28.07.1969

UNTERNEHMEN / BEATLES Allen für Apple

Wir waren füreinander bestimmt. schwärmt Beatle John Lennon, "denn Allen trägt die saubersten Rollkragen-Pullover. die ich je sah."
Und so machten denn Lennon und seine drei Kompagnons den sauberen Sweater-Mann Anfang dieses Jahres zu ihrem Manager und zum Chef des Beatle-Unternehmens Apple": Der Amerikaner Allen Klein, 37, sollte die Firma endlich aus den roten Zahlen bringen und die verworrenen Verflechtungen der anderen Beatle-Gesellschaften in den Griff bekommen.
Denn was ihnen seit dem Pillen-Tod ihres Entdeckers und ersten Impresarios Brian Epstein vor zwei Jahren fehlte, war ein tüchtiger Kaufmann. Ihre Geschäfte, die sie seither selber leiteten, gingen jedenfalls herzlich schlecht: Aus ihrer straff geführten "Beatles Ltd. machten sie den Firmen-Basar "Apple Corporation" und duellierten als Boutiquiers, Talentsucher, Filmproduzenten und Elektronik-Fabrikanten. Der Erfolg: "Jede Woche mußten sie fast 200 000 Mark in "Apple" einschießen.
"Die Geschäftswelt". klagte George Harrison, "ist für uns einfach zu bösartig." Also wollen die Beatles künftig nur noch singen. komponieren und filmen und alles andere ihrem Allen Klein überlassen. "Wir brauchen einen Spitzenmann", sagt Paul McCartney. "und Klein ist ein sehr guter Verhandlungs-Taktiker."
Das mag er sein. Der Metzger-Sohn aus Newark, den die amerikanischen Finanzbehörden der Steuerhinterziehung beschuldigen, ist schon seit Jahren im Showgeschäft. Bereits 1957 gründete er in New York die Agentur Allen Klein & Company. Allein, die Firma managte jahrelang kaum einen bedeutenden Star und verdiente statt dessen ihr Geld mit windigen Börsen-Manövern. Ihr erster erfolgversprechender Klient, der Rock 'n' Roll-Sänger Sam Cooke, wurde weit vor dem Höhepunkt seiner Karriere bei einem Têteà-tête mit einer Dame. die nicht seine Frau war, in einem Motel-Bett erschossen.
Erst Mitte der sechziger Jahre gelang es Klein, zwei Kassen-Stars des Show-Business unter Vertrag zu bekommen: Donovan und die Rolling Stones. Donovan verleitete er 1964 zum Kontraktbruch mit seinen Entdeckern Geoff Stephens und Peter Eden. Den früheren Stones-Impresario Andrew Loog Oldham trickste er ein Jahr später aus dem Geschäft.
Klein, der dem Sinnes-Manager bei einer Verhandlung mit der Plattenfirma Decca über eine Million Dollar Vorkasse zur Seite gestanden hatte. ließ das Geld statt an die "Nanker Phelge Music Ltd." in London, die Oldham und den Rolling Stones gehört, an seine eigene gleichnamige New Yorker Firma überweisen. Bis Oldham seinem Helfer auf die Schliche kam, waren die Dollars bereits fest angelegt in General-Motors-Anteilen.
Der Prozeß, den er gegen Klein anstrengte, endete mit einem Vergleich zugunsten seines Kontrahenten: Klein durfte die Aktien und die Stones behalten. Oldham bekommt sein Geld zwar wieder, aber nur in kleinen, auf die nächsten Jahre verteilten Raten. "Klein", so kommentiert die Londoner "Sunday Times", "hat ein erschreckendes Talent zum Bluffen, und er kann lügen wie ein Kavallerist."
Die Beatles zahlen dem Bluff-Talent 20 Prozent aller "Apple-Erträge vor Abzug der Kosten und ihrer eigenen Entnahmen. Dafür, so hofften sie und hoffen noch immer, werde der Manager die Gesellschaft mit der "Geschwindigkeit eines Ferrari" in die Gewinnzone bringen. Bisher jedoch brachte das amerikanische Trick-Genie seinen Klienten nichts als Ärger ein.
Klein konnte nicht verhindern, daß die Beatles auch künftig vor allem für fremde Kassen singen und komponieren müssen. So verkauften Brian Epsteins Erben jüngst die "Nems Enterprises", die als Agentur für Beatles-Platten fungiert, an eine Londoner Finanzgruppe statt an die "Apple Corporation. Laut Vertrag hat "Nems" noch sieben Jahre lang das Recht, von allen Platten-Einkünften des Quartetts 25 Prozent als Provision einzubehalten.
Zwar versuchte Klein, die neuen "Nems"-Besitzer auszubooten und die Honorare, die das Agentur-Unternehmen bisher von der Platten-Presserei "Electric & Musical Industries" (Emil eintrieb, direkt auf die "Apple"-Konten zu leiten. Doch die Emi, die den Beatles verpflichtet ist, weigert sich nun, die fälligen Gelder -- fast 15 Millionen Mark -- überhaupt auszuzahlen. Denn Emi-Chef Sir Joseph Lockwood fürchtet, daß Klein ihn am Ende für jeden Kontraktbruch zahlen lassen will. "Die Beatles", klagen die Vertragspartner der Pop-Gruppe, "scheinen unter den Einfluß eines Mannes mit recht zweifelhaftem Ruf geraten zu sein."
Das fürchten auch Dick James und E. C. Silver, die Direktoren der "Northern Songs Ltd.", einer Verwaltungsgesellschaft für die Urheberrechte der Beatles-Kompositionen. Kurz nachdem Klein in der "Apple"-Hauptverwaltung an der Londoner Savile Row Quartier bezogen halte, verkauften James und Silver ihre "Northern Songs'-Anteile, insgesamt 32 Prozent des Kapitals, an die englische Fernsehgesellschaft "Associated Television Corporation" (ATV). Die Beatles, die zuvor mit 30 Prozent der Aktien die Geschäftspolitik der Gesellschaft bestimmen konnten, verloren damit die Kontrolle über ihre Firma; und ATV-Boss Sir Lew Grade versuchte überdies, das Unternehmen ganz unter seine Herrschaft zu bringen. Er machte den Kleinaktionären -- fast 28 Prozent der "Northern Songs"-Anteile sind breit gestreut -- ein Übernahmeangebot.
Die Beatles konterten mit einer Gegenofferte: Sie boten den "Northern Songs"-Teilhabern für jede Aktie 42 Shilling 6 Pence, fast 3 Shilling mehr als Sir Lew, und versprachen in großformatigen Zeitungsannoncen, daß Mr. Allen Klein niemals Direktor der "Northern Songs" werde, wenn sie die Kontrolle der Firma bekämen. Doch statt ihre Anteile zu verkaufen, formierten sich die Kleinaktionäre zu einem Konsortium, das künftig den beiden Großen, Sir Lews ATV und den Beatles, im Verwaltungsrat auf die Finger sehen will.
Allen Klein, der insgeheim gehofft hatte, die "Northern Songs" mit einer eigenen Beteiligung unterwandern zu können, muß sich nun mit dem Kommando über die fast bankrotte "Apple Corporation" begnügen. Die erste Amtshandlung des neuen "Apple"-Chefs: Er entließ 14 "überflüssige" Angestellte. Damit waren auch die vier Beatles einverstanden. "Die Tage des Irrsinns", sagt Klein-Arbeitgeber Lennon, "sind vorüber."

DER SPIEGEL 31/1969
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