12.05.1969

„Wir werden am Galgen enden!“

1. Fortsetzung
Im Herbst 1939 lud Oberst Hans Oster, Leiter der Zentralabteilung der Abwehr und Motor der militärischen Opposition gegen Hitler, den Münchner Rechtsanwalt Dr. Josef ("Ochsensepp") Müller nach Berlin ein. Mit Müller wollte er die Voraussetzung schaffen für den projektierten Militärputsch: Kontakt mit England über den Vatikan.
Oster kannte bereits Müllers Verbindungen zum Vatikan, als er den Anwalt im- Namen des Abwehr-Chefs Wilhelm Canaris zu sich bat. Auf der Suche nach einem geeigneten Mittelsmann zum Vatikan hatte Oster sorgfältige Nachforschungen angestellt. Müller war ihm durch den Berliner Anwalt Etscheit, einen Freund des Heeres-Generalstabschefs Franz Halder, empfohlen worden.
Müller wunderte sich, als er am Tirpitzufer, dem Sitz der Abwehr, nicht von dem Amtschef Canaris, bei dem er angemeldet war, sondern von Oster und dessen politischem Berater, dem Abwehr-Sonderführer Hans von Dohnanyi, empfangen wurde. "Wir wissen viel mehr über Sie als Sie über uns", leitete Oster das Gespräch ein.
Dann demonstrierte er Müller, wie gut er über den Anwalt Bescheid wußte. "Die Zentralabteilung der Abwehr", klärte er Müller auf, "ist gleichzeitig die Zentraldirektion der deutschen Militäropposition unter General Beck." Wenn Müller sich bereit erkläre, als Reserveoffizier in die Abwehr einzutreten, würde das faktisch nicht mehr bedeuten, als daß er sich dem Widerstand anschlösse.
Er würde nominell der Münchner Abwehrstelle zugeteilt werden, ohne aber ihrer Befehlsgewalt zu unterstehen. Auch würden Canaris und Oster ihm keine nachrichtendienstlichen Aufgaben zuweisen, die er nicht übernehmen wolle. Sein Auftrag habe nur das eine Ziel: über den Vatikan die Verbindung mit England herzustellen, deren die Opposition so dringend bedürfe.
Die Abwehr, so Oster, werde Müller auch vor Sicherheitsdienst und Gestapo schützen. Natürlich würde seine Mission trotzdem riskant sein." Im Kriege müssen wir unser Leben einsetzen. Hier setzen wir es für den Frieden ein."
Zuletzt schlug Oster vor, daß sie einander zweierlei versprechen sollten: Erstens, jeder werde nur mit dem einen Gedanken arbeiten: "Entweder Hitler oder wir!" und zweitens, wenn einer von ihnen gefaßt würde, müsse er bereit sein, allein zum Galgen zu gehen. Mit einem Händedruck besiegelten die beiden Männer ihr Bündnis.
Müller wurde als Oberleutnant einberufen und der Abwehr in München
® 1969 Verlag C. H. Beck, München.
zugeteilt. Es bedurfte langer Überlegung, um einen hinreichend plausiblen Grund für seine römische Mission zu finden. Nach der Version, die Canaris seinem Vorgesetzten Keitel vortrug, sollte Müller seine Beziehungen zum Vatikan benützen, um die Entwicklung in Italien zu beobachten. Angesichts des Mißtrauens, das Keitel gegen die italienische Politik hegte, war diese Erklärung genau das Richtige.
Innerhalb der Abwehr-Zentrale wurde dagegen die Version verbreitet, Müller habe seine Aufmerksamkeit der Einstellung der Alliierten zu einem Friedensschluß zu widmen. Jeder seiner Berichte solle einen abschließenden Teil "Derzeitige Friedensmöglichkelten" enthalten. Die Bezeichnung bot zugleich einen gewissen Schutz, sollte jemals ein Bericht in die falschen Hände geraten.
Der Polenfeldzug (September 1939) war noch im Gange, als Müller seine Arbeit in Rom aufnahm, mit Pater Robert Leiber, dem Vertrauten von Papst Pius XII., in Kontakt kam und sich um die Hilfe des Papstes bemühte. Seine erste römische Reise, von der Müller am 5. Oktober nach Berlin zurückkehrte, war Sondierungsgesprächen mit den deutschen Helfern des Heiligen Vaters gewidmet.
Müller besprach sich zunächst mit Monsignore Ludwig Kaas, wie man am besten an den Heiligen Vater herantreten könne, und erhielt den Rat, sich an Pater Leiber zu wenden, der ständigen Zugang zum Papst hatte.
Wir wissen nicht, wann Müller das nächste Mal nach Rom aufbrach, aber der spätere Gestapo-Rechercheur und Oster-Liquidator Walter Huppenkothen gibt, auf Dohnanyis Aufzeichnungen gestützt, das Datum seiner Rückkehr an -- 18. Oktober. Die Notiz bezog sich speziell auf die Zustimmung des Papstes, die Vermittlung zu übernehmen, wie auch auf seine Erwartung, daß ein Friede, der "günstig für Deutschland" sei, abgeschlossen werden könne, vorausgesetzt, es komme zu keinem Angriff im Westen und Hitler werde entmachtet.
Die Neuigkeit, daß Müller mit erfreulichen Nachrichten aus Rom zurückgekehrt sei, verbreitete sich offenbar sehr rasch durch die Aktionsgruppen der Opposition in Berlin und Zossen (Sitz des Oberkommandos des Heeres = OKH).
Schon zwei Tage danach erreichten ihre Ausläufer auch den im OKH placierten Oster-Konfidenten Groscurth, der am 20. Oktober in sein Tagebuch eintrug: "Auch der Papst ist sehr (an einer Friedensvermittlung) interessiert und hält ehrenvollen Frieden für möglich. Verbürgt sich persönlich dafür, daß Deutschland nicht betrogen wird. Bei allen Friedensvermittlungen stößt man auf die kategorische Forderung nach der Beseitigung Hitlers."
