05.05.1969

DEVISEN-SPEKULATIONEinfach schaufeln

Die Ruhe nach der Bonner Währungskonferenz Ende 1968 dauerte fünf Monate und fünf Tage. Dann brach die Spekulation von neuem los.
Nach dem Sturz de Gaulles gerieten nacheinander Frankreichs Franc und Englands Pfund ins Wanken. Bis Freitag vergangener Woche waren neben den abwertungsgefährdeten Währungen Skandinaviens und dem belgischen Franc auch die aufwertungsverdächtigen Valuta Schweizer Franken, italienische Lira und Deutsche Mark vom Spekulationsfieber bei allen.
Zum siebtenmal seit der Pfund-Abwertung vom Herbst 1967 taumelte damit das Währungssystem der westlichen Welt am Rande eines Desasters. Und zum siebtenmal seit Herbst 1967 ließen sich Notenbankiers sowie Wirtschafts- und Finanzminister der betroffenen Länder unvorbereitet von den "monetären Schockwellen" ("New York Times") überrollen:
* Weil arabische Scheichs und internationale Ölkonzerne ihre Pfundguthaben auflösten, hatte Großbritanniens Premierminister Harald Wilson im November 1967 das Pfund Sterling um 14,3 Prozent abwerten müssen;
* auf eine Meldung der Pariser Zeitung "Le Monde" hin, wonach Frankreich seine Mitarbeit im sogenannten Goldpool europäischer Notenbanken zur Stützung der US-Goldreserven in Fort Knox eingestellt habe, geriet im Dezember 1967 Amerikas Dollar unter Druck;
* Anti-Dollar-Spekulanten waren auch am Werk, als im März 1968 ein hektischer Run auf das Gold die mächtigsten Notenbanken der Welt zwang, für Währungsgold ein Verkaufsverbot zu erlassen;
* Studentenunruhen und ein mehrwöchiger Generalstreik in Frankreich waren im Mai letzten Jahres Ursache einer ersten massiven Flucht aus dem Franc;
* Gerüchte an den internationalen Devisenbörsen, daß Englands chronisches Zahlungsbilanzdefizit eine neue Pfund-Abwertung notwendig mache, konnten Westeuropas Währungsbankiers im Juli 1968 nur durch einen Acht-Milliarden-Mark-Kredit für die sieche Briten-Währung zum Verstummen bringen;
* vage Hoffnungen französischer und britischer Devisenhändler auf eine unmittelbar bevorstehende Aufwertung der Mark führten vergangenen November zu einem Sturm auf das deutsche Geld; Franc, Pfund, Dollar und ein Dutzend andere Währungen gerieten in Abwertungsgefahr.
* de Gaulles Abgang schließlich war vergangene Woche für die Internationale der Währungsspekulanten Anlaß, Franc in Massen zu verkaufen und auf D-Mark umzusteigen.
Die November-Krise hatten Bonns Wirtschaftsminister Schiller und Frankreichs Staatschef de Gaulle notdürftig gestoppt: Schiller durch steuerliche Manipulationen der Ein- und Ausfuhr und de Gaulle durch die schärfsten Devisenkontrollen seit Kriegsende. Die Ursachen der chronisch wiederkehrenden Spekulation waren dadurch freilich nicht beseitigt.
Diese Ursachen liegen im gegenwärtig praktizierten Währungssystem der westlichen Welt begründet, das den Wert jeder einzelnen Währung nach einem bestimmten Kursverhältnis zum US-Dollar (Fachwort: Parität) bemißt. Die Paritäten wurden nach dem Krieg im wesentlichen willkürlich fixiert und seitdem nur in Ausnahmefällen geändert.
Für die feste Geldordnung hatten sich die Notenbankiers und Finanzminister der westlichen Welt in der Annahme entschieden, daß sich der innere Geldwert in allen Ländern in gleicher Weise entwickeln würde. Die Annahme erfüllte sich nicht. Da die einzelnen Regierungen der Kaufkraftstabilität ihrer Währung unterschiedliche Bedeutung vor anderen Zielen -- etwa Vollbeschäftigung und Wirtschaftswachstum -- beimaßen, stiegen die Preise von Land zu Land unterschiedlich an.
So büßte beispielsweise der französische Franc in den vergangenen fünf Jahren annähernd 23 Prozent seines inneren Wertes ein. Die Deutsche Mark hingegen kam mit zwölf Prozent Wertverlust im Innern davon.
Trotzdem blieb der offizielle Wechselkurs zwischen Mark und Franc unverändert bestehen: ein Franc gleich 81 Pfennig. Und wie zwischen Mark und Franc gelten noch heute wie vor Jahren dieselben Währungsparitäten zwischen Mark und Dollar, Dollar und Lira, Lira und Schwedenkrone, Krone und Schweizer Franken -- obgleich auch deren Kaufkraft unterschiedlich sank.
Die starre Währungsordnung schädigte vor allem diejenigen Länder, die -- wie etwa die Bundesrepublik die Preisstabilität als oberstes Ziel der Wirtschaftspolitik verfolgten. Denn im System fester Wechselkurse muß selbst die konsequenteste Stabilitäts-Politik erfolglos bleiben, wenn die Handelspartner keine Preisdisziplin üben. Gleichsam wie bei kommunizierenden Röhren strömt die überschüssige Kaufkraft der Inflations-Länder in die preisstabilen Staaten.
