05.05.1969

ABITUR AUCH FÜR SCHLOSSER?

SPIEGEL: Herr Professor Erdmann, sollen die Deutschen ein Volk von Abiturienten werden? An allen Hauptschulen, Realschulen und Gymnasien wird künftig das Abitur I abgelegt werden können, das der bisherigen mittleren Reife ähnelt. Und das herkömmliche Abitur soll künftig Abitur II heißen. So jedenfalls empfiehlt es die Bildungskommission des Bildungsrates, dem Sie vorsitzen.
ERDMANN: Natürlich wird nicht jeder Deutsche das Abitur I oder II ablegen. Aber es soll jedem die Chance geboten werden. Jeder kann in der Schule der Zukunft seinen Fähigkeiten und Neigungen entsprechend vorwärtskommen. Es darf keine Sackgassen und Einbahnstraßen mehr geben. Das ist der Kern unserer Empfehlung.
SPIEGEL: Wie viele Schüler sollen die Volks- oder Hauptschule mit herkömmlichem Abschluß verlassen, wie viele sollen es an Hauptschulen, an Mittel- oder Realschulen, an Gymnasien zum Abitur I, wie viele sollen es zum Abitur II bringen?
ERDMANN: Das ist sehr schwer zu prognostizieren. Wir wollen hoffen, daß möglichst viele den qualifizierten Abschluß -- das Abitur I oder das Abitur II -- erreichen.
SPIEGEL: Genügt diese Hoffnung? Müßten Sie es nicht etwas genauer wissen, wenn Sie einen so großen Plan machen?
ERDMANN: Nehmen wir das Beispiel der Hauptschüler, denen das Abitur 1 nach einem zusätzlichen zehnten Jahr als Möglichkeit geboten wird. Für wie viele es tatsächlich erreichbar sein wird, hängt davon ab, wie schnell und planmäßig die Hauptschulen von den Ländern ausgebaut werden. Eine Hauptschule mit einem reichhaltigeren und anspruchsvolleren Lehrangebot wird aber eine größere Zahl von begabten Schülern zu halten vermögen, als das heute der Fall ist. Das vorweg in Zahlen festlegen zu wollen, wäre müßige Spekulation.
SPIEGEL: Warum muß der neue Abschluß unbedingt auch "Abitur" heißen? Aus Prestigegründen?
ERDMANN: Man soll Prestige-Motivationen bei denen, die für ihre Kinder nach erreichbaren qualifizierten Abschlüssen Ausschau halten, nicht ausschließen. Der Grund, warum die Bildungskommission sich für den Begriff "Abitur I" entschieden hat, liegt aber woanders. Die auf dem Markt gängigen Reifebegriffe sind pädagogisch nicht mehr vertretbar. Abitur bezeichnet einen Abschluß, und zwar einen qualifizierten, und das Ist das, was wir meinen. Wir haben den Begriff auf der Suche nach einer geeigneten Bezeichnung zunächst nur als Arbeitstitel verwendet. Einen besseren scheint es nicht zu geben, und so blei-
* Mit SPIEGEL-Redakteuren Werner Harenberg (l.) und Jörgen Pötschke.
ben wir dabei. Wir wären dankbar zu hören, wenn jemand eine treffendere Bezeichnung findet.
SPIEGEL: Wie würden Sie einem schlichten Bürger klarmachen, worin der Unterschied zwischen der herkömmlichen mittleren Reife und dem künftigen Abitur I liegt?
ERDMANN: Das ist schwierig zu sagen. Das Abitur I wird sich in der Tat da ansiedeln, wo jetzt der Abschluß der Realschule liegt. Aber das Gymnasium und die Hauptschule hatten bislang nach der zehnten Klasse keinen vergleichbaren Abschluß, und er selbst wird in sich differenzierter sein als der gegenwärtige Realschul-Abschluß.
SPIEGEL: Wenn der Unterschied so schwer zu erklären ist, liegt der Einwand nahe, daß vielleicht nur der Name gewechselt wird.
ERDMANN: Nein, sicher nicht. Ganz abgesehen davon, daß es die Möglichkeit des gleichen Abschlusses an allen drei Schultypen bislang nicht gibt, ist doch klar, daß sich in allen Schulen viel ändern wird.
