05.05.1969

GEHEIMDIENSTE / AGENTEN

Überläufer X.

Ein Geheimnis aus dem Besatzungsjahr 1952 wird für immer ungeklärt bleiben", klagte am 29. März 1960 der Wiener "Kurier" unter der Überschrift "Die Kleinen fing man, den Räuber läßt man laufen". Denn: "Der österreichische Staat zeigt kein Interesse, den Schleier dieses Kriminalrätsels zu lüften ... Die Wahrheit wird man nun nicht mehr erfahren."

Doch neun Jahre nach diesem Klagelied ist der "Schatten der Vergangenheit" ("Kurier") wiederaufgetaucht -- in einem West-Berliner Büro des amerikanischen Geheimdienstes Central Intelligence Agency (CIA).

Dort erschien in der Nacht zum 12. April 1969 ein Mann, der sich als Rupert Sigl, 44, vorstellte. Osterreicher. Er ließ wissen, er arbeite für die Ost-Berliner Residentura des sowjetischen Geheimdienstes KGB und -- so die CIA-Version -- bitte um Asyl. Als langjähriger KGB-Mitarbeiter könne er die Namen von Agenten un.d ganze Netze des sowjetischen Geheimdienstes im Westen preisgeben.

Amerikas Geheimdienstler liehen dem Kollegen von drüben den Namen "Überläufer X." boten ihm Domizil In einer Dahlemer Villa und zeichneten Sigis Erzählungen auf Tonband auf. Unter anderem nannte der Überläufer drei Namen westlicher Bürger, zu denen das KGB Kontakte unterhalte:

* den Bonner Ministeriellen Franz von Wesendonk, Sachbearbeiter der Abteilung Verbindung zum Ministerrat in der Brüsseler EWG-Kommission;

* den in London ansässigen deutschamerikanischen Industrieberater Dr. Alfred Laurence;

* den ehemaligen Asta-Vorsitzenden der Freien Universität (FU) Berlin, SDS-Mitglied Jürgen Treulieb. In Ost-Berlin, so gab Sigi zu Protokoll, habe er selbst unter dem Tarnnamen "Journalist Hager" mit Treulieb und anderen West-Berliner Studenten studentische und politische Themen erörtert. Treulieb habe zu solchen Gesprächen auch einmal fünf oder sechs Amerikaner mitgebracht.

Wegen der Vermutung, die Studenten ständen unter Observation der westlichen Abwehr, sei die KGB-Zentrale in Berlin-Karlshorst jedoch von dem Gedanken abgerückt, Treulieb anzuwerben. Überhaupt hätten die Gesprächspartner aus West-Berlin nicht ahnen können, daß er, Sigi, für den sowjetischen Geheimdienst arbeite.

Gleichwohl alarmierte die CIA die "befreundeten Nachrichtendienste" (Amts-Floskel) in der Bundesrepublik -- Bundesamt für Verfassungsschutz in Köln und Bundesnachrichtendienst in München-Pullach -- mit Sigis Aussagen über die Berliner Studententreffs und andere KGB-Kontakte von etwa zwanzig Bundesbürgern. Die Recherchen über Alfred Laurence leiteten die Amerikaner weiter an MI 5, Großbritanniens Abwehr.

Die westlichen Abfangjäger gingen auf Spionage-Pirsch -- freilich mit magerer Strecke. In London gab Industrieberater Laurence am 18. April im Verhör beim MI 5 zu, er habe sich viermal mit Sowjet-Agenten getroffen, ihre Aufforderung zur "technischen Zusammenarbeit" (Laurence) jedoch abgelehnt; vielmehr sei er im Ostblock für Amerikas CIA tätig gewesen. Als indirekte Bestätigung die-Ber Version mochte gelten, daß MI 5 darauf verzichtete, den Deutschamerikaner inhaftieren zu lassen,

In der Bundesrepublik wurden zwar vierzehn Personen festgenommen, die Überläufer Sigl als V-Leute des KGB benannt hatte, darunter der deutsche EWG-Bedienstete Franz von Wesendonk. Der Generalbundesanwalt in Karlsruhe kam bei seinen Ermittlungen jedoch zu dem Schluß, daß es sich bei den von Sigl aufgerührten Fällen um -- wie Regierungssprecher Conrad Ahlers in Bonn formulierte -- "kleine Fische" handele. So blieben vorerst auch Sigls Berliner FU-Gesprächspartner von staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen unbehelligt. Student Treulieb über seine Ost-Berliner Gespräche zum SPIEGEL: "Man muß bei offiziellen politischen Kontakten, gleich in weichem Land, immer mit der Anwesenheit von Geheimdienstbeauftragten rechnen."

