17.03.1969

SPIONAGE KGBTod nach Treff

Die Botschaft der UdSSR in der Koblenzer Straße 28 in Rolandseck am Rhein zeigte Trauer an: Botschafts-. rat Jurij Nikanorowitsch Woronzow, 45, war in Köln dem Verkehrstod zum Opfer gefallen.
Protokollchef Dr. Hans Schwarzmann vom Auswärtigen Amt sandte dem sowjetischen Missionschef, Botschafter Semjon Konstantinowitsch Zarapkin, ein Beileidsschreiben. Ministerialdirektor Dr. Hans Hellmuth Ruete von der Politischen Abteilung II des AA überreichte dem Sowjet-Gesandten Alexander P. Bondarenko eine schwarzgeränderte Bekundung der Anteilnahme.
Am 27. Februar schließlich, als Juni Woronzow in der Sowjet-Botschaft aufgebahrt lag, erschienen drei Bonner AA-Beamte in schwarzer Dienstkleidung im Trauerhaus und trugen sich in das Kondolenzbuch der Mission ein,
Die Anteilnahme galt einem Diplomaten, der freilich nur dem Paß nach (Nr. D 014327) Diplomat gewesen war. Denn der Botschaftsrat Jurij Nikanorowitsch Woronzow fungierte vom August 1966 bis zu seinem Tod am 25. Februar 1969 als Chef des sowjetischen Geheimdienstes Komitet Gossudarstwennoi Besopasnosti (Komitee für Staatssicherheit -- KGB) in der Bundesrepublik.
Beim AA war Woronzow akkreditiert als Leiter der Politischen Abteilung der Sowjet-Botschaft in Rolands"Legaler Resident (aus dem Russischen stammender internationaler Geheimdienstjargon): als Diplomat getarnter Spionagechef in eigener Auslandsvertretung wie Botschaft, Konsulat, Handeismission; bei Enttarnung als Spion Ausweisung. -- "Illegaler Resident" (Begriff ebenfalls aus dem Russischen) Agentenführer im Ausland ohne Stützpunkt in eigener diplomatischer Vertretung; bei Entlarvung als Spion Strafverfahren. -- Auch westliche Dienste -so Amerikas CIA und Großbritanniens MI 6 -- operieren nach diesen Organisationsformen.
eck, beim KGB-Hauptquartier in Moskau registriert als Oberst und legaler Resident* über achtzig der hundert Geheimdienstier der Sowjet-Botschaft Rolandseck (Gesamtpersonal: 160) und der Sowjetischen Handelsvertretung in Köln. Die restlichen zwanzig Sowjet-Spione unterstehen Moskaus Militär-Erkundungsdienst Glawnoje Raswedywatelnoje Uprawlenije (GRU).
Woronzow (Ehefrau: Tamara Woronzowa, 44, Lehrerin; Sohn: Wladimir, 17) arbeitete rund um die Uhr. Als Diplomat pflegte er Kontakte zum Kanzleramt und zum Außenamt, frühstückte mit Bonner Offiziellen und hielt Vorträge über die Politik der Sowjet-Union -- so im Oktober 1968 im Hamburger Haus Rissen.
Als KGB-Resident führte Woronzow Agentennetze in der Bundesrepublik, eilte zu geheimen Treffs mit V-Männern (Vertrauensmänner) und dirigierte die V-Mann-Führer der Botschaft.
Die Bonner Geheimdienstberichte des Botschaftsrats wurden nicht dem Botschafter vorgelegt, gingen auch nicht ans Außenministerium in Moskau, sondern an das KGB. Dessen Chef von 1958 bis 1961, Alexander Schelepin, heute Politbüromitglied, galt als Gönner Woronzows.
Von Schelepin 1961 zunächst in Kabul (Afghanistan) auf bundesdeutsche Entwicklungshelfer und Techniker angesetzt, übernahm Woronzow, der deutsch, englisch, französisch und persisch sprach, 1966 das Bonner Kommando. Seine Vorgänger als KGB-Residenten am Rhein waren die Botschaftsräte Sergej Grigorewitsch Grigoriew (1961 bis 1965) und Jurij Nikolajewitsch Granow (1965 bis 1966).
Aus Kabul brachte der neue Chefspion ein Leiden und eine Leidenschaft mit: Kreislaufstörungen und Neigung zum Alkohol. Wohl predigt auch das Moskauer Hauptquartier -- wie jeder Geheimdienst -- seinen Nachrichtenoffizieren Enthaltsamkeit. Aber in Doppelarbeit von Diplomatie und Spionage überlastete KGB-Residenten suchen gleichwohl Entspannung bei heimischem Wodka.
Das erwies sich für Mercedes-Fahrer Woronzow (Typ 220, Diplomaten-Kennzeichen 0-815) unzuträglich -- zumal er häufig auf den Dienstchauffeur verzichtete. Zumindest ein polizeilich registrierter Unfall (Trunkenheit am Steuer) und ein Herzinfarkt waren die Folge. In Bonn sah man ihn mitunter bezecht, so im Apollo-Filmtheater, wo er das Lichtspiel "Im Paradies der Nackten" anschaute.
In seinem schwarzen Mercedes steuerte Selbstfahrer Woronzow denn auch am 25. Februar von Bonn nach Köln, wo er sich zur Mittagszeit mit einem anderen sowjetischen Geheimdienstoffizier traf: Igor Petrowitsch Sobolew, nach außen stellvertretender Leiter der Sowjetischen Handelsvertretung in Kölns Aachener Straße 240/244 und zuständig für die Arbeitsgebiete "Wissenschaft und Technik", in Wahrheit leitender KGB-Offizier.
