31.03.1969

VERHÄNGNISVOLLE UNSICHERHEIT

Geheimbotschaft des Vatikans zum Zölibat

"Schweine des Epikur" schimpfte Papst Benedikt VIII. im 11. Jahrhundert die verheirateten Priester. Im 20. Jahrhundert bekundete Papst Paul VI. zwar Verständnis für priesterliche Ehewünsche, ließ aber zugleich den Verfechtern der Priesterehe eine dialektische Abfuhr erteilen. Nachdem sich in Hailand 68 Prozent von 80110 Priestern für die Aufhebung der Zölibatspflicht ausgesprochen hatten, schickte Kardinalstaatssekretär Cicagnani im Auftrage des Papstes ein Geheimschreiben an alle Bischofskonferenzen, das der SPIEGEL in Auszügen abdruckt:

Staatssekretariat Seine Heiligkeit Nr. 132 222

Ehrwürdiger Bruder,

im vergangenen Jahr hat es in verschiedenen Ländern eine Fülle von Studien und Diskussionen über das Leben der Priester, über die Ausübung der seelsorgerischen Tätigkeit und sogar über die Natur des priesterlichen Amtes und Dienstes gegeben.

Der Heilige Vater ... hat nicht aufgehört, seine Aufmerksamkeit den verschiedenen Aspekten dieses Problems zu widmen. Er hat wiederholt darauf Bezug genommen, vor allem in seiner Persönlichen Botschaft, die Er zum Abschluß des Jahres des Glaubens am 30. Juni vorigen Jahres an die Priester in aller Welt richtete, in der Er sie Seines Vertrauens und Seiner tiefen Zuneigung versicherte und sie aufrief, die Wesenszüge ihres Priestertums im Glauben zu vertiefen ...

Die nachlassende Wertschätzung des Priesterzölibats verpflichtet in ernster und dringender Form alle, "die der Heilige Geist zu Vorstehern bestellt hat, die Kirche Gottes zu regieren" (Apostelgeschichte 20, 28). Sie dürfen nicht den ... Sinn des Dienstes an Gott und seinem Reich verdunkeln, um in der sich wandelnden Gesellschaft von heute das Gesetz des priesterlichen Lebens zu suchen. Deshalb zwingt uns die Diskussion über den Priesterzölibat, so wie er in der lateinischen Kirche beachtet wird, den Wert dieses Zölibats zu bekräftigen.

Der Heilige Vater übersieht gewiß nicht die Schwierigkeiten, die heutzutage aus der Einhaltung des Zölibats entstehen können. Er kennt auch die Argumente derer, die das Priestertum vom Zölibat trennen möchten, und einige dieser Argumente zwingen zweifellos zum Nachdenken. Er hat Verständnis für die Leiden jener Priester, die -- unter Umständen, über die allein Gott urteilen kann den Zölibat aufgegeben haben ...

Aber wie könnte er nicht auch Verständnis haben für die Unruhe so vieler Priester, die fest von den zwingenden Motiven überzeugt sind, die das oberste kirchliche Lehramt zur Aufrechterhaltung der Zölibatspflicht veranlaßt haben -- und die, Dank sei Gott, die überwältigende Mehrheit darstellen?

Wenn es auch viele Leiden und viele wirklich ehrliche Vorsätze gibt, so gibt es ... auch eine allzu oberflächliche Auffassung des Problems. Sie führt zu voreiligen und oft leichtfertigen Urteilen, die zuweilen einen gewissen Minderwertigkeitskomplex bei Priestern auslösen, die sich zutiefst an ihren Zölibat gebunden fühlen.

Wir sehen uns heute einer Strömung von Meinungen gegenüber, die mehr als einen Priester, mehr als einen Theologen und vielleicht auch mehr als einen Bischof in ihren Sog zu ziehen drohen. Angesichts einer solchen Situation und angesichts der Fülle von Publikationen, die heute gewisse Episoden des Protestes gegen den Priesterzölibat herausstellen, ruft der Heilige Vater uns alle auf, uns davon nicht beeindrucken und beeinflussen zu lassen und uns, wo nötig, vor Gott in unserem Gewissen einige Fragen zu stellen.

Haben wir uns wirklich klargemacht, was für die Kirche die Trennung von Priestertum und Zölibat bedeuten würde?

Haben wir wirklich das große Ausmaß der Verwirrung erwogen, die eine solche Trennung nicht nur im Leben der Priester, sondern auch im Leben der gesamten Kirchengemeinschaft anstiften würde?

Haben wir über alle Folgen nachgedacht, die eine solche Trennung ... für das Leben der Kirche, für ihre Spiritualität und vor allem für ihr seelsorgerisches Wirken bedeuten würde, das doch den Erfordernissen der modernen Welt entsprechen muß? ...

Unsere Priester sind ihrer von der Kirche empfangenen Sendung treu. Und sie sind es, in ihrer Gesamtheit, ebenso dem Ideal wie der großherzigen Befolgung des Gebots der priesterlichen Keuschheit. Wir haben die Pflicht, in ihnen diese Bereitschaft zu erhalten und zu stärken, aber auch diejenigen aufzuklären, die diese Bereitschaft unter dem Einfluß von Diskussionen, die eine Atmosphäre so verhängnisvoller Unsicherheit schafft, nicht mehr zeigen ...

Wenn wir nicht alles in unserer Macht Stehende tun, damit die gegenwärtige Opposition gegen den Priesterzölibat aufhört, dann wären wir vor Gott schuldig für die verhängnisvollen Folgen. In enger Gemeinschaft mit dem Nachfolger Petri muß der Episkopat ohne Zögern alle seine Kräfte für eine Erneuerung des Priesteramtes einsetzen ...

A. G. Kardinal Cicognani


DER SPIEGEL 14/1969
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 14/1969
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

VERHÄNGNISVOLLE UNSICHERHEIT