12.05.1969

PRESSE / „KONKRET“Ach, Ulrike

Klaus Rainer Röhl, 40, Herausgeber und Chefredakteur des Hamburger Polit-Periodikums "Konkret", schilderte seinen Eltern am Telephon die Lage: "Mammi, stell dir vor, die haben mir ins Bett gepinkelt."
Die -- das waren etwa 60 Apo-Anarchisten aus allen Winkeln der Republik, die mit dem willkürlichen Akt der Notdurft im Schlafzimmer der Privatvilla Röhls in Hamburg-Blankenese ihre Forderungen an das "einzige intakte Massenorgan der Linken" (Röhl) bekräftigen wollten:
* "Rücktritt von Klaus Rainer Röhl als Chefredakteur".
* "Übergabe der Zeitung an ein Redakteurskollektiv",
* "Mitbestimmung bei der Verwendung der Profite" (so ein Flugblatt zum Tage).
Unter dem Kommando der ehemaligen Chefredakteurin (1960 bis 1964), Kolumnistin (bis April 1969) und früheren Ehefrau Röhls (bis März 1968), Ulrike Marie Meinhof, 35, waren die KollektiviLsten in einer nächtlichen Sternfahrt (Reiseparole: "Seid nicht blöd, lest doch nicht "Konkret"") aus Berlin, Bremen, Münster und Frankfurt angereist. Einheimische Genossen fuhren mit dem Taxi vor.
Erstes Etappenziel: die Verlags- und Redaktionsräume von "Konkret" unmittelbar am Hamburger Gänsemarkt. Bewaffnet mit einer Holzfälleraxt zum Türeneinschlagen und gewappnet mit Agitations-Reimen für die "Konkret"-Mitarbeiter ("Ihr fahrt mit der Straßenbahn" der Chef reist mit 'nem Porsche an"), wollten die reisenden Revolutionäre die zwei Büro-Etagen der Zeitschrift besetzen.
Das Invasionsprojekt war das bislang deutlichste Signal einer Serie redaktionsinterner wie familiärer Zusammenstöße bei "Konkret" (Auflage: 225 000). Nach der Umstellung der 1955 als Studentenblatt gegründeten Zeitschrift von monatlicher auf 14tägige Erscheinungsweise im September letzten Jahres wurden die Wachstumsschwierigkeiten des Linksblattes immer offenkundiger.
Redaktions-Neulinge wie Peter Homann, 30, oder Reinhard Kahl, 20, der sozialistischen Praxis, aus der sie kamen, noch verbunden, nahmen immer lauter an den vertriebsfördernden "Schmierenstücken über Liebe zu viert, über Beate Uhse, über Pfänderspiele und Koitus interruptus" in "Konkret" Anstoß und wollten das Blatt zu einem "Forum für linke Agitation" ausbauen. "Konkret"-Chef Röhl wie Verlagsleiter und Miteigentümer (30 Prozent) Klaus Steffens hingegen empfanden den auflagehemmenden "Apo-Kram" immer mehr als Ballast.
Ulrike Marie Meinhof agitierte in ihrer Kolumne, die nicht redigiert und zuletzt mit 3000 Mark monatlich dotiert wurde, gegen die "Verinnerlichung des verlegerischen Profit-Interesses in den Redaktionen". Röhl seufzte in der gleichen Nummer zurück: "Ach, Ulrike ..."
Homann, Kahl und andere Jungredakteure machten sich dann -- von Ulrike Meinhof protegiert -- daran, in "Konkret" eine Gegen-Redaktion zu installieren, Zu den Redaktionskonferenzen wurden bald auch die Sekretärinnen, Redaktions-Assistentinnen und Layout-Damen geladen und schließlich gar Mädchen aus den roten Zirkeln Berlins hinzugezogen. Röhl: "Ich fürchtete immer, die Mädchen machen gleich Striptease -- dabei waren das ganz schlimme Typen." Die Typen wurden noch schlimmer. Röhl: "Die nannten mich sogar einen autoritären Pimmel."
