05.05.1969

KOMPONISTEN EGKFürchterliche Sachen

"In einem Luxus-Haus am Ammersee lebt "eine der nobelsten Erscheinungen der Gegenwart", ein Mann, der sich, wie die "Zeit" schrieb, "jahrzehntelang seinen international gültigen Namen makellos bewahrt hat": Bundesverdienstkreuzträger und Komponist Werner Egk, 67.
Nun ist doch ein Makel am Musikprofessor entdeckt worden: In einem Buch des Hanser-Verlags ("Kritik / von wem / für wen / wie") nennt der Komponist Konrad Boehmer Werner Egk "eine der übelsten Figuren nationalsozialistischer Musikpolitik".
Boehmer, Musikredakteur der sozialistischen Wochenzeitung "Vrij Nederland", dem einstigen Kampfblatt gegen die deutsche Besatzung, forschte monatelang im niederländischen Reichsinstitut für Kriegsdokumentation, in Staats- und Privatbibliotheken. Er fand: "Aus krankhafter Karrieresucht" sei Egk "zum Opportunisten geworden, der bei Hitler Pfötchen drückte und die gewaltige NS-Zeit pries, in der alles mächtig vorwärtsstrebt'".
Egk ging mit der neuen Zeit und kam dabei gut voran: Während Kollegen wie Hindemith und Schönberg in die USA emigrierten, schrieb der Komponist, der eigentlich Mayer heißt und sich selbst Egk (Kürzel für: Ein großer Künstler) nennt, in Hitlers Auftrag die Festmusik für die Olympischen Spiele 1936, wofür er einen Lorbeerkranz bekam und mit einer Goldmedaille geehrt wurde. Im "Glauben an das Erhabene" (Egk) vertonte er 1939 Weinhebers großdeutsches Weihespiel "Die hohen Zeichen" und ließ sich"s, wie Boehmer herausfand, nicht nehmen das Werk am Vorabend von Hitlers Geburtstag im Reichssender Leipzig selbst zu dirigieren. Und so etwas zahlt sich allemal aus: Dem Komponisten wurde von Minister Goebbels ein mit 10 000 Mark dotierter Kompositionsauftrag erteilt. Er rückte zum Leiter der Fachschaft Komponisten in der Reichsmusikkammer auf und dankte mit zackigen Weisen für den Nazi-Propagandafilm "Jungens". Refrain des "Marsches der deutschen Jugend": "Fahren, fahren wir; die Fahne weht voran. Großdeutschland heißt unser Schiff, drauf stehn wir Mann für Mann."
Was Rechercheur Boehmer als "eine beeindruckende Liste von Beiträgen eines Opportunisten zum braunen Kapital deutscher Musikgeschichte" wertet, sieht Egk ganz anders: Denn auch er war, versteht sich, in Wirklichkeit ein Widerstandskämpfer, dessen "wahre Ansichten" nur eben "durch die Tarnung möglicherweise nicht immer erkennbar" waren, ja er war sogar ein "Antifaschist, der stets in Konsequenz seiner Anschauungen gehandelt hat" und Nationalsozialisten so wenig schätzte, daß er "Tränen der Wut über diese Menschen geweint" hatte. So stufte Egk sich bei seinem Spruchkammer-Verfahren im Jahre 1947 ein. Und seine Richter glaubten ihm: "Da sein gesamtes Verhalten und sein unbestrittener Widerstand ... eine Belastung im Sinne des Gesetzes nicht erkennen" ließen, wurde er freigesprochen.
Der Weg zum Nachkriegsruhm war geebnet: Der "Meyerbeer des zwanzigsten Jahrhunderts" (Richard Strauss), der -- ob "Zaubergeige" oder "Peer Gynt", "Abraxas" oder "Revisor" -- einfachste "Kraut-und-Rüben-Melodien" (so Musikkritiker Stuckenschmidt) schrieb, wurde Präsident des Deutschen Musikrates, Aufsichtsratsvorsitzender der Gema, Präsident des Deutschen Komponistenverbandes und Mitglied des Münchner Rundfunkrats.
Ein Verächter der wirklich neuen Musik ist Egk bis heute geblieben. So wie er 1935 in der "Völkischen Kultur" Schönbergs atonale Musik verunglimpfte ("Von seiner "Verklärten Nacht" über den "Pierrot lunaire' bis zu den musikalisch kaum mehr faßbaren, pathologisch übersensiblen Spätwerken geht ein Weg, der so gerade ist wie der zur Hölle"), denkt er offensichtlich auch heute über die derzeitige Avantgarde:
Den Ungarn György Ligeti verketzerte er beispielsweise, indem er dem Rundfunkrat, einem künstlerisch inkompetenten, nur für den Etat zuständigen Gremium, die Tonbandaufnahme eines Ligeti-Stücks vorspielte, um klarzumachen, "daß der Terror solch groben Unfugs nicht mehr geduldet werden könne" (Boehmer). Nach Egks Vorstoß wurden die berühmten Münchner "Musica Viva"-Konzerte reduziert.
Als Egk nun, ein halbes Jahr nach Erscheinen des Hanser-Buches, erfuhr, daß "da ein ganz großes Schwein fürchterliche Sachen geschrieben hat" (so Egks Frau Elisabeth), erwirkte er gegen Verlag und Autor eine einstweilige Verfügung und fünf Wochen später einen außergerichtlichen Vergleich.
So wird nun in der Rest- und in der Neuauflage des Kritikerbuches Boehmers "Figuren"-Behauptung schwarz überdruckt.

DER SPIEGEL 19/1969
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