Beim Essen beklagten die beiden geheimen Sowjetmenschen jüngstes Mißgeschick: Ihnen war ein Erkundungsgespann zerschlagen worden. Dabei ging Moskaus Spionagefiliale in Bonn eines Topmannes, Wladimir Iljitsch Zyganow, 45, verlustig, der seit dem 13. Mai 1965 als Botschaftsrat zunächst für das Arbeitsgebiet "Wissenschaft", später für "Politik" zuständig war, sich insgeheim jedoch im Auftrag des Nachrichtendienstes eher Interessierte für: elektronische Lenksysteme, Senkrechtstarter, Umrüstung der Bundeswehr auf "Phantom", Bewaffnung und Feuerlenkung des deutschen Leopard-Panzers, Fla-Geschütze, Panzerabwehrraketen und Seeminen.
Nach 30 Treffs mit einem V-Mann im Gebiet Köln-Bonn mußte Geheimdienstoffizier Zyganow nicht ganz freiwillig die Bundesrepublik verlassen -- der fünfzehnte Sowjet-Bürger, der sich seit Aufnahme der diplomatischen Beziehungen zwischen Bonn und Moskau 1956 wegen Spionage aus der BRD in die Heimat abzusetzen hatte.
Auch die wichtigsten Treffpunkte sowjetischer Führungsoffiziere mit ihren V-Leuten waren enttarnt, so in Köln:
* Dom-Hotel,
* Chinesisch-Indisches Restaurant Shanghai,
* Restaurant Bastei,
* Rhein-Ufer zwischen Mülheimer Brücke und Kunibertskloster, Eisstadion,
* Stadtschwimmbad in der Nähe des Rheinufers,
* Station der Rhein-Seilbahn im Messegelände,
* Neußer Wall (Nähe Eisstadion),
* Ecke Thürmchenswall und Clever Straße,
* unter der Zoo-Brücken-Auffahrt (Riehler- und Innere Kanalstraße),
* Ristorante Grand Italia am Hansaring 66,
* Gaststätte Antonius Thiel an der Ecke Thürmchenswall und Niederichstraße,
* Friedrich-Ebert-Park-Anlage (Nähe Restaurant Bastei).
KGB-Woronzow und KGB-Sobolew dehnten an diesem 25. Februar ihr Treff zu einem Mahl bis 15.35 Uhr aus. Dann setzte sich Woronzow wieder ans Steuer seines Mercedes und fädelte sich in den Kölner Berufsverkehr in Richtung Autobahn Köln-Bonn ein.
In der Militärringstraße scherte der Wagen zwischen der Berrenrather und der Luxemburger Straße um 15.50 Uhr plötzlich aus der Kolonne zur linken Fahrbahn aus und prallte gegen den Mercedes 220 des Deutschen Heinrich Jütten, 40, aus Kempen/Niederrhein.
Mercedes-Fahrer Jütten kam mit einer Knochensplitterung des rechten Fußes davon, Mercedes-Fahrer Woronzow war mit geborstenem Schädel und aufgerissener Brust hinter dem Lenkrad eingeklemmt. Unfallzeugen, die sich zur ersten Hilfe über den Schwerverletzten beugten, meinten Alkohol zu riechen.
Der Notarzt konstatierte Woronzows Ableben, die Polizei alarmierte die Sowjet-Handelsvertretung.
Sofort wurde Moskaus Geheimdienst auf deutschem Boden aktiv. Am Unfallort erschien KGB-Offizier Sobolew, Tafelgefährte Woronzows, und stellte aus dem Fond des CD-Wagens sicher: ein Bund mit Safeschlüsseln, Aktentasche und ein graues Blechkästchen (30 X 30 X 30 Zentimeter) mit Schaltknopf und Antenne -- Empfangsgerät für Ultrakurzwelle.
Zwei Stunden lang blieb Juni Woronzows Leiche im Rettungswagen in der Militärringstraße liegen, von KGB-Offizier Sobolew -- so Augenzeugen -- zum Abtransport nicht freigegeben, für die deutsche Polizei exterritorial.
Erst Sowjet-Vizekonsul Nikolai S. Plaksin, von Bonn nach Köln geeilt, genehmigte die Überführung zur Handelsvertretung in der Aachener Straße.
Dort traf gegen 18 Uhr auch Sowjet-Botschafter Zarapkin ein, und um Woronzows Leiche begannen deutschsowjetische Verhandlungen. Staatsanwaltschaft und Polizei verlangten eine Obduktion zur Feststellung der Todesursache. Moskaus Vertreter lehnten ab. Um 22.15 Uhr schließlich willigte Zarapkin in einen Kompromiß ein: Woronzow solle nicht von Amts wegen, sondern in privatem Auftrag der Sowjets obduziert werden.
Zudem: Die Autopsie dürfe der deutsche Pathologe -- der Kölner Professor Dr. Günther Dotzauer -- anderntags nur in Gegenwart der russischen Botschaftsärztin Dr. Tatjana G. Serbina vornehmen.
Diese Woche -- nach Abschluß der feingeweblichen Untersuchung durch Dotzauer -- wird Moskaus KGB-Zentrale exakt ·erfahren, wie ihr Bonner Resident in den Tod gefahren ist: noch lebend, etwa unter Alkohol, oder schon gestorben, etwa nach einem zweiten Herzinfarkt.
Drei Tage nach seinem Tode wurde Woronzow aufgebahrt in der Kulturabteilung des sowjetischen Außenministeriums. Bundesdeutsche Diplomaten in Moskau erwiesen die letzte Ehre. Sie legten einen Kranz mit schwarzrotgoldener Schleife nieder.

DER SPIEGEL 12/1969
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