Der Verlagschef zog die Konsequenzen. Er feuerte Homann (Röhl: "Ein Mensch, der nicht einmal einen Vorspann schreiben kann"), Kahl (Röhl: "Bei dem nützt auch eine lange Volontärszeit nichts") und trennte sich schließlich auch von Ulrike Meinhof (Röhl: "Mein bestes Pferd im Stall"). Röhls Ex-Frau hatte zum Schluß statt ihrer Namens-Kolumne anonyme Kollektiv-Artikel angeboten. Die aber wollte Röhl nicht drucken.
Ulrike Meinhof resignierte zunächst: "Ich gebe den Kampf um die Zeitung auf." Fünf Tage später, am Tag der Arbeit, hatte sich die Kolumnistin samt Genossen aber schon wieder gefaßt. Ein weiterer Versuch, Röhl zur Zusammenarbeit zu zwingen, so kündigten sie in der Berliner "Roten Presse Korrespondenz" am 1. Mai an, "müßte auf einer anderen Ebene, mit anderen Mitteln unternommen werden".
Am Mittwoch letzter Woche war es dann soweit. Und penibel, wie deutsche Revolutionäre nun mal sind, gingen sie ans Werk: Erst einmal bestückten sie die Parkuhren am Hamburger Gänsemarkt mit Münzen. Dann gingen sie "Zum Stadtbäcker" frühstücken: schwarzer Tee, weiches Ei.
Nach der Einkehr erreichten sie durch bloßes Herumstehen Im hanseatischen Alltag Ihr erstes Provokationsziel: "Die Polizei des Kiesinger-Staates" (Röhl) bewachte die Räume der Halbmonats-Zeitschrift, die jahrelang gegen Polizei-Terror und Notstands-Staat gewettert hatte. Röhl: "Ein gefundenes Fressen für die bürgerliche Presse." Freilich: "Keine Ahnung, wer die Polizisten gerufen hat."
Vorsorge hatte der "Konkret"-Chef in anderer Hinsicht schon getroffen. Tags zuvor hatte er wichtige Papiere und Arbeitszeug "nach Vietcong-Taktik" auf angeblich zehn geheimgehaltene Arbeitsstätten dezentralisieren lassen. Die Büros am Gänsemarkt wollte er kampflos den Usurpatoren überlassen: "Die können dort die Wände bemalen und die Schreibtische umfunktionieren -- sonst nichts." Allerdings: "Es werden zum erstenmal in der Geschichte der antiautoritären Bewegung Wände sein, an denen die Bilder von Che Guevara, Ho Tschi-minh und Rudi Dutschke hängen."
Die "Konkret"-Wände indessen, von Staatsmacht beschützt, blieben heil. Überschritten wurde an diesem Tag eine andere Schwelle revolutionärer Taktik. Nach ihrem Aufmarsch am Gänsemarkt nämlich stürmten Ulrikes Knappen die Ferdinands Höh in Hamburg-Blankenese. Dort hatte Röhl ("Mit Bauspar-Geldern") vor zweieinhalb Jahren zusammen mit Ehefrau Ulrike für 150 000 Mark eine Villa erstanden und bis zur Scheidung vor einem Jahr auch gemeinsam bewohnt.
Nun führte Hausherrin Ulrike, der laut Röhl noch immer ein Drittel der Villa gehört, ihre neuen Freunde in das Haus -- durch die Hintertür. Mit dem Gleichmut kleinasiatischer Viehhirten rupften die Gäste Telephonkabel aus der Wand, kippten antikes Mobiliar, hohen Spiegel aus dem Rahmen, prüften Röhls Freizeitlektüre (Ernst Bloch: "Das Prinzip Hoffnung") und zertraten ohne Hast alte französische Stiche. Röhl: "Noch nie ist so intimer, individueller Terror angewendet worden."
Im Obergeschoß machte sich ein Spezialtrupp an das Schlafzimmer des "Konkret"-Chefs. Röhls Unterwäsche, zum Trocknen über die Heizung gehängt, blieb unberührt. Russische Revolutionsplakate, Kleinmöbel und die grün-blau karierten Bettdecken des Hausherrn flogen durchs Fenster in den Garten. Und aufs weiße Linnen urinierte einer der Rebellen sein revolutionäres Signal.
