13.01.1969

NICHTS ANSTELLE VOM LIEBEN GOTT

SPIEGEL-Reporter Hermann Schreiber über Gustav Heinemann

Von Schreiber, Hermann

Das Befremdliche an Gustav Heinemann ist, daß er immer meint, was er sagt. Das entrückt ihn der Mehrheit, die so viel Aufrichtigkeit weder von ihren Politikern noch von sich selber erwartet. Es hat zur Folge, daß im Verhältnis der Deutschen zu Gustav Heinemann das Bekenntnis die Kenntnis bei weitem überwiegt.

Die einen bestaunen den rechtschaffenen Mann oder verehren ihn gar aus der Entfernung, wissen aber nur phrasenhaft zu erklären, warum. Die anderen deuten mit dem Zeigefinger der Verdächtigung auf ihn und machen dabei die ärgerliche Erfahrung, die eben dieser Gustav Heinemann einem jeden Fingerzeiger am Ostersonntag 1968 im Fernsehen vorgehalten hat: daß in der Hand mit dem ausgestreckten Zeigefinger zugleich drei andere Finger auf ihn selbst zurückweisen". Kein Wunder also, daß viele, denen dieser Mann unbehaglich ist, die Faust wider ihn ballen -- und sei es auch nur in der Tasche.

Befremdlich, für deutsche Verhältnisse, ist in der Tat das meiste, was aus Heinemanns politischem Lebenslauf hervorragt: Rücktritt als Adenauers Innenminister aus Protest gegen die Wiederbewaffnung; Austritt aus der CDU und Gründung einer neutralistischen Partei im Angesichte Adenauers und Dulles'; Auflösung dieser Partei nach einer vernichtenden Wahlniederlage und Übertritt zur SPD; Übernahme des Justizministeriums in der, unter Einschluß von Franz-Josef Strauß gebildeten, Großen Koalition. Und wer bei sich denkt, daß ein rechter deutscher Mann sein Hemd so leicht doch nicht wechsle (auf die Gefahr hin, daß es braun bleibt) -- der mag dies alles sogar verwerflich finden.

Wer das nicht findet, tut sich erst recht schwer, seine Neigung anders als mit dem eigenen schlechten Gewissen zu begründen -- denn wer wäre seinem Gewissen schon durch so viele Wegbiegungen so treulich gefolgt?

Und in kulinarische Betrachtungen der Person kann man sich hier nicht flüchten. Gustav Heinemann hat keine Schokoladenseite. Selbst den linken Literaten, die ihn lieben, fallen zu ihm vornehmlich veredelte Klischees ein -- wie etwa dem Peter Rühmkorf schon anno 1965: spröde, zurückgenommenes Temperament, fast unpersönlich und den Affekt ganz in die Sache verlagert ... Keiner, der sich ... mit ehernen Lettern ins Buch der Geschichte eintragen will." Oder der "Stern" kolportiert treuherzig, daß Heinemann in die Terminologie seiner zwölf Enkel als "Mümfe" eingegangen ist -- und selbst das kann kein Mensch erklären.

Feuilleton ist für Gustav Heinemann buchstäblich unter dem Strich. Da guckt er kaum hin. Er meidet die Belletristik, liest fast nie Romane und überhaupt keine Gedichte, vielmehr theologische Fachliteratur und Historisches. "Ich mag nur Dinge mit Knochen und Substanz." Der schöne Schwung dramatischer Fiktionen macht ihm das Leben nicht leichter. Das, was die Literaten -- um es mit Hemingway zu sagen -- so anstelle vom lieben Gott haben, das braucht er nicht. Er hat nichts anstelle vom lieben Gott.

Wenn er schreibt, und er schreibt relativ viel, obwalten syntaktische Strenge und protestantischer Purismus; er gebraucht Wörter wie "Zerbruch" und "Versuchlichkeiten", und eine evangelische Floskel wie "brüderlich solange miteinander umgehen, bis man sich findet", klingt bei ihm gleich. nach der Mühsal des Umgangs mit Unvereinbarkeiten, die nicht sein sollten und doch sind.

Ein Wort wie "schwelgen" hingegen kommt in seiner Begriffswelt gar nicht vor. In der Welt des Gustav Heinemann führen Emotionen überhaupt ein Diaspora-Dasein, besonders die kollektiven. Mit Musik kann er nichts anfangen, mit Musik schlechthin. Neulich in Bad Neuenahr, als er auf einem Wochenendspaziergang zum erstenmal in seinem Leben in ein Kurkonzert hineingeriet und ein Weilchen dort verharrte -- "da bin ich mir schon sehr komisch vorgekommen". Er käme sich auch in der Oper und beim Schlagerfestival komisch vor. Schließ' deine Augen und träume -- das verstünde er allenfalls als Rezeptur für den täglichen Mittagsschlaf, den er freilich nie versäumt.

