20.01.1969

„POETISCHE RACHE FÜR DAS DEUTSCHE VOLK?“

Was er sagt, klingt furchterregend:
Ich bin ein ausgebildeter Geheimdienstoffizier." Und: "Ich kann einen Mann in zwei Sekunden töten, ohne Spuren zu hinterlassen." Und: "Ich werde Hochhuth in Stücke reißen."
Der so spricht, war Filmfreunden bisher als der argentinische Schauspieler und Lilli-Palmer-Gatte Carlos Thompson vertraut; mit schmalen Lippen, kühner Nase und Strahlblick hatte er sich vor allem in die Herzen deutscher Frauen gespielt -- mit Filmwerken wie "Flammende Sinne" oder "Ich war ihm hörig". Ab und an sang er auch, etwa: "Si, Senor".
Dieser, der Welt zum Frohsinn geschenkte Mensch tritt nun in völlig anderer Mission ans Licht. Gewappnet wie James Bond, ein elastischer Mittvierziger, seit einiger Zeit von der Bürde filmischer Tätigkeit befreit, will er einen Dr. No entlarven -- den Churchill-Dramatiker Rolf Hochhuth, 38. "Es ist meine Pflicht, aus ihm einen tragischen Witz zu machen."
Im Historienspiel "Soldaten" (SPIEGEL 42/1967) hatte Hochhuth, zur Verwunderung der Welt, den britischen Kriegspremier der Komplicenschaft an einem politischen Mord geziehen: General Sikorski, der Chef der polnischen Exilregierung in London, sei mit Churchilis Billigung vom Secret Service gemeuchelt worden.
Sikorski, so argumentierte Hochhuth, habe wegen seiner sowjetfeindlichen Gesinnung die Allianz Churchill-Stalin gefährdet. Am 4. Juli 1943, beim Start von Gibraltar, stürzte Sikorskis Flugzeug ins Meer; der einzige Überlebende, der tschechische Pilot Prchal, nannte die verklemmte Steuersäule als Ursache des Desasters.
Londons Nationaltheater-Chef Sir Laurence Olivier und sein Dramaturg Kenneth Tynan hatten seit dem Frühjahr 1967 um die Freiheit gerungen, Churchilis schwankendes Charakterbildnis auf die Bühne zu bringen; maßgebliche Greise suchten sie zu hindern. Vergangenen Monat schließlich war in London Premiere; Hochhuth bekam, anders als daheim, fast durchweg gute Kritiken.
Vom "Sunday Telegraph" aber bekam er die neunschwänzige Katze.
Aus einem Buch, das im April erscheinen soll, druckte das Blatt Passagen ab, die Hochhuth zum Gespött machten. Er erscheint als ängstliches Männlein, das allerorten Geheimdienstmänner wittert und sich Sikorskis Ende so ausmalt: Agenten mit Äxten schlachten noch auf der Piste die Polen ab, dann steuert Prchal das Leichenflugzeug ins Meer.
Carlos Thompson, der Verfasser dieses Buches (Titel: "Der Mord an Churchill"), reagiert gelassen auf die Verwunderung über sein neues Rollenfach. "Den Schauspieler Thompson", erklärt er einfach, "hat es nie gegeben"; in Wahrheit sei er "dafür geboren, Schriftsteller, Denker, Politiker und so weiter zu sein
Dafür hat ihn sein Vater "von vornherein dressiert". Der war selbst, erzählt Thompson, Journalist, Geheimdienstchef, Luftfahrtminister und Politiker, "ein Universalgeist". Er starb als Opfer der Perón-Diktatur; dem Sohn hinterließ er: "Du mußt eventuell Präsident von Argentinien werden."
Auch für den "Geheimdienst" habe ihn der Vater "trainiert". Täglich mußte er Schießübungen ablegen, und für leisere Auseinandersetzungen bekam er den Rat: "Wenn du einen Menschen aushorchen willst, darfst du nie Fragen stellen; du mußt erzählen, und dann fängt er selbst an zu reden."
