" werden, die "aus Einsicht allmählich die Welt verbessern".
In langen Sätzen interpretiert Horkheimer (Photo) seine Ansichten über Marx, die Philosophie und die Universität; der Kommentator Karasek, der dem alten Herrn bei einem kurzen Waldspaziergang auch mal etwas Bewegung gönnt -- sonst nämlich sitzt Horkheimer im Lehnstuhl im Tessin -- sagt dann alles noch einmal.
Die größte Chance für eine neue Gesellschaftsordnung sieht der Denker in einer Rückbesinnung auf die gute alte Zeit, und Karasek wiederholt: "Tradition spielt eine wichtige Rolle."
"Heute", so klagt Horkheimer, "bildet sich bei den Menschen kein Gewissen mehr- im 19. Jahrhundert war das noch anders." Doch die meisten Menschen, das hätte er schließlich bei Marx nachlesen können, hatten damals bei 14 Arbeitsstunden am Tag für einen solchen Luxus gar keine Zeit.
"Ein Politiker ist kein Filmstar", sagte er und zögerte zunächst, sich der Kamera zu stellen. Dann aber, so berichtet Matthias Walden, "kam er der Kamera doch sehr entgegen und machte mit; vielleicht sollte ich besser sagen: Er spielte mit". Denn Dr. Rainer Barzel (Photo), Bonner Fraktionschef der CDU/CSU und -- nach Strauß, Brandt, Kiesinger und Schmidt -- vorerst letzter Gast in Waldens Fernseh-Galerie, vergaß "in keinem Augenblick Risiko und Chance der Darstellung vor Millionen" (Kommentar).
Wie er gesehen werden möchte, Walden zeigt es: Als biederer Hausvater, Flaschen entkorkend, daheim bei Frau und Tochter, die ihn bisweilen "irrsinnig gut" finden; als bedeutender Staatsmann in London, der bei Wilson Visite macht; als Mann von Geist in Bonn, der lästige Besucher aus dem Büro scheucht: "Laßt mich in Ruhe, ich muß jetzt wirklich denken."
Sein Rollenfach ist die Charge, behend wechseln Bühnen, Publikum und Repertoire. Unter Kollegen gibt er sich als agiler Verhandler, auf Versammlungen als Redner von Rang, bei den Bauern fährt er -- auf einer Landwirtschaftsschau -- Ehrenronden mit dem Trecker, und den Wählern im Barzel-Wahlkreis Paderborn kommt er "wie ein routinierter Kassenarzt mit florierender Praxis" (Kommentar).
Doch seine Darstellung überzeugt so wenig wie das meiste, was er sagt -der konservative Matthias Walden verzeichnet es angesichts des konservativen Gesinnungsfreundes mit Melancholie: "Er hat Schwierigkeiten mit seiner Ausstrahlung." Denn sosehr er sich auch müht, "so zu sein, wie es von ihm erwartet wird", ein verlegenes Lächeln hier, ein bißchen zuviel Selbstsicherheit dort verraten die Grenzen seiner Kunst.
Waldens Urteil nach 45 Barzel-Minuten trifft den Mann, und es trifft den Nagel auf den Kopf: "Er wird wachsen müssen, um einst aus dem Reagieren ins Regieren zu finden." Wenn er überhaupt noch wachsen kann.
Dieter Waldmann, 43, Chefdramaturg des Südwestfunks, will mit seinen Fernsehspielen "die sozial niederen Schichten ansprechen". In "Hürdenlauf" beklagte er, daß in deutschen Schulen Arbeiterkinder benachteiligt werden. In "Schrott", seiner neuesten Produktion, berichtet er, zusammen mit der Soziologin Kesling, über Werktätige, die durch die Automation vom Arbeitsplatz verdrängt werden: 1,5 Millionen Deutsche pro Jahr.
Angesichts seines fortgeschrittenen Alters empfiehlt die Geschäftsleitung beispielsweise dem Walzmeister Sommer (Wolfried Lier, Photo), "vorzeitig in den Ruhestand zu treten". Fast 30 Jahre hat der redliche Sommer vor dem Schmelzofen gearbeitet -- nun wird er an ein vollautomatisches Schaltpult gestellt und muß, als er dort versagt, noch einmal in die Lehrlingswerkstatt zurück.