Nüchtern also ist er, gewiß; aber eben nicht im Sinne von trockener Abstinenz. Er versteht was vom Wein, hat auch welchen im Keller und nennt sich, wenn das passende Stichwort fällt, ein "Flaschenkind". Im Kreise der Genos-. sen darf's Bier sein, und den Steinhäger läßt Heinemann eigentlich bloß deshalb weg, weil er sich als Student so gründlich damit behandelt hat, daß er das Zeug nun nicht mehr sehen kann. Die Bonner "Rheinlust", eine Kneipe, deren Atmosphäre für sensiblere Kunden allein schon Grund genug ist, sich ohne Umschweife zu betrinken, zählt auch Gustav Heinemann zu ihren Gästen -- weil er nun mal gleich um die Ecke wohnt.

Nüchternheit bedeutet in seinem Falle also etwas anderes, bedeutet eher: Verzicht auf das bloß Dekorative, Abwesenheit von jeglichem Aufwand. Heinemann, wiewohl nicht eben knapp bei Kasse, hat sich zeit seines Lebens kein privates Auto gekauft, besitzt noch nicht einmal einen Führerschein. An kostspieligem Hausrat liegt ihm nichts, ein Gourmet ist er auch nicht gerade, und abgesehen von ein paar hellgrauen Westen kleidet er sich so unauffällig wie nur möglich. Zum Gala-Empfang für die britische Elizabeth auf Schloß Augustusburg zu Brühl hat er sich damals im VW-Käfer eines seiner Schwiegersöhne, des Godesberger Pfarrers Manfred Wichelhaus, kutschieren lassen -- und wäre beinah an den Wachen gescheitert.

Im täglichen Umgang ist er so unzeremoniell, wie er ehrlich ist. Fragen, wenn sie einigermaßen konkret gestellt sind, beantwortet er am liebsten mit Ja oder Nein, jedenfalls so knapp wie möglich. "Gedöns" ist ihm ein Greuel. Hingegen kann es vorkommen, daß er plötzlich ohne erkennbaren Anlaß "Junge. Junge!" sagt oder "Ach, du kriegst die Motten!" und beim Verlassen des Hauses "Ohne Tritt, marsch!" Es kann auch vorkommen, daß er sich mit der simplen Begründung "Ich hab" jetzt Hunger" bereits zum Essen niederläßt, wenn die Dame des Hauses noch beim Händewaschen ist.

Aber ungesellig ist er nicht -- nur daß die Leute, denen er sich beigesellt, ihm eben wichtiger sind als der Rahmen, in dem das stattfindet. Zu Hause zieht er einen ruhigen Doppelkopf den flimmernden Unterhaltungen des Fernsehens vor. Und außer Hauses, etwa in der "Rheinlust", spielt er einen überlegten, fachmännischen. trockenen Skat, tituliert seine Kartenbrüder "Freunde der Volksmusik", riskiert plötzlich ein Kontra, handelt sich ein Re ein, verliert womöglich und sagt beim Ausrechnen des teuren Spieles, so was gehöre eigentlich "vor die Menschenrechtskommission

In alledem verbirgt sich eine nicht sonderlich strahlkräftige, aber völlig verläßliche, fest fundierte Menschlichkeit. Es gibt wohl kaum einen aufrichtigeren Freund als Gustav Heinemann, wenn er erst einmal Vertrauen gefaßt hat.

Als er 1950 nach dem Bruch mit Adenauer ein paar Tage in die Schweiz fuhr, hinterließ er seinem späteren Sozius und politischen Kampfgefährten Dr. Diether Posser, den er damals kaum kannte, die Hausschlüssel und den Auftrag, alle eingehende Post zu öffnen und zu sichten. Und nach seinem Amtsantritt als Justizminister machte er die Runde bei sämtlichen 430 Bediensteten auf der Bonner Rosenburg und nahm sich für jeden einzelnen ein paar Minuten Zeit.

Heinemann kann kurz sein, aber verletzend nicht. Er schreit auch niemand an, bestimmt nicht rangniedrige Untergebene. Die Sekretärin in seinem Essener Anwaltsbüro hat er ein einziges Mal zum Weinen gebracht und ihr gleich darauf Pralinen gekauft -- was eher noch ungewöhnlicher war. Und seinen Bonner Fahrer pflegte er eine Zeitlang morgens mit ins Godesberger Bad zu nehmen, um ihm dort persönlich das Schwimmen beizubringen -- jene tägliche Übung, die dem 69 Jahre alten Heinemann (nächst dem Mittagsschlaf) sein physisches Stehvermögen erhält.

Sich aufzuregen über menschliches Versagen ist sowieso nicht seine Art -- nicht wegen Mangels an innerer Beteiligung und schon gar nicht aus Zynismus, sondern zufolge einer Eigenschaft, die er für schlichten Realismus hält: Einsicht in die prinzipielle Unvollkommenheit des Menschengeschlechts "Das könnt ihr alles schon in der Bibel lesen." Nur Heinemanns Magen verschließt sich zuweilen dieser höheren Einsicht und registriert mit nervöser Empfindlichkeit Erschütterungen, die an der Oberfläche nicht sichtbar werden.