Schon beim ersten Kontakt mit Müller hatte sich Pater Leiber einverstanden erklärt, dem Papst die grundsätzliche Frage der Opposition zu übermitteln, ob der Heilige Vater bereit sei, die Vermittlung zwischen dem deutschen Widerstand und der britischen Regierung zu übernehmen, um eine Verständigung über ein militärisches Stillhalten während einer Erhebung in Deutschland und über die Bedingungen eines Friedensschlusses anzubahnen.
Müller hatte auch angedeutet, falls es wünschenswert erscheine, würde Generaloberst Ludwig Beck, der Senior der militärischen Opposition, selbst nach Rom kommen und den Heiligen Vater aufsuchen. Plus XII. sonst so bedachtsam, entschloß sich in diesem Fall ohne langes Zögern.
Pater Leiber erzählte zwei Jahrzehnte nach diesen Ereignissen, der Papst habe sofort gesagt: "Die deutsche Opposition muß in England Gehör finden", und sich bereit erklärt, für sie zu sprechen. Fünf Jahre später -- Leiber war damals fast achtzig -meinte er, diese Worte seien nach einem Tag Bedenkzeit gesprochen worden.
Jedenfalls kann die rasche Bereitschaft des Papstes, als Vermittler zwischen einer Verschwörung in einem kriegführenden Land und der Regierung eines gegnerischen Staates aufzutreten, als eines der erstaunlichsten Ereignisse in der modernen Geschichte des Papsttums bezeichnet werden. Pater Leiber konnte sich bis in seine letzten Lebenstage nicht von diesem Schock erholen und betonte immer wieder, der Papst sei viel zu weit gegangen.
Zweifellos grenzte dieser wagemutige Schritt fast an Tollkühnheit. Die Risiken für den Papst persönlich und die Kirche waren nicht abzuschätzen. Zwar hätte die NS-Regierung, wäre sie dahintergekommen, wohl kaum, wie Pater Leiber einmal sagte, "den Papst in kleine Stücke gehauen", aber sie hätte einen glänzenden Vorwand gehabt, einen großangelegten Schlag gegen die katholische Kirche zu führen -- in Deutschland und überall dort, wo die SS einzog.
Daß der britische Premierminister Neville Chamberlain und sein Außenminister Lord Halifax dem Papst schon zuvor versichert hatten, sie würden die Hilfe des Vatikans bei etwaigen Friedensbemühungen begrüßen, ermutigte zweifellos Pius XII. von Anfang an, seine guten Dienste zur Verfügung zu stellen. Bei der zweiten oder dritten Zusammenkunft mit Müller teilte Pater Leiber ihm mit, daß London sich bereit erklärt habe, Gespräche aufzunehmen.
Von da an tauschte Müller, nachdem er in Berlin durch Oster und Dohnanyi seine Instruktionen erhalten hatte, in Rom mit Pater Leiber Fragen und Antworten aus. Zunächst trafen sie sich in der Wohnung des Priesters in der Gregoriana (Piazza della Pilotta 4), an der Leiber eine Professur innehatte.
Sie gingen dabei immer höchst vorsichtig zu Werke, Sobald Müller in Rom ankam, meldete er sich telephonisch mit einem einfachen "Ich bin da", worauf Leiber lediglich mit der Uhrzeit antwortete, zu der er ihn erwartete.
Von Pater Leiber aus führte die Leitung direkt über den Papst und den britischen Botschafter beim Heiligen Stuhl, Sir Francis d'Arcy Osborne, nach London. Auf ausdrücklichen Wunsch des Pontifex konferierten er und Müller niemals persönlich miteinander. Pius XII., stets vorsichtig und vorausblickend, wünschte, daß er und Müller immer sagen könnten, sie hätten einander seit Kriegsbeginn nicht mehr gesehen.
Man verfuhr so, daß Müller Fragen vorlegte, die Sir Francis dann nach Rückfrage in London mündlich oder schriftlich (auf englisch> beantwortete. Zumeist gab der Papst die Antwort mündlich an Pater Leiber weiter, aber mindestens einmal zeigte er dem Priester ein Blatt, das der englische Botschafter geschrieben hatte.
Von Verhandlungen im üblichen Sinn konnte nicht die Rede sein. Es handelte sich vielmehr um einen Austausch von Fragen und Antworten, die eine "Verhandlungsgrundlage" abgeben konnten.
Im Verlauf seiner Reisen und römischen Gespräche war Dr. Müller mehr denn je ein wichtiges Zahnrad im Getriebe der kirchlichen Arbeit. Regelmäßig brachte er Material über die Verfolgung der Kirche in Süddeutschland und Österreich mit, das der spätere bayrische Weihbischof Neuhäusler zumeist von Bischöfen aus jenen Gebieten erhalten hatte.
Müller zögerte nie, diese riskanten Aufträge zu übernehmen. "Geben Sie her", sagte er jedesmal, wenn Neuhäusler ihm einen neuen Stapel von Berichten zeigte, die nach Rom gehen sollten. Der Weihbischof erinnert sich noch lebhaft an jene spannungserfüllten Tage. "Wenn Müller unterwegs war", erzählt er, "in dieser Nacht habe ich kein Auge zugetan."
Das gesammelte Material übergab Pater Leiber einem anderen Jesuiten, Walter Mariaux, der in der Kurie wohnte und dessen französische Kollegen Mittel und Wege fanden, es ins Ausland zu schaffen.
Ebenfalls durch Müller gelangten Informationen über die SS-Greuel in Polen, von Abwehr-Agenten auf Canaris" Weisung zusammengetragen, regelmäßig in den Vatikan. Außerdem konnte Müller einen Vertreter des Vatikans, den Jesuiten Joseph Grisar, nach Polen einschleusen, womit die Möglichkeit gegeben war, besseren Einblick in die Kirchenpolitik des Dritten Reichs in diesem Land zu gewinnen.
