10.02.1969

NIEDERLANDE / KRIEGSVERBRECHENGehen Sie beten

Der gefangene Offizier wurde an einem Seil hochgezogen, der Kopf hing nach unten. Die verhörenden Soldaten ließen das Seil los, der Kopf schlug auf den Betonboden. Der Gefangene wurde wieder hochgezogen -- noch höher. Der Kopf stieß noch härter auf. Ein beobachtender Soldat: "Blut strömte aus Ohren und Nase. Der Schädel machte ein verrücktes Geräusch, das man sein Leben lang nicht mehr vergißt."
Der Soldat -- Joop Hueting, heute 41, Psychologe an der Universität Amsterdam, vergaß nicht. Er brachte diese und andere Greueltaten niederländischer Militärs in der ehemaligen Kolonie Niederländisch-Indien nach 20 Jahren an die Öffentlichkeit.
Hueting promovierte unlängst in Amsterdam. In seiner Doktorarbeit über ein psycho-physiologisches Thema schreibt er: "Man fragt sich, warum in Holland immer noch nicht mit einer Untersuchung der juristischen, historischen, soziologischen und psychologischen Aspekte der Kriegsverbrechen begonnen wurde, die Soldaten im Dienste dieses Landes von 1945 bis 1950 begangen haben."
Hueting war einer der 115 000 holländischen Soldaten, die nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges die Kolonie Niederländisch-Indien gegen indonesische Guerillas verteidigen sollten. 1656 niederländische Soldaten und eine nie festgestellte Anzahl Indonesier kamen dabei ums Leben -- wahrscheinlich waren es über 20 000, und schätzungsweise 80 Prozent der Opfer waren nicht aktiv am Krieg beteiligt.
Sie starben durch das, was Hueting "Kriegsverbrechen der Holländer" nennt. Huetings Oberst van den Berge hatte den ständigen Befehl gegeben: "Alles, was sich bewegt, erschießen."
"Aus technischen Gründen" wurden Gefangene nach Eroberung eines Kampong (Dorf) exekutiert. Hueting: "Es war zu lästig, sie alle mitzunehmen. Unterwegs riefen wir deshalb: 'Alle austreten gehen.' Als sie sich dann dazu umgedreht hatten, wurden sie von hinten erschossen."
Nach einem anderen Hueting-Beispiel sagte ein Lkw-Fahrer beim Anblick eines verletzten Gefangenen: "Ich habe ein neues Owen-Gewehr, aber das Ding noch nie ausprobiert." Zur Einweihung erschoß er den Verletzten.
Laut Hueting war eine beliebte Verhörmethode der Holländer: "Nach Hauen und Treten wurde das Feldtelephon benutzt. Die Drähte wurden mit den Geschlechtsteilen verbunden, durch Drehen der Telephonkurbel entstand Strom. Die Opfer krümmten sich vor Schmerzen und ließen Urin."
Das alles, so behauptet Hueting, seien seine eigenen Erfahrungen. Von einem Kollegen hörte er folgende Geschichte: Ein Armeeführer der Nationalisten war aus der Gefangenschaft entwichen, wurde aber am nächsten Tag wieder gefaßt. Die Beamten wollten ihrem Chef, der an diesem Tag Geburtstag hatte, etwas Originelles schenken. Neben den Frühstücksteller legten sie ein Paket. Es enthielt den Kopf des geflüchteten Indonesiers -- in Bananenblätter verpackt.
Daß Holländer auch an Deutschen Kriegsverbrechen verübten, hatte der SPIEGEL bereits in seinen Nummern 52/1965 und 7/1966 enthüllt: Holländer hatten 412 internierte Deutsche im Indischen Ozean mit dem Schiff "Van Imhoff" absichtlich ertrinken lassen.
Das Magazin "Achter het nieuws" des sozialistischen Fernsehens Vara hatte damals eine Sendung über die Tat vorbereitet, sie aber auf Einspruch staatlicher Stellen hin abgesetzt. Einer der angegebenen Gründe: "Es ist so schwierig, nach 20 Jahren diese Dinge noch richtig zu sehen."
Jetzt aber zeigte sich, daß Holländer auch holländische Untertanen grausam umgebracht hatten. Nach Huetings Enthüllungen (in der Zeitung "De Volkskrant"), ließen sich die Fernsehleute nicht mehr stoppen. Fernseh-Magazinchef Wigbold: "Die Sadisten unter uns, der Sadist in uns selbst, sollen wissen, daß Kriegsverbrechen nicht unbekannt zu bleiben brauchen. Die Abrechnung mit der Vergangenheit soll beginnen."
