31.03.1969

SOWJET-UNION / OSTFRONTVon jenseits der Tod

Konrad Adenauer und Nikita Chruschtschow lustwandelten in des Russen Garten. Sie betrachteten die Herbstblumen -- da brach es, so Adenauer im zweiten Band seiner Memoiren, aus Chruschtschow heraus:
"Stellen Sie sich vor, China hat jetzt schon über 600 Millionen Menschen. Jährlich kommen noch zwölf Millionen hinzu. Alles Leute, die von einer Handvoll Reis leben. Was soll (und dabei schlug er die Hände zusammen), was soll daraus werden?"
Adenauer dachte sich, laut Adenauer: "Lieber Freund, du wirst eines Tages zufrieden sein, wenn du im Westen keine Truppen mehr zu unterhalten brauchst." Darauf Chruschtschow, als ob er die Gedanken seines Gastes geahnt habe: "Helfen Sie uns, mit China fertig zu werden!"
Adenauer mag die Gartenszene aus dem Jahre 1955 geschönt haben: Böse Sowjets durch noch bösere Chinesen gebändigt -- welch Wunschbild rheinländischer Außenpolitik! Doch seit dem 2. März erscheint vielen Leuten das Wunschbild wahr:
Auf dem Eis des ostsibirischen Flusses Ussuri, um den Besitz der Flußinsel Tschen Pao (russisch: Damanski), fochten sich russische und chinesische Patrouillen vom zehnjährigen Glau-
* Karikatur von Tim ("L'Express").
benskrieg ins offene Gefecht und vom Gefecht in die Schlacht. Beim zweiten Zusammenstoß, am 15. März, setzten beide Seiten Truppen in Regimentsstärke ein. Wahrscheinlich fielen etwa 60 Russen und 100 Chinesen.
Unter dem Feuerschutz ihrer Artillerie, begleitet von Panzern und Hubschraubern, gingen sowjetische Schützen gegen den Feind vor -- in der ostsibirischen Steppe, aber sichtbar für die ganze Welt: Russische PK-Soldaten filmten im MG-Feuer, Moskau suchte Publizität für den Ussuri.
Daheim fragte Sowjet-Schriftsteller Jewgeni Dolmatowski in der "Komsomolskaja Prawda": "Warum schlugen wir den Angriff wahnsinniger Provokateure nur mit einer kleinen Gruppe von Grenzwächtern zurück, die kleine Waffen benutzten, wo wir doch alle gut genug wissen, daß unser Vaterland stark genug ist und die verschiedensten mächtigsten Waffen besitzt?" Antwort: "Weil unser Land versucht, auch mit den fanatischsten Verrückten vernünftig zu reden."
Auch früher schon, in Budapest und in Prag, hatten Kommunisten auf Kommunisten geschossen, aber niemals als reguläre Soldaten an einer Staatsgrenze. Auch früher schon hatten der Russe aus Marxens rechtem Auge und der Chinese aus dem linken einander bedroht, aber sie blieben an ihrem Platz. Jetzt schienen sie loszurücken -- unter Donnerschall.
Im Ussuri-Stützpunkt Nischnij Michailowsk lagen 31 tote Sowjetsoldaten unter weißen Tüchern aufgebahrt. Der Vizechef des Staatssicherheitskomitees KGB, Generaloberst Sacharow, hielt die Trauerrede gegen die "rasenden chinesischen Nationalisten".
"Konnten sie wissen", fragte die "Sowjetskaja Rossija", "daß sie von jenseits des Ussuri der Tod ereilt, aus einem Land, dessen Machthaber sich heuchlerisch und frevlerisch Kommunisten nennen?"
In Moskau, so stand in der Sowjet-Presse, begriff eine Bauersfrau die Frevler nicht mehr: "Wir haben sie ernährt, wir haben sie gekleidet, und sie töten unsere Jungens." Ein Sowjet-Intellektueller forderte Schutz gegen die "Chinesenhorden". Sowjet-Lyriker Jewtuschenko reimte rasch gegen die Chinesen. Er sah einen neuen Mongolensturm voraus und die zarten Füße einer Ballerina im Zementschlamm waten.
Die sowjetische Illustrierte "Ogonjok" warnte und schmähte: "Die rasenden, kannibalistischen, nationalistischen Ideen Maos, des selbsternannten obersten Führers, haben Millionen von Chinesen verhext. Laßt Chinesen zugrunde gehen, laßt Millionen Menschen anderer Nationalität hinschlachten, damit die verrückten Ideen des chinesischen Führers triumphieren!"
Armeeblatt "Roter Stern": "Es gab einmal einen gewissen Adolf Hitler, der steckte auf seinen Landkarten Moskau und den Ural als sein eigenes Territorium ab. Er steckte ab -- und ist verrottet -, und der Erdball ist froh darüber."
Doch im Wortkrieg gegen Russen unterliegen Chinesen nicht: "Die neuen Zaren im Kreml sind wie Ratten, die über die Straße laufen und bei deren Anblick jedermann ruft: "Tötet sie!", meldete die Nachrichtenagentur "Hsinhua".
Die Breschnew-Doktrin von der begrenzten Souveränität sozialistischer Länder wurde von "Hsinhua" als "eine rein faschistische Theorie" entlarvt. Die sowjetische Intervention in der CSSR zeige den wahren Charakter der "plumpen sozial-imperialistischen Posse", die von der Moskauer "Bande wilder sozial-faschistischer Briganten" gespielt werde (siehe Kasten Seite 112).
"Die Völker werden geknechtet", "der Starke frißt den Schwachen auf", analysierte Pekings "Volkszeitung" die von Moskau gelenkte Ost-EWG Comecon: "ein Instrument des sowjetrevisionistischen Neokolonialismus".
