17.02.1969

ÖSTERREICH / UNTERGRUNDÖWSGV

Vor fünf Jahren war Franz Olah Österreichs Innenminister. Jetzt ist er Österreichs prominentester Angeklagter.
Die Staatsanwaltschaft wirft dem gelernten Klaviermacher und früheren Präsidenten des Österreichischen Gewerkschaftsbundes (ÖGB) vor, er habe fast drei Millionen Mark aus der OGB-Kasse für private politische Aktionen verwirtschaftet. Olah hingegen beteuerte: "Was ich getan habe, habe ich im Interesse des Staates und der Arbeiterbewegung getan."
Der sozialistische Exminister versuchte seine Staatsgesinnung zu belegen, indem er ein Staatsgeheimnis preisgab: Bis vor wenigen Jahren habe er in Österreich eine für Mitteleuropa einzigartige Untergrundarmee zur Niederschlagung kommunistischer Putschversuche geleitet.
Olahs Eingreifen bei eventuellen Gewaltmaßnahmen der Kommunisten war bereits 1947 zwischen Olah und dem damaligen OGB-Präsidenten Böhm vereinbart worden; die Parteiführung der Sozialisten und der US-Hochkommissar Geoffrey Keyes hatten den Plan -- so Olah -- vermutlich stillschweigend gebilligt.
Erste Kampferfahrung gegen KP-Putschisten sammelte Olah im Herbst 1950. Unter dem Schutz der sowjetischen Besatzungsmacht versuchten Österreichs Kommunisten damals, in den Bundesländern Wien und Niederösterreich mit einem Generalstreik und mit Rollkommandos die Regierung zu stürzen und eine Volksdemokratie zu errichten.
Olah -- damals Erster Sekretär der Bau- und Holzarbeitergewerkschaft -- rekrutierte Arbeiter-Prügelgarden gegen die rebellierenden Kommunisten und half, den Umsturz zu verhindern.
"Anfang 1951", so berichtet Olah heute, habe er dann "mit der Organisation einer ständigen Abwehr gegen neuerliche Umsturz- und Generalstreikversuche aus politischen Gründen begonnen
Zur Tarnung gründete der Gewerkschaftler einen "Österreichischen Wander-, Sport- und Geselligkeitsverein" (ÖWSGV). Als Mitglieder warb Olah "nicht zu umfangreiche Kader von jüngeren Arbeitern". In mehreren Ausbildungslagern unterrichteten Fachleute ("Die haben das im Krieg gelernt") die Gewerkschaftsarmee im Schießen, Sprengen und im Nahkampf. In einwöchigen Lehrgängen bildeten erfahrene Kämpfer neue Rekruten aus -- wie viele etwa, will Olah, vom SPIEGEL befragt, auch jetzt noch nicht angeben.
In allen Bundesländern außer Vorarlberg legte die Anti-Putscharmee geheime Sendestationen an. Olah besaß die schriftliche Erlaubnis, jederzeit den Wiener US-Sender Rot-Weiß-Rot zu benutzen -- falls es zu Zwischenfällen komme. Eine besondere Telephonleitung verband Olahs Büro mit den anderen Gewerkschaftszentralen und Polizeidienststellen.
Für die Lagerung des Kriegsmaterials kaufte der ÖWSGV in der Wiener Missindorfstraße ein Grundstück an, in Golling bei Salzburg etablierte sich eine Spezialgruppe für den Wintereinsatz. Für etwa 200 Mann lagerte dort Gebirgs- und Winterausrüstung.
1952 glaubte Olah, die Gewerkschaftler-Armee sei noch zu schlecht getarnt. Er gründete deshalb zusammen mit Freunden -- sie sitzen jetzt mit ihm auf der Anklagebank -- die Handelsfirma Atlanta und die Omnia Warenhandeis AG.
Auch nach dem Abschluß des Staatsvertrages von 1955 und dem Abzug der vier Besatzungsmächte blieb das "Sonderprojekt Olah" bestehen. Als die Russen 1956 den Aufstand der Ungarn niederwalzten, reorganisierte Olah seine Gewerkschaftsarmee. Er schaffte kleinere und leistungsfähigere Funkgeräte an, die überall in Österreich vergraben würden.
Bei der Erprobung neuer Funkgeräte ertappten österreichische Sicherheitsorgane in Trofaiach (Steiermark) Olahs Männer und beschlagnahmten vier Sender. Als das Innenministerium jedoch erfuhr, daß die Geräte Olahs Untergrund-Armee gehörten, gab es die Anlagen sofort wieder heraus. Olah holte sie selbst ab.
Anfang der sechziger Jahre schien die kommunistische Putschgefahr endgültig gebannt. Olah löste seine Garden stillschweigend auf. Außerdem bekam er 1963 ein viel mächtigeres Instrument in die Hand: Als Innenminister wurde er Herr über Österreichs etwa 25 000 Polizisten.
Ungenannte "in- und ausländische Spender, nicht zuletzt amerikanische Institutionen" gaben für das "Sonderprojekt Olah" laut Olah fast zwei Millionen Mark. "Nach Liquidierung des Sonderprojekts"", stellte die Anklage fest, "ließ Olah alle Unterlagen darüber vernichten und sorgte auch für die Beseitigung der Buchhaltung."
Als Oberlandesgerichtsrat Dr. Walter Melnizky den angeklagten Exminister fragte, ob es keine Mitwisser gebe, antwortete Olah: "Doch, viele haben davon gewußt."
"Jetzt werden lauter Tote kommen", seufzte Richter Melnizky. Olah: "Ja, es wußten davon (Innenminister) Heimer, (der Vizekanzler und spätere Bundespräsident) Schärf und (ÖGB-Präsident) Böhm." Lauter Tote.

