17.03.1969

VEREINTE NATIONEN LUMUMBA-TODSchmutzige Hände

Das Blut Patrice Lumumbas klebt an den Händen dieses Handlangers der Kolonialisten", stellte Moskau 1961 fest. Die Sowjets bezichtigten den Generalsekretär der Vereinten Nationen, Dag Hammarskjöld, der Beihilfe zum Mord am Ex-Premier des Kongo.
Acht Jahre nach dem gewaltsamen Tod Lumumbas wird dieselbe Anklage erneut erhoben -- diesmal von einem der engsten Vertrauten des Generalsekretärs.
Conor Cruise O'Brien, einstmals Hammarskjöld-Berater, wirft dem Uno-Chef in einem Bühnenstück* vor, er habe zusammen mit den Amerikanern den Sturz Lumumbas gefördert und seine Ermordung durch innenpolitische Gegner begünstigt.
Der Ire O'Brien kennt Uno und Kongo: Bis Mitte 1961 war er Uno-Delegierter seines Landes; dann ernannte Hammarskjöld den gewandten und sprachbegabten Diplomaten zum obersten Repräsentanten der Vereinten Nationen im Kongo. Dort leitete er im September 1961 die Invasion von Uno-Truppen in das Katanga Moise Tshombés; die abgefallene Kupfer-Provinz sollte mit Gewalt wieder der kongolesischen Zentralregierung unterworfen werden.
Drei Monate nach dieser heftig umstrittenen und mißlungenen Operation schied "der unglückselige Uno-Vertreter in Katanga" (so die Schweizer "Weitwoche" über O'Brien) aus den Diensten der Vereinten Nationen -- angeblich, "um frei sprechen zu können".
Das tat O'Brien: In seinen 1962 erschienenen Katanga-Memoiren** übte er heftige Kritik an der Uno-Administration und warf Generalsekretär Hammarskjöld Täuschung von Mitgliedstaaten und Unwahrhaftigkeit vor.
Der Uno-Chef konnte sich gegen die Attacken seines ehemaligen Vertrauten nicht mehr wehren: Er war
* Conor Cruise O'Brien: "Murderous Angels"; Little, Brown and Company, Boston (USA), 1968; 216 Seiten; 5,95 Dollar.
** Conor Cruise O'Brien: "To Katanga and Back"; Hutchinson & Co., London, 1962; 371 Seiten; 35 Schilling.
am 17. September 1961 auf dem Flug zu dem von Uno-Truppen vertriebenen Katanga-Premier Tshombé in Nordrhodesien tödlich verunglückt.
Für die Welt war der Schwede zu einem Märtyrer des Friedens geworden. Als erster und bisher einziger erhielt er 1961 posthum den Friedensnobelpreis.
O"Brien aber sah im Wirken des Friedensstifters nicht die edle Reinheit und moralische Integrität, die Hammarskjöld von den Nobelpreis-Verleihern zugeschrieben wurden. Auch nach dem Erscheinen seines Katanga-Buchs glaubte er sich zu weiterer Aufklärung verpflichtet.
Offensichtlich angeregt von den zeitgeschichtlichen Enthüllungsstücken des Deutschen Rolf Hochhuth, verfaßte der publicity-freudige Ire sein Drama über die Hintergründe der Uno-Aktion im Kongo und des Todes von Lumumba. Diese Hintergründe sind bis heute nicht völlig geklärt.
Am 24. Juni 1960 hatte der hochgewachsene, ziegenbärtige Postbeamte Lumumba, damals 34, nach einer legalen Wahl die Regierung der belgischen Kolonie Kongo übernommen. Sieben Tage später entließen die Belgier ihr Riesenreich am Kongo in die Unabhängigkeit.
Wenige Tage nach dem Abzug der Kolonialherren stürzte der Kongo ins Chaos: Die Armee meuterte, die Kongo-Stämme begannen Kriege gegeneinander und gegen die im Lande verbliebenen Belgier, die Bergbau-Provinzen Katanga und Kasai erklärten ihre Sezession.
Lumumba war gegen das Chaos machtlos und suchte Hilfe. Er fand sie bei Uno-Generalsekretär Dag Hammarskjöld, der 16 000 Uno-Soldaten in das vom Zerfall bedrohte Land schickte.
Bald trübte sich das gute Einvernehmen zwischen Helfer Hammarskjöld und dem bedrängten Premier. Denn der Uno-Chef war damals noch nicht bereit, die abtrünnigen Provinzen mit Waffengewalt wieder an den Kongo anzuschließen.
