24.02.1969

GEMEINDEN / DÜSSELDORFNur nix

Ja, Madame, dort bin ich geboren, und ich bemerke dieses ausdrücklich für den Fall, daß etwa, noch meinem Tode, sieben Städte -- Schilda, Krähwinkel, Polkwitz, Bockum, Dülken, Göttingen und Schöppenstädt -- sich um die Ehre streiten, meine Vaterstadt zu sein. Heinrich Heine, „Das Buch le grand“.
Deutsche Städte haben nie darum gestritten, Geburtsort des deutschen Dichters jüdischer Abstammung, der im französischen Exil starb, gewesen zu sein -- die Ehre blieb an Düsseldorf hängen, wo sie freilich zumeist eher Unbehagen als Stolz erweckte.
Der Zwiespalt trat wieder zutage, nachdem erst Düsseldorfs SPD-Oberstadtdirektor Gilbert Just und dann der Bonner Germanist Professor Manfred Windfuhr dafür plädiert hatten, der 1965 gegründeten Düsseldorfer Universität den Namen des größten Sohnes der Stadt zu verleihen.
Heine-Spezialist Windfuhr bat schriftlich 600 Wissenschaftler um Unterstützung, doch nur 120 unterschrieben. An einer vom Asta inszenierten Abstimmung beteiligten sich 440 von rund 1300 Studenten; 70 waren für die Heine-Universität, 316 stimmten dagegen -- wobei Asta-Vorsitzender Lutz Helmig den Nein-Sagern bescheinigte, sie hätten nicht anders gekonnt, denn man könne sich "gemeinhin nur für etwas entscheiden, was man kennt".
So entbrannte "eine Art Endkampf um das Ansehen Heines in seiner Vaterstadt" ("Frankfurter Allgemeine"), dessen Lärm bis ins Ausland drang: Medizin-Professor Louis Premuda ("Mir wäre der Gedanke fremd") von der italienischen Universität Padua hielt nichts von einem Namenspatronat; die deutschsprachige New Yorker Wochenschrift "Aufbau", das Londoner Pen-Zentrum deutschsprachiger Autoren im Ausland. der Kulturattaché an der französischen Botschaft in Bonn, René Cheval, und der englische Labour-Abgeordnete Michael Foot, Mitherausgeber der "Tribune", fochten für die Ehrung des Dichters des gemütvollen Loreley-Liedes.
Ein eigens in Düsseldorf für den Endkampf mobilisiertes Burgerkomitee sammelte Mitkämpfer wie Carlo Schmid, Günter Graß, Golo Mann, Carl Zuckmayer und den Maler-Professor Otto Dix um sich; Kirchenpräsident außer Diensten Martin Niemöller und die DFU-Professorin Renate Riemeck schrieben zustimmende Briefe.
Der Vorsitzende der Düsseldorfer Heine-Gesellschaft, Gerhart Söhn" schimpfte Düsseldorfs Stadtverwaltung "feige", weil sie nichts in dem Streit unternehmen wollte. Heine-Freund Gilbert Just, Vorsitzender im Universitäts-Kuratorium, entschuldigte die Stadtbürokraten: Die Namensgebung gehöre "irgendwie mit zu den Selbstverwaltungsaufgaben der Uni".
Dennoch forderten die Kreisorganisation Düsseldorf des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) und die SPD-Fraktion im Düsseldorfer Stadtrat die Heine-Universität, während Freie und Christdemokraten im Stadtrat (CDU-Fraktionschef Anton Ulrich: "Eingriff in die Autonomie der Universität") sich nicht festlegen wollten.
Schließlich starteten die "Düsseldorfer Nachrichten" eine Umfrage, wonach bis Mitte des Monats über 8000 von 10 800 Abstimmungsteilnehmern die Heine-Universität ablehnten. Warum, schrieb Leser R. Kersten aus Langenfeld, der nach den Verdiensten von "H.H." um Düsseldorf oder die Wissenschaft fragte, "aber keine" fand. Im Gegenteil: "In Paris führte er ein sittenloses Leben und hat von dort aus Deutschland verhöhnt und alles, was uns Deutschen ehrwürdig und heilig ist, mit giftigem Spott überschüttet."
