10.02.1969

BILDUNG / DYNAMISCHES LESENWie ein Film

Verblüfft sah die Pädagogik-Elevin Evelyn Wood ihren Prüfer an. Dr. C. Lowell Lees, Professor an der Universität von Utah (USA), hatte -- wie sie jetzt beschrieb -- "meine ganze Diplom-Arbeit, immerhin 80 Seiten, in nur wenigen Minuten gelesen und begann sofort mit der Diskussion über Detailfragen".
Heute, 24 Jahre danach, liest mehr als eine halbe Million Menschen, wie Professor Lowell Lees las; Evelyn Wood hat es ihnen beigebracht. In zwölfjähriger Forschungsarbeit entwickelte sie ein System für "dynamisches Lesen", das heute in 120 US-Lese-Instituten und seit einem Vierteljahr auch in Deutschland gelehrt wird -in Frankfurt an dem von Amerikanern eingerichteten "Institut für dynamisches Lesen". In Berlin und München sind in Universitätsräumen bereits Kurse des Frankfurter Instituts angelaufen. Nach Hamburg kommen die Lese-Lehrer im März.
Die ersten 72 Frankfurter Kursteilnehmer haben sich -- gegen ein Entgelt von 777 Mark -- zwei Monate lang einmal wöchentlich jeweils drei Stunden schulen lassen. Dazu übten sie noch täglich eine Stunde. Sie steigerten dadurch ihre Lese-Leistung und ihr Erinnerungsvermögen im Durchschnitt um das Fünfeinhalbfache. Ein normaler Leser, der 250 bis 350 Wörter in der Minute schafft, bringt es mithin nach absolviertem Kurs auf 1400 bis 2000 Wörter.
Instituts-Direktor Ernst-Ludwig Kühn von Burgsdorff, 42: "Wer bei uns nicht lernt, mindestens dreimal schneller zu lesen als vorher, bekommt sein Geld zurück. Diese Garantie ist ohne Risiko."
Ein besonders talentierter Schüler, der 23jährige Medizin-Student Ulrich Schulz, liest heute sogar 22mal schneller als noch vor drei Monaten. Und die ehemalige Medizinstudentin Ingrid Rahtgens, 28, jetzt "Chief Instructor" des Frankfurter Instituts, bewältigt Pasternaks "Doktor Schiwago" (640 Seiten) in anderthalb Stunden.
Den dynamisch geschulten "Düsenblicken" ("Abendzeitung", München) entgeht bei der Blitzlektüre kaum ein Wort. Die Leser speichern das Schriftbild mehrerer Zeilen auf einmal im Gedächtnis, indem sie sich "zwingen, nicht am einzelnen Wort zu kleben" (Rahtgens). Und sie haben es gelernt, das Wesentliche vom Unwesentlichen abzusondern: "Nur die eigentliche Aussage, der Gedanke eines Satzes, eines Abschnittes oder einer ganzen Seite soll im Gedächtnis haften bleiben", erklärt Burgsdorff.
Der konventionelle Leser wird nach Burgsdorffs Erfahrungen "vom Verstehen abgelenkt, weit er dabei seinen akustischen Apparat, die Sprach-Artikulation und die Wortklang-Erinnerung mitlaufen läßt, anstatt die erkannten Signale gleich zu seinem Verständnis durchzuschalten".
Die Frankfurter Kursteilnehmer lernen dieses Durchschalten von der ersten Unterrichtsstunde an. Es sind Geschäftsleute und Hausfrauen, Studenten und Schauspieler, Juristen und Journalisten, die beruflich viel lesen müssen oder für private Lektüre kaum Zeit haben.
Mit der rechten Hand als Schrittmacher -- die Linke blättert -- gleiten sie über die Buchseiten. Auf kurze Kommandos hin unterstreichen sie mit dem rechten Zeigefinger zunächst Zeile für Zeile, später in einer Slalom-Bewegung jeweils drei bis vier Zeilen auf einmal. Die Augen folgen dabei der Handbewegung, nicht der Kopf. Das Gelesene, so heißt es in einer Instituts-Broschüre, "läuft alles wie ein Film ab, und Sie sind dabei".
Die Kursanten bleiben allerdings nur dann dabei, filmisch zu lesen, wenn sie "voller Energie bimsen, bimsen und nochmals bimsen", wie Instruktorin Rahtgens weiß: "Sonst verfliegen die Erfolge wieder." Sie hält auch nichts vom Selbst-Studium; denn "dann fehlt der ständige Druck dahinter". Und Instituts-Chef von Burgsdorff ergänzt: "Man lernt das Tennisspielen ja auch nicht durch Lektüre von Fachbüchern, sondern durch ständiges Üben beim Trainer."
Sein Trainer-Team -- inzwischen neun Mann stark -- registriert die Fortschritte der Übenden mit Stoppuhr und Testfragen: Die gelesenen Wörter, in Relation gesetzt zum behaltenen Text, ergeben den jeweiligen "Lese-Effizienz-Index".
Testfragen etwa zum Hemingway-Roman "Der alte Mann und das Meer" lauten: "Wie viele Tage hatte der alte Mann keinen Fisch gefangen? 20, 5, 84 oder 14 Tage?" Oder: "Beschreiben Sie die physische Erscheinung des alten Mannes." Nur gründliche Schnellleser erinnern sich noch daran, daß der alte Mann seit 84 Tagen keinen Fisch mehr gefangen hatte und -- beispielsweise -- braune Flecken im Gesicht hatte.
Schnell und trotzdem gründlich zu lesen ist in einer Zeit, in der sich "alle zehn Jahre ... das gesamte Informationsvolumen" verdoppelt, wie der Industrieberater Ulrich Bischoff (Königswinter) errechnete, in vielen Berufen notwendig. Das erkannte -- noch vor Bischoff -- der prominenteste Schüler Evelyn Woods: John F. Kennedy. Auf sein Geheiß trainierte sie im Weißen Haus die Generalstabschefs der US-Streitkräfte.
Für die Lektüre daheim empfiehlt Burgsdorff sogar: "Die moderne Literatur wird gar erst durch dynamisches Lesen zum richtigen Genuß. Die sprunghafte Darstellung der Charaktere, der Impressionen und der Handlung ergibt oft erst dann ein komplexes Verständnis."
Dieser Ansicht werden Literaturkenner kaum zustimmen, die weder Wanderjahre" noch "Hundejahre" im Slalom durchflitzen.
Immer möchte allerdings auch der dynamische Lese-Profi Burgsdorff seine Lese-Technik nicht anwenden: "Ich bin ein leidenschaftlicher Jäger. Deshalb führe ich mir Jagdliteratur wie Otto Normalverbraucher zu Gemüte."

DER SPIEGEL 7/1969
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