SDS-Mann Treulieb konnte sich auch nicht recht erklären, wieso seine Polit-Gespräche für Geheimdienstier interessant gewesen sein sollten: "Bei jeder studentischen Veranstaltung im Audimax der FU kann sich jeder amerikanische oder sowjetische Geheim

* Wiener "Kurier" vom 29. März 1960. dienst-Journalist besser informieren als im persönlichen Informationsgespräch."

Enttäuscht über die schwache Resonanz, die Sigls Report bei bundesdeutscher Abwehr und Justiz fand, ging die CIA vorletzte Woche daran, die Kunde vom Übertritt des hausintern als Volkspolen getarnten KGB-Österreichers als Erfolgsnachricht auszustreuen. Der "Meisterspion ... hat große Kenntnis von sowjetischen Geheimdienst-Operationen im Westen und ... lange Erfahrung", schrieb die "New York Times". "Paris-presse" fand: "Ein Mann von gewissem Rang".

Lange Erfahrung, das ist sicher, hat Rupert Sigl. Und ein gewisser Rang kommt ihm spätestens seit dem Abend des 12. Dezember 1952 zu, als die Postmeisterin des Dorfes Ferschnitz bei Amstetten (Niederösterreich), Anna Geyer, 47, auf dem Heimweg von zwei Männern überfallen wurde -- jenes Verbrechen, das für den Wiener "Kurier" ein "Kriminalrätsel" hinterließ.

Einer der beiden Täter hatte der Postmeisterin einen mit Äther durchtränkten Wattebausch ins Gesicht gedrückt. Das Betäubungsmittel verdunstete jedoch so rasch, daß sich Anna Geyer zur Wehr setzen konnte. Der zweite Täter schlug ihr daraufhin mit einem Pistolenknauf 22mal auf den Kopf. Mit mehreren Brüchen und ausgeschlagenen Zähnen blieb die Postbeamtin, lebensgefährlich verletzt, am Boden liegen; die zwei Männer raubten ihr die Schlüssel zur Postmeisterei.

Wenige Minuten nach dem Überfall sicherte Dorfgendarm Franz Schuler, von einem Passanten alarmiert, Tatspuren, als sich ein Radfahrer näherte. Der Gendarm hielt ihn an und prüfte den Personalausweis. Im Licht seiner Taschenlampe sah Schuler an den Händen des Radfahrers Blut, auch der Mantel war blutverschmiert. "Ich bin der Arzt Dr. Hacher aus der Heilanstalt Ybbs", wies sich der nächtliche Radler aus. Der Gendarm nahm ihn fest.

Stunden später gestand der Mediziner, er sei an dem Überfall auf Anna Geyer beteiligt gewesen. Er habe die Postmeisterin nur betäuben und mit einer Luminalspritze einschläfern wollen. Nicht er habe mit der Pistole zugeschlagen, sondern sein Komplice, der ihn überhaupt zur Tat angestiftet habe: Tischlermeister Rupert Sigl, 27, aus Ybbs.

Als Tatmotiv gab Dr. Josef Hacher, 32, an, Sigl habe der Anna Geyer die Schlüssel zur Postmeisterei entwenden und im Dorfpöstchen nach einem bestimmten Brief suchen wollen.

Doch dazu kam Tischlermeister Sigl nicht mehr. Nachdem Gendarm Schuler so plötzlich die Ermittlungen hatte aufnehmen können, flüchtete Sigl in einem Steyr-Fiat 1400 (Kennzeichen N 42. 173) nach Wien, führte von dort aus anderntags ein Ferngespräch mit seiner Frau Herta in, Ybbs und blieb fortan verschwunden.

Statt seiner sagte Herta Sigl, vermögend und hübsch, aus, Ihr Mann habe wiederholt Besuch von Fremden mit "slawischem Aussehen und schlechter Aussprache" bekommen, und es sei von einem "chiffrierten Brief" die Rede gewesen.

Auch im Prozeß vor dem Bezirksgericht St. Pölten im Juli 1953 konnte nicht geklärt werden, was es mit dem ominösen Brief auf sich gehabt hatte. Weder Dr. Hacher noch dessen Frau und Herta Sigl -- mitangeklagt, weil sie mitgeholfen hatten, ihre Männer für den Überfall auf Anna Geyer auszurüsten -- gaben näheren Aufschluß.

Nervenarzt Hacher, der seine Komplicenschaft mit dem Tischler Sigl als Freundesdienst darstellte -- der stets liquide Sigl hatte Hacher häufig ausgehalten -, bekam sieben Jahre schweren Kerker, seine Frau fünf Monate strengen Arrest, Herta Sigl ein Jahr schweren Kerker. Ungeklärt blieb in der Hauptverhandlung, welchen Brief eigentlich der flüchtige Haupttäter Sigl aus dem Dorf-Postamt holen wollte und für welchen Auftraggeber.

