24.02.1969

AUTOMOBILE / NSUFreier genommen

Seit langem hatte die Geschäftsleitung der NSU Motorenwerke AG in Neckarsulm wissen lassen, sie sei einer Verbindung mit einem größeren Automobil-Konzern nicht abgeneigt. Aber, so NSU-Direktor Arthur Westrup: "Wir werfen uns nicht jedem Hallodri ans Chemisett."
Am Dienstag letzter Woche nahm sich die schwäbische Firma den stattlichsten Freier in der Branche. Dr. Gerd Stieler von Heydekampf, Generaldirektor von NSU, schloß mit dem Wolfsburger Chef Dr. Kurt Lotz im Hotel Frankfurter Hof zu Frankfurt einen Pakt, der seine Firma fest in den VW-Verband eingliedern soll.
VW-Chef Lotz war damit gelungen, was sein Vorgänger nicht zuwege gebracht hatte. Als Heinrich Nordhoff im Frühjahr 1967 erstmals in Neckarsulm Besuch machte, ging es ihm, wie schon zuvor beim Kauf der Auto-Union-Werke in Ingolstadt, darum, neue Fertigungskapazitäten für den Bau von Volkswagen zu gewinnen. Nach seinem Willen sollte sowohl das schwäbische Firmenzeichen verschwinden als auch die gesamte NSU-Produktion eingestellt werden. Das jedoch lehnte von Heydekampf ab, der ohnehin seit gemeinsamen Opel-Zeiten mit dem VW-Boß nicht recht harmonisierte.
Nach Nordhoffs Tod besserte sich nicht nur das Klima zwischen den Geschäftsleitungen; mehr noch als vorher zwangen der verschärfte Absatzkampf und die Überschneidung von Typen zu einer Entscheidung.
Die NSU-Werke beispielsweise, die mit ihrem Kleinwagen Prinz 4 sowie den Modellen der unteren Mittelklasse (NSU 1000 und NSU 1200) eine Tagesproduktion von fast 600 Autos erreichen, wurden immer stärker von Kaufinteressenten umschwärmt. Wolfsburg mußte befürchten, daß schließlich der große VW-Konkurrent Fiat die Hand auf Neckarsulm legen würde, nachdem die Italiener sich durch eine Kapitalbeteiligung an der französischen Firma Citroën bereits ein Einfalltor geöffnet hatten: Zwischen den Konstrukteuren von Citroën und NSU bestehen seit Jahren enge Kontakte.
Wolfsburgs Tochterfirma Auto Union in Ingolstadt andererseits hatte inzwischen eine Händlerorganisation aufgebaut, die nur durch ein größeres Wagen-Programm ausgelastet werden kann.
Mit ihrem neuesten Wurf, dem Frontantriebs-Wagen K 70, drohten die NSU-Ingenieure dem Mittelklasse-Programm von VW und Auto Union scharfe Konkurrenz zu machen. Für 70 Millionen Mark hatte NSU das Fahrzeug mit Hubkolben-Motor (1,6 Liter, 90 PS, Preis: rund 9000 Mark) bis zur Vorführ-Reife gebracht; auf Testfahrten zeigte der K 70 sogar ein noch besseres Fahrverhalten als der Ro 80 mit dem Wankel-Motor, das Paradestück von Neckarsulm.
Auf lange Sicht schließlich mußte VW-Chef Lotz mit einem Kleinmobil rechnen, für das NSU den immer noch als zukunftsträchtig geltenden Wankel-Motor bereitstellen und Citroën Fahrwerk sowie Karosserie bauen sollte. Das Gemeinschaftsprodukt (etwa 50 PS) wäre ein unmittelbarer Klassengegner aller Wolfsburger Käfertypen geworden.
Kenner dieser Zusammenhänge spekulierten seit Monaten darauf, mit Hilfe von NSU-Aktien einen leichten Gewinn zu kassieren. Im Konkurrenzkampf der europäischen Groß-Produzenten, so hieß es, könne VW es nicht hinnehmen, wenn das florierende Werk in Neckarsulm etwa von Fiat geschluckt würde.
Als vor kurzem Gerüchte über akute Verhandlungen zwischen Lotz und von Heydekampf an die Börse drangen, galt es als ausgemacht, daß Wolfsburg NSU übernehmen und jedem Aktionär für sein Papier eine VW-Aktie eintauschen würde. Binnen vier Wochen sprang der Kurs von NSU deshalb um rund 100 Punkte in die Nähe der VW-Notierung, auf 549.
Aber die Wolfsburger ("Wir haben nicht eine einzige NSU-Aktie gekauft") rechnen mit einem schrecklichen Erwachen aller Hausse-Spekulanten, denn ein Umtauschangebot ist nicht geplant. Wenn die Aufsichtsgremien beider Gesellschaften den Handel zwischen Lotz und von Heydekampf bestätigen, wird sich die ganze Transaktion außerhalb der Börse abspielen:
Auto Union und NSU gründen eine neue Gesellschaft, in die beide ihre Werke als sogenannte Sacheinlage einbringen. Nach dem Wert der Firmen werden danach Auto Union -- und damit die Muttergesellschaft VW -,60 Prozent, NSU 40 Prozent der Kapitalanteile halten. Das Fahrzeug-Programm der Wolfsburger wäre damit nach unten abgerundet. Ebenso wie schon Auto Union soll das Unternehmen als "Division" selbständig bleiben und ·seine Modelle weiterbauen.
Bis auf das gepriesene Fahrzeug K 70, das am 10. März in Neckarsulm der Presse vorgestellt werden sollte. Weil der Mittelklassewagen besonders das Audi-Typen-Programm der Auto Union stören würde, wurde schon vorige Woche die "Weiterentwicklung" gestoppt. Fernschriftlich lud NSU die Reporter wieder aus.

DER SPIEGEL 9/1969
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