03.03.1969

BUNDESWEHR / FLAKIn die Lücke

Deutschlands Bundeswehr hat von
Nord-Vietnam gelernt, wie sie ihre Flugplätze verteidigen muß.
Vom nächsten Jahr an werden die Fliegerhorste mit einer Waffe armiert, die Bonns Wiederaufrüster 1956 zum alten Eisen rechneten und deshalb nur in begrenzter Menge anschafften: mit Rohrflak.
Im Zweiten Weltkrieg galt die deutsche Flak als eine der modernsten Waffen -- besonders das 8,8-cm-Fla-Geschütz wurde von den alliierten Piloten gefürchtet. 1944 waren über 10 000 Kanonen dieses Typs im Einsatz. Um Berlin, Stettin, das Ruhrgebiet und die Leuna-Werke lag Stellung neben Stellung.
Die deutschen Flak-Soldaten schossen von 1000 einfliegenden Maschinen im Durchschnitt neun ab. Das ist -- trotz Korea und Vietnam -- die in der Kriegsgeschichte höchste Abschußquote der Fliegerabwehr.
Dennoch konnte auch die "Acht-Acht" die deutschen Städte nicht vor der Zerstörung bewahren. Immer mehr dieser Geschütze wurden aus der Luftverteidigung herausgenommen, um an der Front im Erdeinsatz Panzer und Bunker zu knacken.
Nach dem Krieg schien die Zeit der Fliegerabwehr mit Rohrflak beendet zu sein. Die Amerikaner vertrauten fortan fast ausschließlich auf ihre neuentwickelten Boden-Luft-Raketen, denn es schien, als könnten nur diese mit komplizierten Zielsuchköpfen ausgerüsteten Projektile gegen die nun überschallschnell fliegenden Bomber mit Aussicht auf Erfolg eingesetzt werden. Beim Aufbau der Bundeswehr tat der erste Inspekteur der Luftwaffe, Generalleutnant Josef Kammhuber, es den Amerikanern nach.
Zwar rettete er die anfänglich von Verteidigungsminister Theodor Blank dem Heer zugedachte Fla-Waffe in schnellem Zugriff für seine Teilstreitkraft, Doch galt sein Interesse nur den Raketen; nicht ein einziges Geschütz wurde für die Luftwaffe eingekauft.
Bis zur Analyse der Taktik Hanois hatte die Luftwaffenführung geglaubt, daß sie nur die in großen Höhen anfliegenden Maschinen mit Raketen abschießen könne. Gegen tief fliegende Bomber wähnte Bonn sich wehrlos: Herkömmliche Fla-Geschütze seien gegen die mit Überschallgeschwindigkeit anfliegenden Maschinen besonders bei schlechtem Wetter oder Dunkelheit unwirksam.
Genau in diesem Tiefflugbereich aber werden die Angreifer im Ernst-fall erwartet. Jeder Aggressor muß versuchen, unter der Höhe zu bleiben, in der Radaraufklärung, Abfangjäger und Raketensysteme der Nato wirksam werden -- also etwa 150 Meter hoch.
Der Vietnam-Krieg nun lehrte die Bonner Verteidigungsplaner, daß die von Moskau gelieferten Raketen nur wenige der hoch fliegenden US-Maschinen zu treffen vermochten; oft hatten die Piloten genug Zeit, den anfliegenden Raketen durch Ausweichmanöver zu entkommen. Der nordvietnamesischen Flak aber gelang es, erstaunlich viele (bisher 919) der angreifenden Jagdbomber abzuschießen.
Daraufhin entschloß sich Luftwaffen-Inspekteur Johannes Steinhoff, den Fehler seines Vor-Vorgängers zu korrigieren. Er gab dem Bundesamt für Wehrtechnik und Beschaffung in Koblenz den Auftrag, bei der Industrie ein Fla-Geschütz entwickeln zu lassen, das unter anderem
* rundum 200 Meter weit schießen, Einzel- und Dauer- sowie Feuerstöße von 15 und 25 Schuß abzugeben vermag,
von jedem Soldaten nach kurzer Einweisung bedient, von jedem Bundeswehrfahrzeug und zivilen Lkw gezogen und von Hubschraubern transportiert werden kann. Den Zuschlag erhielt die Düsseldorfer Rheinmetall GmbH. Ihr "Fla-Geschütz 20-Millimeter-Zwilling"
* kann in jeder Minute 2000 Schuß abfeuern,
* ist von jedem Bundeswehr-Rekruten nach etwa 20stündiger Ausbildung zu bedienen und
* erreicht nach Berechnungen von Mathematikern eine "Vernichtungswahrscheinlichkeit" von 50 Prozent. Als Steinhoff die Anschaffung vor der Führungsspitze des Ministeriums begründete, waren die Herren besonders davon angetan, daß die Ausrüstung der Bundeswehr mit diesem Geschütz ohne Rekrutierung neuer Soldaten möglich ist. Sie waren nach Steinhoffs Vortrag überzeugt, daß die Flak wegen ihrer einfachen und robusten Konstruktion im Ernstfall von angelerntem Bodenpersonal "in Zweitfunktion" bedient werden kann.
Ende vergangenen Jahres kündigte Verteidigungsminister Gerhard Schröder vor dem Bundestag an, daß er 2110 Geschütze (Stückpreis: rund 235 000 Mark) anschaffen wolle, um "die Lücke in der Luftverteidigung zu schließen" und die Flugplätze der Luftwaffe und der Marine "durch eine bessere Erfassung und Bekämpfung von tief fliegenden Flugzeugen wirksamer zu schützen".
Nachdem Schröder diesen Plan vor dem Verteidigungsausschuß präsentiert und nachgewiesen hatte, daß die Gesamtkosten, rund 500 Millionen Mark, aus dem Etat der mittelfristigen Finanzplanung bestritten werden könnten, stimmten die Wehrparlamentarier ohne längere Diskussion zu.
Die Abgeordneten waren nach dem Sowjet-Einmarsch in die CSSR am 21. August vorigen Jahres und der darauffolgenden Nato-Forderung, die Verteidigungskraft zu stärken, ohne-hin willfährig. CDU-MdB und Hauptfeldwebel Hermann Stahlberg: "Die Bundeswehr wird für den 21. August noch einmal dankbar sein."

DER SPIEGEL 10/1969
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