In Wahrheit war der Überfall auf die Dorf-Postmeisterin von Ferschnitz ein krimineller Gewaltakt im westöstlichen Dschungelkrieg der Geheimdienste im damals noch besetzten Österreich. Die Wiener Residentura der Sowjet-Spionage, damals MGB (Ministerstwo gosudarstwennoi besopasnosti -- Ministerium für Staatssicherheit, Chef: Semion Denissowitsch Ignatew), mutmaßte, daß im russisch kontrollierten Niederösterreich ein Herr von Franke für einen westlichen Geheimdienst arbeite: für die CIA, eher noch für deren westdeutsche Schwester-"Organisation Gehlen" (OG). Beide Aufklärungsdienste unterhielten in Österreich Beobachtungsposten gegen den Ostblock, die CIA

* V-Mann-Bericht der Organisation Gehlen aus Österreich.

mit der Leitstelle Salzburg, die OG mit dem Außenbüro Wien (Gehien: "Der österreichische Mitarbeiter erwartet mehr als der deutsche eine menschlich sympathisierende Betreuung; diese macht sich durch Anhänglichkeit, Loyalität und Eifer vielfach bezahlt").

Rupert Sigl, in Weltkrieg II deutscher Oberleutnant, nach 1945 im Solde der Sowjet-Spionage, übernahm den Auftrag, eine aus dem Westen an Franke adressierte Botschaft aus dem Postverkehr zu ziehen.

Arzt Dr. Hacher ("Ich verdiente als Anstaltsarzt wenig Geld") und dessen Frau gewann Sigl mit einem Schilling-Vorschuß vom MGB, seine eigene Frau Herta mit einem Programm "zur politischen Erneuerung" für den Postraub. Er selbst wurde vom Sowjet-Geheimdienst so rechtzeitig über den erwarteten Brief an Franke unterrichtet, daß er der Postmeisterin schon Tage vor dem Tat-Termin mit der Stoppuhr in der Hand folgen konnte, um Zeit und Ort für den Überfall zu bestimmen.

Zwar vermochte Sigl seinen Auftraggebern das begehrte Schriftstück von der geheimdienstlichen Konkurrenz nicht zu liefern, die Sowjets beförderten ihren Agenten dennoch schleunigst aus Wien an einen sicheren Ort: in die DDR. Von dort wechselte der Österreicher schließlich nach Südamerika, vermutlich mit dem Auftrag des Moskauer Nachrichtendienstes, dort Kontakte zu deutschen Kreisen zu knüpfen.

Österreichs Polizei und Interpol behielten Sigl als Kriminellen auf der Fahndungsliste -- schließlich mit Erfolg. Sieben Jahre und zwei Monate nach dem Überfall von Ferschnitz machte die internationale Polizeizentrale Sigl in Brasilien aus und veranlaßte dort seine Verhaftung.

Die Wiener Kriminalisten, denen auch 1960 der geheimdienstliche Hintergrund des dörflichen Verbrechens nicht bekannt war, erhofften von einem Prozeß gegen Sigl Aufklärung, um welchen Brief mit welchem möglichen materiellen Inhalt es dem Täter 1952 eigentlich gegangen war.

Aber am 28. März 1960 traf das Justizministerium am Wiener Schmerlingplatz eine merkwürdige Entscheidung: Die Behörde verzichtete ausdrücklich darauf, bei der brasilianischen Regierung die Auslieferung Sigls zu beantragen.

"Ob man die Kosten scheut, die durch die Überstellung verursacht würden, oder ob man andere Gründe hat", rätselte tags darauf der Wiener "Kurier", "man weiß es nicht." Die österreichische Regierung wußte es indes genau.

Einerseits drängte die Sowjet-Union, die durch einen Prozeß gegen den Gewalttäter Sigl die Bloßstellung ihres Geheimdienstes befürchten mußte, in Wien auf einen Auslieferungsverzicht. Andererseits -- so mutmaßen heute westliche Abwehrexperten -- könnten auch die Amerikaner das Bundeskanzleramt am Wiener Ballhausplatz 2 um freundliche Nachsicht gebeten haben. Denn Sowjet-Agent Sigl ist möglicherweise in Südamerika heimlich zur CIA umgestiegen und vom US-Geheimdienst bis zum 12. April 1969 als Doppelagent zur Gegenspionage auf Moskaus KGB angesetzt worden.

Letzte Woche saß Sigi unter CIA-Verschluß noch in West-Berlin, Bundesdeutsche Sicherheitsorgane wollen einem etwaigen Asyl-Ersuchen des Österreichers ("Diesen Gangster wollen wir nicht") widersprechen.

Sigl könnte freilich nach Österreich heimkehren. Der Überfall auf die Postmeisterin ist seit zwei Jahren verjährt.


DER SPIEGEL 19/1969
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