Chinesische Fischer vom Ussuri berichten im selben Blatt: "Früher, zur kaiserlich-russischen Zeit, pflegten die Zaren Soldaten zur Okkupation unseres Landes zu schicken, die vergewaltigten, sengten und mordeten ... worin liegt der Unterschied zu dem, was heute die sowjetrevisionistische Renegaten-Clique tut? Es besteht kein Unterschied, beide sind wie zwei auf dem gleichen Boden hochgerankte KürbisEine mehr erstaunte denn beunruhigte Welt sah eine völlig neuartige Konfrontation: die gewaltigste der Geschichte zwar -- 240 Millionen Russen gegen 700 Millionen Chinesen, mehr Menschen, als 1830 auf der ganzen Erde lebten -, aber eine Konfrontation anscheinend nur wegen eines einen halben Quadratkilometer großen, unbewohnten, verschlammten oder vereisten Odlands in einem Fluß. Dem Schlachtenlärm und selbst der Schlacht haftete etwas künstlich Verzerrtes, seltsam Unglaubwürdiges an.
Wer angefangen hatte, zu schießen und das Schießen auszuposaunen, blieb ohnehin dunkel. Beide Seiten lieferten einander widersprechende Berichte und Bilder. Auf den chinesischen Photographien war wenig zu erkennen, die sowjetischen schienen gestellt: Die darauf sichtbaren Russen trugen weiße Tarnumhänge, die Chinesen dunkle Kampfanzüge, obwohl der erste sowjetische Frontbericht (in der Moskauer Zeitung "Trud") die chinesischen Angreifer in Weiß beschrieben hatte.
Russen wie Chinesen kam die Hochspannung gelegen, um die Reimatfront zu stärken und sich Verbündeten zu empfehlen -- aber den Russen kam sie vielleicht gelegener:
Die Sowjet-Union kann Gefahr brauchen, um den auseinanderfallen-
* Originaltext: "Mit bluttriefenden Händen beklatschen Amerikaner und westdeutsche die chinesische Provokation an der sowjetischen Fernostgrenze."
den Ostblock im Griff zu behalten und die kommunistischen Parteien auf dem roten Wellkonzil zu beeindrucken, das am 5. Juni in Moskau tagen soll.
Den Ländern der Dritten und der westlichen Welt, vielleicht vor allem den USA, könnten sich die Russen als Bollwerk gegen die gelbe Gefahr empfehlen -- mit mehr Aussicht auf Erfolg als die Chinesen, wenn diese erwarteten, sie würden als Vorkämpfer gegen den Sowjet-Kolonialismus viel Beifall finden.
Die aus Tradition und Mentalität Politisch in sich gekehrten Chinesen rüsten daheim zu einem neuen Wirtschaftssprung nach vorn. Ihre technische Rückständigkeit verbietet ihnen jede Herausforderung einer Industriemacht. die irritiert -- versucht sein könnte, mit einem Präventivkrieg zu antworten.
Jahrelang verhielt sich China gegenüber den USA trotz aller grollen Worte äußerst vorsichtig -- offenbar besorgt, Amerika könne zuschlagen. Seit Jahren läuft in Amerika tatsächlich die Debatte, ob man nicht zuschlagen solle, solange noch Zeit sei. Vielleicht sind die Russen noch weniger als die Amerikaner in der Lage, die Chinesen zu verstehen. Und wahrscheinlich sind die Russen durch die Chinesen heute viel stärker fixiert als durch die Deutschen, die ihnen gleichfalls gefährlicher erscheinen, als sie sind (SPIEGEL 1/2/1969).
Ein Jahrzehnt chinesischer Häresie gegen Moskaus Anspruch, der Hort der Rechtgläubigkeit zu sein, hat im russischen Chinabild tiefe Spuren hinterlassen. In diesem Jahr wollen die Chinesen auf ihrem Parteikongreß ihre Anti-Kirche gar einem neuen Ziel weihen: Kapitel eins des neuen Parteistatuts verpflichtet alle Mitglieder, für den Sturz der Sowjet-Führung zu streiten.
Die harte Fraktion innerhalb der Kreml-Führung, die schon in Prag und im Nahen Osten eine riskante, wenn auch nicht unkalkulierte Politik gewagt hatte, könnte von der Zwangsidee erfüllt werden, China bedrohe schon durch seine Existenz den Sowjetstaat: Eine Flut chinesischer Menschenmassen könne in die menschenleeren Gebiete Sibiriens drängen, die antikolonialistische Propaganda Pekings könne das Sowjet-Imperium auflösen, die sozialrevolutionäre Botschaft Maos die hierarchische Gesellschaft Rußlands sprengen.
Von einer solchen Obsession bis zum Präventivschlag ist immer noch ein weiler Weg. Rußland wird ihn aller Wahrscheinlichkeit nach nicht gehen. obschon die Chinesen so tun, als stehe ein russischer Angriff bevor: Die Breschnew-Doktrin, so "Hsinhua". könne Moskau dazu verleiten, auch Länder außerhalb des sowjetischen Kolonialimperiums" -- also außerhalb Osteuropas und der Mongolei -- unter seine Kontrolle zu bringen.
Wollte Rußland gegen China militärisch vorgehen, stünde es zum erstenmal in seiner Geschichte einem Feind gegenüber, der technisch unterlegen, aber dreimal so volkreich ist.
In den Wüsten Mittelasiens könnten selbst gewaltige Offensiven mechanisierter Sowjet-Divisionen versanden. Militärexperte Ferdinand Otto Miksche prophezeite den Russen, selbst wenn sie das strategisch exponierte Peking eroberten, einen Kleinkrieg von "nie dagewesenem Ausmaß" -- gegen 20 bis 30 Millionen Partisanen.
Der weite Raum, in dem die Russen Napoleon und Hitler schlugen, würde sich gegen sie kehren, auch wenn sie -- wie westliche Geheimdienste ermittelt haben wollen -- nur einen begrenzten Schlag überhaupt in Betracht ziehen: Wegnahme der Mandschurei, ohne die China wirtschaftlich kaum existieren kann, Zerstörung des chinesischen Atompotentials in Sinkiang, Abwehr anbrandender Chinesen-Heere an der 7000 Kilometer langen Grenze.
Gegenüber einem Feind. der den Sowjetrussen in den traditionellen russischen Waffen -- Raum, Menschen, Idee -- überlegen ist, bliebe der Sowjet-Union ihre militärtechnische Überlegenheit: schwere Waffen, Raketen und vor allem die Atombombe.
Doch mit dem Einsatz dieser Waffe würde sich der Sowjetkommunismus -- anders als mit dem Einmarsch in die CSSR -- jede Verbindung zur Human-Idee abschneiden und einen ruinösen Vergleich provozieren: Die erste -- amerikanische -- Atombombe fiel auf Asien. Die russische würde gleichfalls auf Asien fallen.