SPIEGEL: Soll das Abitur I gleichwertig sein -- unabhängig davon, ob es an der Haupt- oder an der Realschule oder am Gymnasium abgelegt wird?
ERDMANN: Ja, es soll auf gleichem Anforderungsniveau stehen, aber die Anforderungsakzentuierung wird von Abitur I zu Abitur I unterschiedlich sein, nicht nur von Schule zu Schule, sondern sogar an ein und derselben Schule von Schüler zu Schüler.
SPIEGEL: Können Sie dafür ein Beispiel geben?
ERDMANN: Wer nach dem Abitur I sogleich in einen Beruf gehen will, kann sich zumindest in den beiden letzten Schuljahren darauf vorbereiten. Er kann als künftiger Kaufmann etwa Stenographie, Maschinenschreiben, Warenkunde und Betriebswirtschaft wählen. Das Abitur I dieses Schülers wird sich von dem Abitur I eines Mitschülers unterscheiden, dessen Neigung etwa in die Richtung von Sprachstudien geht.
SPIEGEL: Besteht nicht die Gefahr, daß sich manche Schüler dann zu früh festlegen? Einer, der mit zwölf Jahren Kaufmann werden will, kann doch mit 18 Historiker werden wollen.
ERDMANN: Natürlich kann es das geben. Das Schulsystem wird komplizierter. Je größer die Wahlmöglichkeit für den einzelnen wird, um so größer muß auch die Orientierungshilfe sein, die ihm geboten wird. Im gegenwärtigen System ist das noch nicht so notwendig. In den Klassen steigt man Jahr für Jahr auf. Die Laufbahn ist klar vorgezeichnet. Künftig spielen individuelle Neigung und Begabung eine größere Rolle. Das ist eines unserer Hauptziele.
SPIEGEL: Wie soll es an der Hauptschule, der ehemaligen Volksschule, sein: Sollen die Schüler, die nicht das Abitur 1 machen wollen oder können, mit den künftigen Abiturienten 1 den größten Teil des Unterrichts gemeinsam haben?
ERDMANN: Einen erheblichen Teil, ja.
SPIEGEL: Dann bleiben also zehn Schuljahre lang Schüler beisammen, von denen die einen Schlosser -- ohne Abitur I -- und die anderen Chemiker mit Abitur I und II und Studium werden wollen.
ERDMANN: Ich würde gar nicht einmal sagen, daß derjenige, der Schlosser werden will, künftig nicht das Abitur I macht. Man muß damit rechnen, daß die Ausbildung in den Facharbeiterberufen sich verändern und daß es eine weit stärkere Theoretisierung als bisher geben wird.
SPIEGEL: Aber wenn schon der künftige Schlosser das Abitur I macht, wer bleibt dann übrig für den weniger anspruchsvollen Abschluß der Hauptschule?
ERDMANN: Es bleiben Hilfsarbeiter und angelernte Arbeiter, bei denen es wiederum unterschiedliche Ausbildungsgrade gibt.
SPIEGEL: Betrachten wir es nicht von den Berufen, sondern von den Schultypen her: Wenn überall gleichwertige Abschlüsse geboten werden, wird dann nicht das Gymnasium der Haupt- und der Realschule ähnlicher?
ERDMANN: Ich würde es lieber umgekehrt sagen. Die Haupt- und die Realschulen werden dem Gymnasium ähnlicher, weil dem Gymnasium nach traditioneller Auffassung die wissenschaftliche Ausbildung vorbehalten war und diese Aufgabe künftig auch von den anderen Schultypen geleistet wird. Deshalb ist es unmöglich geworden, die heute noch nebeneinander stehenden Säulen unseres klassischen und überkommenen Schulwesens von einer dreifach geschiedenen Bildungsidee her zu legitimieren.
SPIEGEL: Wir kennen viele Leute, die das -- leider -- immer noch für möglich, sogar für notwendig halten.
ERDMANN: Die Praxis zeigt schon heute, daß unsere Konzeption richtig ist. Schon heute wird auf den meisten Hauptschulen von der fünften Klasse an eine Fremdsprache gelehrt. Und auch der naturwissenschaftliche Fachunterricht beginnt sich auf der Hauptschule durchzusetzen. Das waren aber eigentlich die charakteristischen Merkmale der weiterführenden Schule gewesen.