Am wichtigsten für die bedrängte Kirche aber war, daß durch Müller Warnungen vor neuen Anschlägen des Regimes gegen die Gläubigen in den Vatikan gelangten. Dies war nur eines der vielen Gebiete, auf denen die Opposition über eine günstige Position verfügte; einer ihrer Anhänger war der SS-Gruppenführer Arthur Nebe, der als Chef des Reichskriminalpolizeiamtes eine leitende Stellung in Rimmlers Reich einnahm,
Nebe hatte sich vom Nationalsozialismus abgewandt. Er lieferte regelmäßig die SD-Berichte über katholische und protestantische Organisationen oder über geplante Verhaftungen. Dieses Material gelangte zuerst zu Oster und Dohnanyi und wurde anschließend über Müller dem Vatikan zur Kenntnis gebracht.
Nur wenige im Vatikan und in Rom kannten den wahren Zweck der Mission Müllers. Soweit Pater Leiber wußte, sprach der Papst über die Angelegenheit zu niemandem außer ihm selbst und Botschafter Osborne. Man wird jedoch sehen, daß Pius XII. nicht ganz so "einsam" handelte, wie sein Helfer glaubte. Welche Vorsicht er walten ließ, zeigt sich daran, daß Leiber von manchen Begebenheiten, die durch die Müller-Mission ausgelöst wurden, gar nichts wußte.
Müller wie Leiber äußerten anderen gegenüber immerhin so viel, daß diese auf die Müller-Mission mehr oder weniger aufmerksam wurden. Bei so gut wie jedem Besuch in Rom suchte Müller den ehemaligen Zentrums-Vorsitzenden Kaas entweder in dessen Wohnung auf oder traf sich mit ihm auf ein Glas Bier in der Birreria Dreher, einem Lokal im Stadtzentrum, das Deutsche frequentierten. Später, als diese Zusammenkünfte riskanter wurden, verlegten Müller und Kaas ihre Gespräche in das Ausgrabungsterrain unter dem Petersdom.
Kaas war vollkommen im Bilde übel das, was vorging, und wurde bei seinen häufigen Begegnungen mit dem Heiligen Vater zu Rate gezogen, wie auch sonst bei vielen wichtigen Dingen, die Deutschland betrafen. Unmittelbar beteiligte er sich am Kontakt Müller-Osborne durch Gespräche mit dem britischen Botschafter über die Zusammensetzung einer provisorischen deutschen Regierung. Plus XII. wollte sich in diesem Fall aus leicht erkennbaren Gründen heraushalten.
Ein anderer Vertrauter Müllers war ein prominenter bayrischer Geistlicher der Missionskongregation, Monsignore Johannes Schönhöffer. Auch der mit ihm befreundete Paul Maria Krieg, damals Kaplan der Schweizergarde, wußte in groben Umrissen, was Müller nach Rom führte. Eine andere Figur am Rande war der Rektor des Collegium Germanicum, Ivo Zeiger.
Bedeutende Auswirkungen auf die spätere Entwicklung sollten Müllers regelmäßige Kontakte zum Generalabt der Prämonstratenser, dem Belgier Hubert Noots, haben, den er fast jedesmal aufsuchte. Noots war darüber im Bilde, daß Müller und die Gruppe Beck am Sturz des nationalsozialistischen Regimes arbeiteten, und hatte ungefähr eine Ahnung, was im Vatikan vor sich ging.
Weniger positiv reagierten die aus alliierten Ländern stammenden Kurien-Kleriker. Der Rektor der Gregoriana, der von Leiber eingeweihte Amerikaner Vincent J. McCormick SJ, gab großes Unbehagen zu erkennen. Auch dem Jesuitengeneral, Wladimir Ledochowski, war etwas zu Ohren gekommen.
Müller berichtet, Ledochowski habe es derart mit der Angst zu tun bekommen, daß er den Abbruch der "Gespräche" verlangte, ja Leiber sogar die Teilnahme daran verbieten wollte. Der Papst aber habe sich von seinem Weg nicht abbringen lassen und lediglich veranlaßt, daß die Zusammenkünfte zwischen Müller und Leiber von einem so belebten Ort wie der Gregoriana in das Jesuiten-Pfarrhaus von San Bellarmino am Stadtrand von Rom verlegt wurden.
Echte Gefahr aber drohte den Unterhändlern in Rom nur von ihrem Hauptfeind: dem Reichssicherheitshauptamt (RSHA) Reinhard Heydrichs, des Herrn über Gestapo und SD. Zu viele wußten zuviel, zuviel wurde geredet, als daß es Heydrichs Schergen hätte entgehen können.
Müller hatte etliche Jahre auf ihrer Abschußliste gestanden. Bereits 1936
* Bei den britischen Truppen in Frankreich, Dezember 1939.
war Heydrich überzeugt, Müller sei ein besonders rühriger Agent des Heiligen Stuhls. Schon damals behauptete er, der Bayer sei ein verkappter Jesuit, der dank eines Sonderdispenses Frau und Kind haben dürfe, um unter dieser Tarnung insgeheim für die Kirche zu arbeiten.
Heydrich setzte schon ziemlich früh eine ganze Meute von Agenten auf Müller an. Zu ihnen gehörte Hermann Keller, einer der prominenteren Mönche der großen Benediktinerabtei Beuron.
Alle Aussagen stimmen darin überein, daß er ein Mann von ungewöhnlicher Intelligenz, aber unstet und ehrgeizig gewesen sei. Mitte der dreißiger Jahre kam es zu einer Untersuchung wegen angeblicher Devisenvergehen der Abtei. Als sich der Erzabt Raphael Walzer in Italien aufhielt, erzählte Keller in Beuron, daß eine Anklage gegen Walzer vorbereitet werde. Er behauptet, diese Warnung sei von dem Berliner Nuntius Orsenigo ausgegangen, der geraten habe, Walzer solle einige Zeit im Ausland bleiben.
Keller wurde nach Italien geschickt. um den Erzabt zu warnen. Walzer entschloß sich, den Beschluß des Klosterrats abzuwarten. Tatsächlich trat der Klosterrat zusammen und empfahl Walzer, sich in die Schweiz zu begeben, bis er ohne Gefahr nach Deutschland zurückkehren könne. Keller aber wurde zum Prior gewählt, womit ei praktisch die Leitung der Abtei übernahm.
