05.05.1969

EMIGRANTEN / USTASCHAGeld vom Baron

Der kroatische Druckereiarbeiter Sega wunderte sich: Von der Decke des Setzsaals tropfte dunkler Saft.
Was Sega, Angestellter des Verlagshauses "Drina" im spanischen Carcagente, zunächst für rote Farbe hielt, war das Blut seines Chefs Vjekoslav Luburi'c. Der Lag, mit vier Messerstichen in Nacken und Gesicht tot unter seinem Bett.
Der mutmaßliche Täter, ein jugoslawischer Emigrant namens Ilija Stanic, 26, hatte den Tatort längst verlassen. Er nahm ein Taxi nach Valencia und fuhr von dort mit einem Leihwagen nach Barcelona weiter.
Die politischen Freunde des Ermordeten vermuteten, die jugoslawische Geheimpolizei Udba stünde hinter dem Attentat und habe dem Flüchtling in Valencia auf den gerade dort ankernden Tito-Passagier-Dampfer "Jugoslavija" verholfen.
Die spanische Guardia Civil gab sich keine sonderliche Mühe, die noch frische Fährte zu verfolgen. Es war kompliziert genug, zunächst die wahre Identität des Toten festzustellen, der sich auch noch Vicente García Pérez, Ladislav Cernovski Snovoda, Soldo, Maksimilijan und meist einfach Max genannt hatte.
Der Grund für den Langmut der Franco-Polizei ist in der Vergangenheit von Max zu suchen: Das Mordopfer war ein Massenmörder. Als Chef des 3. Polizei-Dezernats des kroatischen Ustascha-Regimes während des Krieges trug Luburic die Verantwortung für Hunderttausende von Tötungen allein im kroatischen Vernichtungslager Jasenovac -- an muselmanischen Einwohnern Bosniens, Juden und orthodoxen Serben
Luburic, der sich selbst "die Geißel Gottes" nannte, beschränkte sich nicht auf Schreibtischmorde: Einem serbischen Jungen, der über Magenschmerzen klagte und deshalb nicht zur Zwangsarbeit antreten konnte, stieß er eigenhändig ein Messer in den von Hunger aufgequollenen Bauch; nach einem Trinkgelage ließ er zur Belustigung 120 KZ-Opfer niedermetzeln. Nach dem Krieg fand die Polizei im Garten der Luburic-Villa in Sarajevo Reste von 23 verstümmelten Leichen.
Wie 1827 andere registrierte Kriegsverbrecher floh Luburic 1944 vor den anrückenden Sowjets und Tito-Partisanen nach Italien; dort verlor sich zunächst seine Spur, so daß sein Führer, Ustascha-Staatschef Ante Pavelic, zeitweise annahm, sein ehemaliger Lagerkommandant halte sich illegal noch immer in der Heimat auf.
Pavelic, bei Kriegsende als verkleideter Franziskaner-Mönch in Italien, hoffte immer noch, im Windschatten des Kalten Krieges sein Regime eines Tages restaurieren zu können. Er gab drei V-Leuten den Auftrag, über die Grenze zu gehen und Luburic ausfindig zu machen. Für den Fall, daß dieser sich inzwischen eine gesicherte Basis geschaffen hätte, kündigte Pavelic seine Rückkehr nach Jugoslawien an.
Die drei antikommunistischen Partisanen wurden von Titos Geheimpolizei verhaftet -- der verschollene Luburic war längst in den westlichen Untergrund gegangen. Er fand in Spanien eine neue Heimat, wo sich der ehemalige Kommandant der "Blauen Division", Muñoz Grandes, und der Geistliche Miguel Oltra Hernandez persönlich um ihn bemühten.
Ante Pavelic hingegen, der inzwischen bei Argentiniens Perón Unterschlupf gefunden hatte, wollte nun nichts mehr von seinem alten Kämpfer wissen. Paveli'c zu seinem Minister Brancic: "Luburic kann uns nur noch kompromittieren. Beseitigen Sie ihn!"
Doch statt Luburic wurde der Auftraggeber selbst angeschossen. Nach Peróns Abgang in Spanien ansässig, starb Ustascha-Chef Pavelic im deutschen Krankenhaus von Madrid am 28. Dezember 1959.
Neuer Führer der kroatischen Nationalisten wurde ein Dr. Stepan Refer; Luburic, der es gern selbst geworden wäre, durfte nicht einmal an der Beerdigung seines Häuptlings in Madrid teilnehmen. Pavelic-Witwe Mara: "Wenn Max kommt, dann fließt Blut!"
Mara, deren Tochter Visnja nicht eher heiraten will, bis Kroatien wieder ein unabhängiger und antikommunistischer Staat ist, störte die Familienkarriere des blutigen Max: Emigrant Luburic hatte die reiche Spanierin Isabela geheiratet, die ihm drei Kinder gebar. Witwe Mara zur Luburic Schwiegermutter in Bilbao: "Seine Hände sind so blutig, daß man sie nie wieder desinfizieren kann."
Ähnlich dachte auch ein anderer Aspirant auf die Pavelic-Nachfolge, das heutige CDU-Mitglied Dr. Branko Jelic, der auf einer Sitzung seines "Kroatischen Nationalkomitees" in München erklärte, Luburic könne mit seiner Vergangenheit den politischen Zielen der kroatischen Emigration nur schaden. Jelic: "Das wäre so, als würden heute in Deutschland Bormann oder Himmler eine Organisation für die Wiedervereinigung Deutschlands gründen."