SPIEGEL: Sollen in Zukunft zwischen den drei Schultypen nicht nur die Schüler, sondern auch die Lehrer wechseln können?
ERDMANN: Das halte ich sogar für erforderlich. Es wird ein hochqualifizierter Fachunterricht auch auf der Hauptschule und auf der Realschule notwendig sein.
SPIEGEL: Wird sich dann der Unterschied zwischen Volks- und Mittelschullehrern und Studienräten verwischen?
ERDMANN: Sicher bei denen, die die Schüler bis zum Abitur 1 unterrichten. Aber andererseits ist es aus pädagogischen Gründen erforderlich, daß Mittelstufen-Unterricht auch von solchen Lehrern erteilt wird, die die wissenschaftliche Qualifikation für den Oberstufen-Unterricht besitzen.
SPIEGEL: Dann wären, aufs Ganze gesehen, die Lehrer am Gymnasium doch qualifizierter als die Lehrer an den anderen Schultypen?
ERDMANN: So weit würde ich nicht gehen. Ich möchte allerdings meinen, daß ein Lehrer, der auch auf der Oberstufe unterrichtet, wahrscheinlich ein längeres und intensiveres Studium auch künftig braucht. Aber das ändert nichts daran, daß ich eine umfangreiche Austauschbarkeit der Lehrer für notwendig halte.
SPIEGEL: Soll es dann bei den Titeln bleiben, um ein deutsches Problem anzusprechen?
* "Britz-Buckow-Rudow"-Schule.
ERDMANN: (Winkt ab.)
SPIEGEL: Ist das auch allen Studienräten egal?
ERDMANN: Ich will Ihnen etwas sagen. Die Bereitschaft, weiterzudenken und sich selbst zu korrigieren, auch hinsichtlich des Selbstverständnisses des eigenen Berufs, ist in allen Lehrergruppen größer, als man glaubt. Ich schließe die Philologen dabei ausdrücklich ein.
SPIEGEL: Herr Professor, beim Abitur II, das etwa dem heutigen Abitur entsprechen soll, wird es -- wenn wir mal vergröbern dürfen -- zwei verschiedene Arten geben: das praxisbezogene und das hochschulbezogene. Es wird also künftig nicht jeder, der das Abitur II hat, studieren dürfen.
ERDMANN: Nein. Heute sagen die einen, die Hochschulen sollten entscheiden, welche Abiturienten studieren dürfen; und die anderen sagen, wer das Abitur hat, darf auf jeden Fall studieren. Wir haben eine andere, dritte Konzeption. Das Abitur II soll so differenziert sein, daß es für die einen den Weg in die Hochschule öffnet, für die anderen den Weg sogleich in den Beruf. Wir wollen verhindern, daß weiterhin Hochschulreife und Abitur gleichgesetzt werden. Wir wollen weg vom Begriff der "Hochschulreife".
SPIEGEL: Aber auch bei denen, die studieren wollen, soll schon auf dem Gymnasium stark differenziert werden. Je nachdem, welche Wahlfächer in der Oberstufe belegt werden, soll der eine Abiturient zwar Medizin studieren können, aber nicht Betriebswirtschaft, der andere zwar Sprachen, aber nicht Rechtswissenschaft?
ERDMANN: So ist es. Wir wollen sozusagen die Universität schon hineinnehmen in die Schule. Die Wissenschaftler sollen klar sagen, welches nachprüfbare Maß an Kenntnissen und Fähigkeiten für die Aufnahme des Studiums der verschiedenen Richtungen von der Sache her geboten ist. Die Oberstufe wird so umgestaltet, daß es keine Klassen mehr gibt, sondern ein System von Kernunterricht und Kursen, von Pflicht- und Wahlfächern, differenziert nach den Leistungen und den Neigungen der einzelnen.
SPIEGEL: Mancher Studienrat wird sich so viel Freiheit noch nicht vorstellen können.
ERDMANN: Es wird sogar möglich sein, daß jemand schon das Abitur II bestanden hat und dann noch ein halbes Jahr an der Schule bleibt, um sich irgendeine zusätzliche Qualifikation zu erwerben. Wie beweglich alles sein soll, wird daran deutlich, daß man auf der Oberstufe zwei oder drei Jahre bleiben kann, je nachdem wie fleißig und begabt man ist.
