17.03.1969

BLACHSTEINNich um kümmern

Ich hatte neun Berufe, der zehnte war die Not. Peter Blachstein
Den achten Berut, Botschafter der Bundesrepublik in der jugoslawischen Hauptstadt Belgrad, hatte Peter Blachstein, 57, schon im August vorigen Jahres aus Gesundheitsgründen aufgekündigt.
Den neunten Beruf, Abgeordneter der SPD im Deutschen Bundestag, nahmen ihm seine Genossen auf dem Außerordentlichen Landesparteitag der Hamburger SPD am Samstag vorletzter Woche. In einer Kampfabstimmung unterlag der Uralt-Parlamentarier (er vertrat den Hamburger Wahlkreis Eimsbüttel seit 1949) gegen den 22 Jahre jüngeren Dozenten Dr. Wilhelm Nölling.
Die Hamburger SPD hatte ihre Sensation: Zum erstenmal in der Nachkriegsgeschichte der Partei hatten rebellische Genossen einen vom Parteivorstand und von seinem eigenen Kreis vorgeschlagenen Bundestagskandidaten die Nominierung verweigert. Der Lokstedter SPD-Distriktsvorsitzende Wolfgang Duysen, Anführer der Blachstein-Gegner, frohlockte: "Ein Tabu ist durchbrochen."
Dabei war der Partei-Veteran mit guten Aussichten ins Rennen gegangen. Denn auf seiner Seite war nicht nur die Tradition, sondern auch die Unterstützung durch den Bonner Parteivorstand und die Hamburger Parteijugend.
Die Jungsozialisten, Studenten und Assistenten hatten nicht vergessen, daß Blachstein lange Jahre als das linke Gewissen der Partei galt: Er hatte sich dem Godesberger Anpassungsprogramm der SPD widersetzt, gegen die Notstandsgesetze gestimmt und seit Jahren immer wieder die Diktaturen in Spanien und Griechenland angeprangert.
Seine Gegner warfen ihm dagegen vor, er habe den Kreis Eimsbüttel wie ein "Barockfürst" beherrscht, und seine Progressivität erschöpfe sich in Wirklichkeit in "pseudo-linkem Gebaren" (Duysen).
Die in Geldsachen pingeligen Genossen pikierte zudem, wie Blachstein mit dem Auswärtigen Amt um seine Belgrad-Bezüge feilschte, Er verlangte, daß Ihm seine 19 Abgeordnetenjahre im Bundestag als Jahre im Öffentlichen Dienst angerechnet würden (SPIEGEL 19/1968). Blachstein: "Ich bin doch kein Traumtänzer, der nicht sieht, was möglich ist."
Besonders verübelten die Genossen dem Botschafter sein leichtfertiges Spiel mit dem für Willy Brandts neue Ostpolitik so wichtigen Belgrader Posten. Als Blachstein nämlich seine Rückkehr nach Hamburg und seine erneute Kandidatur mit "Gesundheitsgründen" motivierte, erfuhren sie von Freunden des Botschafters, daß dieser schon vor seinem Amtsantritt in Belgrad erklärt hatte, er werde dort höchstens ein Jahr lang bleiben.
Als illoyal und unverantwortlich gegenüber Parteichef Willy Brandt empfanden es die Eimsbütteler auch, daß Blachstein wegen seiner Bemühungen um einen Wahlkreis während der Tschechen-Krise seinen Belgrader Amtssitz im Stich gelassen hatte.
Und die Rebellen erhielten weiteren Zulauf, als sich Blachstein in einem Brief an den Hamburger SPD-Vorsitzenden Paul Nevermann darüber beschwerte, daß aus dem "Eimsbütteler Sumpf" eine "Kampagne mit antisemitischen Motiven" gegen ihn entfacht worden sei.
Trotz dieser "ungeheuerlichen Unterstellung" (SPD-Kreisvorstand) wurde Blachstein, der sich für den antisemitischen Brief entschuldigte, dennoch Anfang Dezember letzten Jahres von der Eimsbütteler Delegiertenkonferenz als Bundestagskandidat vorgeschlagen.