Darauf bat Lumumba Moskau um Hilfe. Kreml-Chef Chruschtschow reagierte sofort: Sowjetische Transportflugzeuge, Piloten und Techniker trafen in der Kongo-Hauptstadt Léopoldville (heute: Kinshasa) ein. Lumumba konnte seinen Krieg gegen die separatistischen Provinzen selbst beginnen.
Doch nun fürchteten die Vereinigten Staaten, daß die ehemalige belgische Kolonie zum ersten Satelliten der Sowjets in Afrika würde. "Die USA betrachten die einseitige Aktion der Sowjet-Union als äußerst ernst", warnte damals US-Präsident Dwight D. Eisenhower.
In dieser Situation traf Hammarskjöld den amerikanischen Botschafter im Kongo, Claire Timberlake. Der Dialog zwischen den beiden Diplomaten ist eine Schlüsselszene in dem Kongo-Drama O'Briens (siehe Kasten).
"Wenn die Russen wirklich ein zweites Korea haben wollen, können sie es bekommen", droht der Amerikaner in O'Briens Bühnenstück.
Einen Kongo-Krieg der Großmächte will der Uno-Generalsekretär aber mit allen Mitteln verhindern. So akzeptiert er den Ausweg, den ihm Timberlake zeigt: Sturz und Tod Lumumbas.
Hammarskjöld hielt Wort: Anfang September setzten Staatspräsident Kasavubu und Armeechef Mobutu den für die Westmächte lästigen Premier ab mit Hilfe der Uno.
Denn die Weltorganisation sperrte Lumumba-Freunden, die im Land um Beistand für den abgehalfterten Regierungschef werben wollten, die Flugplätze;
spendete Armeechef Mobutu aus Uno-Mitteln fünf Millionen belgische Franc (etwa 420 000 Mark). mit denen er sich die Loyalität seiner Truppen sicherte;
verweigerte Lumumba, der die Volksmassen für sich mobilisieren wollte, den Zutritt zum Rundfunkgebäude.
Vier Monate später, im Januar 1961, wurde Patrice Lumumba verhaftet. von Soldaten Mobutus halbtot geprügelt und im Flugzeug nach Elisabethville, der Hauptstadt Katangas, gebracht. Dort erschoß ihn ein Unteroffizier der Tshombé-Armee.
Vor dem Uno-Sicherheitsrat beteuerte Hammarskjöld, die Weltorganisation habe den Tod Lumumbas nicht verhindern können: "Er wurde draußen im Land festgenommen. Die Vereinten Nationen hatten keine Möglichkeit zu intervenieren, da sie die Lage nicht beherrschten."
Das bestreitet Autor O'Brien. Nach seiner Darstellung untersagte der Uno-Chef seinen Soldaten, den gefährdeten Lumumba auf Reisen durch das Land zu beschützen.
Als Lumumba schließlich auf einer Fahrt nach Stanleyville bei der Ortschaft Mweka seinen Häschern in die Hände fiel, verbot laut O'Brien der Generalsekretär sogar seine Befreiung durch Truppen der Vereinten Nationen -- obwohl ein kampfstarkes ghanaisches Uno-Kontingent in der Nähe von Mweka stand.
Den kommandierenden Offizier der ghanaischen Truppen wies Hammarskjöld -- so O'Brien -- telephonisch aus New York an, "Lumumba nicht zu befreien oder sonst in irgendeiner Weise einzugreifen".
Die amerikanische Historikerin Catherine Hoskyns stützt O'Briens These. Sie bestätigt dem Ex-Diplomaten, daß der Kommandant der ghanaischen Uno-Truppen den gefangenen Lumumba befreien wollte. Doch, so die Kongo-Forscherin, den Ghanaern wurde strikte Anweisung gegeben, nicht zu intervenieren.
Auch die Uno-Soldaten auf den Flughäfen Leopoldville und Elisabethville hielten sich an ihre Befehle aus der New Yorker Uno-Zentrale. So konnte Armeechef Mobutu den Gekidnappten ohne Schwierigkeiten an dessen ärgsten Widersacher, den separatistischen Katanga-Chef Tshombé. ausliefern.
Der Uno-Generalsekretär opferte -- wie O'Brien im Vorwort zu seinem Drama interpretiert -- einen einzelnen Menschen, um der Menschheit den Frieden zu retten:
"Wenn diese Aufgabe mit schmutziger Arbeit verbunden ist", läßt O'Brien den Bühnen-Hammarskjöld sagen, "dann will ich meine Hände schmutzig und sogar blutig machen. Und wenn dabei der Tod Lumumbas erforderlich ist, dann bin ich für den Tod Lumumbas."
O'Briens Kongo-Drama wird im Herbst in den USA uraufgeführt.

DER SPIEGEL 12/1969
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