Diesen Skrupeln wiederum widerspricht eine russische Geschichtserfahrung: Die -- weithin eingebildete -- chinesische Gefahr weckt Erinnerungen an die dreihundertjährige Tatarenherrschaft, durch die Moskau vom Abendland abgeschlossen wurde.
Die in russischen Augen tückischen gelben Asiaten von heute bewaffnen sich außerdem selbst mit den teuflischeu Waffen atomarer Zertrümmerung. Sie haben angeblich selbst ihre Absicht kundgetan, auf den Gebeinen von Millionen atomar Getöteter ihre Herrschaft zu errichten,
Quelle dieser Schreckensbotschaft ist Jugoslawiens Tito, der im Juni 1958 äußerte, Pekings Rechnung sei: "Wenn 306 Millionen getötet werden, bleiben immer noch 300 Millionen übrig." Eine Quelle für sein Wissen gab Tito allerdings nie an.
Sicher ist gleichwohl, daß die atomar angereicherte gelbe Gefahr die Sowjet-Führer irritiert, und Irritation trübt erfahrungsgemäß die Erkenntniskraft. So mag sich die angebliche Chruschtschow-Frage aus Adenauers Memoiren für Chruschtschows Nachfolger heute aktueller stellen: "Was soll daraus werden?" Kann Rom Byzanz noch dulden?
Ein peripheres Ereignis ist aufschlußreich. Im Oktober vorigen Jahren traf auf dem Flughafen der nationalchinesischen Hauptstadt Taipeh ein Besucher ein, dessen Paß die Formosa-Zollbeamten verwirrte: Er war Bürger der UdSSR. Ein solches Reisedokument hatten Tschiang Kai-scheks Beamte noch nie gesehen -- seit 19 Jahren hatte kein Sowjetbürger Formosa betreten.
Zu ihrem Erstaunen enthielt der Paß ein ordnungsgemäßes Einreisevisum. Die Beamten hielten den Touristen für einen spleenigen Engländer: Er wies sich als Korrespondent der Londoner "Evening News" aus.
Es war der Sowjetbürger Witalij Jewgenewitsch Louis, im Westen bekannt als der Kontaktmann des sowjetischen Komitees für Staatssicherheit (KGB) Victor Louis. Der Nachrichtenhändler hatte 1964 vorzeitig den Sturz des Sowjet-Parteichefs Chruschtschow im Westen bekanntgemacht und 1967 eine KGB-Fassung der Memoiren von Swetlana Stalin auf den Markt gebracht. Jetzt kam er zur Feier des 31. Geburtstages von Marschall Tschiang Kai-schek nach Formosa.
Der sowjetische Abgesandte sah zu, wie im Offiziersklub von Taipeh hohe Regierungsbeamte die Tschiang-Geburtstagstorte anschnitten, während die Kapelle spielte: "Happy Birthday to You". Er verhandelte mit dem Tschiang-Sohn, Verteidigungsminister Tschiang Tsching-kuo.
Der stellte sich dem Sowjetbürger auf russisch als "früherer Arbeiter der Dynamo-Fabrik" in Moskau vor. Tschiang Tsching-kuo hatte 14 Jahre in der Sowjet-Union verbracht und dort eine Russin geheiratet.
Jetzt erklärte er dem Victor Louis, binnen sechs Stunden nach einem Hilferuf vom Festland könne die gut gedrillte Formosa-Streitmacht, 528 000 Mann stark, in Rotchina landen. Da das Mao-Reich durch die Kulturrevolution geschwächt sei, könne die Landung innerhalb der nächsten zwei oder drei Jahre erfolgen.
Über seinen Zwei-Wochen-Aufenthalt bei den Feinden Maos berichtete Victor Louis in einer amerikanischen Zeitung, der "Washington Post". Formosa-China war bislang Amerikas Bastion gegen Festland-China. Eine bessere Antwort auf die vermeintliche gelbe Gefahr fällt den Russen mithin auch nicht ein -- so ähnlich sind sich die beiden Großen geworden.
Der Versuch der Sowjet-Union, mit Formosa anzuknüpfen, muß in Peking ähnliche Einkreisungsangst wecken wie in Moskau ein tête-à-tête zwischen Westdeutschen und Rotchinesen -- und noch mehr: China hat Rußland niemals angegriffen, war aber selbst immer Opfer fremder -- oft russischer -- Aggression.
Nach dem "Opiumkrieg" (1840 bis 1842) begann die Serie jener "ungleichen Verträge", durch die europäische Mächte den Chinesen Land abpreßten -- zuerst England in Hongkong.
Dann kam Rußlands Gouverneur Murawjow mit einer Schar Kosaken über den Amur und zwang dem durch einen Bürgerkrieg geschwächten China 1858 den Vertrag von Aigun ab.
Zwei deutsche Journalisten tadelten in der "New-York Daily Tribune" das russische Expansionsstreben: Dr. Karl Marx schrieb am 15. Oktober 1858, John Bull habe den Russen "zu dem kostbaren Landstrich zwischen dem Tatar-Golf und dem Baikal-See verholfen, einem Gebiet, das Rußland von jeher glühend begehrt und ... (dessen es sich) ... immer zu bemächtigen versucht hatte".
Marx-Freund Friedrich Engels rügte drei Wochen später: Die Russen "nahmen das Land nördlich des Amur und südlich davon den größeren Teil der mandschurischen Küste in Besitz", es sei Rußland gelungen, "den Eindruck des selbstlosen Beschützers der schwachen Chinesen zu erwecken ..., obwohl es just in diesem Augenblick China eines Gebietes so groß wie Frankreich und Deutschland zusammengenommen und eines Stromes von der Länge der Donau beraubte" -- des Amur.
Der Zar hatte eine halbe Million Quadratkilometer gewonnen, 54mal soviel, wie er gerade im Pariser Frieden nach dem Krimkrieg in Südbessarabien hatte abgeben müssen.
