17.03.1969

DAS PUBLIKUM KOMMT ZUR PROBE

Det kändes skönt", rief der schwedische Regisseur Ingmar Bergman, als er den Stockholmer Kritiker Bengt Jahnsson mit einem Stoß vor die Brust zu Boden geschickt hatte: "Das hat gut getan", und zwei Probentage lang wirkte Bergman, 50, fröhlich und guter Dinge.
Sonderbare Proben waren es. Vier Wochen lang saßen stets an die 500 Schweden dabei, als Bergman im Königlichen Schauspielhaus ("Dramaten") die deutsche Tragödie "Woyzeck" inszenierte. Und die Beisitzer durften auch urteilen -- So, ob Woyzeck nach dem Mord an seiner treulosen Marie blutbefleckte Hände haben solle (nein); oder ob es noch zeitgemäß sei, die Schauspieler zum Schlußbeifall auf die Bühne zu schicken (auch nein).
Eine Erneuerung des Theaters aus dem Geiste der Volks-Bühne bewegt gegenwärtig mehrere abendländische Szenen-Meister. Castrop-Rauxels Theater, etwa, war schon mit öffentlichen Proben aufgefallen; in einer einstigen Lokomotiv-Halle im Londoner Stadtviertel Camden Town bietet der Regisseur Tony Richardson ("Tom Jones") einen Volks-"Hamlet" zum Einlaßpreis von drei Mark; in Rom lädt Giorgio Strehler Diskutanten zu den Proben an Peter Weissens "Lusitanischem Popanz", gleichzeitig will Strehler mit seiner neuen Truppe dem Ideal des "kollektiven Theaters" näherrücken.
In seinen metaphyselnden Filmwerken hatte Ingmar Bergman bisher wenig volksbildnerisch oder gemeinsinnig gewirkt; am Theater hingegen litt er früher schon unter der Sehnsucht nach der Masse.
Bis vor zwei Jahren war Bergman dem "Dramaten" als Chef vorgestanden, dann hatte er sich grollend zurückgezogen. Es sei "sinnlos, mit dem Theater in seiner gegenwärtigen Form weiter zu tun zu haben"; er schalt es ein "Kulthaus, das nur von einer kleinen Minorität besucht wird". Sein Wunschbild: "Eine 200 Meter lange Schlange an der Kasse."
Der Zulauf kam, als Bergman nun zum Regieführen ans "Dramaten" zurückkehrte und zu seinen "Woyzeck"-Proben das Theater-Tor aufmachte. Damit war aber des Volkstümlichen noch nicht genug.
Denn nicht wie ein Kulthaus, wie ein Kino soll sich den Schweden das Königliche Theater öffnen. Seit der "Woyzeck"-Premiere am letzten Freitag ist jeder Platz für fünf Kronen (vier Mark) zu haben (sonst: drei bis 16 Kronen); die Plätze sind nicht mehr numeriert, und Garderobenzwang besteht auch nicht mehr,
Dem Kino-Gefühl ließ Bergman noch architektonisch nachhelfen. Der güldne Königsbau, den Seine Majestät kaum öfter als zweimal im Jahr betreten, bekam überm ersten Rang einen rostroten Kunststoff-Himmel, und auf der Hinterbühne hieß Bergman zusätzlich Sitzreihen errichten: Der Betrachter weilt nun nahe am Geschehen und kann, wie in einer Großaufnahme, das Weiße im Auge des Künstlers sehen.
So wird, meint Bergman, der "unsichtbare Vorhang" zwischen Bühne und Parkett zerrissen, und von den offenen Proben verspricht er sich auch Vorteile für die Schauspielkunst: Die Darsteller, gleich ans Publikum gewöhnt, litten bei der Premiere nicht unter quälendem Lampenfieber.
Derlei Versuche, das stagnierende dramatische Gewerbe durch Anti-Formalitäten zu beleben, haben freilich kaum mehr als Eintags-Effekt, wenn nicht eine theatralische Sendung hinzutritt; Bergman, den Deutschlands Apo einen Liberalen und noch was nennen würde, läßt über solche Sendung aber wenig wissen.
Auch der "Woyzeck", das Meister-Stück des Sozial-Revolutionärs und politischen Flüchtlings Georg Büchner, muß in diesem Bühnen-Rahmen nicht als flamboyantes Manifest für die Ausgebeuteten verstanden werden; Bergman drängt es schon seit 25 Jahren, den "Woyzeck" zu inszenieren.
Denn die Passion vom geschundenen Soldaten zeigt die Welt, wie sie sich in Bergmans Filmen malt, und sie birgt auch Bergmans chronische Motive: ein bißchen Wahnsinn und Visionen, quälerische Liebe, terroristische Mächte, Grausigkeiten und die Dämonie von Gauklern und fahrendem Volk.
Bergman hat den "Woyzeck" aus dem Hessen des Jahres 1830 in das Schweden des Jahres 1910 transportiert, um seinen Landsleuten ein vertrautes Kolorit zu liefern; auf einem kleinen, kulissenlosen Podest, von den arenamäßig sitzenden Besuchern wie ein Stierkampf zu betrachten, bietet sich der "Woyzeck" nun in einer perfekten, packenden Aufführung an.
Bergman spielte auf scharfe, grausame Wirkung hin. Die Soldateska strotzt von Pickelhauben-Brutalität und kraftmeierischer Militär-Männlichkeit; bürgerliche Mitmenschen treten als schmierige Lemuren ins Bild; in der Jahrmarktsbude waberte violetter Satanismus.
Woyzeck, in Deutschland gern als stumpfes, dumpfes Vieh dargestellt, hetzt bei Bergman in schlotterndem Drillich als schmaler Neurotiker umher (Thommy Berggren); Marie, die Treulose, spielt Gunnel Lindblom als reißendes Weib.
Das Krasse, Karge, Fatalistische des Originals erscheint bei Bergman so leicht bengalisch beleuchtet, und auch die Liebe ist hitziger geworden: Strindbengs Knopfstiefeletten-Sex macht nun den Sinnendurst erst schön.
Der Schritt zum Volkstheater hat auch den Regisseur Bergman volkstümlicher gemacht. Vor zwei Jahren noch pflegte er den Mythos des dämonischen Meisters, und den Schauspielern war es zuweilen vor seiner Gottähnlichkeit bange.
Bergmans sardonische Miene ist in der Tat geeignet, zage Gemüter zu erschrecken und an mephistophelische Figuren an gotischen Kathedralen zu erinnern. Bei den "Woyzeck" -Proben zeigte er sich aber als liebenswürdiger Leiter und führte selbst unbedeutende Statisten im traulichen Gespräch umher.
Kritikern freilich droht seine harte Hand. Jener Bengt Jahnsson etwa hatte mehrfach Bergmans künstlerisches Schaffen getadelt; bei einer der öffentlichen Proben schmetterte ihn Bergman darum in den Staub. Gott vergibt, Bergman nie.

DER SPIEGEL 12/1969
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