31.03.1969

SKIFLIEGEN / WELTREKORDEIm Flug wie Fische

Jugoslawiens Staatschef Josip Broz Tito ließ eine Taube flattern. Dann flogen 51 Menschen.
Fünfmal segelten die Skiflieger am vorletzten Wochenende bei den Internationalen Flugtagen von der Schanze im jugoslawischen Planica zu neuen Weltrekordweiten. Die weiteste, nun gültige Bestleistung erreichte der DDR-Junior Manfred Wolf, 21, aus Brotterode in Thüringen. Er ist Unteroffizier der Volksarmee.
"Jetzt liegen euch 200 Meter in der Luft", schwärmte der Osterreicher Joseph Bradl, der 1936, ebenfalls in Planica, als erster die 100-Meter-Marke übertroffen hatte. Mit Bradl sind sich alle Experten darüber einig, daß vor allem die Entwicklung im Schanzenbau und der vervollkommnete flug-Stil in den letzten 20 Jahren zu einer Rekordsteigerung um 45 Meter geführt haben.
Schon 1926 hatte der Schweitzer Aerodynamiker Dr. Reinhard Straumann nach einem eigenen, schweren Sturz berechnet, wie 100-Meter-Skiflüge überhaupt und möglichst gefahrlos zu meistern wären. Damals erzielten die besten Springer wie der norwegische Olympiasieger Birger Ruud im Vogel-Stil, mit rudernden Armen und in der Hüfte stark eingeknickt, Weiten bis zu 70,5 Metern.
Straumann erprobte an einer lebensgroßen Puppe im Windkanal der Göttinger Universität die vorteilhafteste Körperhaltung: den Fisch-Stil. Dabei segeln die Springer in weiter Körpervorlage parallel zu ihren 2,60 Meter langen und bis zu sechs Kilo schweren Sprung-Ski mit angelegten Armen. Nur die Hände sollen wie Fischflossen im Wasser die Richtung korrigieren.
Die Funktionäre beachteten die Theorien des Außenseiters nicht. Auch die Skispringer beherzigten Straumanns Stil-Rezept zunächst nur halbwegs: Sie beugten den Körper zwar weit über ihre Bretter, streckten jedoch die Arme nach vorn. Diese Haltung, ermittelte Straumann, beeinträchtigt den ruhigen Flug und die Balance des Springers.
Das größte Hindernis für weiterreichende Flüge türmten die Sprungrichter im Reglement auf. Um die Sportler nicht vermeintlichen Gefahren auszusetzen, legten sie 1935 als äußerste Weite 120 Meter fest. Zumindest nach dieser Distanz sollten die Schanzenbauer den sogenannten kritischen Punkt einplanen, hinter dem die Neigung des Aufsprunghügels in den nahezu ebenen Auslauf übergeht.
Beim Aufprall beträgt der Druck das zwei- bis dreifache Körpergewicht des Springers. Eine Schräge erleichtert die Landung; beim Aufsetzen zu ebener Erde -- jenseits des kritischen Punktes -- erhöht sich der Druck noch einmal um das eigene Körpergewicht. Die Sturzgefahr nimmt zu.
Doch die Veranstalter drängten auf immer größere Weiten. Denn vor allem die Aussicht auf neue Weltrekorde lockte ·die zahlenden Zuschauer an. Eine moderne Großschanze wie in Planica kostet etwa 500 000 Mark. Und mindestens 100 000 Mark müssen die Organisatoren investieren, um die besten Skiflieger der Welt zu ihren Flugwochen zu verpflichten.
Die Organisatoren manipulierten deshalb häufig, um größere Leistungen zu ermöglichen: Durch Schneeauflagen veränderten sie die Eigenschaften ihrer Schanzen, oder sie beschnitten den Schanzentisch. So verkürzten sie zwar den Anlauf, flachten jedoch zugleich die Flugkurve ab und ermöglichten größere Weiten. "Die flache Flugkurve ist aerodynamischer", analysierte der im letzten November verstorbene, erfolgreichste Schanzen-Konstrukteur der Welt, Heinrich Klopf er.
Da sich tödliche Unfälle bei Skiflügen von den fünf bestehenden Flugschanzen bislang nicht ereigneten, gestatteten die Funktionäre den Springern stillschweigend, über den kritischen Punkt hinauszusegeln.
"Das Entscheidende ist die Endgeschwindigkeit vor der Landung", ergründete der jugoslawische Ingenieur Lado Gorisek, der zusammen mit seinem Bruder Janez die Anlage in Planica konstruierte. Mit ihrem Schanzen-Neubau von 1967 übertrumpften die Brüder die Rekordhügel von Oberstdorf und Vikersund bei Oslo.
In Planica beschleunigen die Springer auf dem 140 Meter langen Anlauf mit einem Neigungswinkel von 38 Grad bis auf etwa 114 km/h. Durch die zusätzliche Fallgeschwindigkeit erreichte Weltrekordler Wolf bis zur Landung 145,8 km/h. Die Luftfahrt dauert etwas länger als fünf Sekunden. Von der höchsten Anlaufluke bis zum Auslauf durchmessen die Springer einen Höhenunterschied von 192 Metern -- sie stürzen sich gleichsam vom First des New Yorker Waldorf Astoria Hotels (191 Meter). "Es gibt nur ein paar Idioten", witzelte Emmerich Pepeunig, Sekretär des Tiroler Sportverbandes, "die sich Jahr für Jahr in das gleiche Abenteuer stürzen."
Um 200-Meter-Sprünge durchzustehen, müßte ein Springer mit wenigstens 170 km/h landen und sich trotzdem auf seinen Latten ausbalancieren.
Das zunehmende Landetempo erschwert freilich die Arbeit der nach Augenmaß urteilenden Weitenrichter immer mehr. Um den Aufsprung unfehlbar zu markieren, entwickelte der Leipziger Professor Gerhard Hochmuth -- er führte das DDR-Sprungkollektiv in Flanica -- eine auf der Höhe der Bindung befestigte Farbdüse. Sie sprüht im Augenblick des Aufsetzens Farbstoff in den Schnee, der sich erst nach zehn Sekunden auflöst.
Schon im Juni will der Weltverband über die Einführung des Leipziger Farbwerks entscheiden. Der Kongreß berät zudem darüber, Skiflug-Weltmeisterschaften einzuführen. Bisher kämpften die Skispringer nur auf kleineren Schanzen, die äußerstenfalls Weiten um 100 Meter zuließen, um Olympia-Medaillen und Welttitel. Nachwuchssorgen fürchten die Funktionäre nicht, obwohl in Planica wieder vier Springer durch Sturzverletzungen vorzeitig ausgeschieden waren.
Die meisten erfolgreichen Skiflieger stießen schon mit 20 Jahren zur Weltspitze. "Skifliegen ist etwas für junge Burschen", erkannte der frühere deutsche Bundestrainer Ewald Roscher. "Die denken noch nicht so viel."

DER SPIEGEL 14/1969
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