So und ähnlich wurde schon immer argumentiert, seit die Diskussion um Ehrungen für den "Juden Heine" (August Graf Platen) etwa 30 Jahre nach Heines Tod im französischen Exil (1856) begonnen hatte. Noch 1837 hatte Heine aus Le Havre an seinen Bruder Maximilian geschrieben: "In Düsseldorf wird mir dann wohl ein Monument gesetzt werden." Als aber 1887 der Dichter Paul Heyse im "Düsseldorfer Anzeiger" die Errichtung eines Heine-Denkmals anregte, schlug ihm blanker Haß entgegen: Gesangvereine, Studentenkorps und vaterländische Vereine protestierten gegen die geplante "Schandsäule" für den "Schmutzfinken im deutschen Dichterwalde".
Zu ihnen gesellten sich "Nibelungen"-Komponist Richard Wagner, der Historiker Heinrich von Treitschke, der die "niedlichen Riens" des Spötters wider Krone und Altar als "undeutsch von Grund aus" empfand, und der Prinzenerzieher am kaiserlichen Hof, Oberhofprediger Stöcker
Elisabeth von Österreich, Gemahlin des Kaisers Franz Joseph" aber machte Front gegen die patriotischen Eiferer. Die Heine-Verehrerin bot ein in ihrem Auftrag entworfenes Denkmal, den sogenannten Loreley-Brunnen, dem Düsseldorfer Magistrat zum Geschenk an. Doch die rheinischen Stadtväter, vom kaiserlichen Hof in Berlin über das preußische Innenministerium unter Druck gesetzt, lehnten das Präsent ab: An dem vorgesehenen Aufstellungsort sei inzwischen ein Krieger-Denkmal errichtet worden, das sich mit einem Heine-Monument nicht vertrage.
Empört gab die "Literarische Gesellschaft" zu Nürnberg einen Almanach "als Protest gegen die Düsseldorfer Denkmalsverweigerung" heraus, in dem es heißt: "Man merkte, daß Düsseldorf wohl einen geeigneten Platz, aber keine geeigneten Stadtväter habe."
Vergeblich auch plädierten Emile Zola und Alphonse Daudet, Friedrich Nietzsche und sogar der eiserne Kanzler Bismarck für ein Heine-Denkmal -- im "Land der Düsseldorfer", so ein zeitgenössisches Spottgedicht, war die Zahl der Feinde des Demokraten Heine übermächtig.
Zum 50. Todestag des Vielgeschmähten fachten Hamburger Heine-Freunde die Diskussion neu an, und Künstler wie Gerhart Hauptmann, Richard Demel, Max Liebermann, Hugo von Hofmannsthal und Engelbert Humperdinck boten Beistand. Da stand der spätere Hitler-Barde Adolf Bartels gegen Heine und Heine-Huldiger auf.
In seiner Streitschrift "Heine auch ein Denkmal" (1906) schrieb der schleswig-holsteinische Schollensänger Bartels, es handele sich gar nicht mehr darum, "ob Heine ein Denkmal haben soll oder nicht, sondern ... ob wir Deutschen deutsch bleiben oder geistig und seelisch verjuden sollen". Damit war, so der Leiter des Düsseldorfer Heine-Archivs Dr. Eberhard Galley, der "erste Höhepunkt der antisemitischen Hetze gegen Heine" erreicht.
Nirgendwo wagte man noch die öffentliche Aufstellung eines Heine-Denkmals. Die Düsseldorfer verwendeten das für diesen Zweck gesammelte Geld zum Ankauf einer Sammlung, die den Grundstock für das spätere Heine-Archiv bildete. Im "schiefwinklichten, schlabbrigen Hamburg" (Heine) wies der Senat ein als Geschenk angebotenes Heine-Dokument aus dem Besitz der inzwischen verstorbenen Kaiserin Elisabeth zurück, weil es "gebraucht" war.
Die zweite Hetzwelle gegen Heine rollte Ende der zwanziger Jahre an, als die Düsseldorfer sich mit dem Plan eines Heine-Denkmals trugen. 1926 schrieb Julius Streicher im "Stürmer": "Die Gräber der deutschen Helden des Weltkriegs verkommen ... und für die Judensau auf dem Montmartre wirft man das Geld der deutschen Steuerzahler zum Fenster hinaus."
Die nationalsozialistischen Hetzblätter "Der Stürmer" und "Das Schwarze Korps" kämpften auch weiterhin in vorderster Front gegen eine Ehrung des "Judenbengels" Heine. Als der Bildhauer Georg Kolbe kurz vor der Machtübernahme Hitlers das von der Stadt in Auftrag gegebene Heine-Monument "Knieender Jüngling" ablieferte, versteckten es die Düsseldorfer im Keller eines Museums, wo es Nazi- und Kriegszeiten überdauerte.
