17.03.1969

BESTSELLER / DÄNIKENWer von wem?

Erich von Däniken, 33, Autor des Super Bestsellers "Erinnerungen an die Zukunft" (SPIEGEL 20/1968), vergaß die Vergangenheit und die Gegenwart.
Er vergaß, so behauptet der Staatsanwalt des Schweizer Kantons Graubünden, Kredite in Höhe von rund 1 000 000 Schweizer Franken zurückzuzahlen, und er vergaß, so moniert der Münchner Feuilletonist Richard Kaufmann in der "Süddeutschen Zeitung", die Quelle seiner Zukunftserinnerungen anzugeben, ein Buch des Franzosen Robert Charroux*.
Bereits 1963 hatte Charroux -- wie fünf Jahre später Däniken -- behauptet, "daß schon vcr Millionen von Jahren Raumraketen den Himmel durchfurchten, daß Atombomben eine oder vielleicht auch mehrere Zivilisationen zerstörten und daß außerirdische Wesen an mehreren Punkten unseres Erdballs Spuren ihrer Landung hinterließen".
Doch während "Phantastische Vergangenheit" von Charroux erst Ende Februar die zweite Auflage erreichte, wurde Dänikens "Märchenbuch für Erwachsene" (Hessischer Rundfunk), vor einem Jahr vom Econ-Verlag auf den Markt gebracht, bis Ende letzten Monats von rund 215 000 Deutschen gekauft; allein im Januar dieses Jah-
* Robert Charroux: "Phantastische Vergangenheit". F. A. Herbig Verlagsbuchhandlung. München.
res setzte der Buchhandel 37 433 Exemplare ab.
In Wirtshäusern und Büros, in der Straßenbahn und bei Partys grassiert die "Dänikitis" ("Handelsblatt"). Tausende von Bundesbürgern diskutieren darüber, ob die himmlischen Heerscharen der Bibel Astronauten von einem fernen Planeten gewesen seien, ob die jüdische Bundeslade -- in der die steinernen Gesetzestafeln aufbewahrt wurden -- in Wirklichkeit eine Wechselsprechanlage zwischen Moses und dem Raumschiff Jehovas gewesen sei oder ob die sündigen Städte Sodom und Gomorrha durch eine Atombombenexplosion vernichtet worden seien.
Als Buch, das "einem stellenweise buchstäblich den Atem verschlägt", rühmte der Österreichische Rundfunk Dänikens phantasievolles Werk. Und die Stuttgarter Wochenzeitung "Christ und Welt" fragte, wo denn "die Stimme der sogenannten ernsten Wissenschaft" bleibe, oder es denn "nichts zu widerlegen" gebe.
Dabei hatten die Lektoren des Düsseldorfer Econ-Verlags im Sommer 1987 das Manuskript des Davoser Hoteliers nur ungern gelesen. Es sei, so erinnerte sich Econ-Verlagschef Erwin Barth von Wehrenalp, "das Produkt eines emotionalen Nichtschriftstellers" gewesen.
Erst als Däniken dem Verleger mitteilte, daß Raketenbauer Wernher von Braun die Möglichkeit einer Astronauten-Invasion in grauer Vorzeit nicht ausschließe, engagierte Wehrenalp den Schriftsteller Wilhelm Roggersdorf als Ko-Autor, der das Manuskript "total umschrieb", wie das mit dem Econ-Verlag liierte "Handelsblatt" vermerkte.
Inzwischen kassierte Däniken für seine Erinnerungen rund 170 000 von über 1,8 Millionen Mark, die der Verlag mit diesem Buch einschließlich der Nebenrechte umsetzte. Verleger aus 13 Ländern kauften bei Econ Lizenzen ein, die Deutsche Buchgemeinschaft erwarb den Titel für ihre Abonnenten, und der Droemer-Verlag will sich 1971 mit einer Taschenbuchausgabe an den Däniken-Boom anhängen.
Doch weder Geld noch Ruhm konnte den gelernten Koch und Kellner Däniken vor widrigem Geschick bewahren. Denn während er der Menschheitsvergangenheit nachjagte, jagte ihn selbst die Interpol. Unterschlagung von Kurtaxen und Aufnahme von Darlehen mit gefälschten Unterlagen glaubte der Davoser Untersuchungsrichter Kirchhofer bei Däniken entdeckt zu haben. Mitte November vergangenen Jahres fand Interpol den Langgesuchten auf dem Wiener Flughafen.
Während "der Autor des erfolgreichsten Bestsellers im deutschen Sprachraum nach Pasternaks. 'Doktor Schiwago'" (die österreichische Tageszeitung "Die Presse") im Wiener Landgerichtsgefängnis auf seine Auslieferung an die Schweiz wartete, braute sich neues Mißgeschick über ihm zusammen.