Wigbold löste eine Lawine aus. Er und Hueting erhielten über 800 Briefe und Anrufe. Viele Holländer, die lieber ausländische als einheimische Kriegsverbrecher verfolgen, rechtfertigten sich nach deutschem Vorbild mit Klauseln wie: "Wir haben es nicht gewußt" oder: "Befehl ist Befehl".
Die Hälfte aller Briefschreiber beschuldigte Hueting des Verrats. Der Veteranenbund sah "die Ehre Zehntausender ehemaliger Soldaten in Ostindien und das Andenken der Gefallenen in den Dreck gezogen". Und Willem Drees, in jener Zeit Ministerpräsident, staunte in Interviews: "Von Kriegsverbrechen habe ich außer in zwei Fällen nie etwas gehört."
Der Rundfunk witzelte über eine -- vielen Holländern -- qualvolle Konsequenz: "Der Bonner Bundestag wird demnächst beim niederländischen Parlament auf Verlängerung der Verjährungsfrist dringen."
Fernseh-Zuschauer und Zeitungsleser steuerten 20 weitere Greueltaten zur Bewältigung der Vergangenheit bei -- etwa:
* Einem Indonesier wurden mit einem scharfen Messer Streifen aus der Haut geschnitten. Holländer träufelten Salzwasser auf das Fleisch. Die Wunde mußte in der brennenden Tropensonne trocknen.
* Gefangene mußten ihre Hosen ausziehen und wurden dann mit nacktem Gesäß auf Autos gesetzt, die von der Sonne so heiß geworden waren, daß man Eier auf ihnen braten konnte.
* Aus Rache für die Sprengung eines Militärautos wurde ein Gebiet von zehn Quadratkilometern mit allen lebenden Wesen völlig abgebrannt.
* Kinder von 11 bis 13 Jahren, die Reis gestohlen hatten, wurden an Ort und Stelle füsiliert. Die Münder der Toten waren noch voll Reis.
* Wenn eine Patrouille einen ganzen Tag nicht hatte schießen können, wurde Preisschießen auf Passanten veranstaltet.
Als Augenzeuge Smit, der über mehrere dieser Vorfälle ein Tagebuch führte, beim Feldgeistlichen fragte, was er von den Greueltaten halten solle, erhielt er die Antwort: "Gehen Sie beten, mein Junge!"
Der Rotterdamer Pfarrer Hildering, früher in der indonesischen Missionsarbeit tätig, berichtete, daß er schon vor Hueting versucht habe, die Öffentlichkeit aufzuklären. Jedoch: "Nirgendwo konnte man ein Wort loswerden. Holland war taub und blind für die Wahrheit in Indonesien."
Als ein Soldat mit Text und Photos bei der Illustrierten "Panorama" in Haarlem anklopfte, entgegnete ihm ein Redakteur: "Davon wollen die Holländer doch nichts hören. Wenn wir das publizieren, sind wir nächste Woche pleite."
Nach Huetings Enthüllungen aber verlangten die Zeitungen eine staatliche Untersuchung. Oppositionsführer Joop den Uyl forderte die Regierung auf, alle Akten offenzulegen. Die Regierung sagte eine Überprüfung zu.
Theologie-Professor Verkuyl, früher Missionar und anerkannter Indonesien-Spezialist, forderte die Holländer auf, Kollektiv-Reue zu üben: "Wir müssen anerkennen, daß die Fehler, die gemacht wurden, die Fehler unseres ganzen Volkes sind. Das ganze niederländische Volk ist verantwortlich für das Leben von Knaben, die wie Blumen auf dem Felde niedergemäht wurden. Wir sollten unseren nationalen Hochmut aufgeben."
Der Abgeordnete van Mierlo sagte: "Wir können nicht umhin, die Schuldigen vor den Richter zu bringen. Wenn wir das nicht tun, haben wir nicht mehr das Recht, von unseren Nachbarn zu verlangen, daß sie ihre Vergangenheit bewältigen."
Gegen einen Prozeß sind aber fast alle Holländer, vor allem auch Inquisitor Hueting: Er hat mittlerweile immer mehr Kriegsverbrechen bekanntgegeben, an denen er auch selbst beteiligt war. Er wäre einer der ersten Angeklagten. Hueting: "Eine Justizaktion ist nicht wünschenswert."

DER SPIEGEL 7/1969
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