Unterdessen waren dem Benediktinerprimas Fidelis von Stotzingen solche Zweifel an Kellers Zuverlässigkeit gekommen, daß er Dr. Müller bat, nachzuprüfen, was gegen Erzabt Walzer vorliege. In Berlin konnte Müller dank persönlicher Beziehungen zu dem Staatsanwalt, der die Untersuchung führte, eruieren, daß gegen Walzer keinerlei Verdacht bestand. Die Affäre endete damit, daß Keller die Rute der geistlichen Disziplin zu spüren bekam. ihm erkannte der Erzabt die Priorswürde ab; auf Ersuchen des Benediktinerprimas mußte Keller Beuron verlassen und wurde für kurze Zeit in das Benediktinerkloster auf dem Berg Zion in Palästina abgeschoben.
Diese Verbannung, so wird behauptet, konnte Kellers Intrigensucht keineswegs dämpfen. Jedenfalls war Keller, bald wieder in Beuron. für zwei zahlungskräftige Arbeitgeber tätig: für die Stuttgarter Dienststelle der Abwehr und für Heydrichs SD.
Der neue Erzabt von Beuron, Benedikt Bauer, beschäftigte Keller überdies mit vertraulichen Angelegenheiten der Abtei, wodurch Keller, wie er selber sagt, in Kontakt zum SD kam. Keller löste die ihm übertragene Aufgabe mit spektakulärem Erfolg -- auf sein Ersuchen habe der SD davon abgesehen, in der Sache der Devisenvergehen eine scharfe Bestrafung des Klosters zu verlangen.
Manche fragten sich freilich, womit er sich solch außergewöhnliches Entgegenkommen verdiene. Keller findet eine solche Reaktion zwar verständlich, behauptet aber, daß er bis dahin dem Stuttgarter SD-Chef Steimle, der sich so hilfreich erzeigt hatte, keinerlei Dienste erwiesen habe. Erst nachdem er für die Abwehr zu arbeiten begonnen habe, so Keller, habe er Steimles Gefälligkeiten erwidert, indem er ihm Abschriften seiner Berichte gab.
Nach Ausbruch des Krieges arbeitete Keller voll für die Abwehr und konnte, obwohl er nach wie vor geistliches Habit trug und nominell Klosterbruder in Beuron blieb, Auslandsreisen unternehmen. Ende 1939 war er in de Schweiz, wo er, zufällig oder absichtlich, einer jener Randfiguren des Widerstands begegnete, die anscheinend eine Begabung dafür hatten, in ihr Unglück zu rennen: dem Berliner Anwalt Etscheit, der Canaris auf Müller aufmerksam gemacht hatte.
Hauptsächlich dem Generalstabschef Halder zuliebe, der mit dem Anwalt befreundet war, hatte Canaris ihn auf eine Art Erkundungsmission in die Schweiz geschickt. Dort traf er mit Keller zusammen, den er bereits flüchtig kannte. Es kam zu einem Zechabend auf Etscheits Kosten; dabei erwies er sich als längst nicht so trinkfest wie sein Gast.
In der Annahme, daß ein Mönch Antinationalsozialist sein müsse, vertraute Etscheit ihm unbesorgt an, daß eine von den Generälen Halder, Hammerstein und Beck angeführte Verschwörung gegen Hitler im Gange sei. Halder, so plauderte er aus, habe ihn in die Schweiz geschickt, damit er sich umhöre, und ein gewisser Josef Müller reise regelmäßig nach Rom, um den Boden für Friedensverhandlungen vorzubereiten.
Keller fuhr unverzüglich nach Rom, um herauszubekommen, was Müller dorthin geführt hatte. Zum Glück kam Müller in diesem kritischen Augenblick selbst nach. Rom und wurde sogleich von den Benediktinern in Sant' Anselmo gewarnt, in welcher Gefahr er schwebe. Er kehrte in aller Eile nach Berlin zurück und benachrichtigte Canaris und Oster, die bald auch aus anderen Quellen überreichlich Bestätigung erhielten.
Inzwischen war auch Keller nach Deutschland zurückgereist und meldete seinen Stuttgarter Auftraggebern die
Neuigkeit. Glücklicherweise informierte er zuerst die Abwehrstelle. Als Müller das nächste Mal am Tirpitzufer erschien, legten ihm Oster und Dohnanyi den Rapport aus Stuttgart vor. Oster erklärte, daß sie auf Angriffe aus vielen Richtungen gegen Müller gefaßt gewesen seien, aber bestimmt nicht darauf, ihn gegen katholische Geistliche abschirmen zu müssen.
Nun wurde die Luft immer dicker. Nebe, den man alarmiert hatte, gelang es, Kellers Bericht an den SD in die Hand zu bekommen; er hatte solches Aufsehen erregt, daß der Bericht Keller die Ehre eines Gesprächs mit Heydrich verschaffte. Wie Nebe berichtete, hatte Keller dem gefürchteten SD-Chef nicht nur alles erzählt, was er Etscheit entlockt hatte, sondern auch noch Ausschmückungen hinzugefügt, beispielsweise die Behauptung, Müller betrete bei seinen Besuchen im Vatikan sogar die Privatgemächer des Papstes.
Um der Gefahr zu begegnen, bestellte Dohnanyi -- angeblich, um Details in dem Stuttgarter Bericht zu verifizieren -- Keller zu sich. In diesem Gespräch wurde der Mönch dazu gebracht, das Wesentliche seiner Unterhaltung mit Heydrich zu rekapitulieren. Der RSHA-Chef sollte gesagt haben, Müllers Verhaftung sei jetzt nur noch eine Sache von Tagen.