"Konkret"-Feuilletonist Peter Rühmkorff, in dessen Haus am Elbufer sich Röhl schon seit Tagen verbarg, analysierte unterdessen die Ereignisse: "Das ist bei denen alles Basisarbeit." Im sicheren Versteck -- Rühmkorff, Pistole in der Hosentasche: "Wenn die kommen, schieß" ich sofort"
hielt sich "Konkret"-Chef Röhl übers Telephon auf dem laufenden.
Mal meldete sich Bruder Wolfgang ("Das Blatt ist im Kasten"), der sich in den früheren Redaktionsräumen am Alten Steinweg verbarrikadiert hatte, mal berichtete Verlagsleiter Steffens über die -- vermeintliche -- Entführung seiner Familie: "Die haben Püppi und die Kinder gekascht." Steffens Frau Gudrun: "Die wollten mich mitnehmen und politisieren." Aber: "Ich fuhr nur mit, um alle die Leute von meinem Haus wegzukriegen."
Klaus Rainer Röhl, der so geschickt, geschäftstüchtig und erfolgreich Sex mit Sozialismus und Pornographie mit Politik vermengt (Titel der jüngsten Nummer: "Die Linken und die Lust"), empfand die Ausuferung des ideologischen Zwists in den Intimbereich seiner Wohnung an diesem Tag als "absurd und pervers".
Doch läßt sich auch bei dem ehemaligen Ehepaar Röhl/Meinhof Intimes von Ideologischem nicht säuberlich trennen. Rühmkorff, der "Konkret" mitgründete und nach jahrelanger Abstinenz nun wieder dabei ist, über die Hintergründe der Invasion: "Das ist Bruderzwist im Hause Habsburg."
Es ist mehr: Der Konflikt zwischen Klaus und Ulrike trägt unverkennbar die Züge unbewältigter Gegenwart eines Familienkrachs in Permanenz, mindestens aber der Nachwehen einer sehr komplizierten Scheidungsaffäre.
Bürgerlich, rechtlich, finanziell wurde im März letzten Jahres alles aufs ordentlichste geschieden: Klaus Röhl, schuldig, muß zahlen (Röhl: "Alles in allem an die 1200 Mark monatlich"), Ehefrau Ulrike bekam die Kinder, zwei Mädchen, Zwillinge, sechs Jahre alt.
Ulrike Meinhof lebte zwar fortan in der Nähe Berliner Kommunen, aber sie leitartikelte weiter in Röhls Zeitschrift, auch über den Konflikt, den, "wer Familie hat, auswendig (kennt)". Ulrike über Ehekräche im allgemeinen: "Diese Privatsache ist keine Privatsache."
Röhl seinerseits mißtraute der Gefährtin ebenso wie deren neuen Freunden, die sie in die Redaktion einzuschleusen versuchte. Gegen den bullig-unbekümmerten Berliner Kommunarden Homann hatte der zartwüchsige Verleger nicht nur qualitative Einwände (Röhl: "Seine schlechten Recherchen haben mich über 25 000 Mark gekostet"), sondern ein kreatürliches Unbehagen. Von seinen Zwillingen erfuhr Röhl am Tage der Invasion am Telephon: "Der Homann is immer bei der Mammi."
Ulrike Meinhof, vom Genossen Homann ("Das war ja ziemlich beschissen") und von eigens angereisten SDS-Ideologen aus Frankfurt kritisiert, zog Mittwochabend im Republikanischen Club zu Hamburg ihre Tagesbilanz: "Da hat man mal was gemacht, und die einen sagen "prima" und die anderen sagen "Scheiße"."
Der Meister selber aber dachte an die ferne Zukunft ("Auch im Sozialismus gibt es Häuser") und, obschon versichert, an seinen Hausrat: "Alle meine antiken Sachen sind kaputt."
Nicht alle. Eine alte, vergilbte Seidenstickerei im Flur ist noch erhalten. Röhl, der "das einzige Apo-Blatt wie bisher weiterführen will", kann sich an der Inschrift auch künftig orientieren: "Gott hat geholfen, Gott hilft noch, Gott wird weiterhelfen."

DER SPIEGEL 20/1969
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