Aber der wahre Seismograph. Interpret und schließlich Korrektor der Befindlichkeit des Gustav Heinemann ist wohl doch Hilda Heinemann, seine Frau. Der Rapport zwischen den beiden lebt offenkundig nicht allein von 42 Ehejahren. vier erwachsenen Kindern und dem Dutzend Enkeln soviel das bedenken mag. Er lebt aus gemeinsamen Überzeugungen.

Hilda Heinemann, nach eigenen Angaben 1896 geboren und mütterlicherseits Schweizerin, verkörpert eine auf den ersten Blick ganz unwahrscheinliche Verbindung aus großer Dame, naiver Mütterlichkeit, trainiertem Intellekt und einer geradezu mädchenhaft bedingungslosen Hingabe an den Mann. dem sie gefolgt ist.

Sie hat ihn in Marburg kennengelernt, wo er damals Referendar war, während sie Germanistik, Geschichte und Theologie studierte und auch noch ihr Staatsexamen machte, denn sie wollte eigentlich Studienrätin werden. Seither aber erfüllt sie eine Art Komplementärfunktion im Leben des Gatten, und zwar keineswegs nur in seinem leiblichen Leben.

"Moderne Malerei. moderne Literatur und moderne Theologie" gibt sie an, wenn Reporter nach ihren Interessen fragen. Daheim in Essen, wo die Heinemanns in der Schinkelstraße seit mehr als drei Dezennien ein angejahrtes Mietshaus bewohnen, hängt sie Chagall und Picasso neben die Familienbilder, und neben dem papierübersäten Schreibtisch im Bonner Einzimmer-Apartment ihres Mannes hat sie amen bunten Druck von Klee angebracht, obwohl der Hausherr das von einem Freund gemalte gegenständliche Landschaftsbild an der Wand gegenüber viel lieber mag. Gelegentlich unterschiebt sie ihm auch Günter Graß oder dergleichen, ob er nun darin liest oder nicht.

Sie archiviert schon lange in bis dato 89 Leitz-Ordnern und nach eigener Auswahl, was ihr aus der Tagespublizistik bewahrenswert erscheint. Und seit Gustav Heinemann für das Amt des Bundespräsidenten kandidiert, überwindet Hilda Heinemann auch persönlich alles akademische Mißtrauen gegenüber den Massenmedien, gibt nicht nur auflagenstarken, sondern auch obskuren Zeitschriften lange Interviews, geniert sich nachher ein bißchen über die Plattheiten, die sie gesagt haben soll, und findet das alles im Grunde doch wichtig und aufregend, zuweilen sogar vergnüglich.

Freunde der Familie meinen, daß Gustav Heinemanns enge Bindung an die evangelische Kirche nicht zuletzt aus dem Dialog mit seiner Frau erwachsen sei. Das mag so sein, auch wenn die alltäglichen Redewechsel der beiden -- quick und eingefuchst und voller Flachs -- davon nichts ahnen lassen. Aus Heinemanns Elternhaus, das keineswegs kirchlich gesonnen war, stammt diese Bindung jedenfalls nicht. Er selber gehörte in jungen Jahren dem freigeistigen Monistenbund an. Und auch nachdem er Hilda geheiratet hatte, blieb er noch eine ganze Weile so kanzelscheu, daß seine Kinder Grund zu der Frage hatten: "Gehen eigentlich bloß Mütter in die Kirche?"

Als seine älteste Tochter Uta während des Theologiestudiums zum Katholizismus übertrat (sie ist heute Dozentin an der Pädagogischen Hochschule in Neuß), nahm Heinemann ihr dies keineswegs krumm. Er kaufte ihr später sogar ein Haus.

Was ihn schließlich zu einem bedeutenden Mann der Kirche gemacht hat,

* Mit Pastor Niemöller (links) auf einer politischen Versammlung In Frankfurt. zum zeitweiligen Mitglied des Rates der EKD und Präses der Gesamtdeutschen Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland -- das läßt sich zumindest dramaturgisch nicht fixieren. Ein Schlüsselerlebnis gibt es da nicht. "Ich war", so Heinemann, "damals allmählich dahintergekommen, daß das Evangelium Wahrheit und Realität ist." Kein Mythos fasziniert ihn, sondern "der große Realismus der Bibel, vor allem in der Beurteilung von Menschen.

Fasziniert hat ihn damals, als die Wirren Weimars dem Terror der Nazis wichen, schließlich und vor allem der christliche Realismus des schlichten Essener Pfarrers Friedrich Gräber. Denn der konnte nicht nur predigen, daß die Fetzen flogen, er konnte auch einer Kuh beistehen, die Blähungen hatte. Der konnte nicht nur im Essener Börsensaal Gottesdienst halten, nachdem die Nazis ihn aus der angestammten Pauluskirche vertrieben hatten, er konnte auch bedürftige Bauern ansiedeln oder kranke Kumpels verarzten.

Auf diesen Friedrich Gräber führt Heinemann vieles zurück -- nicht nur sein eigenes Engagement an die Bekennende Kirche (für die er zur Nazi-Zeit in seinem Keller eine kleine Druckerei versteckte), sondern auch so manchen Leitspruch, dem er heute noch folgt. Diesem zum Beispiel: "Wer nicht bekennt, bleibt einsam. Wer aber bekennt, der findet den Bruder."