Für dieses Lehrstück aus der Soziologenfibel hat Regisseur Itzenplitz bei Duisburg ausgiebig pseudodokumentarische Arbeiterbilder gefilmt, die er penetrant oft in eine fingierte Fernsehdiskussion einblendet. Er will damit zeigen, daß sich niemand ernsthaft um das Proletarierelend schert: Ein Fabrikchef schwafelt vom "Gefühl eines ehrenvollen Abschieds", ein Bonner Ministerialbeamter rät den Zwangspensionierten, "sich dem höheren Müßiggang hinzugeben"; und ein Gewerkschaftler macht den Mund nur ungern auf -- er hat mit den Fremdwörtern Schwierigkeiten.
Stereotype und Schablonen verschmäht Waldmann nicht, und auch der Südwestfunk hat es gemerkt. Er läßt im Anschluß an das hölzerne Spiel noch einmal richtige Sozialpartner über die "Schrott"-Probleme diskutieren.
Ehe und Scheidung haben im deutschen Fernsehen derzeit Konjunktur: Proske beklagte die Krise der Zweisamkeit, Bott pries die Großfamilie, Strobel und Tichawsky holten geschiedene Frauen vor die Kamera, und sogar Pfleghar unterhielt jüngst mit Ehe-Tristesse. Der Schwede Müller stellt nun noch einmal mit einer Spielhandlung dar, woran der Bund fürs Leben krankt: Die Frauen fühlen sich unverstanden und einsam, die Männer denken nur an den Beruf und sind zu oft unterwegs.
Acht Monate im Jahr geht Inge, Frau eines Konservenvertreters, nur mit Bekannten aus und auch mal mit dem Hausfreund Georg ins Bett. Sie läßt sich zum Essen einladen und zum Tanz führen, doch scheiden lassen will sie sich nicht. Denn mag der strapazierte Ehemann ihr statt des gewünschten Adoptivkindes auch nur einen Hund anbieten -- der Inge ist das immer noch lieber als die Offerte des Freundes: Ihr Mann soll Geschäftsführer in Georgs Firma werden, wenn Inge (Luitgard Im, Photo) auch offiziell ihre Partner tauscht. "Loskaufen jedoch", sagt die Dame, "kann man mich nicht."
Müllers Fernsehspiel, gut geschnitten und gut photographiert, liefert schließlich auch nicht mehr als ein unterhaltsames Klischee.
"I bin imma debrimiert", mault Kriminalinspektor Pokorny (Helmut Qualtinger) mit waberndem Doppelkinn: "Kein Kind, keine Frau, und die Karriere ist auch im Arsch."
Sie ist, zumindest, gebremst, seit der Beamte in Wien einen Unfallflüchtigen gewatscht hat. Zur Strafe in die Provinz versetzt, muß er nun gegen "idiotische Gscherte" ermitteln, "die sich gegenseitig die Hendln stehlen".
Nein, mit diesem Routine-Job ist Pokorny gar nicht einverstanden. Und der "Kurze Prozeß" gegen einen seiner Kollegen, der irrtümlich als Verbrecher (Raubüberfall auf die Dorfpost) angezeigt und verurteilt wird, bringt noch größeres Leid der österreichischen Kriminalbeamten ans Licht: Sie sind unterbezahlt. überfordert und eigentlich nur dazu da, "korrekte Beamte zu sein und zuzuschauen, wie man Raubmörder heranzieht, damit wir später jemand z'fang ham".
Die sozialkritische Raunz-Holle ist dem Kabarettisten Qualtinger ("Der Herr Karl") vom langjährigen Partner Carl Merz (Photo) nach einem britischen Kriminalroman auf den fülligen Leib geschneidert worden. Gemeinsam mit dem Regisseur Kehlmann hat Merz die Handlung aus dem britischen Proletariat ins österreichische Dorfmilieu verlegt.
Soviel wie bei seinem kürzlich verhunzten "Julius Cäsar" konnte Kehlmann dabei nicht verderben -- dank Qualtingers massiger Präsenz. Aber wenn er eine Kriminalsekretärin (Bruni Löbel) beim Kaffeeservieren gleich fünfmal zum Niesen reizt, gibt Pokorny allemal auch den rechten Kommentar zur Inszenierung: "I bin", schnauzt er, "überhaupt bedient."