Zwei Jahre später besetzten Engländer und Franzosen Peking; sie zerstörten den Kaiserlichen Sommerpalast (dessen Ruinen über hundert Jahre danach westlichen Zeitungen als Beweis für den Vandalismus der Rotgardisten dienten). Wieder erschienen die Russen und zwangen den Chinesen im Vertrag zu Peking von 1860 das Gebiet östlich des Ussuri ab, der zum Grenzfluß wurde. Sie erwarben auch die Ortschaft Haishen wei. Russische Matrosen gaben ihr den herausfordernd imperialistischen Namen "Beherrsche den Osten" -- "Wladiwostok".
1881 ließen sich des Zaren Unterhändler Annexionen am unteren Ili-Tal in der heutigen Sowjetrepublik Kasachstan (West-Turkestan) durch den Vertrag zu Petersburg von den Chinesen bestätigen. Das wehrlose China behielt Ost-Turkestan (heute: Sinkiang), verlor aber durch die ungleichen Verträge an Rußland insgesamt 1,5 Millionen Quadratkilometer: Landstriche von der sechsfachen Größe der Bundesrepublik.
An die Sonderkommission für Amur-Angelegenheiten hatte der Zar schon 1849 einen Ukas erlassen: "Wenn der russische Adler einmal gehißt wurde, darf er nie wieder eingeholt werden." Rußland gab im 19. Jahrhundert nur eine einzige Kolonie wieder heraus: Es verkaufte 1867 Russisch-Amerika (heute: Alaska) für 7,2 Millionen Dollar an die USA.
Nach Lenins Machtergreifung in Rußland 1917 bemühte sich Moskau um gute Kontakte zu China. Vize-Außenkommissar Karachan erklärte die "ungleichen Verträge" für nichtig -- aber die junge Sowjetmacht rückte den Zaren-Gewinn nicht heraus. Moskau beschloß, mit der bürgerlichen Kuomintang-Bewegung zusammenzuarbeiten, der auch die chinesischen Kommunisten angehörten. 1923 fuhr ein junger Kuomintang-Offizier zum Studium der Roten Armee nach Rußland: Tschiang Kai-schek, der heutige Herr von Formosa.
Nach China kam der russische Komintern-Agent Michail Borodin. Er richtete in Kanton die Militärakademie Wham Poa ein. Deren erster Kommandeur wurde Tschiang Kai-schek, Stabschef aber Tschou En-lai, heute Premier der Chinesischen Volksrepublik Mao Tse-tungs.
Sowjetführer Stalin riet Chinas Kommunisten noch 1927 zur Zusammenarbeit mit der Kuomintang. als Tschiang Kai-schek bereits in Schanghai Hunderte von Kommunisten erschlagen ließ.
Stalin entsandte einen neuen Sowjetberater, den Berliner Heinz Neumann, 26. Er ließ den Chinesen eine neue Taktik empfehlen, die Chinas KP ruinieren konnte: Aufstände in den Städten, gestützt auf das -- zahlenmäßig schwache -- Proletariat. Ein aus dem Politbüro ausgestoßener Chinese entzog sich den Moskauer Weisungen: Mao Tse-tung. Er wollte im Bauernland China die Revolution nicht mit dem Proletariat, sondern mit Bauern-Partisanen führen.
1929 kam es zu einem Gefecht zwischen Sowjet-Soldaten und Kuomintang-Truppen -- am Ussuri. Moskau wollte seine Kontrollrechte über die mandschurische Eisenbahn sichern.
Der Zwischenfall konnte beigelegt werden, die deutsche Reichsregierung vermittelte. Drei Jahre später nahm Moskau diplomatische Beziehungen zur Tschiang-Regierung auf -- die einen mörderischen Bürgerkrieg gegen die Mao-Partisanen führte. 1945 rückten Sowjet-Truppen in die japanisch besetzte Mandschurei ein. Sie demontierten Maschinen und Fabriken -- Ersatz erhielten die Chinesen nie.
Ihr Führer Tschiang Kai-schek durfte aber unter den fünf Großen sitzen, die als Sieger aus dem Zweiten Weltkrieg hervorgingen und seither die ständigen Mitglieder des Weltsicherheitsrates stellen. Von Mao Tsetung sprach 1945 niemand. Sein China sitzt heute noch nicht in der Uno.
Über Chinas kommunistische Führer sagte Stalin 1945 zu dem US-Politiker Harry Hopkins, er halte sie für weniger tüchtig als Tschiang; sie könnten China nicht einigen.
1946 empfing Stalin den Tschiang-Sohn Tsching-kuo -- wie dieser jetzt dem Agenten Victor Louis erzählte
um sich Beschwerden über Mao anzuhören. Einer Delegation chinesischer Kommunisten erklärte Stalin, er sehe für sie keine politischen Chancen, sie sollten sich mit Tschiang Kai-schek arrangieren und ihre Armee auflösen. * Beim letzten sowjetisch-chinesischen Spitzentreffen anläßlich der Rückkehr Kossygins aus Vietnam im Februar 1965 in Peking.
Doch Tschiang wurde in wenigen Jahren von den Kommunisten besiegt. Stalin leistete Mao dabei keinerlei Hilfe. Ein einziger diplomatischer Vertreter schloß sich Tschiangs Regierung bei der Flucht nach Kanton an: Exzellenz Roschin, der Botschafter der UdSSR.
Zehn Wochen nach Gründung seiner Chinesischen Volksrepublik im Oktober 1949 reiste Mao nach Moskau. Die Sowjet-Union schloß mit ihm zwar einen Freundschaftsvertrag, aber sie gewährte ihm weit weniger Entwicklungshilfe als anderen, nichtkommunistischen Staaten.
Stets ruhte Moskaus Auge auf der Mandschurei. 1949 konspirierte der Kreml gar mit dem Provinz-Parteichef Kao Kang, der die Mandschurei von China lostrennen wollte. Als sein Plan in Peking bekannt wurde, beging Kao Kang Selbstmord.
1960 schickte Mao seinen Stellvertreter Liu Schao-tschi nach Moskau zur letzten einmütigen Weltkonferenz der kommunistischen Parteien. Ein Jahr zuvor hatte Chruschtschow bei einem Besuch in Peking schwere Vorwürfe hören müssen: Er kam gerade aus der USA, wo er mit Präsident Eisenhower in Camp David nach chinesischem Empfinden allzu freundliche Worte gewechselt hatte.