Nun hört sich das Wort "bekennen" in Heinemanns Mund freilich mehr nach "Farbe bekennen" an als nach großer Konfession. Und Farbe bekennen -- das ist für ihn auch ein politisches Motiv, eigentlich sein einziges. Er nennt es "Politik aus christlicher Verantwortung": die Pflicht eines jeden Christen, das für richtig Erkannte auch öffentlich, auch in der Res publica, zu betreiben. Einen anderen Grund, in die Politik zu gehen, hat er nie gesehen.

Dabei ist er in diesem Punkt sogar erblich belastet: Der Vater war Essener Stadtverordneter, und von der Mutter her hat er republikanische Revolutionäre in der Verwandtschaft. Sein Großvater hat ihm oft das Lied des landflüchtigen Achtundvierzigers Hecker vorgesungen: "Er hängt an keinem Baume, er hängt an keinem Strick. er hängt nur an dem Traume der schwarz-rot-goldenen Republik."

Und immerhin hat diese betont schwarz-rot-goldene Erziehung den Marburger Studiosus Heinemann dazu gebracht, sich heim Kapp-Putsch aktiv

und manchmal abenteuerlich -- mit den Schwarz-weiß-roten anzulegen. Aber er selber bezeichnet dieses frühe, militant politische Engagement als "punktuell". Ihm fielen damals durchaus noch andere Methoden ein, etwelchen Dissens mit den herrschenden Verhältnissen auszudrücken.

So kamen anno 1920 bei einem Spaziergang "mit Mädchen und mit Klampfen" vier späterhin recht gegensätzliche Kommilitonen auf die Idee, dem verschlafenen, reaktionären Marburg vermittels einer Zeitung bange zu machen: Wilhelm Röpke, später ultraliberaler Theoretiker der freien Marktwirtschaft; Viktor Agartz, später ultralinker Gewerkschaftsideologe; Ernst Lemmer, später Kalter Krieger vom Dienst; und Gustav Heinemann, später (unter anderem) CDU-Bundesminister, dann SPD-Bundesminister.

Die vier schrieben und veröffentlichten, fast ohne Geld, die "Marburger Stadtbrille", Einzelverkaufspreis 30 Pfennig, Motto: "Angehörige aller Parteien, veräppelt euch!" Das Blatt brachte ausschließlich frei erfundene Meldungen, in denen tatsächlich existierende Marburger Bürger unter voller Namensnennung durch den Kakao gezogen wurden.

Trotzdem passierte den Autoren nichts; denn hinter dem verantwortlich zeichnenden Verlag "Th. Brandt, Lübeck, Holstenstraße" verbarg sich eine Lübecker Bardame, die ein enger Freund der "Stadtbrille"-Redaktion -- der abgebrochene Fähnrich und linke Pamphletist Henning Duderstadt -- für den Liebesdienst gewonnen hatte, notfalls als Sitzredakteuse einzuspringen.

Als der Spaß dann zu erlahmen begann, kam der nämliche Duderstadt auf die Schnapsidee, die "Stadtbrille" dem Zeitungsmagnaten Alfred Hugenberg zum Kauf anzubieten. Er verfaßte eine ernsthaft klingende Offerte und ließ sie vom minderjährigen Sohn seiner Zimmerwirtin, Hänschen Kappes, unterschreiben. Der wiederum bekam tatsächlich eine eigenhändig gezeichnete Antwort von Hugenberg mit Bekundungen des Interesses und der Bitte um Einzelheiten, die es gar nicht gab.

Gustav Heinemann, Kandidat für das höchste Staatsamt der Bundesrepublik, erzählt diese Geschichte mit offenkundigem Vergnügen; und zu den leisen Zweifeln seiner Frau, ob die Mehrheit der deutschen Menschen so was wohl komisch finden werde, sagt er bloß: "Ach, ich hab" solche Streiche doch gern gemacht." Er verstellt sich nicht, bloß um Punkte zu gewinnen -- bei wem auch immer. Er hat das nie getan. Ich glaube, er kann es einfach nicht.

Er hat es, nebenbei, auch gar nicht nötig. Zunächst einmal ist ja die Industrie sein Geschäft gewesen, und das hat sich ausgezahlt. "Ich kann", sagt er heute, "ohne Arbeit leben."

Gustav Heinemann hat es weiter gebracht als sein Vater, der bei Krupp Leiter der Betriebskrankenkasse war und zuletzt (als Nichtakademiker) Prokurist. Der Sohn hat gleich zweimal promoviert: 1921 in Marburg (über die "Spartätigkeit der Kruppschen Werkssparkassen") zum Dr. rer. pol. und 1929 in Münster (über "Verwaltungsrecht am fremden Vermögen") zum Dr. jur.; dazwischen liegt, 1926, die große juristische Staatsprüfung. Und bei seiner Firma, den Rheinischen Stahlwerken in Essen, war er, von 1928 bis 1949, nicht bloß Justitiar, sondern später, als Vorstandsmitglied, auch Leiter der Hauptverwaltung. Dort hat er, in seinen "fetten Jahren" (Heinemann), etliches über 100 000 Mark pro anno verdient, jedenfalls mehr als ein Minister.

