03.03.1969

JUGOSLAWIEN / SELBSTMORDKLUBBrei des Hasses

Janez Cuk, jugendlicher Held des jugoslawischen Films, besuchte täglich den Ausschank des Hotels "Turist" in der slowenischen Landeshauptstadt Ljubljana.
Eines Abends jedoch genoß er wegen des freundlichen Wetters seinen "Spritzer" -- mit Sodawasser gemischten slowenischen Wein -- im Schatten der Kastanien des Hotelgartens. Er studierte eine Arbeit "Über den Selbstmord in Slowenien" von Hans Peter Rullmann.
Dann ging er, eine Flugkarte für den nächsten Tag in der Tasche, nach Hause, heftete eine Warntafel ("Vorsicht, Lebensgefahr!") an die Küchentür und drehte den Gashahn auf.
Dieser Tage erinnerte sich das Belgrader Boulevard-Blatt "Politika ekspres" wieder des offenbar motivlosen Selbstmordes dieses "schönen, jungen und populären Schauspielers" vor vier Jahren und verknüpfte ihn mit ähnlichen Fällen. Denn in Slowenien wurde ein Selbstmörder-Club entdeckt. Etwa gleichzeitig mit Cuk schieden ohne erkennbare Motive -- ein junger Mann im slowenischen Jesenice und ein Biologiestudent, Sohn des Tito-Biographen Vladimir Dedijer, aus dem Leben. Branko Dedijer, dessen frühreife Arbeiten bereits in französischen und englischen Fachzeitschriften Aufsehen erregt hatten, hinterließ ein Testament: Er empfand sich als erster "Kamikaze" Sloweniens und Begründer des "Banzaiismus" -- benannt nach dem Todesruf der japanischen Selbstmordflieger des Zweiten Weltkriegs: "Banzai!"
Das Leben nahm sich auch der Sohn des slowenischen Historikers Kermavner, der Philosophiestudent Ales, 19. Bevor er in Ljubljanas Linhartovastraße Nr. 66 den Gashahn aufdrehte, hinterließ der junge Poet seinen Kommilitonen ein schmales Bändchen, dessen Titelseite mit einem Strick verziert war. Der Inhalt: Leere Seiten als Ausdruck der letzten Empfindungen des Jünglings, ein Loch in der Mitte als Symbol für die schallplattengleiche Sinnlosigkeit des Lebens, dazu eine Persiflage auf moderne Reklamemethoden:
"Sind Sie unglücklich? Fühlen Sie sich gelangweilt? Kommen Sie nicht weiter? Leiden Sie? Bedienen Sie sich des einzigen Mittels, das nie versagt hat! Selbstmord! Durch Selbstmord zu neuen Erfolgen. Gesellschaftliches Ansehen erringen Sie ausschließlich durch Selbstmord! Selbstmord, nur Selbstmord!"
Das Büchlein, aus Pietät vor dem Toten von der Kulturkommission des Jugoslawischen Studentenbundes an der Universität Ljubljana gedruckt, verbreitete sich schnell. Freunde Kermavners übersetzten es ins Englische. Sloweniens "Geheim- und Kriminalpolizei" (TNZ) stieß immer wieder auf den Urtext, so
* bei dem Studenten Barle, der zwei Mädchen zu fröhlichem Umtrunk in seine Bude eingeladen hatte, bis er sich dann mit den Worten "Ich will. daß ihr Zeugen seid!" eine Pistole an die Schläfe setzte;
* bei einem Mädchen aus Barles Freundeskreis, das gleichfalls einen Budenzauber durch öffentlichen Selbstmord krönte;
* bei dem jungen Maler Battista, der in der Nähe seines Wochenendhäuschens erfroren aufgefunden wurde. Unter dem Einfluß der Kermavner-Ideologie erhängte sich der 22jährige Joze Javorsek-Svit, tötete sich ein weiterer Sohn Vladimir Dedijers, Borivoj. Ein dritter Dedijer-Sohn konnte erst in letzter Minute vor der Selbstvernichtung gerettet werden.
"Meine Nachbarn haben ihn gefunden und ins Tal gebracht", berichtete Dedijer. "Von dem alten Anwesen der Dedijers habe ich einen schönen Fels mitgebracht, der im Hof unseres Hauses lag. Vor dem Denkmal finde ich immer Blumen und Kerzen, deren Licht in der Nacht bis zu meinem Haus durchdringt."
Die gemeinsame Sehnsucht zum Tod erschien zunächst als zufällige Gleichzeitigkeit individueller Entscheidungen. Doch dann fand sich im Schulbuch eines Gymnasiasten eine von "Tine" unterzeichnete Einladung zu der Sitzung eines "Clubs der Selbstmörder". Mitglieder sind viele junge Bürger von Ljubljana.
Journalisten, die nach Hintergründen der Todeslust forschen, werden durch Drohbriefe mit beigefügten Rasierklingen oder von anonymen Telephonanrufen verschreckt: "Hier ist der Selbstmörder-Club! Uns ist das Leben nichts wert. Aber wenn es Ihnen lieb ist, dann hören Sie auf, sich in die Angelegenheiten jener einzumischen, denen der Tod eine heilige Sache ist."
Eine siebenköpfige Untersuchungskommission unter Leitung des Kriminalbeamten Vlado Furlan konnte bisher lediglich eine jugendliche Bande aufspüren, die auf slowenischen Friedhöfen mit Totenschädeln spielte.
Slowenien -- das klimatisch zur Wetterzone häufig einsetzender Föhnwinde gehört -- steht schon seit Jahren an der Spitze der Weltrangliste für Selbstmord im Jugendalter. Jeder vierte Slowene, der in jungen Jahren stirbt, tötet sich selbst. 1968 nahmen sich 117 der 207 000 Einwohner von Ljubljana das Leben, 42 versuchten es erfolglos. Diese Selbstmordrate (56,5 je 100 000) übertrifft selbst die von West-Berlin (41,9). Im März wollen deswegen Sloweniens Ärzte in Maribor (Marburg an der Drau) zusammentreten. Einziges Thema: die Nationalpathologie der Slowenen.
Dieses 1,7-Millionen-Volk konnte nie in einem eigenen Staat leben und fühlt sich auch im jugoslawischen Staatsverband nicht zu Hause, in dem es eine bevormundete Minderheit blieb. Die intellektuelle Jugend Sloweniens leidet offenbar, weil sie keinen Weg sieht, sich über den eigenen, engen Sprachraum hinaus zu entfalten.
Die Verzweiflung dieser Jugendlichen brachte Alenka Smasek, 19, zum Ausdruck, bevor sie sich an einem Lüster neben den Gedichten Kermavners und einem Christusbild erhängte.
Sie hinterließ einen Brief, in dem es heißt: "Um mich wird alles kälter und nebliger, ich bin unglücklich, fühle mich schrecklich elend, und alles verwandelt sich in einen häßlichen Brei des Hasses."

DER SPIEGEL 10/1969
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