DER SPIEGEL 8/1969
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 8/1969
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

ÖSTERREICH / UNTERGRUND:
ÖWSGV

Video 02:36

Trump in der alten Welt Szenen einer Europareise

  • Video "Trump in der alten Welt: Szenen einer Europareise" Video 02:36
    Trump in der alten Welt: Szenen einer Europareise
  • Video "Video zeigt extrem seltenen Fisch: Riesenmaulhai vor Japan gefilmt" Video 00:59
    Video zeigt extrem seltenen Fisch: Riesenmaulhai vor Japan gefilmt
  • Video "Filmstarts der Woche: Verflucht noch mal" Video 08:00
    Filmstarts der Woche: Verflucht noch mal
  • Video "Kirchentag in Zahlen: 22.000.000 Euro für ein Halleluja" Video 02:17
    Kirchentag in Zahlen: 22.000.000 Euro für ein Halleluja
  • Video "Der wahre Iron Man: Flugrekord im Düsenanzug" Video 01:55
    Der wahre "Iron Man": Flugrekord im Düsenanzug
  • Video "Nordkoreas neue Flugabwehrwaffe: Kim Jong Un will Massenproduktion" Video 01:07
    Nordkoreas neue Flugabwehrwaffe: Kim Jong Un will Massenproduktion
  • Video "Weltgrößtes Teleskop in Chile: Dieses Auge soll Leben im All entdecken" Video 02:11
    Weltgrößtes Teleskop in Chile: Dieses Auge soll Leben im All entdecken
  • Video "Philippinischer Präsident Duterte: ...dann werde ich sagen, dass ich es war" Video 02:11
    Philippinischer Präsident Duterte: "...dann werde ich sagen, dass ich es war"
  • Video "US-Präsident auf Reisen: Trump rempelt - und gerät unter Druck" Video 01:48
    US-Präsident auf Reisen: Trump rempelt - und gerät unter Druck
  • Video "Seidlers Selbstversuch: Wie man die ISS rammt" Video 03:45
    Seidlers Selbstversuch: Wie man die ISS rammt
  • Video "Riskante Aktion: Frau springt auf SUV, um Diebstahl zu verhindern" Video 00:45
    Riskante Aktion: Frau springt auf SUV, um Diebstahl zu verhindern
  • Video "Fußball-Pub in Manchester: Wir sind mutig, wir halten zusammen" Video 02:52
    Fußball-Pub in Manchester: "Wir sind mutig, wir halten zusammen"
  • Video "Spott im Netz für Trumps: #Handgate" Video 01:33
    Spott im Netz für Trumps: #Handgate
  • Video "Kalifornien: Erdrutsch begräbt legendären Highway 1" Video 00:34
    Kalifornien: Erdrutsch begräbt legendären Highway 1
  • Video "Manchester nach dem Terror: Es lag irgendwie auf der Hand zu feiern" Video 01:48
    Manchester nach dem Terror: "Es lag irgendwie auf der Hand zu feiern"