10.02.1969

„DIE JUDEN HABEN DIE BIBEL VERDREHT“

Ist Palästina das Gelobte Land der Juden? Die Zionisten haben von jeher betont, sie besäßen an diesem Teil der Welt "historische Rechte". Was das feierliche Gelöbnis Gottes betrifft, so finden wir es zum erstenmal im 12. Kapitel des 1. Buches Mose: "Da erschien der Herr dem Abram und sprach: Deinem Samen will ich dies Land geben. Und er baute daselbst einen Altar dem Herrn, der ihm erschienen war."
Im 15. Kapitel heißt es: "An dem Tage machte der Herr einen Bund mit Abram und sprach: Deinem Samen will ich dies Land geben, von dem Wasser Ägyptens bis an das große Wasser Euphrat." Dieses Versprechen wurde am Fest der Beschneidung Ismaels gegeben, des Stammvaters zahlreicher arabischer Stämme.
Zu dieser Zeit war Isaak, auf den die Israelis ihre Abstammung zurückführen, noch nicht einmal geboren. Im 3. Kapitel des 2. Buches Muse heißt es: "Und der Herr sprach: Ich habe gesehen das Elend meines Volks in Ägypten und habe ihr Geschrei gehört über die, so sie drängen; ich habe ihr Leid erkannt und bin herniedergefahren, daß ich sie errette von der Ägypter Hand und sie ausführe aus diesem Lande in ein gutes und weites Land, in ein Land, darin Milch und Honig flieht, an den Ort der Kanaaniter, Hethiter, Amoriter, Pheresiter, Heviter und Jebusiter."
Eines geht aus dieser Bibelstelle ganz klar hervor: Die Juden sind nicht die ursprünglichen Einwohner Palästinas. Sie mußten es erst erobern, und das haben sie, wie ebenfalls in der Bibel nachzulesen ist, mit unerbittlicher Grausamkeit getan.
Es gibt ernst zu nehmende Kenner der kanonischen Schriften des Alten Testaments, die der Ansicht sind, Gott habe seine Verheißungen bereits erfüllt: Er führte das jüdische Volk aus dem Exil zurück nach Judäa, wo es die Mauern Jerusalems und den Tempel wiederaufbaute.
Doch nach einer kurzen Periode politischer Unabhängigkeit und der Expansion unter den Makkabäern wurde der Fluch Gottes wahr, der den Juden drohte, falls sie der Stimme des Herrn nicht gehorchten und seine Gebote und Gesetze nicht hielten. In diesem Fluch heißt es, wie im 28. Kapitel des 5. Buches Mose nachzulesen ist: "Denn der Herr wird dich zerstreuen unter alle Völker von einem Ende der Welt bis ans andere."
Nach Ansicht einiger namhafter Theologen können die Verheißungen Gottes nicht ein zweites Mal erfüllt werden, wenn man überhaupt voraussetzt, daß sie ausschließlich an die Juden gerichtet waren und nicht als symbolische Formeln zu verstehen
(c) 1969 Ferenezy Verlag A. G., Zürich.
sind, die für die ganze Menschheit gelten.
Klar ist auf jeden Fall, daß die Bibel verdreht und falsch ausgelegt werden muß, wenn sie als historisches Dokument zur Rechtfertigung der Existenz des Staates Israel zitiert werden soll, wie es immer wieder geschehen ist, seit dieser Staat durch brutale Gewalt gegründet wurde mit all den menschlichen Leiden und Tragödien und der Bedrohung des Friedens im Nahen Osten und des Weltfriedens überhaupt.
Akzeptierte man die "ererbten Rechte" der Juden auf Palästina, so würde damit ein höchst phantastisches und unhaltbares Prinzip in die internationale Politik eingeführt.
Dann könnten zum Beispiel die amerikanischen Indianer ganz Nord- und Südamerika zurückfordern, die australischen Ureinwohner könnten Australien verlangen, und die Eskimos Anspruch auf Alaska erheben. Auf dieser Grundlage überhaupt zu argumentieren, ist barer Unsinn. Wir Araber sind immer wieder erstaunt und erschrocken über den Erfolg, den die israelische Propaganda mit diesem Unsinn im aufgeklärten Westen hat.
Und offen bleibt die Frage nach jenen leidgeprüften arabischen Flüchtlingen: Sind sie, die jetzt in so menschenunwürdigen Umständen leben, nicht zum Teil die Nachfahren jener Juden aus alten Zeiten, die in Palästina blieben und dort Christen und Moslems wurden? Haben sie nicht mindestens die gleichen Rechte auf ihr Land wie jene, die den jüdischen Glauben dort angenommen hatten, wo sie zufällig geboren wurden -- nämlich in irgendeinem entfernten Teil der Welt?
Am Ende des Ersten Weltkrieges lebten in Palästina rund 700 000 Menschen; von ihnen waren 574 000 Moslems, 70 000 Christen und 56 000 Juden. 1919 befanden sich rund zwei Prozent des palästinensischen Bodens in jüdischem Besitz. Als die Briten 1948 ihr Mandat zurückgaben, waren es 5,67 Prozent.