Doch Admiral Canaris rettete die Situation. Müller war höchst überrascht, als der Admiral ihn bat, Platz zu nehmen und einen kurzen Bericht zu diktieren, in dem es hieß, er habe im Vatikan erfahren, "kurz vor dem Kriege" sei in Deutschland ein Militärputsch zur Verhütung eines bewaffneten Konflikts geplant worden.
Er solle Beck nicht nennen, dagegen aber den ehemaligen Heeres-Oberbefehlshaber von Fritsch, der während des Polenfeldzugs gefallen war, dem also nichts mehr geschehen konnte. Als er auch den früher als Nazi-General verrufenen Walter von Reichenau erwähnen sollte, protestierte Müller, dieser Name sei nie gefallen. Canaris sagte, er möge unbesorgt sein, denn es gebe gute Gründe dafür.
Als Müller den Admiral das nächste Mal aufsuchte, erleichtert und vielleicht sogar überrascht, daß er noch in Freiheit war, konnte er sich nicht der Frage enthalten, welchem Zweck sein Bericht gedient habe. Canaris erzählte ihm, er sei damit stracks zu Hitler gegangen und habe ihm ernsten Gesichts "den Bericht eines besonders verläßlichen Agenten im Vatikan" vorgelegt. Als der Führer auf den Namen Reichenau gestoßen sei, habe er das Papier mit dem Ausruf "Schmarren!" weggefegt.
So gestärkt, war der Admiral noch am gleichen Abend zu Heydrich ge-
* Polnische Kriegsgefangene, von deutschen Soldaten im September 1939 erschossen.
gangen, der in seiner Nähe wohnte. "Denken Sie mal", sagte er mit einem langen Gesicht, "da habe ich geglaubt, ich bringe dem Führer etwas Besonderes in der Form eines Berichtes von Dr. Josef Müller, meinem Hauptagenten im Vatikan, über einen Militärputsch. Dann, nachdem er ihn gelesen hatte, hat der Führer ihn zu Boden geworfen und gesagt: "Schmarren!""
Aber damit war Heydrich keineswegs entwaffnet, wenn er auch im Augenblick ausmanövriert war. Etscheit oder Keller hatten in der Schweiz auch anderen gegenüber zuviel geplaudert; jedenfalls brachte Anfang 1940 eine Schweizer Zeitung einen Artikel, in dem behauptet wurde, gewisse Generäle -- Halder und Witzleben waren genannt -- würden bald einen Versuch zur Beseitigung Hitlers unternehmen.
Nun galt es, noch größere Vorsicht als bisher zu üben. Müller hielt sich einige Wochen von Rom fern. Keller erhielt eine Reihe von Aufträgen, die ihn in Deutschland festhalten sollten. Aber die unersättliche Neugier des vormaligen Priors ließ sich nicht so leicht unterdrücken; er schickte einen anderen Benediktiner, Damasus Zähringer, nach Rom.
Zähringer sollte sich dort mit einem dritten Ordensbruder, Anselm Stolz, Professor an der Päpstlichen Hochschule von Sant' Anselmo, zusammentun. Auch hier behauptet Keller, die Nachforschungen hätten den alleinigen Zweck gehabt, zu eruieren, was Müller über ihn sage. Deshalb sollte Zähringer versuchen, an Pater Leiber "heranzukommen
Der Benediktiner Zähringer scheute nicht einmal vor dem Versuch zurück Schwester Pasqualina Lehnert, die Haushälterin des Papstes, auszuhorchen. Von ihr hoffte er die Bestätigung für Kellers Behauptung zu erhalten. daß Müller gelegentlich die Privatgemächer des Papstes betrete. Zähringers Schwester, Mitglied des gleichen Ordens und damals in einem Schweizer Kloster, wurde veranlaßt, Schwester Pasqualina einen Brief zu schreiben. in dem sie unter anderem "Gerüchte" erwähnte, denen zufolge Dr. Müller mit dem Papst auf vertrautem Fuße stehe und sich oft in seinen Privatgemächern aufhalte. Schwester Pasqualina antwortete, sie habe keine Ahnung.
Außerdem mobilisierte Keiler eine trübe Gestalt aus dem Agenten-Dschungel in Rom, Gabriel Ascher. Er war ein .Journalist jüdischer Herkunft, der in einem katholischen Waisenhaus aufgewachsen war und den Apostolischen Vikar von Schweden, Bischof Erik Müller, der aus der Münchner Diözese stammte, kannte.
Um sich ein besseres Entree als NS-Gegner zu verschaffen, hatte er sich als jüdischer Flüchtling aus Deutschland ausgegeben. Anselm Stolz machte ihn mit Monsignore Kaas bekannt, den Keller angesichts seiner häufigen Zusammenkünfte mit Dr.
* Hier wurden am 9. November 1939 die britischen Geheimdienstler Stevens und Best von einem SD-Kommando über die holländisch-deutsche Grenze entführt.
Müller im Verdacht hatte, der wichtigste Mittelsmann zum Papst zu sein. Kaas war jedoch von Müller gewarnt worden und ohnedies viel zu mißtrauisch, um so leicht auf Agenten hereinzufallen.
Kaum war diese Gefahr abgewehrt, da wurden Müllers Verhandlungen in Rom durch ein Ereignis unterbrochen, das sie im Keim zu ersticken drohte. Am 9. November 1939 wurden zwei britische Geheimdienstoffiziere, Captain Best und Major Stevens, von deutschen Agenten, die sich als konspirierende Generäle ausgaben, bei Venlo an die holländisch-deutsche Grenze gelockt, von einem SD-Trupp überwältigt und nach Deutschland verschleppt.
Es ist nicht verwunderlich, daß die britische Regierung, empört und beunruhigt, nun zögerte und daß die römischen Gespräche einige Zeit aussetzten. Müller erfuhr, daß Außenminister Halifax an den Papst die Frage gestellt hatte: "Eure Heiligkeit, können Sie in dieser Sache sicher sein? Können wir uns darauf verlassen?" Plus XII. blieb unerschütterlich und verbürgte sich noch einmal für Müller und die Männer, die hinter ihm standen.
