05.05.1969

NAHER OSTEN / ATOMBOMBETod aus der Textilfabrik

Die Wüste lebt -- im Norden des Negev, halbwegs zwischen Beersheba und der Südspitze des Toten Meeres.
Feldbahngleise kommen aus dem Nichts und scheinen ins Nichts zu führen. Starkstromleitungen verschwinden in der Einöde. Elf Kilometer nach den Beton-Bauten der Pioniersiedlung Dimona teilt ein Sperrzaun aus Maschendraht die Steppe. Mehrsprachige Schilder verbieten das Halten und strengstens -- Photographieren.
Halb verborgen durch Dünen und Buschwerk ist in der Ferne, einer Fata Morgana gleich, ein Riesen-Ei in der Wüste zu sehen, schlanke Schornsteine und langgestreckte Hallen rundum.
Die Wüsten-Anlage ist eines der bestgehüteten Geheimnisse Israels, so streng bewacht, daß am ersten Tag des Juni-Kriegs 1967 eine beschädigte israelische "Mystère", die in den Dimona-Luftraum geriet, sofort mit einer "Hawk"-Rakete abgeschossen wurde; der Pilot kam ums Leben.
Es Ist Israels Atom-Stadt Im Negev, wo Hunderte der besten Wissenschaftler und Techniker des Landes eine Waffe schmieden, die den gefahrenträchtigen Nahen Osten endgültig zum explosivsten Krisenherd der Welt macht: Israels Atombombe.
Sie geistert durch die Welt, seit Amerikas Geheimdienst Ende 1960 Dimona von einer U-2 aus der Luft photographieren ließ. Im Januar dieses Jahres behauptete die amerikanische Fernsehgesellschaft NBC, US-Geheimdienst-Recherchen hätten ergeben, daß "Israel die Bombe bereits habe oder sie in Kürze haben werde".
Die US-Regierung beschwichtigte damals: Gewiß habe Israel die wissenschaftliche und technische Potenz, die Bombe zu bauen, aber Washington wisse nichts von einem politischen Beschluß Jerusalems, es zu tun.
Israel selbst dementierte: Der NBC-Bericht sei das "Produkt einer übersteigerten Phantasie". Sehr wörtlich genommen, war das Dementi berechtigt, die NBC-Meidung ungenau: Der politische Entschluß war längst gefallen -- und Israel hat die Bombe bereits. Es hat nicht nur eine. Als sechste Macht der Welt nach Amerika, der Sowjet-Union, England, Frankreich und China verfügt Israel über einsatzfähige Atomsprengköpfe: mindestens fünf, wahrscheinlich aber sechs Bomben des Hiroshima-Typs mit einer Sprengwirkung von 20 000 Tonnen TNT -- genug, um im Ernstfall die Hauptstädte oder lebenswichtigsten Ziele seiner feindlichen arabischen Nachbarn (etwa den Assuan-Damm) zu vernichten.
Israel hat auch die Träger, um seine Atomwaffen ins Ziel zu bringen: Die A-4 "Skyhawk"-Jets der israelischen Luftwaffe (Geschwindigkeit Mach 0,9, Reichweite über 600 Kilometer) können die Bombe tragen.
Als Atombombenträger sind auch die 50 F-4 "Phantom" (Reichweite 1500 Kilometer) gebaut, die Amerika vom Herbst dieses Jahres an liefern wird. Spätestens ab 1970 aber sind Israels eigene Mittelstreckenraketen vom Typ MD 680 (Reichweite 500 Kilometer) einsatzbereit.
Die Flugzeuge erhielt oder erhält Israel von den USA. Die Bombe aber und die Rakete verdanken die Israelis jenem Verbündeten, der es seit dem Juni-Krieg mehr mit den Arabern hält, über Israel aber ein totales Waffen-Embargo verhängt hat -- Frankreich,
Zwar lieferten die Amerikaner den ersten Atomreaktor an Israel: einen 2,5-Megawatt-Forschungsreaktor, der in Nahal Sorekh, 20 Kilometer südlich von Tel Aviv steht. Die USA stellten auch das angereicherte Uran-235 bereit, mit dem der Reaktor betrieben wird. Sie hielten aber Werk und Brennstoff unter strikter Kontrolle, außerdem läßt sich aus dem Mini-Reaktor kein Bomben-Brennstoff herstellen.
