06.02.2006

AUTOMOBILEKapriolen aus Sunderland

Spektakulär wurde die japanische Automarke Nissan saniert. Auf dem deutschen Markt ist davon nichts zu spüren. Kunden wandern ab, die Qualität ist am Boden.
Der Mann ist ein Held, jedenfalls im industriellen Sinn. Doch einer klangvollen Huldigung verweigert sich schon sein Name: Ghosn.
Carlos Ghosn (sprich: "Gohn") hat Nissan gerettet; das ist nicht unbedingt ein Segen für die Menschheit, wohl aber für Renault. Denn Renault hat 1999 einen Großteil von Nissan geschluckt, als der Untergang der japanischen Marke kaum mehr abwendbar schien - ein Wagnis, denn Nissan ist mit einer Jahresproduktion von 3,6 Millionen Autos größer als der Eigner.
Die Sanierung des Kolosses zählt zu den spektakulärsten Kraftakten des Global Playing. Nach dem Kahlschlag von 21 000 Arbeitsplätzen und der Schließung von fünf Fabriken wurde Ghosn - Ehrentitel: "Kostenkiller" - nun Konzernchef in Paris. Dort genießt er laut Presseerklärung "uneingeschränkte Machtbefugnisse".
Aus Sicht europäischer Konsumenten erscheint diese Erfolgsgeschichte rätselhaft. Nissan ist in Asien und den USA genesen, in Westeuropa spiegelt nichts den Ruhm des Kostenkillers. Besonders dramatisch rutschen die Verkaufszahlen in Deutschland ab (siehe Grafik).
Die einst aus Datsun hervorgegangene Automarke steht hierzulande bestenfalls für gar nichts. In manchem Ohr hallt noch der Werbeslogan - "Er kann, sie kann, Nissan" - wie eine ewige Mahnung, die Finger von diesen Autos zu lassen. Was konnte dieses Unternehmen in anderen Kontinenten wieder zum Erfolg führen?
In den USA gesundete Nissan am blühenden Geländewagen- und Pick-up-Markt, in Asien an einem Kundengeschmack, der Europäern wohl auf alle Zeit unergründlich bleiben wird. Für Europa indes setzte Ghosn auf eine Designstrategie, die total fehlschlug.
Statt wie bisher mit gänzlich unauffälligen Fahrzeugen Kunden anzuvisieren, denen schon Opel und Ford zu extravagant sind, verstörte Nissan mit Kapriolen der Formgebung. So erschien die einstige Langweilerkarosse Primera plötzlich im Stromlinien-Gewand mit einem Armaturenbrett, das an wildeste Citroën-Zeiten gemahnt.
Der Kleinwagen Micra wiederum schockte in der jüngsten Neuauflage mit einem glupschäugigen Froschgesicht und der babylonischen Reklamebotschaft: "Do you speak Micra?" Der Stammklientel verschlug es Sprache und Kauflust. "Der Wandel kam doch etwas abrupt", gesteht Michael Bierdümpfl, Sprecher beim deutschen Nissan-Importeur.
Während Nissan sich kühn auf Abwegen verirrte, setzt Hauptrivale Toyota weiter auf das traditionelle Rezept: die Produktion ebenso seelen- wie tadelloser Autos. Erzkonservatives Design und ein kompromissloses Qualitätsmanagement machten Japans Nummer eins zum erfolgreichsten Autokonzern der Welt.
Auch Nissan war für durchaus solide Ware bekannt. Doch das ist Vergangenheit. In der Pannenstatistik des ADAC werden Nissan-Produkte inzwischen durchweg rot gekennzeichnet. 15 von 1000 Käufern eines Nissan Primera riefen im Jahr 2004 die Helfer des Autoclubs, weil der Wagen nicht lief. Das ist der Negativrekord der jüngsten Auswertung, selbst klassische Problemmarken wie Alfa Romeo oder Renault schneiden deutlich besser ab.
Was ist passiert? Hat der Kostenkiller die Qualitätssicherung gleich mit eingespart? Nissan baut die Produkte für die europäischen Märkte vorwiegend in England und Spanien. Im Werk Sunderland bei Newcastle zeichnet Produktionschef Colin Dodge ein ganz anderes Bild. Die Qualitätsstandards, beteuert er, seien seit Ghosns Amtsantritt sogar angehoben worden: "Ich kann mich an keine Sparmaßnahme erinnern, die zu Lasten der Qualität ging." Tatsächlich sei gut die Hälfte der Pannen nicht auf Mängel am Produkt, sondern auf Fehlbedienungen zurückzuführen gewesen. Meist hätten entleerte Batterien die Autos lahmgelegt.
Gleichwohl wurde Nissan seit Ghosns Amtsantritt vom Kraftfahrt-Bundesamt zu zehn Rückrufaktionen gezwungen, die triftigere Ursachen hatten. Derzeit müssen die Modelle Pathfinder und Navara wegen fehlerhaft befestigter Kardanwellen zurück in die Werkstätten. Hier sind keine Batterien leer, sondern Schrauben locker.
Der Konzernchef hat das deutsche Nissan-Debakel inzwischen unter strenge Beobachtung genommen. Erklärtes Ziel ist es, schon im kommenden Jahr in der ADAC-Wertung mit sämtlichen Modellen wieder grün eingestuft zu werden. Am Rand des Fließbands in Sunderland steht der rotgerahmte Appell, die Qualität nach deutschen Maßstäben ins Lot zu bringen ("Shift quality - Germany").
Dass die Ehrerbietung für Nissan ebenso wie für den Firmenretter hierzulande Grenzen hat, musste die Renault Nissan Deutschland AG in Brühl bei Köln jedoch gerade erst einsehen. Der Konzernchef war zu einem Empfang geladen. Und da Herr Ghosn es schätzt, zu solchen Anlässen von der Polizei eskortiert zu werden, suchte der Importeur bei der Kölner Behörde um diese Dienstleistung nach. Die Beamten lehnten ab. CHRISTIAN WÜST
Von Christian Wüst

DER SPIEGEL 6/2006
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