03.02.1969

GEMEINDEN / MÜNCHENViel Unheil

Die Münchner Stadträtin Centa Hafenbrädl (CSU) erhob schwere Bedenken: "Wenn wir eine Straße nach diesem Mann benennen, wird man uns eines Tages das Rathaus einrennen."
Der Mann, den die Rätin meinte, war Kurt Eisner, der während der Revolutionswirren im November 1918 den Bayern-König Ludwig III. vertrieben, die Dynastie der Wittelsbacher gestürzt und sich selber zum ersten Regierungschef der Republik Bayern gemacht hatte -- noch heute einer der umstrittensten Politiker der deutschen Zeitgeschichte.
Für Historiker Arthur Rosenberg war der Berliner Literat, der Umsturz wollte, aber Terror verachtete, der "einzige schöpferische Staatsmann der Revolutionszeit in Deutschland". Für Bayerns Landwirtschaftsminister Dr. Dr. Alois Hundhammer (CSU) dagegen ist er "eine böse und verhängnisvolle Erscheinung der bayrischen Geschichte", und viele Bayern fühlen ebenso: Sie halten den "Bohemien mit dem Sauerkrautbart", so stand es in Leserzuschriften an Münchner Zeitungen, immer noch für einen "Tyrannen" und "Bolschewisten", einen "Geiselmörder" und "Novemberverbrecher".
Als Münchens SPD-Stadtväter Anfang Januar vorschlugen, zu Ehren des am 21. Februar 1919 von dem nationalistischen Grafen Arco auf Valley ermordeten Revolutionärs, der zuerst der SPD, dann der linken USPD angehört hatte, eine Straße in dem Neubauviertel Perlach den Namen "Kurt Eisner" zu geben, erhoben vor allem die christlich-sozialen Kollegen im Gemeindeparlament Einspruch. Mit 1300 Meter "Karl-Marx-Ring", ebenfalls in Perlach, hatten sie sich noch einverstanden erklärt, 480 Meter für den Marxisten Eisner jedoch mochten sie nicht hinnehmen.
Mit dem Namen Eisner, so reklamierte beispielsweise die Stadträtin und Oberstudienrätin Centa Haas, sei "in der Münchner Bevölkerung ... viel Unheil verbunden". Obgleich Eisner die Räte-Republik nicht wollte und Bayern erst nach dem Mord an Eisner Räte-Republik geworden war, beschuldigte die Pädagogin den Demokraten, "nach russischem Vorbild das Räte-System" eingeführt zu haben, und ihre Kollegin Hafenbrädl erinnerte "sich noch gut daran", wie Eisners Truppen ins katholische Leohaus eingedrungen seien und "alles zerstört" hätten -- was in Wirklichkeit nie geschah.
Eisner-Epitheta wie "galizischer Jude", "Kurt I. von Bayern-Jerusalem" und "Räte-Bolschewist" waren schon in der Weimarer Republik benutzt worden. Historiker Michael Doeberl, damals Inhaber des Münchner Lehrstuhls für Bayerische Geschichte und auch heute vielgelesener Senior weiß-blauer Geschichtsdeutung, führte die Umschreibung vom "bolschewistisch-ostjüdischen Fremdstämmigen" in die Wissenschaft ein, und die Nationalsozialisten machten den "orientalischen Juden" dann zum "November-Verbrecher".
Auch heute noch gilt vielfach als richtig, was Graf Arco niederschrieb, bevor er Eisner erschoß: "Eisner erstrebte die Diktatur der Anarchie. Er ist Bolschewist. Er ist Jude. Er ist kein Deutscher. Er verrät das Vaterland -- also", und auch heute halten manche Publizisten und Politiker an dem vor 50 Jahren entworfenen Eisner-Zerrbild fest.
So warnte Hundhammer, Ritter vom Heiligen Grabe, letzte Woche im "Bayern-Kurier" des Franz-Josef Strauß: "Die kommunistische Partei ist in unserem Lande verboten. Ihrem Symbolträger widmet die Stadt ... eine Straße. Das ist ein Mißgriff." Und Kurt Wessel, Chefredakteur des "Münchner Merkur", argwöhnte gar einen SPD-Kotau vor der studentischen Linken. Wessel: "Der Stadtrat ... hat anscheinend etwas davon in die Nase bekommen, daß Marx, Eisner, Luxemburg, Liebknecht heutzutage von Schwarmgeistern und Radau-Brüdern vorgeschoben werden, die mit Revolution kokettieren wie Rokoko-Damen mit dem einfachen Schäfer-Dasein."
Wessel-Leser bekundeten sodann "tiefe Empörung" über das "Verbrechen, dem Bolschewismus Auftrieb zu geben". Eine Leserin fragte an: "Sind wir denn wirklich die 'doofen' Bayern?" Ihre Bayern forderte sie auf: "Laßt Euch doch nicht alles gefallen, geht auf die Barrikaden oder weckt den Schmied von Kochel auf, damit unsere Hauptstadt nicht zum Gespött aller wird."
Münchens SPD-Stadträte protestierten gegen solche "Geschichtsfälschung" und verlangten "Wiedergutmachung". Man sollte doch nicht, belehrte Sozialdemokrat Ludwig Koch die CSU-Kollegen, dem Unabhängigen Sozialdemokraten Kurt Eisner Ereignisse unterschieben, die erst nach seinem Tode geschehen seien. Und die Sozialdemokraten drangen durch.
Trotz vielfach geäußerter Empörung und aller Appelle an das gesunde Volksempfinden der Bayern wird Ende Februar, 50 Jahre nach der Ermordung des umstrittenen Revolutionärs, München-Perlach eine "Kurt-Eisner-Straße" erhalten.
Die im Straßenkampf unterlegenen Christlich-Sozialen arbeiten derweil einen umfangreichen Namenskatalog für weitere Straßenbenennungen aus -- mit Konrad Adenauer an der Spitze.

DER SPIEGEL 6/1969
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