Es war offenkundig: Peking fürchtete erstmals eine Annäherung zwischen den beiden Weltmächten -- auf Kosten Chinas, so wie es immer gewesen war. Damals begannen die roten Großstaaten offen gegeneinander zu hetzen, begannen der ideologische Kampf und die Scharmützel an den Grenzen.
Seither wirft Maos China der UdSSR revisionistische Abweichung und Rückfall in kapitalistische Sitten vor. Seither bestätigt sich für die Russen Stalins Mißtrauen gegenüber einem Volk von Kommunisten -- dem größten Volk der Erde -, das an der Ostgrenze der Sowjet-Union siedelt.
Ein sozialistisches China mit seiner genügsamen, disziplinierten Bevölkerung könnte ein viel zugkräftigeres Vorbild für die Weltrevolution abgeben als der Sowjet-Staat mit seinen Privilegierten und seiner Bürokratie.
Tatsächlich ließ Mao Tse-tung China einen "Großen Sprung nach vorn" versuchen: Volkskommunen mit allgemeinem Arbeitszwang und totaler Gleichheit entstanden, ein Gegenmodell also zu der in Rängen und Ständen erstarrten Sowjetgesellschaft. Eilig zog Moskau 1959 seine technischen Berater aus China zurück und stellte jede Wirtschaftshilfe ein.
Maos Wirtschaftssprung scheiterte. Im Juni 1960 kam es zum ersten ernsten Grenzzwischenfall nördlich des Gebirgspasses Chihoasal in Sinkiang. Im Frühjahr 1962 traten Zehntausende Nomaden aus Sinkiang in die benachbarten Sowjetrepubliken Kirgisistan, Kasachstan und Tadschikistan über. Erfolglos forderte Peking, Moskau solle die geflohenen Stämme repatriieren. Die Chinesen schlossen die sowjetischen Konsulate in Sinkiang.
Am 5. Juli 1963 vollzogen zwei Pekinger Abgesandte in Moskau den endgültigen ideologischen Bruch mit der KPdSU: Peng Tschen und Teng Hsiao-ping (beide in der Kulturrevolution abgesetzt). Zwei Monate später, im September 1963, behauptete die Moskauer "Iswestija", in den vorhergegangenen drei Jahren habe es 5000 russisch-chinesische Grenzzwischenfälle gegeben.
Und dann sprach Peking erstmals von den "ungleichen Verträgen" des 19. Jahrhunderts.
Auf chinesische Vorwürfe, in der Kuba-Krise habe Chruschtschow vor den Amerikanern kapituliert, hatte der Kremlführer vor dem Moskauer Obersten Sowjet geantwortet, er gebe den chinesischen Genossen auch keine Ratschläge zur Lösung des Problems Hongkong und Macao -- der westlichen Kolonial-Relikte auf chinesischem Boden.
Das Pekinger Zentralorgan "Jen Min Jih Pao" fragte zurück: "Es ist Euch nicht unbekannt, daß Fragen wie die von Hongkong und Macao zur Kategorie der von der Geschichte hinterlassenen "ungleichen Verträge" gehören, die China von den Imperialisten aufgezwungen wurden ... Wenn Ihr derartige Fragen stellt, wollt Ihr etwa all die "ungleichen Verträge" hervorziehen und eine Generalabrechnung halten? ... Glaubt Ihr denn, daß so zu handeln für Euch wirklich von Nutzen sein wird?"
Auf den höflichen Verweis folgte am 10. Juli 1964 eine Breitseite, mit der Mao die Russen an ihrer empfindlichsten Stelle traf: Er warf Moskau Annexionen vor, die nicht vor Dezennien der Zar, sondern der Sowjetstaat im 20. Jahrhundert vollzogen hatte.
"Der Raum, den die Sowjet-Union besetzt hat, ist zu groß", lehrte Mao
* Am 17. Juni 1967 in Sinkiang; offizielles chinesisches Photo.
vor Besuchern aus Japan. "Nach dem Jalta-Abkommen unterwarf die Sowjet-Union unter dem Vorwand, die Unabhängigkeit der Mongolei zu gewährleisten, dieses Land faktisch seiner Herrschaft ... Sie eignete sich einen Teil Rumäniens an.
"Nachdem sie einen Teil Ostdeutschlands abgetrennt hatte, vertrieb sie die dortigen Einwohner in den Westen. Sie trennte einen Teil Polens ab und verleibte ihn Rußland ein. Als Kompensation übergab sie Polen einen Teil Ostdeutschlands. Das gleiche geschah auch in Finnland. Sie trennte alles ab, was man abtrennen konnte."
Mit dieser herausfordernden Rechnung wollte Mao offenkundig in Osteuropa für China werben. Peking stellte eine Theorie der "Zwischenzonen" auf: Die USA und die Sowjet-Union seien zwei einander feindliche Blöcke, aber beide seien auch den Kleinen gleichermaßen feindlich gesinnt. Deutsche, Franzosen, Engländer, Italiener und Japaner wurden angespornt, mit den Chinesen einen dritten Block zu bilden.
"Worin besteht der Sinn, wenn man fast die ganze kapitalistische Welt der "Zwischenzone' zurechnet?" fragte das sowjetische theoretische Parteiorgan "Kommunist". Antwort: "Offensichtlich darin, daß man die westdeutschen, französischen, japanischen und anderen Länder des Imperialismus reinwaschen, daß man Menschen vom Typ de Gaulles und Adenauers fast schon als "Kämpfer gegen den Imperialismus" hinstellen will."
Mao warb nicht nur um neue Freunde, er hielt den Russen auch ihren traditionellen Landhunger vor: "Einige Leute erklärten, das Gebiet Sinkiang und die Territorien südlich des Amurflusses müßten in die Sowjet-Union einbezogen werden. Die Sowjet-Union konzentriert Truppen an ihrer Grenze. Sie umfaßt eine Fläche von 22 Millionen Quadratkilometern, aber ihre Bevölkerung besteht nur aus 200 Millionen Menschen. Es ist höchste Zeit, daß sie mit dem Teilen aufhört. Japan nimmt eine Fläche von 370 000 Quadratkilometern ein, und seine Bevölkerung besteht aus hundert Millionen Menschen. Vor ungefähr hundert Jahren wurde das Gebiet östlich des Baikalsees russisches Territorium, und seitdem sind Wladiwostok, Chabarowsk, Kamtschatka und andere Orte Territorium der Sowjet-Union. Wir haben zu diesem Verzeichnis die Rechnung noch nicht präsentiert."