Trotzdem wies der Teilungsplan der Vereinten Nationen den Juden etwa zehnmal soviel Land zu, als sie bis dahin besaßen. Aber weder die Briten noch die Vereinten Nationen waren zu irgendeinem Zeitpunkt berechtigt, Land zu verteilen, das ihnen nicht gehörte.
Nach dem islamischen Glauben sind Christen und Juden "Völker des Buchs", die an Gott, die Offenbarungen und das Jüngste Gericht glauben. Aus diesem Grunde dürfen sie nicht verfolgt und nicht gezwungen werden, den islamischen Glauben anzunehmen. Viele Christen und Juden haben überall in der arabischen Welt seit undenkbaren Zeiten mit uns Arabern zusammengelebt, und wenn wir von Arabern sprechen, dann meinen wir arabische Moslems, arabische Christen und arabische Juden.
Im Mittelalter wurde der arabische Osten zu einer Zuflucht für jene Juden, die in Europa und Nordafrika verfolgt wurden. Bis zur Gegenwart fanden in den verschiedenen arabischen Staaten Hunderttausende Frieden, Sicherheit und Respekt, und bei uns ging es ihnen besser als irgendwo sonst in der Welt. Das änderte sich erst mit der Gründung der zionistischen Bewegung.
Dann kam der Erste Weltkrieg. Mein Urgroßvater, Scherif Hussein von Mekka, bot am 14. Juli 1915 dem Britischen Hochkommissar in Kairo, Sir Henry MacMahon, die Waffenhilfe der Araber im Krieg gegen die Türken an -- unter der einzigen Bedingung, den Arabern müsse nach dem Krieg die Unabhängigkeit gegeben werden. Dieses Angebot war eine Reaktion auf die fanatische Politik des türkischen Sultans, die sich derart bedrohlich entwickelt hatte, daß die arabischen Völker in Gefahr gerieten, unter der osmanischen Herrschaft ausgelöscht zu werden.
Die Abmachungen wurden von Hussein und MacMahon schriftlich niedergelegt. Doch ehe die Tinte getrocknet war und arabische Freiheitskämpfer türkische Maschinengewehrnester erstürmten, schlossen die Engländer und die Franzosen hinter unserem Rücken einen anderen Vertrag, durch den wir um die Früchte unseres Kampfes gebracht wurden. Das sogenannte Sykes-Picot-Abkommen* sah nur im Bereich des heutigen Saudi-Arabien und des heutigen Jemen unabhängige arabische Staaten vor. Der Libanon und Syrien wurden Frankreich, der Irak und Transjordanien Großbritannien zugesprochen. Palästina sollte Mandatsgebiet werden.
Ein in Oxford erzogener Armenier namens James Malcolm gab den Briten den Rat, die Ziele der Zionisten zu unterstützen, um hierdurch den jüdischen Einfluß zugunsten eines Kriegseintritts der Vereinigten Staaten zu mobilisieren. Am 2. November 1917 gab der britische Außenminister Arthur Balfour seine berüchtigte Erklärung ab, in der er den Juden in Aussicht stellte, Palästina in einen jüdischen Nationalstaat zu verwandeln.
Am Ende des Krieges versuchte man, durch ein paar diplomatische Gesten sowohl die Araber als auch die Juden zu beschwichtigen. In der Zeit des britischen Mandats strömten die ersten jüdischen Einwanderer nach Palästina, und damit begann die Unruhe. Doch ohne Hitler und dessen Rassenpolitik hätten die Juden niemals so viele Menschen in Israel ansiedeln können, um eines Tages einen Staat zu gründen; denn die Juden hatten sich, vor allem in Deutschland, schon in ihren Gastländern assimiliert.
In den ersten Jahren des Dritten Reiches arbeiteten SS und Zionisten Hand in Hand, um eine Auswanderung deutscher Juden nach Palästina zu ermöglichen. Der Zweite Weltkrieg und die von der ganzen Welt mit Entsetzen beobachtete Massenliquidierung der Juden brachten den Wendepunkt. Von da an war Palästina für viele Juden die letzte Hoffnung.
Die Weltöffentlichkeit, von Mitleid überwältigt, hatte ein derart schlechtes Gewissen, daß sie die Gründung des Staats Israel ohne Zögern billigte. Jeder ehrenhafte Araber teilte das Mitgefühl, das man dem jüdischen Volk in dessen grauenhaftem Schicksal entgegenbrachte.
Warum aber müssen die Araber es büßen, daß die ganze Welt seit Jahrhunderten gegen die Juden gesündigt hat? Auf diese Frage gibt es keine überzeugende Antwort.
* Der Beauftragte der englischen Regierung für Nahostfragen, Mark Sykes, und sein französischer Partner Georges Picot schlossen 1916 ein Abkommen, in dem der größte Teil des Osmanischen Reiches in britische und französische Einflußzonen aufgeteilt wurde.