SPIEGEL: Wie groß wird die Variationsbreite bei Fremdsprachen sein: Wer will, kann vier lernen; sind zwei das Minimum?
ERDMANN: Nein, man wird auch mit einer Fremdsprache das Abitur II machen können.
SPIEGEL: Da wird Ihnen mancher widersprechen.
ERDMANN: Das war schon bei uns in der Kommission eine umstrittene Frage.
SPIEGEL: Was wird sich in den Schulen der Zukunft an der Beurteilung der Schülerleistungen ändern?
ERDMANN: Ich glaube nicht, daß man die Leistungen punktuell bewerten wird, wie es weithin heute noch geschieht. Die Abitur-Schlußprüfung ist nicht das große Fegefeuer, in dem sich das Schicksal entscheidet. Die Benotung muß neben einer längeren Beobachtung auch auf zeitlich gestaffelten Tests beruhen.
SPIEGEL: Warum schafft man das Abitur dann nicht ganz ab?
ERDMANN: Die Prüfung meinen Sie? Darüber kann man in der Tat diskutieren, es sprechen viele Momente dafür. Ich persönlich meine allerdings, als zusätzliches Beurteilungskriterium sollte man es nicht abschaffen. Der Schüler wird sich daran gewöhnen müssen, daß er im Laufe seiner Schulzeit wiederholt Tests unterworfen wird, mit denen die Leistungsfähigkeit nicht nur des Schülers, sondern auch des Lehrers und der Schule geprüft werden soll.
SPIEGEL: Dann wird also künftig mehr geprüft als bisher?
ERDMANN: Die Lehrer und Schüler sollen ein möglichst objektives Bild ihrer Leistungen erhalten. Weniger um sie zu kontrollieren, als vielmehr um zu verhindern, daß irgendeine Begabung aus subjektiven Mängeln unentdeckt oder ungefördert bleibt. Wir wollen keine Prüfungsangst erzeugen, sondern im Gegenteil den Mut fördern, den Weg zu gehen, der den Neigungen und Fähigkeiten entspricht. Es kann sogar ein Weg der produktiven Einseitigkeit sein, wie wir es in unseren Empfehlungen genannt haben. Wir wollen ja auch die Hierarchie der schweren und leichten Fächer aufheben.
SPIEGEL: Also die Vorstellung, daß Englisch leichter sei als Latein?
ERDMANN: Ja. Englisch ist grammatisch vielleicht nicht so schwer gepanzert wie Latein. Aber es gibt im Englischen sehr unterschiedliche Schwierigkeitsgrade. Geschichte, um ein anderes Beispiel zu nennen, kann unverbindlich antiquarisch oder aber ein Fach mit ernsthaften Anforderungen an Wissen und Verständnis und sprachlicher Ausdruckskraft sein.
SPIEGEL: Man könnte gegen die "Empfehlungen" einwenden, daß es vielleicht zu kompliziert auf den Schulen zugehen wird: lauter Blöcke, Pflichtfächer, Wahlfächer, Leistungskurse, Normalkurse, Förderkurse, P-Kurse, S-Kurse und so weiter.
ERDMANN: Das ist ein Einwand, den wir hei den Beratungen nicht selten gehört haben. Ist es beispielsweise möglich, für die gleiche Altersstufe vier verschiedene Kurse in Mathematik anzubieten? Solche Fragen werden gerade von Praktikern gestellt. Aber dabei ist zu bedenken, daß deren Erfahrungen ja aus der gegenwärtigen Schule stammen.
SPIEGEL: Könnte der Plan sich verzögern oder sogar scheitern wegen des Lehrermangels? Er ist ja für Gymnasien ohnehin groß, und nun soll es noch Lehrer für ganz neue Schulfächer geben, etwa für Wirtschaftsmathematik, Statistik, Warenkunde und Psychologie.
ERDMANN: Ja, das ist ein ernstes Problem. Für Volksschullehrer ist die akute Mangelsituation gemildert, wenn nicht sogar überwunden. Es ist zu hoffen, daß sich mit steigender Zahl von Abiturienten auch die Zahl der Gymnasiallehrer erhöhen wird.
SPIEGEL: Wie viele Lehrer wird man zusätzlich brauchen?