Doch der theatralischen Sendung wegen entsagte Thompson zunächst der angeborenen Berufung. Über Hollywood und England gelangte der polyglotte Schauspieler nach Deutschland, wurde "reich und unabhängig" und erwarb ein Gutshaus im Kanton St. Gallen. Dort schriftstellert er, Frau Lilli malt derweil, zwei Boxerhunde leisten stumm Gesellschaft; Profumo, als er stürzte, suchte in diesem stillen Zirkel Zuflucht.
Auch Sir Laurence Olivier, "ein sehr alter Freund von uns", kehrt zuweilen bei den Thompsons ein. Im April 1967 brachte er ein "acht Pfund schweres Manuskript" mit und äußerte den Wunsch, den Verfasser des brisanten Stückes kennenzulernen -- Hochhuth, den Autor der "Soldaten".
Thompson, der Hochhuth damals noch "bewunderte", stöberte den Dramatiker mit Dürrenmatts Hilfe auf, "durchleuchtete" ihn und vermeldete dem Freunde Olivier: "Der Mann ist absolut echt."
Im Sommer reiste Hochhuth dann zu Sir Laurence Oliviers Landsitz im Seebad Brighton, und als Dolmetsch begleitete ihn Carlos Thompson "Ich habe ihn mir zugezogen", sagt Hochhuth heute, "wie andere sich eine Schleimhautentzündung zuziehen".
Denn von jenem Weekend in Brighton machte sich Thompson Notizen; und was er damals gehört und gesehen haben will, stand jetzt als Buchauszug im "Sunday Telegraph".
Bald nach der Begegnung nämlich überkam Thompson die Einsicht, daß etwas "faul" an den "Soldaten" sei und Hochhuth nicht der "Humanist", für den er ihn gehalten hatte. Nach einem "telepathischen Erlebnis" sprach er zu sich: "Jetzt, Carlos, fang an." Und so begab es sich, daß Carlos Thompson auszog, die Wahrheit über Hochhuth zu ergründen.
Anderthalb Jahre hastet er nun schon durch die Welt, mit seinem "Schlachtroß", einem Mercedes-Coupé 220 S, oder im Flugzeug, das er zuweilen selber lenkt. Über zwei Dutzend Zeugen zwischen Belgrad und Chicago, Prag und Paris, London und Gibraltar habe er vernommen und dabei 45 000 Dollar ausgegeben.
Denn der ambulante Detektiv steigt gern in teuren Hotels ab und trägt Sorge um sein Wohlergehen. "Die meisten Menschen vergessen, daß ihr Körper ihre Geige ist", sagt Thompson. "Damit spielt man die Sonate seines Lebens." Daher schwimmt und turnt er, wo es geht.
Auch sonst ist vieles 007-schön. So führt er in seiner Reise-Ausrüstung ein Photokopiergerät mit sich, und von einem Amerikaner, "der für den Geheimdienst gearbeitet hat", bekam er ein versteckt nutzbares Tonbandgerät.
"Ich habe alle Telephongespräche mit Hochhuth aufgenommen", verrät er "stolz, und einmal hat er den Dramatiker sogar in eine Falle gelockt.
In Berlin, kurz vor der "Soldaten"-Uraufführung (im Oktober 1967), bat er Hochhuth dringlich um ein Rendezvous. Weil die Sache "zu wichtig und zu gefährlich" sei, schlug er vor: "Wir müssen uns allein treffen, in meinem Wagen, an der Siegessäule." Der Wagen war mit Mikrophonen bestückt.
In diesem Gespräch ("103 Minuten Tonband, 42 Seiten in meinem Buch") habe Hochhuth ihn zum "Meineid" aufgefordert. "Unsinn", sagt Hochhuth; er habe Thompson gebeten, seine bisherigen Forschungen preiszugeben.
