17.03.1969

SYRIEN MACHTKAMPFExitus durch Kopfschuß

Syriens junge Offiziere beschäftigen sich zuviel mit der Politik und zuwenig mit dem Kriegshandwerk". schimpfte der Leiter der russischen Militärmission in der Hauptstadt Damaskus.
Im Juni-Krieg von 1967 entriß Israels Armee den Syrern die strategisch wichtigen Golan-Höhen am See Genezareth und steht jetzt nur noch 60 Kilometer vor Damaskus. Dennoch kümmern sich die Militärs der putschfreudigsten arabischen Nation auch jetzt noch mehr um Politik als um Panzer.
Zwei Tage nach dem Bombardement zweier Ausbildungslager palästinensischer Guerillas bei Damaskus -- dem ersten israelischen Angriff gegen Syrien seit dem Juni-Krieg -- putschte Ende Februar Verteidigungsminister Generalleutnant Hafis el-Assad, 39. Es war der 18. Militärputsch in Syrien seit 1949.
Assad beschuldigte den Staats- und Ministerpräsidenten Nureddin el-Atassi, er habe das Land an die Russen ausgeliefert, von den anderen arabischen Regierungen isoliert und die Bewaffnung Syriens vernachlässigt. Gegen Israels moderne Luftwaffe müsse Syrien mit veralteten Mig-17-Maschinen antreten.
Im Oktober vergangenen Jahres hatte der Putsch-General den moskaufreundlichen Ministerpräsidenten Saum -- genannt "Stalin Syriens" -- davongejagt (SPIEGEL 48/1968). Jetzt ließ er Staatschef Atassi unter Hausarrest steilen. Atassi-Freunde sperrte er in das berüchtigte Mezze-Gefängnis und die Zitadelle von Damaskus.
Nur der Geheimdienst-Chef Abdelkarim Dschundi, der 1966 den damaligen Staatspräsidenten Hafis gefesselt im Mezze-Gefängnis abgeliefert hatte, entkam nach Katana. Dort liegt das Hauptquartier der 70. Panzerbrigade, in Syrien "Putschbrigade" genannt.
Auf der Rückfahrt nach Damaskus stellten aber Militärpolizisten den Geheimdienst-Chef und brachten ihn ins Verteidigungsministerium. Zwei Stunden später war er tot.
"Exitus durch Kopfschuß" konstatierten die Ärzte des italienischen Krankenhauses. Der "verdienstvolle Patriot für Syriens Freiheit", meldete Radio Damaskus, sei "plötzlich gestorben".
Seinen gefährlichsten Rivalen, den stellvertretenden Generalsekretär der regierenden Baath-Partei, General Salah Dschadid. konnte der Putsch-General Assad jedoch nicht ausschalten. Denn Dschadid drohte, die ihm ergebenen Arbeiter-Milizen gegen Assads Armee zu mobilisieren. Das hätte Bürgerkrieg bedeutet.
Dschadid war es dann auch, der Assad zwang, Atassi und dessen Freunde für Dschundis Begräbnisfeierlichkeiten freizulassen. Mit grimmigen Mienen hockten die Geschaßten in einer russischen Limousine und folgten so dem Sarg des syrischen Berija.
Um den entmachteten Atassi endgültig einzuschüchtern, drohte Assad, den Staatspräsidenten notfalls vor der ganzen Nation zu blamieren: Er werde dann Geheimdokumente über den Juni-Krieg veröffentlichen:
Die Syrer hatten damals einer 5000 Mann starken irakischen Einheit die Munition abgenommen, weil Atassi glaubte, die Iraker wollten ihn stürzen.
Während die Israelis die Golan-Höhen eroberten, hielt der Präsident die besten syrischen Panzereinheiten zurück. Sie sollten ihn vor einem möglichen Staatsstreich schützen.

DER SPIEGEL 12/1969
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