DER SPIEGEL 22/1969
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 22/1969
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

DIESE WOCHE

Video 01:22

Humanoid-Roboter "Atlas" läuft Parkour

  • Video "Atlantischer Wirbelsturm: Meterhohe Wellen treffen auf Madeira" Video 00:54
    Atlantischer Wirbelsturm: Meterhohe Wellen treffen auf Madeira
  • Video "Duell in Portugal: Rallye-Auto vs Mountainbike" Video 01:17
    Duell in Portugal: Rallye-Auto vs Mountainbike
  • Video "Axtwerfen: Trendsport für den gestressten Großstädter" Video 01:58
    Axtwerfen: Trendsport für den gestressten Großstädter
  • Video "Hindu-Tempel in Berlin-Neukölln: Elefantengott auf der Hasenheide" Video 03:10
    Hindu-Tempel in Berlin-Neukölln: Elefantengott auf der Hasenheide
  • Video "Ironman Hawaii: In Rekordzeit zum Heiratsantrag" Video 01:05
    Ironman Hawaii: In Rekordzeit zum Heiratsantrag
  • Video "Mögliche Koalition mit den Grünen: Die CSU widerspricht unseren Inhalten" Video 01:28
    Mögliche Koalition mit den Grünen: "Die CSU widerspricht unseren Inhalten"
  • Video "Mechanische Kakerlake: Der schwimmende Laufroboter" Video 01:04
    Mechanische Kakerlake: Der schwimmende Laufroboter
  • Video "Mitflug im Ultraleichtflugzeug: Der mit der Gans fliegt" Video 05:03
    Mitflug im Ultraleichtflugzeug: Der mit der Gans fliegt
  • Video "Roboterfinger fürs Smartphone: Jeder sagt, der sei gruselig" Video 01:34
    Roboterfinger fürs Smartphone: "Jeder sagt, der sei gruselig"
  • Video "DFB-Niederlage in Amsterdam: Irgendwann ist das auch kein Zufall mehr" Video 01:07
    DFB-Niederlage in Amsterdam: "Irgendwann ist das auch kein Zufall mehr"
  • Video "CSU-Spitzenkandidat Söder: Für die Macht ist er bereit, alles zu tun" Video 03:51
    CSU-Spitzenkandidat Söder: "Für die Macht ist er bereit, alles zu tun"
  • Video "Bayerns Grünen-Kandidatin Katharina Schulze: Die Frau ohne Berührungsängste" Video 04:45
    Bayerns Grünen-Kandidatin Katharina Schulze: Die Frau ohne Berührungsängste
  • Video "Bayern vor der Wahl: Granteln ja, hetzen nein!" Video 03:21
    Bayern vor der Wahl: "Granteln ja, hetzen nein!"
  • Video "Hurrikan Michael: Ich hatte die größte Angst meines Lebens" Video 01:20
    Hurrikan "Michael": "Ich hatte die größte Angst meines Lebens"
  • Video "Humanoid-Roboter: Atlas läuft Parkour" Video 01:22
    Humanoid-Roboter: "Atlas" läuft Parkour