06.02.2006

DENKEREntzauberte Welt

Der kolumbianische Aphoristiker Nicolás Gómez Dávila wird in Europa als neuer Nietzsche entdeckt. Die einen halten den reaktionären Denker für genial, die anderen für unerträglich elitär.
Kürzer geht es kaum: "Die Parteigänger einer Sache sind in der Regel die besten Argumente gegen sie." Oder: "Die Idee der freien Entfaltung der Persönlichkeit scheint ausgezeichnet, solange man nicht auf Individuen stößt, deren Persönlichkeit sich frei entfaltet hat."
Die Sätze stammen von einem Mann, der sich zeitlebens um ihre Verbreitung nicht besonders bemüht hat. Es reichte ihm, die Dinge für sich selbst geklärt zu haben.
Als der Wiener Verleger Peter Weiß 1992 nach Bogotá reiste, um den kolumbianischen Autor Nicolás Gómez Dávila kennenzulernen und mit ihm über Rechte an seinem Werk zu verhandeln, gab der sich dann auch bei aller Höflichkeit eher skeptisch.
In der Bibliothek, in der Dávila fast sein ganzes Leben verbracht hatte, konnte Weiß ihn überzeugen. Er erhielt die Rechte unter der Bedingung der Vollständigkeit. Ein Versprechen, dessen Einlösung Dávila nicht mehr erlebte. Er starb 1994 im Alter von 80 Jahren.
In den Neunzigern kursierten Dávilas Aphorismen bei einigen wenigen konservativen Denkern; jetzt finden seine gesammelten Angriffe auf die entzauberte Welt immer mehr Leser. Ende 2003 erschien eine erste Einführung in sein Werk, die ihn in die Nähe Nietzsches und Schopenhauers rückt*. Der Berliner Matthes- &-Seitz-Verlag brachte vor kurzem erstmalig die 1954 im Privatdruck publizierten "Notas" heraus. Und der bisher nur in einer Auswahl erschienene spätere Band "Einsamkeiten" soll in diesem Herbst zum ersten Mal ungekürzt erscheinen.
Offenbar findet jeder bei diesem Autor, was er bei ihm sucht. Die kleine Schar derer, die sich schon länger für Dávila interessieren, ist, jedenfalls auf den ersten
Blick, nicht gerade homogen: Es sind die Dramatiker aus Ost und West, Heiner Müller und Botho Strauß, der Berliner Schriftsteller Wolfgang Hilbig und der in Frankfurt am Main lebende bekennende Katholik Martin Mosebach. Beifall erhält Dávila aber auch von ganz anderer Seite: Die als "Monarchieliga" organisierten deutschen Monarchisten veredeln ihren Internet-Auftritt mit Dávila-Zitaten.
Das Werk lässt sich gut zitieren, denn es besteht fast ausschließlich aus Zwei- bis Vierzeilern, vom Autor selbst "Randnotizen zu einem inbegriffenen Text" genannt - zu einem Hauptwerk, das sich in die Randbemerkungen aufgelöst hat. Er habe sein halbes Leben lang an seinen Notizen gefeilt, erzählte Dávila, bis nur die Essenz übriggeblieben sei: "Ein Schriftsteller, der seine Sätze nicht quält, quält den Leser."
Dávilas apodiktischer Stil unterwirft die Gegenwart nicht konstruktiver Kritik, er lehnt sie schlicht ab. Seine Aphorismen sind geprägt vom ästhetischen und religiösen Ekel vor der Verwandlung des Menschen in einen Verbraucher. Eine Metamorphose, die Dávila sowohl von den westlichen Demokratien betrieben sah wie vom Kommunismus, der ja auch nur "die Ermöglichung eines grenzenlosen Konsums" anstrebe. Der Kommunismus sei im Zweifel aber noch schlimmer als die Demokratie, denn er lasse keine oberen Gesellschaftsschichten zur Orientierung mehr zu: "Die Polizei ist in der klassenlosen Gesellschaft die einzige soziale Struktur."
So geht es voran in wütenden Sprüngen und mit der Überzeugung, dass in demokratischen Zeiten für die Elite "der Amtsmissbrauch und die Bestechung die letzten Schutzräume der Freiheit" seien.
Diese Formeln dürften Heiner Müller gefallen haben. "Der Klassenfeind greift zu den teuflischsten Mitteln", kommentierte er in einer Widmung Dávila, und schloss "Doch: Gruß über den Graben!"
Den Ästheten Dávila gruselt es, wohin er blickt. Die modernen Metropolen bezeichnet er als "Krankheit" und "Müll". Und die Kultur bietet für ihn keinen Ausweg, denn "Kultur wird niemals die Muße des Arbeitenden ausfüllen, da sie nur die Arbeit des Müßiggängers ist". Sofern Kultur denn überhaupt noch existiere. Das, was Dávila unter Kultur versteht, Bildung, Kenntnis der Antike, hält er für längst gesellschaftlich verpönt. "Vulgäre
