21.04.1969

„EXHIBITIONISTEN AN DIE FRONT“

Das Münchner Amt für Öffentliche Ordnung tat, was seines Amtes ist. Die Auftretenden, so diktierte es, hätten "ausreichende Bekleidung" zu tragen; "so muß insbesondere die Schamgegend und das Gesäß, bei Frauen auch die Brust, bedeckt sein".
Kann unter solchen Restriktionen eine "Underground Explosion" stattfinden? Kann so die Kunst zutage treten, für die, bekanntlich, blanke Brust und freie Lenden Untergrundlagen sind?
"Underground Explosion": Unter dem knalligen Titel begab sich letzte Woche im Münchner Zirkus Krone die erste heimatliche Großveranstaltung dieses Genres. Und es zeigte sich, daß Underground mehr heißt als Offenlegen von Verborgenem.
Denn schon der Anfang war in tiefe Dunkelheit getaucht, Eine halbe Stunde lang erschütterte die bayrische Musik-Kommune "Amon Düül II" mit einer barbarischen Perkussions-Orgie das finstere Haus; dann wurden die Töne friedlicher, und mild entspannt ließen die Musiker von ihren Instrumenten ab.
"Amon Düül II", durch Zellteilung aus der "Amon Düül I" hervorgegangen, ist der Stolz des bayrischen Underground. Ein Dutzend junger Leute, die Herren tragen sich wie Apostel, die Damen wie Heilsarmistinnen, führt in einem Einfamilienhaus am Ammersee ein Großfamilienleben und übersetzt anarchische Neigungen in eine Art Musik.
Nach Stammesweise lebt auch das "Wath-Tholl"-Theater des Züricher Schauspielers Pjotr Kraska, 22. Der Zwölfertrupp, Alter zwischen 16 und 24, Beruf zwischen Student und Spengler. hat in einem andalusischen Bauernhof überwintert und an seinem Stil gefeilt.
Mit tierischen Schreien trat nun die Kraska-Sippe im Zirkus Krone an. attackierte sich in Kampfballetten und ekstatischen Blocksberg-Umarmungen. Kraska, der seine Hosen als Notizblock nutzt, will so die "Einheit zwischen Geist und Körper" erzielen; als ein Zuschauer ein Kraska-Mädchen küßte, stürzte es, wie vom Blitz berührt, zu Boden.
Um so aufgewühlte Gäste im Zaum zu halten, hatte der Krone-Haus-Verwalter Hans Schulz seine Weißhemden-Ordnungstruppe um 10 auf 22 Mann verstärkt. Es sind Männer. sagt Schulz. die sich "was dazuverdienen"; ihr Führer, etwa, arbeitet tagsüber im Eisenbahn-Ausbesserungswerk.
Als Schulz aber merkte, daß im Saale nur "Studenten sind, die ihren Spaß wollen", hielt er den Schutztrupp zu Sanftmut an. Die nachfolgenden Darbietungen waren sowieso stärker geeignet, die Aufmerksamkeit zu fesseln.
Denn alsbald trat ein Mädchen ans Mikrophon, das am Leib nur schwarze Schminke trug. Es stieß spitze Schreie aus, verfiel in Stöhngesang und Dada-Rezitative. Das ist "Anima-Musik", erklärt der Gatte, der Maler. Filmer, Schmied und Bildhauer Paul Fuchs,
Limpe Fuchs, die Sängerin, kann auch am Schlagzeug, das sie am Konservatorium studiert, nur trommeln, wenn sie oben frei ist. Paul pustet dazu in eine selbstgeschweißte Tuba und verstärkt den Strahl, indem er ihn in eine Milchkanne richtet.
Das merkwürdige Paar lebt auf einem Dorf bei Wasserburg. in einem alten Pfarrhof, dessen Fundamente im 9. Jahrhundert gründen und der mittlerweile als Fluchtburg des bayrischen Underground gilt; die Dörfler schlagen gern das Kreuz, wenn man sie nach dem Pfarrhof fragt.
Was man Limpe nicht durfte, das sollte man Valie Export: anfassen. Die Wiener Verfechterin neuer Kunstformen trug einen Blechkasten an der bloßen Brust, und Gäste waren geladen, durch die Röhre beide Hände nach Valie auszustrecken.
"Es lohnt sieh", verriet ein Ordnungsmann nach dem Zugriff: Der Mann hatte damit an einer Vorführung des "Ersten Tapp- und Tastfilms" teilgenommen. Denn, so deutet der Valie-Freund Peter Weibel aus Wien: Der Blechkasten ist ein Kinosaal, "nur etwas kleiner", und darin wird "ein echter Frauenfilm" gezeigt.
Weibel, der auch Seh-Filme fertigt. verband die Export-Ausstellung mit der Verlesung eines seiner Manifeste. "Schwanz raus", forderte er, "Exhibitionisten an die Front." Schließlich ging er zu direkter Aktion über.
Mit einer Art Stalinorgel. die Wasser spie. rückte er gegen die Besucher vor, und wer sich widersetzte, den trafen Valies Peitschenhiebe. "Wir schlagen", erläuterte Weibel den Vorgang, "Staatsbürger zu Menschen zusammen."
Der "Explosion" -Veranstalter Karlheinz Hein, 32, trug seinen Yul-Brynner-Kopf matt schimmernd und zufrieden durch die von mancherlei Licht-Spielen erhellte Arena. Er hat, wie er wollte, "momentan aktuelle Künste" vorgeführt und hofft, daß ihm die Bayern dafür keine Vergnügungssteuer abnehmen,
Die "Explosion" geht nun auf Tournee, unter anderem nach Köln, und die lokale Stadthalle erfuhr beruhigt, daß dabei eigentlich nichts explodiert. Die Undergroundler. scheint es, haben das Pulver noch nicht erfunden.

DER SPIEGEL 17/1969
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