Die Rebellen gaben nicht auf. Noch bevor Innensenator Heinz Ruhnau auf dem Außerordentlichen SPD-Landesparteitag am vorletzten Wochenende im Hamburger Besenbinderhof Punkt 6 der Tagesordnung (Nominierung der Bundestagskandidaten) aufrief, hatten die Blachstein-Gegner -- Parole: "Schwachsein mit Blachstein" -- die für einen Gegenkandidaten erforderlichen 90 Delegierten-Unterschriften für Nölling beisammen.
Die erste Abstimmung der über 300 Delegierten ergab bei 40 Enthaltungen 152 Stimmen für Nölling und 140 Stimmen für Blachstein. Aber keiner von beiden erhielt die erforderliche Mehrheit von 50 Prozent.
Der Landesvorstand und die Eimsbütteler Delegierten zogen sich zu getrennten Beratungen zurück, denn nach einem gescheiterten Wahlgang müssen sie den Landesdelegierten gemeinsam einen Kandidaten vorschlagen.
Der Parteivorstand war für den Eimsbütteler Kreisvorsitzenden und Blachstein-Intimus Dr. Reinhard Hoffmann. Mit 20 gegen 15 Stimmen schlossen sich die Eimsbütteler Genossen widerwillig und nicht ohne Hintergedanken an.
Noch bevor die zweite Abstimmung begann, verbreiteten die Nölling-Anhänger nach ihrer Rückkehr ins Plenum blitzschnell die Parole: Vorschlag Hoffmann -- "gar nich um kümmern".
Die Blachstein-Gegner verstanden: Verlegenheits- und Alleinkandidat Hoffmann schaffte im zweiten Wahlgang nicht die 50-Prozent-Klausel.
Wiederum gingen der Landesvorstand und die zerstrittene Eimsbütteler Genossenschaft in Klausur. Die Parteispitze schlug nun einen weiteren Kandidaten vor, den Staatsanwalt und stellvertretenden Landesvorsitzenden Hans-Ulrich Klose. Doch gerade als die Eimsbütteler diesen Kompromißvorschlag diskutierten, meldete sich die Eimsbütteler Delegierte Else Haaker "zur Geschäftsordnung".
Die Genossin begehrte zu wissen, ob es denn anginge, daß ihr Kreisvorsitzender Hoffmann sowohl an den geheimen Beratungen der Eimsbütteler wie an denen des Parteivorstandes (dem er auch angehört) teilnehme,
Auch Landeschef Nevermann, der sich just in diesem Augenblick bei den Eimsbüttelern nach dem Stand des Rennens Klose gegen Nölling erkundigte, fand keinen Gefallen an Hoffmanns Benehmen. Nevermann: "Wenn ihr immer noch den Nölling wollt, dann nehmen wir ihn jetzt auch."
Die Eimsbüttler wollten, und die Landesdelegierten, die unterdessen die "Internationale" angestimmt hatten, wollten es nun auch.
Wilhelm Nölling erhielt im dritten Wahlgang schließlich mit 182 von 322 abgegebenen Stimmen die absolute Mehrheit.
Peter Blachstein war unterdessen grußlos verschwunden. Sein letzter Wunsch: Wenn überhaupt, dann solle wenigstens nicht sein Gegner Paul Nevermann die bereits konzipierte Dankesrede auf ihn halten.
In aller Eile sprang Ulrich Klose ein und sang vom Blatt das hohe Lied von Peter Blachstein. Text: Paul Nevermann.
Seinen zehnten Beruf, "die Not", braucht Peter Blachstein deshalb aber nicht anzutreten: Für seine Zeit im Bundestag erhält er die Höchstpension von 1840 Mark. Seinen Genossen gegenüber bezeichnet er sich selbst als "vermögender Mann".

DER SPIEGEL 12/1969
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