Nach dem Suez-Krieg von 1956 und einem Besuch Ben-Gurions bei de Gaulle begannen jedoch israelische und französische Techniker mit dem Aufbau des Dimona-Projekts. Das Wüstendorf wuchs bald zur 20 000-Einwohner-Stadt; für Kinder der französischen Techniker richtete Israel eine französische Schule ein.
Ein ägyptischer Alarm machte die Welt auf das Leben in der Wüste aufmerksam. Die Amerikaner fragten in Jerusalem nach dem Zweck des Projekts. Antwort der Israelis: In Dimona entstehe eine Textilfabrik.
Amerikas CIA sandte U-2-Himmelsspione aus, um das Geheimnis im Negev zu ergründen. Erst die U-2-Photos zeigten, welches Garn da gesponnen wurde: ein 24-Megawatt-Reaktor des Typs EL 3, als Bombenwerkstatt durchaus geeignet.
Israel beteuerte jedoch, es handle sich um ein Werk für ausschließlich friedliche Zwecke. "Befriedigt" nahm Washington Ben-Gurions Erklärung hin, Dimona diene "den Bedürfnissen der Landwirtschaft, Industrie und Volksgesundheit". Und amerikanische Experten, die nach jahrelangem Drängen den Reaktor inspizierten, berichteten, sie hätten keine Trennungsanlage zur Gewinnung des Bomben-Sprengstoffs Plutonium gefunden.
Die brauchte Israel damals noch nicht. Frankreich veredelte Uran für Israel in seinem Atomzentrum Pierrelatte.
Schon damals aber begannen die vorsichtigen Israelis, sich auch vom französischen Partner unabhängig zu machen. Sie kauften Uran in Südafrika und Argentinien und begannen mit dem Bau einer geheimen Trennungsanlage noch tiefer im Negev, die nach Schätzung des Londoner "Institute for Strategic Studies" sechs Kilogramm Plutonium jährlich erzeugen kann. Israelische Techniker unter Leitung des Fermi-Schülers Professor Racah und Dr. Ernst Bergmann ersannen technische Tricks, um selbst aus den Abfällen der Israel-eigenen Kali-Werke am Toten Meer Uran zu gewinnen -- 50 Kilo jährlich, genug für den Dimona-Reaktor. Israelische Erfinder verbilligten auch den Weg zur Bombe; der Kostenfaktor war bald kein Problem mehr.
Schon 1965 bemerkte Edward Teller, der Vater der Wasserstoffbombe, nach einem Besuch in Israel, das Land werde bald die Bombe haben. "Seit einem Jahrzehnt arbeiten die Israelis in Dimona", spekulierte ein neutrales Mitglied der Atomenergiekommission in Wien. "Bisher haben sie noch kein offizielles Forschungsergebnis mitgeteilt. Was zum Teufel tun sie denn dort, wenn sie keine Bombe bauen?"
Israel weigerte sich trotz stärkster amerikanischer Pressionen, dem Atomsperrvertrag beizutreten. Es verweigerte jede Kontrolle durch die Wiener Atomkommission. Und seit dem Juni-Krieg kauften Strohmänner der Israel-Regierung auf internationalen Märkten Spezial-Legierungen, die nur für Atombomben und Raketen benötigt werden.
In den letzten Wochen war das Geheimnis kaum noch zu hüten, obwohl Verteidigungsminister Dajan, dem Israels Atomforschung untersteht, noch immer heftig bestritt, daß Israel bereits Atommacht sei.
Ägyptens Präsident Nasser drohte im US-Fernsehen, wenn Israel Atomwaffen habe, "werden wir sie uns auch beschaffen, was immer es kostet".
Da Ägypten aber nur einen Mini-Reaktor und kaum das Geld hat, um eine eigene Atom-Industrie zu entwickeln, könnte Kairo Kernwaffen nur von den Sowjets bekommen.
Moskau scheut das Risiko. Statt dessen sucht der Kreml Kontakte zu Washington, um die atomare Zeitbombe im Nahen Osten zu entschärfen, ehe sie losgeht. Neben den offiziellen Vierergesprächen über den Nahen Osten in New York treffen insgeheim der Sowjet-Botschafter Dobrynin und der US-Delegierte Sisco zu Zweiergesprächen zusammen.
Sie wissen, daß sie für einen Nahost-Akkord nicht viel Zeit haben: An der Suezfront herrscht seit Anfang letzten Monats wieder Kriegszustand.

DER SPIEGEL 19/1969
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