Politik bedeutet ihm also keinesfalls Karriere. Für ihn gehört es eben mit zur christlichen Verantwortung, daß man auch im öffentlichen Leben mithilft. mit dabei ist, nach den Gaben, die man nun jeweils mal hat oder auch sich zuschreibt" und die er "Gottes Platzanweisungen" nennt. Und das "führt dann einfach auch in das Hantieren hinein". Wozu bei Gustav Heinemann nach dem Zusammenbruch 1945 noch die -- unverhohlen patriotische Erkenntnis gekommen ist, daß es "unmöglich" sei, "den Neuaufbau unseres Lebens nur durch fremde Militärregierungen gestalten und vollziehen zu lassen.

Politik bedeutet ihm aber auch nicht Weltanschauung. Gerade weil er sich in seinem öffentlichen Wirken auf "Gottes Platzanweisungen" verläßt, ist die politische Praxis für ihn "etwas Vordergründiges, nichts Letzliches. und in dieser Vordergründigkeit kann man sich nicht so weltanschaulich fixiert fühlen".

Das gilt für politische Ämter wie für politische Parteien. Zwar kann man das Hantieren, von dem er spricht, "sinnvollerweise überhaupt nur in Mannschaften, also in Parteien, betreiben", aber Weltanschauungsgemeinschaften können und sollen das nicht sein: "Es genügt, daß man, aus welchen Ansätzen, aus welchen Motivierungen auch immer, gleiche Ziele verfolgt ... solange es eben geht."

Politische Parteien und politische Ämter zu wechseln, ist für Gustav Heinemann also keine Lebensfrage, kaum ein Problem. Er war, während er noch hauptamtlich bei Rheinstahl im Direktorium saß, nebenher erst Bürgermeister, dann Oberbürgermeister von Essen (erst als Vize, dann als Chef des Kommunisten Heinz Renner) und schließlich, für eine von vornherein begrenzte Zeit, Justizminister von Nordrhein-Westfalen, im Kabinett seines Freundes Karl Arnold. Um einer Bundestagskandidatur willen mochte er (1949) Rheinstahl nicht aufgeben; aber Adenauer brauchte ihn, als prominenten Protestanten und vor allem als Präses der EKD-Synode, dennoch im Bundeskabinett, und Heinemann tat schließlich mit, obwohl ihn das gut

* In Essen, auf den Schichtwechsel der Rheinstahl-Kumpel wartend.

zwei Drittel seines Einkommens kostete.

Und was Parteien und Parteiungen angeht, so kann er wenigstens fünf herzählen, in denen er bislang aktiv war: Auf der Universität gehörte er zur "Deutschen Demokratischen Studentengruppe"; Anfang der dreißiger Jahre hing er dem "Christlich-Sozialen Volksdienst" an, einer Art evangelischen Zentrums ohne numerischen Belang; 1933 wählte er, um die Nazis so gut wie möglich abzuwehren, sozialdemokratisch; nach dem Krieg zählte er zu den Mitbegründern der CDU; 1952 verließ er die Union und gründete, zusammen mit der ehemaligen Zentrumsvorsitzenden Helene Wessel, die "Gesamtdeutsche Volkspartei"; 1957 löste er diese, mangels Erfolges in der Sache und beim Wähler, wieder auf und ging in die, ehedem von ihm abgelehnte, SPD.

Jeden Berufspolitiker im herkömmlichen Sinne würde dieser Werdegang zu Recht in den Geruch der Grundsatzlosigkeit" wenn nicht des Opportunismus bringen. Nicht so Heinemann. Denn seine Grundsätze entstammen eben gar nicht dem politischen Bereich, sie lassen sich allenfalls darauf anwenden. Für ihn handelt ein Politiker "aus seiner letzten Verwurzelung, aus seiner letzten gewissenhaften Überzeugung".

Außerdem weigert sich Heinemann, dem Fachgebiet Politik eigene Gesetze, eigene Maßstäbe oder gar eine eigene Moral zuzugestehen. Auch in diesem Punkt bezieht er sich auf Friedrich Gräber, der einmal gesagt hat: "Der Zweck heiligt die Mittel? Doch nur, wenn der Zweck heilig wäre." Und die angeblich so speziellen Probleme der Politik stellen sich Heinemann nur allzu oft als die menschlichen Probleme der Politiker dar.

Daraus ergibt sich für den praktizierenden Politiker Gustav Heinemann zweierlei: einmal ein besonders hohes Maß an Kompromißbereitschaft und Toleranz gegenüber den sachlichen wie den personellen Konflikten der Tagespolitik. Er ist ganz Pragmatiker, wenn es etwa darum geht, "ob ein Steuersatz so oder so genommen wird, ob man Straßenverkehrsregeln so oder so macht", ja sogar ob die SPD, und er mit ihr, sich entgegen früheren Versicherungen an einer Regierung beteiligen soll, der auch Franz-Josef Strauß angehört.