Bereits vor Jahresfrist hatte Wilfried Sczepan, Mitübersetzer des Charroux-Buches, den Herbig-Verlag auf merkwürdige Parallelen in den beiden Büchern hingewiesen.
Mindestens vier Übereinstimmungen fand auch Kaufmann. Charroux schrieb über die Cheopspyramide: Man habe über sie "tausend unhaltbare törichte Theorien aufgestellt". Däniken: wurden sicher einige hundert unhaltbare, törichte Theorien aufgestellt."
Auch die Möglichkeit der Vernichtung von Sodom und Gomorrha durch eine Atomexplosion beschreiben Charroux und Däniken mit fast den gleichen Worten. Über die Bundeslade, die für Charroux ein Kondensator, für Däniken außerdem noch eine Wechselsprechanlage war, phantasierte der Franzose: "Die Kranzleiste hätte dann dazu gedient ... den Kondensator aufzuladen", während Däniken schrieb: "Die Kranzleiste wird dazu gedient haben, den Kondensator aufzuladen."
Freilich, im Wettstreit der Phantasten liegt Charroux noch immer vorn. Er vermutet nicht nur, "daß die Verfahren zur Herstellung der Wasserstoffbombe, der pharmakodynamischon Drogen und der Raketentreibstoffe ... schon seit Jahrhunderten im Vatikan, zu Rabat und in Benares aufgezeichnet lagen", er berichtet vielmehr auch von "Dokumenten", aus denen hervorgehe, wie der Homo sapiens entstanden sei.
Charroux: "Orejona" (eine, laut Charroux, mit ihrem Raumschiff im Titicacasee gelandete Venusierin) "hatte zweifellos die Absicht, auf der Erde die Urmutter einer menschlichen Bevölkerung zu werden, denn sie knüpfte Beziehungen zu einem grunzenden, auf vier Beinen laufenden Tapir an. Sie gebar mehrere Kinder" -- die Ahnen der Menschheit.
So viel Phantasie war selbst Däniken zuviel. In einem Brief an Wehrenalp rügte er seinen Konkurrenten: "Er faselt mir zuviel von Spiritismus Hexenglauben und ähnlichem."
Diesen Tadel an Charroux brachte Däniken jedoch erst vor, als ihm Charroux-Verleger Dr. Herbert Fleissner in einem Brief den Vorwurf machte, er habe bei Charroux abgeschrieben.
Däniken begnügte sich nicht damit, diesen Anwurf als "simplen Blödsinn" abzutun, sondern erhob nun seinerseits gegen Charroux den Vorwurf, dieser sei ein Abschreiber -- von einem dritten Buch. Däniken an seinen Verleger von Wehrenalp: "Ich hatte bei der Lektüre von Charroux oft den Eindruck, er habe von Pauwels und Bergier "Aufbruch ins dritte Jahrtausend, abgeschrieben", einem Buch, das 1962 auf deutsch im Scherz-Verlag erschienen war, vier Jahre vor der deutschen Ausgabe von Charroux und sechs Jahre vor Dänikens Erinnerungen.
Daß es zwischen Werken dieser Art gewisse Zusammenhänge gibt, leugnet selbst Däniken nicht, "denn sämtliche Werke, welche etwa in dieser Richtung liegen, bringen immer wieder dasselbe".
Gleichwohl, die Übereinstimmungen zwischen Däniken und Charroux hatten auch den Econ-Chef "stutzig gemacht", zumal das Charroux-Werk nicht einmal im Quellenverzeichnis des Däniken-Buches stand. Während noch Herbig-Verlagsleiter Dr. Fleissner von seinem Rechtsanwalt die juristische Lage klären ließ (Fleissner: "Ein Plagiatprozeß könnte kommen"), bot Wehrenalp an, die Münchner und Düsseldörfer sollten gemeinsam für ihre beiden Phantasie-Autoren werben.
Als einen ersten Schritt auf diesem Wege will der Econ-Verleger das Charroux-Buch als Däniken-Quelle offiziell anerkennen. Wehrenalp: "Wir haben den Charroux-Titel in das Literaturverzeichnis der neuen Auflage des Däniken-Buches aufgenommen."
Auch sonst ist Verleger Wehrenalp zu Konzessionen bereit. Damit sein Erfolgsautor das angekündigte zweite Buch "Rückkehr zu den Sternen" schreiben kann, will er Däniken 250 000 Mark als Darlehen geben, um dessen Gläubiger zu befriedigen.

DER SPIEGEL 12/1969
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