Es war zweifellos ein Glück, daß der Papst trotz seiner langen und engen Verbundenheit mit Deutschland sich längst der vertrauensvollen Bewunderung der britischen Vertreter beim Heiligen Stuhl erfreute. Allmählich wurde der Kontakt wieder angeknüpft, aber es gingen etwa fünf, sechs Wochen verloren, ehe die Gespräche gegen Jahresende wieder in vollem Umfang aufgenommen wurden.
Der Zwischenfall bei Venlo trug somit erheblich dazu bei, daß der römische Kontakt letzten Endes nicht zum Ziel führte -- die deutschen militärischen Führer zum Vorgehen gegen das Regime zu bewegen, solange sie infolge der immer wieder verschobenen Befehle Hitlers für die Westoffensive in aufgeschlossener Stimmung waren.
Die Gespräche gingen den Januar 1940 hindurch weiter, wenn auch infolge der Keller-Affäre und des Venlo-Zwischenfalls in einer gedämpften Atmosphäre. Der Ton Londons schien etwas härter und zurückhaltender.
Die Erfahrungen mit Keller zwangen Müller und seine Auftraggeber, in allem, was mit seiner römischen Mission zusammenhing, äußerste Vorsicht walten zu lassen. Dazu kamen die Besorgnisse von McCormick und Ledochowski, Pater Leibers Vorgesetzten.
Trotz dieser Behinderungen ging der Gedankenaustausch beständig voran. Wesentlich dafür war, daß von Anfang an völlige Einigkeit herrschte, was unerläßlich schien, wenn ein Friedensschluß zustande kommen sollte. Für die Engländer hieß dies, während eines Militärputsches in Deutschland nichts zu unternehmen und einer "verhandlungsfähigen Regierung" großzügige Bedingungen zu gewähren.
Für den Widerstand bedeutete es. eine solche Regierung rechtzeitig genug zu schaffen, um der Offensive im Westen zuvorzukommen. Einer Definition bedurften selbstverständlich die Fragen, was als annehmbare Bedingung zu gelten habe und welcher Art von deutscher Regierung man sie gewähren könne. Um diese beiden Probleme kreisten die Fragen und Antworten des Gedankenaustausches.
Gegen Ende Januar standen die Gespräche vor ihrem Abschluß -- die zusammenfassende Antwort der Briten wurde um den 1. Februar übermittelt. Pater Leiber zufolge bestand der Gedankenaustausch aus etwa sieben Erklärungen beider Seiten.
Die Mitteilungen wurden von englischer Seite meistens durch Pater Leiber mündlich an Dr. Müller weitergegeben. Wenn jedoch der Heilige Vater erst zu ziemlich später Stunde mit seinem Helfer sprach und Müller am folgenden Morgen abreisen sollte, zeichnete Leiber die Mitteilung in seiner gestochen klaren Handschrift auf.
Dann hinterließ er das Blatt im Albergo Flora an der Via Vittorio Veneto, wo Müller damals abzusteigen pflegte. Die Mitteilungen standen auf ziemlich starkem Notizpapier, das die Initialen R. L. (Robert Leiber) trug. Auf die Frage, ob das nicht riskant gewesen sei, antwortete Pater Leiber, es sei zumeist weniger gefährlich gewesen, als man annehmen sollte. Die britischen Antworten konnten zu einem einfachen "Ja" oder "Nein" oder zu Kurzantworten unter der Nummer der deutschen Fragen kondensiert werden.
Müller hatte mit Pater Leiber vereinbart, er werde alles Geschriebene sofort, nachdem er es gelesen habe, vernichten. Diesmal kam aber alles auf den Eindruck an, den man mit der britischen Antwort in Deutschland erzielen konnte, ein höchst gewichtiger Grund, das Papier zu behalten.
Leiber hatte zuvor seine Visitenkarte im Albergo Flora hinterlassen, auf die er geschrieben hatte: "Heute war O (Osborne) beim Chef (dem Papst) und hat ihm etwas mitgeteilt, was Sie bewegen wird, sich schnell nach Hause zu begeben. Wir müssen uns heute noch sprechen."
Später am Abend übergab Leiber Müller ein auf einer Seite engbeschriebenes Blatt, eine abschließende Zusammenfassung allgemein formulierter Bedingungen, unter denen die Briten bereit waren, mit einem von Hitler befreiten Deutschland Friedensverhandlungen aufzunehmen. Außerdem trug das Blatt, wie der aufmerksame Widerstands-Emissär bemerkte, das vatikanische Wasserzeichen, was ihm zusätzliche Authentizität verlieh.
Am 1. oder 2. Februar brachte Müller die lang erwartete britische Antwort nach Berlin. Das später verlorengegangene Papier kam anscheinend außer Müller nur einem Dutzend anderer Personen zu Gesicht. Ein ausführlicheres Schriftstück, von der ursprünglichen Mitteilung inspiriert und deren wesentlichen Inhalt wiedergehend, wurde aber einer größeren Gruppe zur Verfügung gestellt. Von dieser Gruppe haben neun Personen den Zusammenbruch des Regimes überlebt. Jede von ihnen hat bereitwillig darüber ausgesagt.
Dieses umfangreichere Dokument erscheint in der Geschichte der Opposition als der X-Bericht, weil Müller darin immer als Herr X. bezeichnet wurde. Der Bericht wurde zusammengestellt, weil man annahm, daß die von Pater Leiber geschriebene Seite und eine mündliche Darlegung des Anfangs und des Verlaufs der Gespräche für die letzte Anstrengung, die Generäle zum Handeln zu bewegen, kaum hinreichen würden.
Dafür schien eine ausführlichere Darstellung in einer gewissen Aufmachung geboten. Der letzte Versuch, die OKH-Chefs zur Meuterei gegen Hitler anzuspornen, schien sich am besten mit einem Bericht bewerkstelligen zu lassen, der die gesamte Operation zusammenfaßte.
Anfang Februar setzten Müller und Dohnanyi sich in dessen Wohnung zusammen, um die Grundzüge eines Berichts über den durch Vermittlung des Papstes geführten Dialog mit London zu entwerfen.