DER SPIEGEL 7/1969
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 7/1969
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

„DIE JUDEN HABEN DIE BIBEL VERDREHT“

Video 01:07

Schadenfreude bei Sprengung 3,2,1 und - plötzlich kommt ein Bus ins Bild

  • Video "Dashcam-Video: Bruchlandung auf US-Highway" Video 00:57
    Dashcam-Video: Bruchlandung auf US-Highway
  • Video "Überfall: Vier Frauen verjagen muskelbepackten Räuber" Video 00:58
    Überfall: Vier Frauen verjagen muskelbepackten Räuber
  • Video "Die Akteure im Jamaika-Drama: Spalter, Verweigerer, Gescheiterte" Video 02:25
    Die Akteure im Jamaika-Drama: Spalter, Verweigerer, Gescheiterte
  • Video "Die Nacht der Entscheidung: Das war eine absurde Situation" Video 03:32
    Die Nacht der Entscheidung: "Das war eine absurde Situation"
  • Video "Zerstörung in 15 Sekunden: Legendäres US-Sportstation gesprengt" Video 00:47
    Zerstörung in 15 Sekunden: Legendäres US-Sportstation gesprengt
  • Video "Größtes Luftschiff der Welt: Airlander 10 in England abgestürzt" Video 00:59
    Größtes Luftschiff der Welt: "Airlander 10" in England abgestürzt
  • Video "Geplatzte Jamaika-Sondierungen: Ich bin ziemlich schockiert" Video 01:58
    Geplatzte Jamaika-Sondierungen: "Ich bin ziemlich schockiert"
  • Video "Keine Road to Jamaika: Lindner wollte offensichtlich nicht regieren" Video 02:53
    Keine Road to "Jamaika": "Lindner wollte offensichtlich nicht regieren"
  • Video "Gescheiterte Jamaika-Verhandlungen: Christian Lindner nennt Grund" Video 00:47
    Gescheiterte Jamaika-Verhandlungen: Christian Lindner nennt Grund
  • Video "Argentinien: Suche nach verschollenem U-Boot ausgeweitet" Video 01:15
    Argentinien: Suche nach verschollenem U-Boot ausgeweitet
  • Video "Merkel zu Jamaika: Tag mindestens des tiefen Nachdenkens" Video 01:28
    Merkel zu Jamaika: "Tag mindestens des tiefen Nachdenkens"
  • Video "Sondierung gescheitert: Liberale brechen Jamaika-Verhandlungen ab" Video 01:36
    Sondierung gescheitert: Liberale brechen Jamaika-Verhandlungen ab
  • Video "Aus für Jamaika: Parteichefs geben sich gegenseitig die Schuld" Video 03:58
    Aus für Jamaika: Parteichefs geben sich gegenseitig die Schuld
  • Video "Virales Musikvideo: Coole Riffs auf der Dreihals-Gitarre" Video 02:35
    Virales Musikvideo: Coole Riffs auf der Dreihals-Gitarre
  • Video "Schadenfreude bei Sprengung: 3,2,1 und - plötzlich kommt ein Bus ins Bild" Video 01:07
    Schadenfreude bei Sprengung: 3,2,1 und - plötzlich kommt ein Bus ins Bild