Zum anderen aber ergibt sich daraus völlige Kompromißlosigkeit in allen den Entscheidungen, die aus der "letzten gewissenhaften Überzeugung" heraus getroffen werden müssen. Es sind dies, für den Politiker Heinemann, nicht viele; er findet, daß mit dem Begriff "Gewissensfrage" in der Politik ohnehin viel zu leichtfertig umgegangen wird. Aber die atomare Bewaffnung der Bundeswehr oder die Wiedereinführung der Todesstrafe zum Beispiel hätten zweifellos den Rücktritt des Justizministers Heinemann zur Folge.

Auch Adenauers Angebot an die Alliierten, die Bundesrepublik wiederzubewaffnen, das 1950 den Rücktritt des Innenministers Heinemann zur Folge hatte, war für ihn eine Gewissensfrage -- nicht wegen der viel beschriebenen Manier, in der Adenauer das Kabinett dabei überspielte, sondern vielmehr aus Gründen der "letzten gewissenhaften Überzeugung".

Die wiederum war -- und ist -- keineswegs identisch mit Pazifismus. "Programmatischer Pazifismus", so Heinemann bereits 1950, "entspricht nicht dem Auftrag des Staates, der auch gegen äußere Feinde schützen soll." Und dazu braucht er Soldaten -- in deren Reihen Gustav Heinemann zweimal gestanden hat: 1916, mit 17 Jahren, im F. A. Regt. 22 in Münster, zwar bloß als Gemeiner, aber immerhin als bester Richtkanonier seiner Einheit; und 1920 in Marburg bei den republikanischen Zeitfreiwilligen, die immerhin auch Gewehre hatten, um notfalls damit auf "Putschisten zu schießen. Die Bundeswehr mag ruhig sein: Der Kandidat Heinemann hat gedient.

Sein Protest gegen das Angebot der Wiederbewaffnung war damals, zum ersten, moralisch motiviert: "Wir stehen auf einem tiefen Untergrund von Schuld, den wir nicht dadurch ausräumen, daß wir ihn vergessen. Von ihm aus haben wir uns zu fragen, ob wir unser Vertrauen schon wieder auf Waffen setzen dürfen, nachdem sie uns um deswillen, was wir mit den Waffen angerichtet haben, zum zweiten Mal aus der Hand geschlagen wurden."

Heinemann sah die Deutschen damals In der Lage eines eben erst entwöhnten Alkoholikers, dem man eine volle Pulle direkt vor die Nase stellt: "Da, du mußt wieder saufen!"

Der Protest richtete sich, zum zweiten, also gegen den Zeitpunkt der Wiederbewaffnung, genauer: gegen die militärische Bündnispolitik der Bundesregierung, die Heinemann als einen weiteren, entscheidenden Schritt des von Adenauer kommandierten "Westabmarschs" der Bundesrepublik sah -- als einen neuen Beweis dafür. daß Adenauer gar nicht versuchen wollte, bei den Russen Möglichkeiten einer Wiedervereinigung des Bonner Staates mit der Ostzone zu erkunden, bevor er die Bundesrepublik auch militärisch fest in den Westblock eingefügt hatte.

Es war ein früher Aufstand gegen die lebensgefährliche Illusion des "Roll back", gegen den damals zum Dogma erklärten Irrglauben, man könne die Sowjets nur durch konsequentes Rüsten -- und nicht etwa durch Konzessionen an ihr Sicherheitsbedürfnis -- zum Verzicht auf das Faustpfand Mitteldeutschland bewegen.

Ein solcher Protest war Anfang der fünfziger Jahre in Westdeutschland politisch nicht ungefährlich. Heinemann erfuhr das; er erlebte, "wie der sogenannte Pluralismus sich wirklicher "Abweichler" entledigt und wie eine Verdrängernation den Angriff auf ihr trübes Selbstverständnis ahndet" (Rühmkorf): Rheinstahl mochte ihn nach seinem Bruch mit Adenauer den Aktionären nicht mehr als Spitzenmanager zumuten und fand ihn finanziell ab. Die EKD-Synode wählte ihn (1955) nach seinem Austritt aus der CDU und nach Gründung der GVP nicht wieder zum Präses -- wegen parteipolitischer Betätigung.

Heinemann hielt den Protest dennoch durch -- und zwar indem er sein moralisches Motiv mit Hilfe neuer "Mannschaften" politisch "hantierbar" zu machen versuchte. Was zweimal mißlang.

Erstens beteiligte er sich, im November 1951, an der Gründung einer "Notgemeinschaft für den Frieden Europas", eines (heute noch bestehenden) eingetragenen Vereins, der zum Schutz gegen kommunistische Unterwanderung nur zehn Mitglieder hatte. Als Geschäftsstelle diente Heinemanns, gleichfalls neu gegründete, Essener Anwaltspraxis, wo Sozius Posser für ein Anfangsgehalt von 300 Mark auf einer für 150 Mark antiquarisch erworbenen "Underwood" die ersten Briefe tippte. Die "Notgemeinschaft" brachte um die 200 000 Unterschriften unter eine Petition gegen die westdeutsche Aufrüstung zusammen -- und verzichtete dann darauf, sie dem Bundestag vorzulegen, denn der Verfassungsschutz harrte allzu begierig der Unterschriftenlisten.