ERDMANN: Das läßt sich noch nicht voraussagen. Es werden aber erheblich mehr sein müssen: nicht nur für die neuen Fächer, sondern auch, SPIEGEL: Werden es vielleicht die Lehrer in einer Schule, wie Sie sie empfehlen, zu schwer haben?
ERDMANN: Das kommt auf den Lehrer an. Der Unterricht wird künftig mehr Vorbereitung, mehr Einsatz erfordern als ein rein stundenmäßiger Unterricht nach Schema F. Der Lehrer wird sich ganz anders einstellen müssen auf die jeweilige Schülergruppe, die er vor sich hat.
SPIEGEL: Sind die heutigen Schulgebäude zu klein für Ihre Schule der Zukunft?
ERDMANN: Man wird künftig größere Schulen bauen müssen. Aber das bedeutet nicht, daß man die heutigen Gebäude nicht mehr benutzen kann, wenn man sinnvoll umgruppiert. Es ist möglich, die Oberstufen von drei bisherigen Gymnasien in einem Gebäude zusammenzufassen. Und auch dreizügige Haupt- und Realschulen, also mit drei Parallelklassen je Jahrgang, wird man schaffen können, ohne gleich überall neue Gebäude zu errichten.
SPIEGEL: Werden dann die Schüler auf dem flachen Land, ja sogar in vielen Kreisstädten, nicht benachteiligt werden, wo es nur zwei Ober- oder Realschulen gibt oder gar nur je eine?
ERDMANN: Das ist eine Gefahr und ein Gedanke, dem man sich stellen muß. Aber es gibt den Schulbus, mit dessen Hilfe kann man das Einzugsgebiet von Schulen vergrößern. Außerdem wird es mehr Ganztagsschulen geben*. Für Kinder, die den ganzen Tag in der Schule sind, lohnen sich weite Anfahrten eher.
SPIEGEL: Müßte es zu einer einheitlichen Entwicklung in den Bundesländern kommen? Heute ist es ja so, daß es beispielsweise in Bremen -- gemessen an der Gesamtschülerzahl -- fast fünfmal soviel Realschüler gibt wie in Rheinland-Pfalz, in Hessen bald doppelt so viele Abiturienten wie in Bayern.
ERDMANN: Diese Unterschiede sollten nicht so groß bleiben, wie sie heute noch sind.
* Ganztagsschulen gibt es in der Bundesrepublik bislang nur vereinzelt, Schulreformer wollen sie überall einführen. Die Kinder bleiben in solchen Schulen etwa acht Stunden täglich und werden dort mittags verpflegt. Vormittags wird wie in herkömmlichen Schulen unterrichtet. Nachmittags geben die Lehrer in einigen Ganztagsschulen weitere Stunden. Zumeist leiten sie die Kinder bei den Hausaufgaben an, oder sie beaufsichtigen Kurse und Gruppen, in denen sich die Kinder Fächern ihrer Wahl widmen.
weil die individuelle Förderung, auf die wir Wert legen, nur möglich ist bei kleineren Schülerzahlen je Lehrer und je Klasse. In Mammutklassen kann es keine individuelle Förderung geben. Das ist völlig ausgeschlossen.
SPIEGEL: Herr Professor, sind Sie überhaupt der Zustimmung der Kultusminister zu den Empfehlungen sicher?
ERDMANN: Das wird abzuwarten sein. Es werden manche Länder Vorbehalte haben, anderen werden unsere Empfehlungen nicht weit genug gehen.
SPIEGEL: Wird das Gymnasium zerstört, wenn seine sechs unteren Klassen den Haupt- und Realschulen ähnlich werden und wenn seine Oberstufe eine Art "kleine Universität" wird?
ERDMANN: Es wird nicht zerstört, sondern weiterentwickelt. Das Gymnasium expandiert sogar, weil wissenschaftliche Bildung, die es bislang exklusiv vermittelte, künftig auch in anderen Schulzweigen geboten wird. Tatsächlich überwunden aber wird das Gymnasium, das eine neunstufige Treppe ist, auf der man nicht nach rechts und links schaut. Das wird nicht bleiben, wie überhaupt unser gegenwärtiges Schulsystem nicht bleiben kann.
SPIEGEL: Läuft nicht alles, was Sie empfehlen, auf eine Gesamtschule -- also auf eine einzige Schule für alle -- hinaus? Bislang wird sie nur von der SPD gefordert, von der CDU und der CSU noch immer abgelehnt.