Als im vergangenen Jahr in Frankreich die Preise und Löhne um mehr als zehn Prozent stiegen, schnellten auch Frankreichs Importe aus Westdeutschland (Geldwertschwund 1968: 1,5 Prozent) um 22 Prozent gegenüber 1967 (von zehn Milliarden auf 12,2 Milliarden) hoch.
Der Frankfurter Devisenhändler Ulrich Hörstel brachte den Vorgang auf die Formel: "Die Franzosen gaben uns ihr schlechtes Geld und erhielten dafür gute Maschinen."
Wegen solcher Ungerechtigkeiten, die nicht allein das Verhältnis von Mark zu Franc bestimmen, treten daher seit langem fast alle Nationalökonomen von Format für die Abschaffung des Systems fixierter Wechselkurse ein und verlangen statt dessen die Freigabe der Devisen-Notierungen. In einem solchen Fall würde sich der Kurs einer Währung entgegen der heutigen Praxis behördlich verordneter Kurse an den Devisenmärkten je nach Angebot und Nachfrage einstellen. Steigen die Zahlungsbilanz-Überschüsse eines Landes, steigt an den Devisenmärkten auch die Nachfrage nach der Landesvaluta. Mithin klettert die Notierung. Umgekehrt: Wachsen infolge zu laxer Preispolitik eines Landes die Importe schneller als die Ausfuhren, sackt der Kurs des Defizitlandes automatisch ab.
Dieses System flexibler Wechselkurse ist nicht allein ehrlicher als das bestehende; vor allem zwingt es die Staaten zu mehr finanzieller Solidität. Denn jeder durch wirtschaftliche Fehler verursachte stärkere Preisauftrieb würde sofort den Wechselkurs drücken. Dadurch würden jene Politiker entlarvt, die ihre Bürger etwa durch Wahlgeschenke und Gefälligkeitssubventionen überzeugen wollen.
Tatsächlich haben denn auch die Wirtschaftspolitiker aller Länder die flexiblen Kurse verteufelt. Bereits 1964 hatte der Sachverständigenrat, der alljährlich der Bundesregierung über die wirtschaftliche Entwicklung berichtet, freie Wechselkurse empfohlen. Die Antwort Ludwig Erhards: "Die Bundesregierung zögert nicht, diese Ansicht des Sachverständigenrates abzulehnen." Begründung: Die Volkswirtschaft würde durch andauernd "wechselnde Kurserwartungen und spekulative Kapitalbewegungen" beunruhigt.
Italiens Notenbank-Gouverneur Guido Carli etwa hatte die Idee, alle Spekulationsgelder aus Inflations-Ländern durch die Zentralbanken der stabilen Länder zurückschaufeln (Fachwort: "reshuffling") zu lassen. Bonns Schiller sekundierte: In die Schaufelaktion könnten außer den Noteninstituten die privaten Banken und -- über die Zeichnung besonderer Anleihen -- auch die Kleinsparer einbezogen werden.
Von den Währungsbanken der Überschußländer wurden freilich beide Pläne sogleich verworfen. Vor allem der Chef der Frankfurter Bundesbank Karl Blessing räsonierte: Im täglichen Geschäft der Notenbanken könne nicht immer zwischen Spekulationsgeld und wirtschaftlich begründetem Kapitalzufluß unterschieden werden. Außerdem könnten die Politiker währungsschwacher Länder das automatische reshuffling als Freibrief für weitere wirtschaftliche Schlamperei betrachten und am Ende gar die Lust an der Sanierung ihrer Finanzen verlieren.
Noch größere Unruhe und noch mehr Spekulation als in. den vergangenen Jahren sind freilich kaum noch denkbar. Seit der Bonner Währungskonferenz vom November letzten Jahres mußten Fachminister und Notenbankiers Westeuropas und der USA wiederholt zusammenkommen, um Eventualpläne zu erarbeiten, wie das gegenwärtige System starrer Kurse vor dem Ausbruch neuer Spekulationswellen zu schützen sei.
Blessing setzt daher wie Wirtschaftsminister Schiller seit kurzem seine Hoffnungen auf eine weltweite Neufestsetzung der Paritäten, ein sogenanntes "realignment". Hiernach sollen die schwachen Währungen wie Franc und Pfund abgewertet, die starken Valuta wie Mark und Schweizer Franken hingegen aufgewertet werden.
In der vergangenen Woche bereits schickten Schiller "und Blessing ihre Fachbeamten für internationale Währungsfragen, Staatssekretär Schöllhorn und Bundesbankdirektor Emminger, zum Internationalen Währungsfonds nach Washington, um in dieser Frage vorzufühlen. Über das Ergebnis der Gespräche schwiegen sich die Herren bisher aus.
Vor den Kameras des amerikanischen Fernsehens verriet der angesehene Währungsfachmann Robert Triffin jedoch, wann das Währungs-Revirement aller Wahrscheinlichkeit nach stattfinden werde. Triffin: "Noch in diesem Sommer."

DER SPIEGEL 19/1969
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