Der verfolgte Wahlspanier Luburic, gab seine Hühnerfarm bei Valencia auf. Er gründete einen "Generalstab Kroatischer Streitkräfte", an dessen Spitze er selbst, "General Drinjanin", stand. Das Verlagshaus "Drina", nach einem Fluß benannt, der die Grenze des Luburic-Traumstaates Kroatien darstellen sollte, entwickelte sich bald zu einem Zentrum des Antikommunismus.
Neben Zeitungen, Zeitschriften, Broschüren und Flugblättern, in denen der Exil-Krieger fast mehr gegen seine Ustascha-Konkurrenten als gegen Tito-Kommunisten focht, gab die Hauptabteilung V seines Hauptquartiers (Studium der psychologischen Kriegführung) auch noch ein "Kriegs* 1968 vor Gericht in Belgrad.
Handbuch" heraus, in dem ein Muhamed Muftic Ratschläge erteilte.
Leiter der Deutschland-Abteilung wurde Krunoslav Batusic, der zeitweise an einem aus deutschen Steuermitteln finanzierten Magazin für hilfebedürftige Emigranten arbeitete und sich fortan "Oberst Domagoj" nennen durfte. Batusic sollte als "Militärsachverständiger" die rivalisierende Exilbewegung Dr. Jelics, der ihm vertraute, beobachten und ferner Gelder für seinen Chef in Valencia auftreiben.
Die fand er zunächst bei einem Zlatko Tudjina, der aus Titos Heimat, dem kroatischen Bergbezirk Zagorje, stammt. Der Wahl-Münchner Tudjina, der sich selbst Baron nennt, finanzierte mit 3000 Mark die Fahrt eines Ibrahimbeg Pjanic nach Spanien, wo dieser von Luburi~ mit einem Grafentitel und der Funktion des Sektionsleiters E (Europa) im "Generalstab" ausgezeichnet wurde. Zum Leiter der Abteilung 0 (Orient) setzte Luburic einen syrischen Offizier namens Muharem Bajaktarevic, gleichfalls Ustascha-Flüchtling, ein.
Die Ansammlung muselmanischer Jugoslawen in seiner unmittelbaren Nähe sollte dem Muselmanenschlächter Luburic jedoch nicht als Symbol einer Wiederversöhnung zwischen katholischen Kroaten und islamischen Bosniaken dienen. Luburic wollte damit nur einen reichen Gönner für seine Bewegung gewinnen: Ibn Saud, damals noch König von Saudi-Arabien.
Doch die Araber waren eher am blocklosen Tito als an einem illusionären mohammedanischen Protektorat auf dem Balkan interessiert. Bei der Suche nach Finanzquellen stieß Luburic schließlich auf einen Gesinnungsgenossen namens Srecko Rover, der in Australien seine dort lebenden kroatischen Landsleute nach amerikanischen Gangster-Methoden schröpfte.
Zwar konnte Luburic nie die von ihm angestrebte Position als unumstrittener Führer der kroatischen Emigration erreichen vor vier Jahren entging er knapp einem Revolverattentat -, aber immer wieder wandten sich die radikalsten Elemente der Ustascha-Bewegung an ihn.
Es war Luburic, der den kroatischen Emigranten Ignac Gotal und Mijo Secer einen Teil jener Sprengstoffe aushändigte, die in einem Keller auf der Strecke von Überlingen nach Friedrichshafen gespeichert waren und von denen mehrere Kilogramm Ante Buljanin erhielt, der in Siegen eine Autoreparaturwerkstatt betrieb. Er verpackte das brisante Material in mehrere viereckige Metallröhren.
Im Reisegepäck eines Ivan Jelic, dessen Bruder bereits unter mysteriösen Umständen in Friedrichshafen ums Leben gekommen war, wanderten die Bomben nach Belgrad, wo sie im vorigen Jahr auf dem Bahnhof und im Kino "20. Oktober" explodierten. Kino-Besucher Cucurovic starb.
Doch Luburic wußte nicht nur, wo es Sprengstoff gab, sondern kannte nun auch die Geldquellen: Sowohl Hoyer in Australien, der nach dem Kriege an direkten Einsätzen im jugoslawischen Slowenien teilgenommen hatte, als auch "Baron" Tudjina, der als Photograph in München Gedenkmünzen herstellt und an jugoslawische Gastarbeiter vertreibt, finanzierten den Ustascha-Terroristen Mile Rukavina.
Er wurde fünf Tage nach seiner Erwähnung im SPIEGEL (43/1968) zusammen mit zwei Komplicen in seiner Münchner Zentrale erschossen -- sechs Monate nach dem gewaltlosen Tod seines Pariser Vertrauensmannes Nedeljko Mrkonjic (genannt "Zimja" -- die Schlange) und sechs Monate vor einem Sprengstoffattentat auf den Rukavina-Freund Mirko Curic" das offenbar eigentlich einem Treffen des Konkurrenzvereins von Dr. Jelic galt.
Nachdem am 17. April noch Ustascha-Gegner Ratko Obradovic, 50, Redakteur der serbischen Exil-Zeitschrift "Iskra", in München auf offener Straße ermordet wurde, verbreitet sich unter Jugoslawien-Emigranten Furcht: Ein Begräbnisausschuß der Exilkroaten hat vorsichtshalber beschlossen, auf dem Münchner Waldfriedhof drei Gräber auf Reserve zu kaufen.

DER SPIEGEL 19/1969
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