Der Krieg der Worte und Bekenntnisse hatte eine neue Qualität angenommen. Der Marx in Moskau und der Marx in Peking stritten um Gebietsansprüche -- um ein gigantisches fernöstliches Elsaß-Lothringen. Sie stritten mit Gründen und in Tönen, wie sie im 19. Jahrhundert östlich und westlich des Rheins üblich gewesen waren. Die Welt war wieder einmal nicht weitergekommen, in Rhein und Amur fließt das gleiche Wasser.
Nachdenklich, fragte die Moskauer "Prawda": "Was käme dabei heraus, wenn alle Staaten nach dem Rezept Pekings anfingen, sich gegenseitig Ansprüche der Revision historischer Grenzen vorzuhalten?"
Zwar räumte das Sowjetblatt dem China Maos immerhin einen Anspruch auf Tschiang Kai-scheks Formosa ein. Aber: "Man kann beweisen, daß England französisches Territorium ist, weil es einmal eine Besitzung des Herzogs der Normandie war. Man kann auch das Gegenteil beweisen -- daß Frankreich eine englische Besitzung ist, weil es während des 100jährigen Krieges fast völlig von den Engländern erobert war."
Die "Prawda"-Replik erschien am 2. September 1964. Sechs Wochen später stürzte Chruschtschow. Zu den Entlassungsgründen zählten Äußerungen seines Schwiegersohns Adschubej: In der Bundesrepublik hatte der Russe vertraulich an Rußlands historische Rolle erinnert, Europa vor dem asiatischen Sturm zu schützen.
Schwiegervater Chruschtschow hatte keine neue Weltkonferenz aller kommunistischen Parteien zustande gebracht -- die Chinesen sträubten sieh. Dagegen war es ihm gelungen, mit den USA einen Atomteststopp-Vertrag zu schließen. Nur: Jene Macht, von der sich Rußland wie Amerika bedroht fühlten, konnte der Kremlführer nicht mehr am Testen hindern. Zwei Tage nach Chruschtschows Abgang zündete China im Versuchsgebiet Sinkiang seine erste Atombombe.
Das Volk, dessen Menschen sich von einer Handvoll Reis nährten und das nach russischen Meldungen von einer Wirtschaftskrise in die nächste taumelte, meldete seine Mitgliedschaft im Klub der weltbeherrschenden Atommächte an -- und ließ sich durch kein Kartell der Arrivierten ausschließen. Dafür erklärte Premier Tschou En-lai, was keine andere Atommacht von sich aus je erklärt hatte: China werde die Bombe niemals als erster einsetzen.
Diese Erklärung gab Tschou auch bei weiteren chinesischen Atomversuchen ab: Im Mai 1965, als Moskau erstmals dreistufige Interkontinentairaketen mit Festtreibstoff vorführte, ließ Peking eine Atombombe aus der Luft abwerfen. Im Mai 1966 folgte eine 130-Kilotonnen-Bombe, die mit thermonuklearem Material angereichert war.
Der Blitz über dem Salzsee Lop Nor in Sinkiang schreckte die Welt auf, am meisten alarmierte er die UdSSR. Pekings Außenminister Tschen Ji rechnete den Russen gleich noch 5000 Grenzverletzungen in den letzten fünf Jahren vor.
Sowjet-Parteichef Breschnew eilte nach Wladiwostok und ermunterte die Grenzlandrussen, ihre Heimat "mit Leib und Seele zu schützen". Die Stadt erhielt den Lenin-Orden. Staatsoberhaupt Podgorny verpflichtete im ostsibirischen Chabarowsk -- die Stadt erhielt gleichfalls den Lenin-Orden -- die Einwohner, "die fernöstlichen Grenzen unseres Vaterlandes wachsam zu beschützen und notfalls heroisch zu verteidigen".
Am Amur, nahe der Ortschaft Kukolewo, fand ein Professor Oplawnik eine vorgeschichtliche Siedlung, die ihm bewies, daß vor 2500 Jahren dort schon Menschen lebten -- und das seien keine Chinesen gewesen.
In Moskau erklärte die "Komsomolskaja Prawda", China bereite einen Krieg gegen die UdSSR vor. Chinas Außenminister Tschen Ji aber meldete, Moskau konzentriere Truppen an der gemeinsamen Grenze und spiele damit den USA in die Hände, die China einkreisen wollten.
Am 27. Oktober 1966 zündete Peking eine Atombombe nach einem 650-Kilometer-Flug mit einer lenkbaren Rakete -- zum Empfang von US-Präsident Johnson, der am Tag zuvor einen US-Stützpunkt in Vietnam besucht und damit Chinas strategisches Glacis betreten hatte.
Mao vermochte offensichtlich mit seinen Atombomben höchst präzise zu zielen -- auch wenn das chinesische Reich nach westlichen und sowjetischen Presseberichten in Zuckungen verfiel: Die Kulturrevolution hatte begonnen. Mao begann, sich seiner Rivalen zu entledigen.
Unmittelbar vor Ausbruch der Kulturrevolution hatte Maos Hauptfeind Liu Schao-tschi eine Elf-Tage-Reise in Chinas Atomversuchsgebiet, die Grenzprovinz Sinkiang, unternommen und agitiert: Amerika wolle Rußland angreifen. "Er versäumte es, der Bevölkerung die verbrecherischen Pläne der Sowjetführer zu enthüllen", enttarnte später Radio Urumtschi Lius Ablenkungsmanöver.
Das Parteiorgan "Rote Fahne" berichtete im März 1969 über Liu: Die Kulturrevolution habe Liu "gestürzt und so den Traum der sowjetischen Revisionisten zerstört, China auf "friedlichem' Wege in eine Kolonie des sowjetrevisionistischen Sozialimperialismus zu verwandeln". Die Anschuldigung scheint nicht gar so abwegig: Staatschef Liu stand dem sowjetischen Parteibürokratismus näher als den Sozial-Utopien Mao Tse-tungs.