Zweitens lief) sich Heinemann im November 1952 auf die Gründung der "Gesamtdeutschen Volkspartei" ein, obwohl Zeit und Geld für eine effektive Kandidatur zur Bundestagswahl 1953 fehlten. Dieser Mangel vorführte ihn zu einem Wahlbündnis mit dem von Altreichskanzler Wirth repräsentierten, kommunistisch gesprenkelten "Bund der Deutschen", von dem er rund 400 000 Mark zur Wahlkampffinanzierung annahm -- gegen die ehrenwörtliche Versicherung, daß es sich nicht um Ost-Geld handle. Aber der deutsche Wähler wollte 1953 keine Experimente, schon gar keine linken. Die GVP blieb weit unter der Fünfprozentklausel.

Heinemann hat damals ein gutes Dutzend Prozesse gegen üble Nachredner führen müssen, die ihn und die GVP der Ost-Finanzierung und der Ost-Steuerung verdächtigten. In seiner Brieftasche verwahrt er -- als "Kampfgepäck" -- noch heute einen kleinen Zettel, auf dem alle diese Prozesse verzeichnet sind. Er hat nicht einen einzigen Prozeß verloren. Dennoch hat sich, wohl nicht nur bei Richard Jaeger von der CSU, die Meinung erhalten, Heinemann sei "auf dem linken Auge blind". Er selber nimmt das mit Rabatt: "Ich muß zugeben, daß ich auf dem linken Auge etwas kurzsichtiger bin als auf dem rechten. Das weisen schon meine Brillengläser aus."

Zynismus ist das nicht. Dabei hätte wohl kaum ein Politiker der deutschen Nachkriegsgeschichte mehr Grund gehabt, zum Zyniker zu werden. Als Gustav Heinemann 1957 die GVP auflöste und in die -- auf Godesberg zumarschierende, der marxistischen Ersatzreligion entwachsene -- SPD eintrat, da glaubte dem Kanzler Adenauer keiner mehr, daß die Sowjets in Deutschland zu Kreuze kriechen würden, sobald die Bundesrepublik "in Nato" sei -- und der SPD-Abgeordnete Heinemann fragte ihn deswegen 1958 in einer der stärksten Reden, die im Bundestag je gehalten worden sind, ob er nicht "nachgerade zurücktreten" wolle. Ein sowjetisches Verhandlungsangebot wie das vom Mai 1952, für dessen Erprobung das CDU-Mitglied Heinemann damals vergebens gefochten hatte, würde den Kanzler Kiesinger, wenn er es heute bekäme, zweifellos zum größten Verhandler aller Zeiten machen.

Heinemann sieht das wohl; und ei" würde sich gewiß freuen, "wenn man nachträglich würdigen möchte, was ich einmal in früheren Jahren politisch anzubringen versucht habe". Aber mehr auch nicht. Zur Verbitterung ist er ganz unfähig. Dazu ist ihm Politik eben zu vordergründig", zuwenig dauerhaft. "Wie schnell ist da ein Szenenwechsel mit all dem verbunden. Ich bin nicht so aufgeregt in der Politik, bin ich gar nicht."

Enttäuschung, wenn man das überhaupt so nennen will, empfindet er nicht so sehr über einzelne politische Fehlentwicklungen, sondern vielmehr über einen generellen Mangel an moralischer Regeneration. " Es wäre doch meines Erachtens gerade nach diesem schrecklichen Dritten Reich und diesem Krieg eine viel tiefer greifende Besinnung notwendig gewesen Und wo immer er Zeichen für solche

* Mit dem SPD-Vorsitzenden Erich Ollenhauer (links) und der ehemaligen Zentrumsvorsitzenden Helene Wessel unter einem Bild Kurt Schumachers, 1957.

** Links: Nach einer zweistündigen Rede im Münchner Löwenbräukeller. 1952: rechts: beim Tauziehen mit Essener Stadtverordneten. 1949.

Besinnung zu sehen glaubt, da ist er sogleich engagiert.

Weit mehr als die politischen Themen des Tages fesseln ihn darum zum Beispiel alle Nachrichten über das Aufbegehren katholischer Priester und Laien wider den Vatikan -- gerade weil er ein wenig von dieser Unruhe auch der evangelischen Kirche "auf den Hals wünschen" möchte. Zu diesem Thema schneidet er sich kleine Meldungen aus der Zeitung, die politische Normalverbraucher bestimmt überlesen würden. "Zu verfolgen", sagt er, "wie die Kirchen sich wandeln, zum Beispiel diese sehr aufregenden Vorgänge in der katholischen Kirche nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil zu beobachten, halte ich für viel wichtiger als all diese Balkenüberschriften in all den Tageszeitungen."

Das ist, und das war wohl immer sein wahres Thema eins. Er nennt es die "Entmythologisierung" -- soll bedeuten: die Entzauberung der heiligen Kühe, die Ernüchterung des Denkens um der Wahrheit willen, die Entrümpelung der Kirche um Gottes willen.

