05.05.1969

FRANZ VON PAPEN

Man wendet sich ab: Er war eine der genierlichsten Erscheinungen der deutschen Politik. Als er 1932, durch eine Laune aus dem Nichts geholt, Reichskanzler wurde, schrieb die "Frankfurter Zeitung", man müsse sich zunächst einmal die Augen reiben. Noch heute wirkt es unbegreiflich.
Sentimentale Fürsprecher der Ära von Herrenreitern und Reserveleutnants, Walter Görlitz beispielsweise oder Hans Georg von Studnitz, haben versucht, aus dem Debakel dieses in jeder Hinsicht gescheiterten Lebens wenigstens die Umrisse einer umstrittenen Persönlichkeit herauszustilisieren. Auch er selber hat sich mit Vorliebe so gesehen. Aber an Franz von Papen ist nichts umstritten. Seinen Charakter mag verteidigen, wer will. Doch repräsentierte er nie eine Möglichkeit deutscher Politik; er war vielmehr, überzeichnet bis zur Karikatur, die Endfigur eines Degenerationsprozesses. In ihm ging der Konservativismus dieses Landes in Unehren zugrunde.
Am Ende seines Lebens erst war er so überholt, wie es ihm eigentlich angemessen war: vergessen am Fuße des Schwarzwalds, ein Fossil aus einer anderen Zeit. Auf Turfplätzen, Fronleichnamsprozessionen oder dörflichen Schützenfesten begann er noch einmal, nun endlich vor gehörigem Hintergrund, die Bemühung seines Lebens: dabeizusein, eine Rolle zu spielen. Sein so penetrant wirkender Rehabilitierungsdrang, der ihn jahrelang um eine Majorsrente kämpfen oder einen Ehrenstreit vor dem Rheinisch-Westfälischen Verein katholischer Edelleute ausfechten ließ, hatte darin sein Motiv; desgleichen die Indolenz, mit der er den Titel eines Päpstlichen Geheimkämmerers wiederverlangte, den Plus XII. ihm nicht erneuert hatte. Der Historiker Karl Otmar von Aretin meinte, Papen habe damit nur eine Möglichkeit gesucht, seine "fatale Visage" auf den Katholikentagen herumzuzeigen: Am unerträglichsten, in der Tat, war ihm zeitlebens der Gedanke, nicht mit von der Partie zu sein.
Damit drückte er etwas vom Dilemma jener konservativen Schicht aus, deren Wortführer er für kurze Zeit gewesen ist. Und es war mehr als ein Zufall, daß er sie auf den Weg zu Hitler führte,
Denn in Franz von Papen bekundete sich am unbesorgtesten jener vehemente und würdelose Drang zur Macht, der die Konservativen seit 1918 beherrscht hat. Unfähig, sich mit dem Verlust von Privilegien und Führungspositionen abzufinden, so dünkelhaft wie borniert und folglich den Massen hoffnungslos entfremdet, waren sie zu jedem Pakt, zu jeder Bruderschaft entschlossen, die ihnen Anhang und Einfluß zurückzubringen versprach.
So gerieten sie an Hitler, der über die verlorengegangenen Massen gebot. Gewiß war Papen, als er ihm in einer abstoßenden Intrige die Macht antrug, von der Absicht geleitet, ihn den eigenen Zwecken dienstbar zu machen. In zwei Monaten, so versicherte er beherzt, "haben wir Hitler in die Ecke gedrückt, daß er quietscht".
Daraus aber, wie man weiß, wurde nichts, das Bändigungskonzept versagte aus zahlreichen Gründen. Papen, der kurz zuvor die hilfloseste und blamabelste Regierungsvorstellung der deutschen Geschichte gegeben hatte, war nicht nur taktisch und politisch außerstande, Hitler in die Schranken zu weisen; vielmehr machten auch sachliche Übereinstimmungen, die weit ins Grundsätzliche reichten, allen Widerspruch unglaubwürdig. In gewisser Hinsicht war Hitler nur der konsequent-radikale Ausdruck der konservativen Ressentiments und das Dritte Reich die rücksichtslosere Form jener vagen Theorien vom "Neuen Staat", die im Umkreis Papens entwickelt wurden.
Im Grunde bewunderten er und seinesgleichen denn auch alle diese rüden, schuftigen Nazis, ihre Unerschrockenheit vor dem Äußersten, ihre schneidige Niedertracht. Die schlechten Manieren, allenfalls, die würde man ihnen schon abgewöhnen. In zwei Monaten, in zwei Jahren.
Doch bis dahin sah das Verhältnis sich, allen selbstgewissen Erwartungen Papens sowie der marxistischen Theorie zum Trotz, umgekehrt: Nicht Hitler war die Marionette, sondern alle anderen; er allein bewegte die Figuren, ließ sie tanzen, jagen, sich erniedrigen oder warf sie einfach von der Szene.
Papen freilich, in seinem zähen Beteiligungsdrang, Papen der Allerweltskerl, blieb dabei. Er half dem Regime, den revolutionären Bruch vom Verfassungs- zum Unrechtsstaat zu verschleiern und räumte nicht einmal das Feld, als Hitler ihm zweimal, 1934 und 1938, Freunde und Mitarbeiter von der Seite wegschoß. Er habe mit sich gekämpft, ob er dem Regime weiter dienen solle, hat er später versichert; doch in seinem Verlangen, dabeizusein, für das er immer die tönernen Phrasen der vaterländischen Pflichtideologie bereit hatte, ist er sich unterlegen.
In Nürnberg bat er sich dann, mit der dreisten Anspruchsallüre, die ihm eigen war, und geübt darin, die Wahrheit zu behandeln wie ein Herr von Stand das Personal, als Vertreter des "anderen Deutschland" bezeichnet. Doch er war nur eine deprimierende Erscheinung des einen. In seinem letzten, unlängst erschienenen Buch, das vom Scheitern der Weimarer Republik handelt, hat er noch einmal Anklage gegen Parteien und Parteienstaat erhoben: so einsichtsarm, so forsch und trivial am Ende seines Lebens wie am Anfang. Der "Bayernkurier" fand das Buch denn auch "äußerst interessant und informationsreich. Papen widmete es der deutschen Jugend.
Doch er hat kein Vermächtnis zu vergeben. Er blieb, der er war: mit den anachronistischen Sentiments einer nicht ohne Grund abgehalfterten Klasse; der ungenierten Identifizierung von Standes- und Staatsinteresse; dem sozialreaktionären, von päpstlichen Enzykliken scheinheilig verbrämten Profil. Links gab es immer Parteien, Egoismus und Kuhhandel; rechts wurde selbstlos gedient.
Nicht zuletzt in seine Verantwortung fällt, daß die konservative Position in Deutschland eher korrumpiert, parasitär, auch einfach albern erscheint und auf lange schwerlich vertretbar ist. Hitler hatte dem Konservatismus die Aufgabe zugewiesen, "in Schönheit zu sterben"; nicht einmal die hat er gemeistert. Es wäre zugleich seine Chance gewesen. Er starb aber, muß man sagen, in Schande.

DER SPIEGEL 19/1969
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