Sein Sohn Jung-jo, der während seines Studiums in Moskau ein Sowjetmädchen lieben gelernt hatte, wurde verdächtigt, er habe mit dem Sowjetagenten Jang Schang-kun zusammengearbeitet. ZK-Mitglied Jang, der in Maos Privaträumen Abhörmikrophone einbaute, soll dem sowjetischen Geheimdienst KGB zehn vertrauliche Dokumente geliefert haben. Er ist aus Komintern-Zeiten mit Wang Ming befreundet, dem im russischen Exil lebenden Organisator einer chinesischen Untergrund-KP gegen Mao.
Trotz aller Gerüchte, der Bürgerkrieg habe Chinas Technologie lahmgelegt, explodierte auf dem Höhepunkt der Kulturrevolution, am 17. Juni 1967, Chinas erste Test-Wasserstoffbombe.
Für den Atomsperr-Vertrag hatten die Chinesen nur Verachtung: "Der sogenannte "Vertrag gegen die atomare Weiterverbreitung, geht völlig auf die gemeinsamen konterrevolutionären Bedürfnisse der beiden Atom-Tyrannen USA und UdSSR zurück ... Sie wollen so die atomare Hegemonie bewahren und die atomaren Kriegsvorbereitungen verstärken, um ihre atomare Erpressung gegenüber den anderen Staaten noch ungezügelter betreiben zu können. Sie sind unverbesserliche Atomfetischisten."
Moskau tat offenbar einiges, Chinas Atompotential anders als per Test-Stopp lahmzulegen: Rotgardisten sagten dem Parteichef und Provinzgouverneur des Testgebiets Sinkiang, Wang En-mao, Kontakte zur Sowjet-Union nach. Er wurde entmachtet. Mit Rundfunksendungen und Flugblättern suchte Moskau die bodenständige Bevölkerung von rund vier Millionen Uiguren (bei einer Million Chinesen, etwa 350 000 Kasachen und 150 000 Kirgisen) zur Rebellion aufzustacheln.
Wiederholt veröffentlichte die Sowjetpresse Klagen geflüchteter Uiguren über Zwangsehen mit Chinesinnen und Strafarbeit bis zu zwölf Stunden am Tag, über Konzentrationslager und Zwangsaussiedlung.
Ein uigurischer Dichter namens Rodom beschwerte sich in der Sowjet-Union, seinen daheimgebliebenen Landsleuten werde die chinesische
* Sowjetisches Photo mit der Unterschrift: "Mit Stöcken, Zitatbüchern und Bildern von Mao Tse-tung versuchen chinesische Provokateure, über das Eis des Ussuri auf das sowjetische Ufer vorzudringen."
Schriftsprache aufgezwungen. Ein früherer Redakteur, Schikir Gurbakiew, berichtete der Sowjet-Agentur "Tass" von blutigen Zusammenstößen und Religionsfrevel in Sinkiang: Von den einst 150 Moscheen seien nur noch drei geöffnet.
"Dursun Rachimow, ein bekannter uigurischer Schriftsteller und Experte für Orientalistik, hat ein Buch mit dem Titel "Die Grundlage der Politik der Mao-Tse-tung-Clique ist Nationalismus und radikaler Staatschauvinismus' herausgegeben", meldete Radio Taschkent am 15. März dieses Jahres -- auf uigurisch. Rachimow: "Die Nationaltheater in den Nationalitäten-Gebieten dürfen nur Stücke aufführen, die Mao Tse-tung preisen und aus dem Chinesischen übersetzt sind."
Radio Peking aber konnte am 21. März aus Sinkiang berichten: "Die Hirten verschiedener Nationalitäten, die sich in den Grenzgebieten mit der Weide beschäftigen ..., verfolgen mit Wachsamkeit die hinterhältigen Sabotageakte der sowjetrevisionistischen Renegatenclique und sind jederzeit bereit, zusammen mit den Grenzschutztruppen die Feinde, die einzudringen wagen, zu vernichten."
Angeblich bildet Moskau auf einer Militärschule in Kasachstan Guerillatrupps aus, die dann nach Sinkiang einsickern. Aber Maos Befehlsstellen in den Grenzprovinzen sind straff organisiert: Die "Revolutionskomitees" in den sowjetnahen Regionen werden ausnahmslos von Militärkommandanten geleitet. In Sinkiang befiehlt General Lung Schu-tsching. Auf einer Massenkundgebung in Urumtschi meldete er ständige Grenzzwischenfälle mit Sowjet-Truppen.
Moskau scheint unter Zeitdruck zu stehen: Der japanische Außenminister Aitschi gab am 20. März vor einem Unterhausausschuß bekannt, China besitze vermutlich bereits genügend Kurz- und Mittelstreckenraketen und stelle sich jetzt auf die Produktion interkontinentaler Raketen mit Atomsprengköpfen um. Wahrscheinlich habe Peking drei Typen nuklearer Bomben, darunter eine Drei-Megatonnen-Wasserstoffbombe, sowie mehrere raketenbestückte U-Boote.
"An der atomaren Front wird erwartet, daß China in wenigen Jahren Langstreckenraketen mit Atomsprengköpfen besitzen wird, mit denen es Moskau treffen kann", schrieb der Londoner "Daily Telegraph" und folgerte: "Es muß ganz sicher eine Denkrichtung in Moskau geben, die es für besser hält, Chinas Atomwaffenfabriken in Sinkiang jetzt "auszuheben", anstatt später einer größeren Bedrohung gegenüberzustehen."
Eine solche Denkrichtung gibt es in Moskau. Wie stark sie aber ist, läßt sich schwer abschätzen. Bereits Ende vorigen Jahres nannte der Militärautor Oberst Jewgenij Rybkin in der Fachzeitschrift "Kommunist in den Streitkräften" den "Atomkrieg ein vertretbares Kampfmittel der sozialistischen Länder für gerechte politische Ziele". Oberst Bondarenko, eine Art Professor Kahn der UdSSR, schrieb, die Existenz von Atomwaffen biete neue Möglichkeiten, im Krieg politische Ziele durchzusetzen.