Zerstreuungen", schimpft er, "sind heute die einzigen, für die man sich nicht zu entschuldigen braucht." Die Moderne habe dem Menschen vor allem "das Recht erkämpft, sich in der Öffentlichkeit auszukotzen".
Er selbst hielt sich von solcher Zerstreuung fern. Tageszeitungen kamen ihm nicht ins Haus, und erst recht gab es keinen Fernseher, dafür lud Don Colacho, wie seine Freunde ihn nannten, nach großbürgerlicher Sitte sonntags zum Essen ein. Die anderen Wochentage verbrachte er in seiner Bibliothek, mit über 30 000 Büchern. Manchmal auch im Jockey-Club von Bogotá, an dessen galanter Lässigkeit er gern teilnahm. Bis sie ihm fast zum Verhängnis wurde: Bei dem Versuch, sich im Sattel eine Zigarre anzuzünden, scheute sein Pferd und ging durch. Er wurde abgeworfen und erlitt komplizierte Knochenbrüche, die ihm später das Gehen schwermachten.
Ohnehin akzeptierte er allein seine Bibliothek als Heimat: "Es ist mir niemals wieder wichtig geworden, wo ich lebe, seit ich gesehen habe, wie die weiten, einsamen Felder meiner Kindheit sich mit industriellem und menschlichem Unrat bedeckten." Das ländliche Leben war für ihn ein Wert an sich; und dessen Verschwinden betrauerte er ohne Ansehen der sozialen Situation.
Von Europa glaubte er nach einer mehrmonatigen Reise mit seiner Frau im Jahr 1949 genug gesehen zu haben: offen für eine Zukunft als "Mischung aus Bordell, Verlies und Zirkus".
Die Unlust zu reisen hatte ihren Grund auch in der Kindheit. Die Eltern hatten ihn früh entwurzelt. Als er ins schulpflichtige Alter kam, verlegten sie für eine bessere Ausbildung ihren Wohnsitz nach Paris. Dort besuchte er eine Schule des Benediktinerordens, bis bei ihm eine Lungenkrankheit diagnostiziert wurde. Zwei Jahre konnte er das Bett nicht verlassen.
Als 23-Jähriger kehrte er ins Elternhaus am Rand von Bogotá zurück, für ein Leben als Privatgelehrter. Einmischen wollte er sich in nichts mehr, schon gar nicht in die Politik: Den Posten eines Präsidentenberaters, 1958 nach dem Ende der Militärdiktatur, lehnte er ab, ebenso das Angebot, 1974 kolumbianischer Botschafter in London zu werden.
Weil Dávila als Zeitdiagnostiker gelesen werden wollte, nicht als schreibender Fabrikantensohn ohne Geldsorgen, erfand er sich seine mythische Maske, den "Reaktionär" - wie Ernst Jüngers "Anarch" weniger politische Bestimmung als Synonym für einen, der sich die Sache von außen ansieht - mit dem Hang, sich von schwelenden Nebenkriegsschauplätzen der Moderne kurz und schmerzlos abzuwenden: "Die Feministen sind lächerlich; die Anti-Feministen sind vulgär."
Sein Stil der Schärfe und Kompromisslosigkeit hat oft Witz: "Was den Vermerk ,nur für Erwachsene' trägt, ist nicht für Erwachsene bestimmt." So elegant kann man der Pornografie den Garaus machen. Und selbstironisch bekennt er: "Meine Überzeugungen sind die eines alten Weibes, das im Winkel der Kirche seine Gebete murmelt."
Die deutschen Titel seiner Werke sollen ihm gefallen haben: "Auf verlorenem Posten", "Einsamkeiten", "Aufzeichnungen eines Besiegten"**. Dazu passt, dass er seinem Reaktionär rät, als "Passagier mit Würde Schiffbruch zu erleiden".
Es gibt auch Vorschläge, die man lieber nicht verwirklicht sehen möchte: "In einer ehrwürdigen Universität müsste die bloße Erwähnung eines zeitgenössischen Problems verboten sein."
Die Veröffentlichung solcher Sätze fürchtete wohl besonders Botho Strauß. Jedenfalls sprach er in einem Brief an den Schriftsteller Martin Mosebach von seinem fehlenden Bedürfnis nach einer Verbreitung des Werks. Eine Einschätzung, die er dann revidierte: "Ich möchte doch, dass diese eine und einzige Stimme, einzige überzeugende der scharfsinnigen Gläubigkeit und Gegenmoderne, in unseren Tagen gehört wird." Die Chance besteht. DOJA HACKER
* Till Kinzel: "Nicolás Gómez Dávila. Parteigänger verlorener Sachen". Edition Antaios, Schnellroda; 156 Seiten; 12 Euro.
** Alle erschienen im Karolinger Verlag, Wien.
Von Doja Hacker

DER SPIEGEL 6/2006
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