Neben Pater Leibers Blatt konnten sie sich stützen auf flüchtige Notizen, die Müller während seiner Reisen gemacht hatte, und umfangreichere Aufzeichnungen Dohnanyis auf etwa 10X18 cm großen Bogen, die zu einem Stoß von fast zwei Zentimetern Hohe angewachsen waren.
Nachdem Müller gegangen war, diktierte Dohnanyi seiner Frau bis spät in die Nacht den Bericht in Reinfassung, und am nächsten Morgen überflog Müller die ungefähr zwölf Seiten, die sie mit der
Maschine geschrieben hatte. Später wurden noch etwa drei Seiten über die römischen Besuche im Februar und März hinzugefügt.
Der X-Bericht trug weder Überschrift noch Datum oder Unterschrift und war in knappem Ton gehalten. Den Höhepunkt des Berichts bildete natürlich die Darstellung der englischen Bedingungen. Worin sie genau bestanden, ist noch heute bei den Historikern umstritten.
Während der ersten Kriegsperiode hatte bei Englands Premier Chamberlain noch die Neigung überwogen, sich auf die "Realitäten" der politischen Konstellation in Deutschland einzustellen, statt sich "eitlen Hoffnungen" hinzugeben, indem man hitlerfeindliche Kräfte von zweifelhafter Potenz ernst nahm. Das Gefühl, betrogen und persönlich schändlich hintergangen worden zu sein, das nach dem Überfall auf die Rumpf-Tschechoslowakei in ihm erwachte und in der Polenkrise seinen Höhepunkt erreicht hatte, bewirkte, daß der Premier mit Hitler und Ribbentrop nichts mehr zu tun haben wollte.
Aber der Zorn Englands richtete sich hauptsächlich gegen diese beiden NS-Führer, und die Hinweise auf Reaktionen Englands (und des Vatikans), die sich in den Oppositionsquellen finden, enthalten keine Andeutungen, daß umfassende Veränderungen in der Zusammensetzung der Regierung und in de: politischen Struktur zu unerläßlichen Vorbedingungen für Friedensverhandlungen erklärt worden seien.
Groscurth, den stets die Befürchtung plagte, die Westmächte könnten sich abermals bereit finden, mit Hitler zu unterhandeln, stellte erfreut fest, bei allen Unterhaltungen mit den Engländern über die Friedensfrage "stößt man auf die kategorische Forderung der Beseitigung Hitlers". In einer Dohnanyi-Notiz vom 18. Oktober hieß es, Leiber habe Müller davon unterrichtet, der Papst erwarte einen "für Deutschland günstigen Frieden, wenn eine verhandlungsfähige Regierung" gebildet und kein Angriff im Westen unternommen würde. Als "verhandlungsfähige Regierung" wurde "jede Regierung ohne Hitler" definiert.
Tatsächlich sah es zunächst so aus, als wäre England bereit, der Opposition gewissermaßen carte blanche für alle Kompromisse zu geben, die notwendig sein würden, um innere Auseinandersetzungen während und nach Abschluß eines Putsches auf ein Minimum zu beschränken. Dennoch hätte England möglicherweise sogar ein Nachkriegs-Deutschland unter Führung Hermann Görings akzeptiert.
Auch bei der Opposition war der Gedanke aufgetaucht, an Göring heranzutreten, sobald ein Staatsstreich ein gewisses Stadium erreicht hätte. Verständlicherweise kam man immer dann darauf zurück, wenn die Aussichten des Putsches trübe waren. Als Anfang 1940 die Hoffnung wieder etwas auflebte, berichtete der NS-Gegner Popitz von Unterhaltungen mit Beck, bei denen es vor allem um das "Problem: ob mit oder ohne Göring" gegangen sei. Oster und seine Freunde aber lehnten das Göring-Projekt ab,
Müller erklärt zwar, daß Görings Name in den römischen Gesprächen niemals speziell erwähnt worden sei. Gleichwohl führte der Widerwille, den der Oster-Kreis gegen jeglichen Kompromiß mit der nationalsozialistischen Führung zeigte, zu einer Formulierung im X-Bericht, die ein Zusammengehen mit Göring indirekt ausschloß. Pater Leibers Liste der Bedingungen begann mit einer kategorischen "Conditio sine qua non: Errichtung einer verhandlungsfähigen Regierung. Im X-Bericht wurde dies zu "Conditio sine qua non: Beseitigung des nationalsozialistischen Regimes und Errichtung einer verhandlungsfähigen Regierung" erweitert.
Dennoch wurden in den römischen Gesprächen auch Personen genannt, die für eine neue Regierung in Frage kämen. Müller stellte Namen zur Debatte, um auf Osters Wunsch die Reaktion zu testen.
Von dem ehemaligen Reichswirtschaftsminister Hjalmar Schacht nahm man an, er würde am ehesten auf Bedenken stoßen, da er früher eng mit dem Regime liiert gewesen war, Schacht stand zwar, in seiner einzelgängerischen An, etwas abseits, hatte aber seit Mitte der dreißiger .Jahre weitreichende Verbindungen mit oppositionellen Elementen.
Zu Müllers Überraschung äußerten die Briten nicht nur keinen Einwand. sondern Schacht schien sogar noch etwas besser abzuschneiden als der verbürgt antinationalsozialistische Exbotschafter Ulrich von Hassell, den man, irrtümlicherweise, mit dem Ursprung des deutsch-italienischen "Stahlpaktes" in Verbindung brachte.
Außer der britischen Forderung nach der Beseitigung des NS-Regimes enthielt der X-Bericht einen deutlichen Wink aus London, was die Form des neuzuschaffenden Staates betraf. Er war in einer Bemerkung über ein "dezentralisiertes" Deutschland enthalten. Demgemäß sollte mit dem Regimewechsel auch die grundlegende Struktur des Hitlerschen Staates aufgegeben werden, die in einem föderativen Rahmen kaum denkbar war.