Nach dem Kriege wurde der "Knieende Jüngling", der Unkundige freilich durch nichts an Heine erinnert, in einer Nische des Düsseldorfer Ehrenhofs aufgestellt. Hinzu kamen Heine-Büsten im Rathaus und in Altstadt-Kneipen; die Stadt gab eine Heine-Medaille heraus (einziger Träger: Theodor Heuss), die Heine-Gesellschaft stiftete eine Heine-Plakette; Heine-Archiv und Heine-Sammlung wurden auf den heutigen Stand gebracht, und 1963 erhielt eine Straße den Namen Heinrich-Heine-Allee.
Auch ein "Monument Heine" -- gefertigt von Aristide Maillol, gestiftet von Düsseldorfer Unternehmern und Gewerkschaften -- wurde im Hofgarten aufgestellt. Doch Maillols Frauengestalt (Name: "Harmonie") und die am Sockel angebrachte Heine-Plakette sagen Heine-Freunden nicht zu: Die Plastik erinnere sie an einen "weiblichen Gartenzwerg", und die Plakette sei kaum zu finden. Und Düsseldorfer Heine-Freunden ist das alles sowieso nicht genug. Sinnierte einer von ihnen Im Heimatblatt "Das Tor" über die Nachkriegszeit: "Und Goethe erstand überall wieder wie der Phönix aus der Asche, während für Heine nur die letzte Silbe dieses sagenhaften Vogels gilt" -- nix.
Die jüngste Debatte um den großen, doch jüdischen Sohn Düsseldorfs freilich wird mit anderen Argumenten bestritten als die Wortgefechte vergangener Jahrzehnte. Denn nicht mehr Heines Herkunft wird -- aus Überzeugung oder aus Überlegung -- geschmäht, sondern der Plan, überhaupt eine Hochschule eines Namenspatrons zu würdigen.
Gewichtigster Widersacher des Unterschriftensammlers Windfuhr war Universitätsrektor Professor Alwin Diemer, der die Hin-zu-Heine-Aktion als "alten Zopf" und "Personenkult" abtat. Diemer konnte sich zudem auf einen einstimmigen Beschluß des Senats berufen, der Universität "keinen sonstigen Namen beizugeben". Erbittert bestritt Diemer ("Ich protestiere hier dagegen") das Argument der Heine-Freunde, die Benennung würde der im Aufbau begriffenen Hochschule Glanz und Ansehen im In- und Ausland verleihen. Denn es wäre "traurig bestellt" um die Wissenschaft, wenn deren Vertreter "mit solchen Reklamemitteln den Wert ihrer Wissenschaft" zu heben versuchten. Das sei einfach "Scharlatanerie", und internationales Ansehen könne nur erworben werden, wenn "hart und ernsthaft gearbeitet wird". Heine, so Diemer, würde "ob eines solchen Schildbürgerstreiches" wohl "schallend in seinem Grabe lachen".
Und Professor Otto Grüters, den die "Düsseldorfer Nachrichten" als "glühenden Heine-Verehrer" vorstellten, mokierte sich in einem Leserbrief, man wolle "also die Stätte der Wissenschaft in eine Reihe mit Leibnizkeks" Schillerlocken und Bismarckheringen stellen". Schon Frankfurt (Goethe-Universität) und Mainz (Gutenberg-Universität) hätten "mit der Wahl ihrer Namenspatrone ein schlechtes Beispiel" gegeben -- Heines Name an Düsseldorfs Hochschule käme einem "irreführenden Firmenschild" gleich. Oder, so fragte Grüters, "gibt es wissenschaftliche Betätigung Im Geiste Heines"?
"Bestürzt" erinnerte die Heine-Gesellschaft Diemer daran, daß die Universität mit der geplanten Einverleibung des international renommierten Heine-Archivs "zwangsläufig zu einer "Heine-Universität"" werde, weil sich dann "in ihren Mauern das Zentrum der internationalen Heine-Forschung" befinde.
Noch ist Heine nicht verloren, doch es scheint, als gelte wieder einmal der Poet im eigenen Lande nichts. "In vielen Ländern", so erkannte der Sowjetpublizist Lew Ginsburg nach einer Deutschlandreise, "kennen die Menschen den Namen "Düsseldorf" nur dank Heine. Allein, in Düsseldorf selbst mißt man dem keinerlei Bedeutung zu."

DER SPIEGEL 9/1969
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