Gustav Heinemann nimmt sich die Freiheit eines Christenmenschen" seine Kirche daran zu erinnern, daß ihr nirgendwo in der Bibel verheißen sei, sie werde hienieden triumphieren, sie sei die große Herde. "Der christlichen Gemeinde bleibt, wenn sie- es selber vergißt, immer wieder zu sagen, daß sie auf dem Nichts stehen soll und darf und daß ihr Anspruch an die Menschen nicht weiter greift, als die Botschaft des Evangeliums sie erfaßt hat."

Hierzulande, findet Heinemann, "laufen die Kirchen rum mit einem Hut, viel zu groß, der rutscht ihnen über die Ohren runter". Das statistische Rechnen damit, daß 90 oder 95 Prozent der Bewohner dieses Landes Christen seien, hält er nicht für eine gültige Definition der christlichen Substanz. "Wir leben nicht mehr in einer Gesellschaft, die so eindeutig vom Christlichen, von der christlichen Ethik her geprägt wäre, wie das in vergangenen Zeiten der Fall war. Heute gelten sehr unterschiedliche Auffassungen, und die Kirche sollte da ... kein Privileg fordern."

Das ist der eigentliche Grund für die politische Position des Justizministers und Strafrechtsreformers Heinemann: daß nämlich längst nicht alles, was gegen die christliche Ethik verstößt, von Staats wegen mit Strafe bedroht werden dürfe. Deshalb gehören beispielsweise Gotteslästerung, Ehebruch und Homosexualität zwischen erwachsenen Männern nach seiner Überzeugung nicht ins Strafgesetzbuch. Er glaubt, "daß die Kirchen sich selber einen sehr schlechten Dienst tun, wenn sie für ihre besonderen Auffassungen strafrechtlichen Schutz in Anspruch nehmen", wenn sie "politischer Schleppenträger für einen Teil des Volkes" werden.

Umgekehrt beharrt Heinemann darauf, daß es nicht Sache des Staates oder gar einer politischen Partei sei "in Ersatzreligion zu machen". Gegen das C im Firmenschild der CDU hat er schon 1947 Bedenken erhoben. Nach seinen Maßstäben gibt es keine christliche Partei, auch keinen christlichen Staat, nicht einmal eine christliche Politik. Sondern: "Es gibt Christen." Und Christen können zu politischen Problemen grundverschiedene Meinungen haben, ohne daß dadurch ihre christliche Grundhaltung berührt würde.

Der Staat hat für Gustav Heinemann erst recht nichts Mythisches: "Der Staat ist die Notordnung gegen das Chaos."

Um diese Ordnung geht es ihm, um die freiheitliche Lebensform, nicht um "den Staat" als Abstraktum der Autorität. Dieser Staat ist nicht um seiner selbst, sondern um seiner Verfassung willen wertvoll für Gustav Heinemann. Die nämlich hält er für "ein großes Angebot"; die will er geachtet und die will er geschützt sehen. Denn sie ist, so fürchtet er, Gefährdungen ausgesetzt, nicht "der Staat".

Gustav Heinemann hat einmal gesagt, es sei uns von den Großvätern "etwas von der Freude überkommen, die sich mit der unter Bismarck endlich erreichten Einheit verband". Das mag nicht hinreichen, ihn der CSU als einen Patrioten zu empfehlen. Aber es mag helfen zu erklären, warum er diesen Teilstaat Bundesrepublik als etwas freudlos Vorläufiges empfindet, als ein Durchgangsstadium -- als das Provisorium eben, als das die Bundesrepublik von den Vätern des Grundgesetzes einmal gemeint war.

Wer sich daran heute noch hält, setzt sich freilich der Gefahr aus, insgeheim entweder für einen schwärmerischen Illusionär der Wiedervereinigung oder für einen vaterlandslosen Gesellen zu gelten -- vor allem natürlich, wenn er für das Amt des Bundespräsidenten kandidiert. Heinemann ist gesonnen, das -- besten Gewissens -- zu ignorieren. Und die Frage, ob er diesen Staat denn nicht liebe, macht ihn beinah böse: "Ach was, ich liebe keine Staaten, ich liebe meine Frau; fertig!"

Aber nicht einmal seine Frau vermag zu sagen, ob ihn die Aussicht, der erste Repräsentant eben dieses Staates zu werden, nun beschwere oder ob sie ihn verlocke. So wenig hat diese Aussicht ihn verändert, daß Hilda Heinemann einmal, als ein fremder Interviewer den Gatten nach dessen Ambition auf das höchste Staatsamt fragte, in den spontanen Ruf ausbrach: "Ja, sag mal, Gustav, wie ist es denn nun eigentlich?"

Es ist so: Der Kandidat Heinemann ist für uns Deutsche eine Chance -- eine unverdiente Gelegenheit, moralische Autorität und staatliche Autorität wieder zu vereinigen. Das ist nicht seine Chance, es ist unsere. Man wird sie eines Tages vielleicht historisch nennen -- besonders wenn wir sie verpassen.


DER SPIEGEL 3/1969
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NICHTS ANSTELLE VOM LIEBEN GOTT