Zugleich gab der Papst bei der Übermittlung dieser britischen Formulierung -- sie konnte ohne weitere Präzisierung alles bedeuten, von einer frommen Hoffnung bis zu einer weiteren Conditio sine qua non -- zu verstehen, damit solle Deutschland kein bestimmtes politisches Rezept oktroyiert werden, man könne dieses Problem in Angriff nehmen, wenn man sich über das Grundsätzliche geeinigt habe.
Erhebliche Widersprüche kennzeichnen die Aussagen über die britischen Territorialbedingungen. Fast einhellige Übereinstimmung besteht über das, was zum Thema Osterreich festgelegt wurde, dessen Zukunft durch eine Volksabstimmung entschieden werden sollte. Diese Idee stammte ursprünglich aus der Opposition selbst, nämlich von Beck. Müller wurde instruiert, diesen Vorschlag in Rom zur Sprache zu bringen, und von dort gelangte er schließlich in Pater Leibers Liste und in den X-Bericht.
Auch über die Haltung, die England bezüglich der Zukunft der Tschechoslowakei und des Sudetenlandes einnahm, herrscht weitgehend Übereinstimmung. Die Engländer hatten vom Beginn der römischen Gespräche an "eine gewisse Wiederherstellung der Tschechei" erwogen, worunter man wohl eine Wiedervereinigung tschechischer und slowakischer Gebiete verstehen darf.
Manche (wie Halder) geben an, daß eine lose Verbindung mit dem Reich bestehen bleiben sollte. Das Sudetenland verblieb bei Deutschland; ein Plebiszit war nicht vorgesehen, da der Ausgang von vornherein feststand. Bereits vor München hatte sich England grundsätzlich gegen das Verbleiben einer starken, homogenen deutschen Bevölkerungsgruppe innerhalb des tschechoslowakischen Staatsverbands ausgesprochen; da die Radikallösung der Vertreibung der Sudetendeutschen damals undenkbar war, ist daran nichts Verblüffendes.
Damit ist die allgemeine Übereinstimmung in den Aussagen erschöpft; über die grundwichtige Frage Osteuropa herrschen scharfe Divergenzen, Wiederum ist Halders Version die extremste -- nichts Geringeres als die Wiederherstellung der Grenzen von 1914! Pater Leiber hat das jedoch kategorisch dementiert.
Nach dem Krieg zeigte sich der Vatikan über Vorwürfe von kommunistischer Seite betroffen, er habe ein polnisches München" geplant, den Ausverkauf der Polen, um einen britisch-deutschen Kuhhandel zu erleichtern, der einem Angriff auf die Sowjet-Union den Weg ebnen sollte. Der Papst aber erklärte 1946, es sei nie davon die Rede gewesen, "die Probleme Osteuropas zum Vorteil Deutschlands zu regeln".
Diese Formulierung ließ natürlich noch immer Platz für eine Revision der Regelung von 1919, aber Pater Leiber war nicht einmal bereit, das anzuerkennen. "Der Papst", schrieb er 1958, "hätte zu einer Auflösung oder Aufteilung Polens nie und nimmer seine Hand gereicht. Es wurde von vornherein vorausgesetzt und ausgesprochen, daß Polen wiederhergestellt werde."
Eine mittlere Stellung nimmt der Gestapo-Regierungsdirektor Walter Huppenkothen ein, dessen Erinnerungsvermögen vielleicht am wenigsten von Voreingenommenheit "belastet ist. Nach dem, was er vom X-Bericht im Gedächtnis behielt, hieß es darin über den Osten nur, "deutschsprachige Gebiete" sollten beim Reich bleiben, womit Grenzveränderungen vermutlich darauf beschränkt worden wären, daß Deutschland die ehemalige Freie Stadt Danzig behalten hätte, zuzüglich kleinerer Berichtigungen im Gebiet des Korridors.
Eine solche mittlere Lösung entspricht der Logik der Situation mehr als eine pauschale Rückkehr zur Grenzlage des Jahres 1914 oder des Jahres 1937. Dies stimmt auch, wie Müller sich nach dem Krieg erinnerte, mit den Grundsätzen überein, die Beck bezüglich des Selbstbestimmungsrechts formuliert hatte.
An welche Einzelheiten des X-Berichts sich die Überlebenden auch erinnern mögen -- in einem Punkt stimmen alle, die ihn gesehen haben, überein: daß dieses Dokument den Eindruck einer für Deutschland höchst günstigen Regelung vermittelte. Der Papst war danach, wie Hassell formulierte, "erstaunlich weit gegangen im Verständnis für deutsche Interessen".
Die "Bedingungen", wenn auch nicht in einem offiziellen britischen Dokument niedergelegt, waren von der Autorität des Heiligen Vaters gestützt. Mehr konnte Deutschland unter den damaligen Umständen nicht erwarten. Wenn der X-Bericht seine Adressaten nicht zum Handeln bekehren konnte, dann nicht, weil es nicht gelungen wäre, in den römischen Gesprächen mit London eine Einigung auf halbem Wege zustande zu bringen.
Als Müller das nächste Mal in Rom war, sagte er zu Pater Leiber, die Hilfestellung des Vatikans sei am Tirpitzufer mit großem Beifall begrüßt worden. Müller: "Die Ergebnisse der Vermittlung werden in Deutschland als überaus günstig betrachtet. Der Staatsstreich dürfte Mitte Februar erfolgen."
Die Eingeweihten im Vatikan warteten gespannt, was in Deutschland geschehen werde. Robert Leibers Notizen und der X-Bericht mußten nun endlich das OKH aufrütteln: zum Putsch gegen das verhaßte Regime. IM NÄCHSTEN HEFT
Generalstabschef Halder zieht Truppen für den Staatsstreich zusammen -- Der Oberbefehlshaber des Heeres will Hitler zur Aufgabe der Offensivpläne zwingen -- Die Verschwörer wiegeln die Kommandeure an der Westfront auf
Von Harald C. Deutsch

DER SPIEGEL 20/1969
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