ERDMANN: Wir als Bildungskommission des Bildungsrates sind der Ansicht, daß wir unbefangen die großen Möglichkeiten und Chancen testen müssen, die in der integrierten Gesamtschule liegen, im übrigen aber vom Bestehenden ausgehen müssen.
SPIEGEL: Wir können Ihnen nicht entlocken, ob Sie und der Bildungsrat in diesem Punkte der SPD oder der CDU näher sind?
ERDMANN: Weder der SPD noch der CDU, Weil ich glaube, daß der Gegensatz in den Auffassungen der beiden Parteien nicht so groß ist, wie es gerade jetzt Im Wahljahr manchmal scheint. Die SPD weiß, daß es ein sehr weiter Weg ist bis zur integrierten Gesamtschule. Und viele in der CDU wissen, daß sie sich der Erprobung dieses Schultyps nicht verschließen können. Es ist meines Erachtens ein offenes Problem, was im Endergebnis der zeltgemäßere Schultyp sein wird: die integrierte Gesamtschule, die notwendigerweise eine sehr große Schule sein wird, oder verschiedene Schulen, die eng miteinander kooperieren.
SPIEGEL: Nehmen wir einmal an, all die Hindernisse und Schwierigkeiten, über die wir sprechen, würden überwunden. Könnte die Schulreform dann nicht an den Kosten scheitern?
ERDMANN: Die Schule kann nie zu teuer sein. Das Argument, es könne an Geld fehlen, ist von vornherein falsch. Wenn kein Geld da ist, muß es beschafft werden.
SPIEGEL: Ist das so einfach? ERDMANN: Die erste Frage muß sein: Was hat im Schulwesen zu geschehen? Die zweite Frage ist dann: Was kostet es? Die dritte Frage hat zu lauten: Wie werden die Mittel besorgt?
SPIEGEL: Bleiben wir bei der zweiten Frage: Was kostet Ihr Plan?
ERDMANN: Wir haben Berechnungen angestellt über das künftige Schulwesen unter der Voraussetzung, daß lediglich die Schülerzahl wächst, die Relationen Lehrer je Schüler und Schüler je Klasse verbessert werden, aber die Struktur nicht verändert wird. Da sind wir für 1975 auf 32 Milliarden Mark gekommen.
SPIEGEL: Das wäre dreimal soviel, wie im vergangenen Jahr für Schulen ausgegeben wurde. Aber dann wäre die Schulreform, über die wir heute sprechen, noch immer nicht verwirklicht. Wieviel käme dafür noch hinzu?
ERDMANN: Entschuldigen Sie, da nenne ich Ihnen jetzt keine Ziffer. Man könnte relativ leicht berechnen, wieviel es zum Beispiel kostet, die Pflichtschulzeit von neun auf zehn Jahre zu verlängern. Man kann auch berechnen, was eine Eingangsstufe für die Fünfjährigen kostet. Aber man kann heute kaum berechnen, was eine Erneuerung der Schule kosten würde, wie wir sie empfehlen. Gerade im Wahlkampf sollte man die Parteien zunächst fragen, ob sie diese 32 Milliarden Mark für 1975 bereitstellen wollen. Dann müßte nämlich die Planung für einen nationalen Bildungshaushalt jetzt unter Dach und Fach gebracht werden.
SPIEGEL: Sie wissen so gut wie wir, wie schleppend -- über viele Jahre hin -- in den Ländern der Bundesrepublik das neunte Schuljahr eingeführt wurde und noch immer wird. Und das ist doch nur eine bescheidene Reform gegenüber dem, was Sie vorhaben.
ERDMANN: Ein Land von dem Wohlstand wie die Bundesrepublik hat das Geld, sich ein adäquates Schulwesen zu schaffen. Davon muß man ausgehen.
SPIEGEL: Nehmen wir an, das Geld wäre da. In welchen Zeiträumen soll die Reform verwirklicht werden: In fünf, in zehn, in 20, in 30 Jahren?
ERDMANN: Wenn in den Bundesländern bewußt nach unseren Empfehlungen gehandelt wird, dann wird das deutsche Schulwesen schon in zehn Jahren erheblich anders aussehen als heute.
SPIEGEL: Herr Professor Erdmann, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

DER SPIEGEL 19/1969
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