Der sowjetische Verteidigungsminister Gretschko erinnerte im Februarheft 1969 des ZK-Organs "Kommunist" an Lenins Auffassung, ein Krieg für den Sozialismus, für die Befreiung anderer Völker von der Bourgeoisie sei "gesetzlich und gerecht".
Moskau rasselte mit Raketen: > Die Armeezeitung "Roter Stern" meldete am 8. März den Abschluß erfolgreicher Manöver der sowjetischen Raketentruppen im Fernen Osten. Der Feldwebel einer Raketeneinheit gelobte, er werde "den chinesischen Machthabern mit verstärkter Wachsamkeit und Kampfbereitschaft antworten".
* Der "Rote Stern" verkündete am 20. März in einem Leitartikel, die sowjetischen Raketentruppen hätten aus der "bewaffneten Provokation der Pekinger Abenteurer" die Folgerung gezogen, sie müßten "Wachsamkeit, Waffenbeherrschung und Kampfbereitschaft" erhöhen. Bei jedem Anschlag müsse der Feind mit einem Raketenschlag rechnen.
* Der Propagandasender "Radio Frieden und Fortschritt" warnte die Chinesen auf chinesisch: "Um euch vor einer noch größeren Katastrophe zu bewahren, glauben wir die Pflicht zu haben, euch über die Sowjetarmee und ihre Ausrüstung zu informieren. Die Hauptkraft der Sowjetarmee sind die Raketenwaffen. Für sie gibt es kein räumliches Hindernis. Sie zielen sehr genau und treffen. Die Zerstörungskraft der modernen Raketen übertrifft alle Kriegswaffen in der Menschheitsgeschichte ... Gegenwärtig besitzt die Sowjetarmee eine genügende Menge von solchen Raketen. Mit welchem Abwehrmittel können sich Mao Tse-tung und seine Lakaien gegen solche Waffen der Sowjetarmee schützen? Mit nichts, mit überhaupt nichts!"
Radio Peking antwortete, die sowjetischen Atomwaffen erregten in China keine Furcht -- sie seien Papiertiger.
Im Kräfte-Dreieck zwischen Moskau, Peking und Washington hat sich eine kuriose Lage entwickelt: Die Russen fürchten, "Mao werde helfen, der Sowjet-Union einen Zweifrontenkrieg aufzuzwingen" ("Roter Stern").
Auf der Kiewer Geheimkonferenz mit den tschechoslowakischen Führern Anfang Dezember -- so berichtete die "FAZ" -- hatten die Russen bereits CSSR-Soldaten für Fernost verlangt. Staatschef Svoboda lehnte ab -- angeblich unter Hinweis auf einen gültigen Freundschaftspakt mit China.
Mitte März soll Breschnew auf einem Geheimtreffen in Warschau den Wunsch wiederholt haben: 400 000 Mann von den Staaten des Warschauer Pakts, so behauptet die schwedische Zeitung "Expressen". Nur DDR-Chef Ulbricht habe sofort zugesagt.
Diesem Bericht zufolge haben das China-freundliche Rumänien und die Tschechoslowakei, selbst Opfer einer Sowjet-Intervention, sofort die Zuständigkeit des Warschauer Pakts für Rußlands Fernostfront bestritten.
Die Chinesen andererseits scheinen zu fürchten, die Russen könnten zuschlagen -- möglicherweise im Einvernehmen mit den USA.
Der US-Militärexperte Morton H. Halperin schrieb 1966 in seinem Buch "China und die Bombe": "Die extremste Form gemeinsamer sowjetischamerikanischer Aktionen wäre ein militärisches Vorgehen gegen die chinesischen Atomanlagen. Die Zahl der dabei zu zerstörenden Orte ist klein, und die Zerstörung könnte rasch bewirkt werden, zumal wenn Atombomben dabei eingesetzt werden."
Halperin gehört heute als Mitarbeiter des Nixon-Chefberaters Kissinger dem Sekretariat des Nationalen Sicherheitsrats der USA an. Ob er seiner Theorie auch heute noch anhängt, ist unsicher. Aus chinesischer Sicht ist es nicht ausgeschlossen.
In chinesischen Augen könnte dem gleichen Ziel das Gespräch gedient haben, das Moskaus Washington-Botschafter Dobrynin über den Ussuri-Konflikt mit US-Außenminister Rogers führte -- bereits am 8. März, noch ehe Moskau in einer überraschenden diplomatischen Aktion Bonn, Paris und Tokio unterrichtete.
Verständigte sich Moskau auch nur mit Formosa, würde sich der Ring um China schließen. Mit dem US-Verbündeten Japan hat die UdSSR bereits ein Fünf-Jahres-Abkommen getroffen, zur Aufschließung sibirischer Rohstoffe.
Für den Besuch des Sowjet-Verteidigungsministers Gretschko in Indien wurde am 2. März, dem Tag seiner Ankunft in Neu-Delhi, am Ussuri Salut geschossen. Gretschko erklärte seinen Gastgebern, der chinesisch-sowjetische Konflikt habe einen Punkt erreicht, vom dem keine Rückkehr mehr möglich sei. Er bot Indien Beistand an -- und reiste weiter in das von Unruhen erschütterte Pakistan, um auch dort beizustehen: Schon vor einem Jahr hat Moskau Pakistan Panzer geliefert.
Die Konfrontation am Ussuri läßt schemenhaft neue Staaten-Gruppierungen am Horizont auftauchen -- vergleichbar vielleicht dem großen Umbruch in der europäischen Diplomatie des 18. Jahrhunderts, als Österreich und Frankreich ihre traditionelle Feindschaft begruben -- nur in ganz anderen, ganz neuen Dimensionen und deshalb ungleich schwerer abzuschätzen.
Das Einkreisungs-Trauma sowohl der Russen als auch der Chinesen scheint der amerikanischen Politik größere Bewegungsfreiheit zu geben -- wenn sie den Vietnamkrieg einstellt. Die Russen scheinen im ganzen besorgter, eingeengter, aggressiver als die Chinesen.
Die Chinesen scheinen vorsichtiger, selbstsicherer. Am 17. Februar, zwei Wochen vor den Schüssen am Ussuri, begann das chinesische Jahr des Hahns. Hahn -- chi -- ist auf chinesisch auch das Wort für Glück.

DER SPIEGEL 14/1969
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