03.03.1969

BOBRENNEN / WELTMEISTERSCHAFTSieg im Schatten

Der Schweizer Bob-Steuermann Jean Wicki unkte: "Die Schattenkurve ist die größte Knacknuß." Dort stürzte er auch. Den italienischen Favoriten unterlief ein Fahrfehler. Nur die Deutschen knackten die tückische Kurve. Sie siegten.
Zum erstenmal seit sieben Jahren erkämpfte ein deutscher Viererbob (mit Steuermann Wolfgang Zimmerer, 28) am vorletzten Sonntag in Lake Placid (USA> eine Weltmeisterschaft. "Endlich mischen wir wieder in der Weltspitze mit", jubelte Bobsportwart Hohenester.
Bis 1952 hatten überschwere Sonntagssportler die Bobbahnen beherrscht. Deutschlands Schwerste rumpelten zu sieben Weltmeisterschafts-Siegen; Gastwirt Andreas Ostler -- seine Vierercrew wog insgesamt zehn Zentner -- steuerte außerdem zwei Olympiasiege bei.
Dann begrenzten die Funktionäre das Gesamtgewicht eines Viererbobs mit Besatzung auf 630 Kilo. Dabei wiegt der Bob allein etwa 230 Kilo. Das Bobfahren entwickelte sich zu einem Sport für austrainierte Athleten. In den zehn Jahren bis 1962 glückten den Deutschen nur noch zwei Weltmeisterschaften. Meistens schlitterten sie hinterher. Von früher 400 halbierte sich die Zahl der deutschen Bobfahrer bis 1964 auf weniger als 200.
Der italienische Dorfschmied Ewaldo d'Andrea aus Cortina hatte inzwischen einen schnelleren Bob (Typ "Podar") konstruiert, den die Motorradfabrik Moto-Guzzi weiterentwickelte.
So stiegen die Geschwindigkeiten auf den Bobbahnen -- von nur 30 Stundenkilometern um 1900 auf einen Schnitt von 80 km/h. 1953 gar raste der Schweizer Endrich mit Tempo 97 über die Piste -- in den Tod. Heute poltern die Bobs mit Spitzengeschwindigkeit 145 km/h durch die etwa 1600 Meter langen und in der Regel mit 16 Kurven gespickten Eiskanäle zu Tal.
In Deutschland gab es nur die veraltete Olympia-Bobbahn von 1936 am Rießersee, auf der schon vier Bobsportler zu Tode gestürzt waren. Erst 1965 eröffnete der frühere Weltmeister und neue Bundestrainer Franz Schelle in Ohlstadt eine Trainingsbahn (Baukosten: 100 000 Mark). Für die aussichtsreichsten Nachwuchs-Talente schaffte er die besten italienischen Bobs (Kosten: bis zu 7500 Mark) an. Sogar im Sommer übten die Schelle-Schüler auf Rollen-Schlitten.
Nun wuchs das deutsche Bob-Reservoir wieder auf nahezu 300 Fahrer an. Die erste Goldmedaille der Schelle-Ära erhielten die Deutschen aus Pietät: für den tödlich verunglückten Steuermann Anton Pensberger. Beim Olympia 1968 in Grenoble fuhr Steuermann Horst Floth auf hundertstel Sekunden die gleiche Zeit wie die Sieger aus Italien, erhielt aber trotzdem nur Silber.
Auf Lake Placid bereitete Schelle, der die Piste aus eigenen Rennen kannte, die Deutschen gründlich vor, Steuermann Zimmerer und seine Crew schlürften -- anders als die sektfreudige Konkurrenz -- ausschließlich Fruchtsäfte und hielten um 22 Uhr Zapfenstreich. Außerdem trugen die vier Handwerker statt Leder windschlüpfrige Nylon-Monturen. Im entscheidenden vierten Rennlauf starteten sie mit ihrem neuesten italienischen Siorpaes-Schlitten vor den schnellsten Rivalen. Danach weichte verstärkter Sonneneinfall den Eisbelag zunehmend auf.
Der Siegerpokal erschreckte Weltmeister Zimmerer allerdings. "Das wird zu Hause teuer", fürchtete er, "in den Mordskübel paßt zuviel Sekt."

DER SPIEGEL 10/1969
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BOBRENNEN / WELTMEISTERSCHAFT:
Sieg im Schatten

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