Auch den britischen Zeitgeschichtler David Irving, Hochhuths Recherchier-Hilfe, befragte Thompson mit verborgenem Gerät. Bei einer Londoner TV-Debatte nach der "Soldaten"-Premiere, in der "David-Frost-Show"" holte Thompson dann das Band hervor, um den Mit-Diskutanten Irving widersprüchlicher Reden zu überführen.
So bahnt sich Thompson, mit goldenem Zwicker und in Kordsamt-Dreß den Weg durch einen Fall, der ebenso mysteriös ist wie die alte Geschichte vom Findling Kaspar Hauser. Nur freilich: Beim Hauser bleibt die Abkunft geheimnisvoll, bei Sikorski der Abgang.
Thompson weiß zwar "immer noch nicht, ob Sikorski von Churchill ermordet worden ist oder nicht". Aber er habe nun "Beweise", daß bei Hochhuth "alles, alles Vermutungen und Erfindung ist".
In der Tat ist Hochhuths Indizien-Kette brüchig, und zuweilen galoppierte ihm die Phantasie davon. Doch was Thompson als Kostproben seiner "Beweise" anbietet, verschlägt auch nicht den Atem; es sind Detailkorrekturen, die Hochhuth zum Teil schon selbst vollzogen hat.
Wie in jedem schlechten Krimi liegt der Schlüssel immer noch beim großen Unbekannten, bei jenem Briten, der im Herbst 1963 an Hochhuth herangetreten sei" ihm "Hinweise" gab und "sich bald zurückzog" (Hochhuth); seine "Aussagen" ruhen, "in mehr als einem Exemplar natürlich", für 50 Jahre in Banktresoren. Bis dahin ruhen wir auch.
An der Glaubwürdigkeit des Namenlosen zweifelt Hochhuth nicht; wären es "falsche Hinweise, dann hätte sich ja nichts gefunden". Nach Rang und Namen könne dieser Mensch auch "nicht daran interessiert sein, die britische Geschichte zu beflecken, etwa zugunsten der russischen"; den Russen stand Sikorski vor allem im Wege.
Nach politischen Gründen für Hochhuths "Rufmord an Churchill" hat Thompson auch gefahndet. Er besuchte das Elternpaar des Dichters im hessischen Eschwege, teilte ihnen mit, daß er ihren Sohn "zu zerstören" gedenke, bat um Darstellung seiner Kindheit und fragte, ob Rolf, damals Pimpf, Parteimitglied war.
Die Erzählungen der Eltern bewiesen ihm schließlich, was er "schon angenommen hatte: daß der Mann eine poetische Rache für das deutsche Volk ausübt". Auch leide Hochhuth unter einem "Trauma", habe "Schuldgefühle" und kenne "keine ruhige Nacht".
Andere sehen das anders. Peter Bander, einer der Direktoren des Thompson-Verlegers (Colin Smythe), hatte vor kurzem einen "deutschen Minister" zu Gast; der erhoffte vom Anti-Hochhuth-Buch, daß es "diesen Deutschenhasser fertigmachen" werde.
Hochhuth, der trotz aller Weltberühmtheit immer noch lieber sein Fahrrad als ein Flugzeug besteigt, schreibt derweil schon an einem Stück, in dem jede Ähnlichkeit mit wirklichen Ereignissen rein zufällig ist. Es handelt von einem US-Rechtsanwalt, der Weltrevolution durch die Unterwanderung des Pentagons anstrebt. "Guerillas" soll es heißen.
Thompson aber will "die Sache durchstehen, auch wenn sie 20 Jahre dauert". Und dann? "Wer weiß, ob ich mit 60 nicht nach Argentinien zurückkehre und doch Präsident werde?" Bange Frage.
* Dieter Borsche als Sikorski, O. E. Hasse als Churchill; in Berlin.
Von Fritz Rumler

DER SPIEGEL 4/1969
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