10.03.1969

SIEBZIG PROZENT REIBEN SICH DIE HÄNDE

SPIEGEL-Reporter Gerhard Mauz im Prozeß gegen Josef Bachmann

Von Mauz, Gerhard

Der erste Eindruck: ein Wicht, ein Kerlchen. Die kleingewachsene, schmale, fast dürftige Figur steckt in einem modisch geschnittenen, dunkelblauen Anzug mit Weste. Das weiße Hemd hat einen Button-down-Kragen. Krawatte und Einstecktuch sind aus einem Dessin. Der Kopf ist frisch frisiert, nahezu onduliert. Doch was man auch mit ihm angestellt oder er selbst mit sich versucht hat: Der ganze Aufwand hebt nur hervor, daß nichts aus ihm zu machen ist.

Der erste Eindruck ist erschreckend. Dieser Josef Bachmann ist einer von denen, die niemand auf der Rechnung hat. Er ist ein Nichts. Doch dieses Nichts ist wegen eines folgenschweren politischen Attentats, wegen versuchten Mordes angeklagt.

Er soll seinen Lebenslauf schildern. Er will nicht und muß dazu überredet werden. "Wie ich aus meinem Lebenslauf ersehe, ist der alles andere als bedeutend." Seine Schüsse haben Rudi Dutschke schwer verletzt und Unruhen ausgelöst, in deren Verlauf in München zwei Menschen zu Tode kamen. Doch er hält seinen Lebenslauf für unbedeutend. "Ja, also meinen Lebenslauf, den sage ich nicht."

Der erste Eindruck hat getäuscht. Dieser Wicht, dieses Kerlchen: er ist kein Nichts. Er ist ein Mensch und leidet daran, in den Augen der anderen und vor sich selbst niemand zu sein. Er hat so sehr gelitten, daß seine Tat ihn nicht einmal vor sich selbst emporgehoben hat. Nicht einmal die Folgen seiner Tat dringen in die Hoffnungslosigkeit, in der er sich selbst gegenübersteht.

Er hat Vorstrafen, doch er ist nicht einmal ein Krimineller. Er ist ein "sozialer Fall". Wir haben uns zurechtgelegt, unter einem sozialen Fall sei ein Mensch zu verstehen, welcher der Allgemeinheit zur Last fällt. Doch dieser Josef Bachmann erinnert daran, daß der soziale Fall zunächst einmal ein Mensch ist, an dem die Sozietät schuldig wurde.

Am 12. Oktober 1944 kam Josef Bachmann zur Welt: unehelich. Er war kein Wunschkind, wie viele Versuche -oder nur Gedanken, aber auch Gedanken sind Taten -- mögen ihm nach dem Leben getrachtet haben, bevor er es "erblickte". Später hat er seinen Vater aufgesucht. Er hatte sich so seine Gedanken gemacht über diesen Vater und wollte wissen, "ob er sich freut, wenn er mich mal sieht". Das Ergebnis: "Niederschmetternd".

Die Mutter hat nach dem Krieg geheiratet. Das Verhältnis zum Stiefvater: "Na ja, das ging." Auf einen läßt er nichts kommen, auf die Mutter. Die Mutter verteidigt er noch vor dem Schwurgericht in Berlin. Sie hat nichts versäumt, wie er sagt, gegen sie hat er keinen Vorwurf.

Er wuchs mit einem Stiefvater auf. Hat der ihn geprügelt?. "Nein, niemals, auf keinen Fall." Josef Bachmann hat seinen Stolz, den Stolz des Menschen, der sich für einen Niemand hält. Er soll seine Kameraden in der Schule gehänselt haben. "Das möchte ich nicht sagen. Unter Jungs Er bestreitet, gelitten zu haben -- und gerade das macht sein Leiden sichtbar.

Schwierigkeiten hat er gehabt, er wuchs in der DDR auf, "weil ich als Kind schon die Erpressungen der Machthaber erkannt habe Er hatte Schwierigkeiten bei den Jungen Pionieren, sagt er, aus politischen Gründen. Doch das werden andere Schwierigkeiten gewesen sein. Er war ein Spucht, ein Winzling, unehelich geboren und mühsam mit einem Vater versehen durch Trauschein: Warum er gehänselt wurde, warum er immer in der Abwehr war und selbst im Angriff in Wahrheit in der Verteidigung: Das ist kein Weiträtsel.

Die Psychologie hat eine Legion von Erkenntnissen beschert, die nicht vollzogen wurden. Die Öffentlichkeit befindet sich gegenüber den mit "Psych-" beginnenden Disziplinen in einer originellen Haltung: Sie weiß, warum das Kind bettnäßt. Doch sie ist nicht bereit, das zu gestatten, was dem Bettnässen des Kindes Einhalt gebietet.

Man weiß, daß traumatische Erlebnisse in der Kindheit und schon zuvor im vorgeburtlichen Zustand Einfluß auf die Entwicklung des Menschen haben: Doch man ist nicht bereit, Konsequenzen aus diesem Wissen zu ziehen. Man sagt: "Das arme Kind. Was wird aus ihm werden?" Doch wenn aus dem Kind geworden ist, was zu erwarten war -- dann macht man aller Erkenntnis zum Trotz das Kind für sein Fehlverhalten verantwortlich. Was Josef Bachmann in seinem Prozeß in Berlin beiläufig an Tiefenpsychologie vorbringt, stößt auf Widerstand. Auf die Meinung: "Nun ja, er will sich auf die Tour mit der Macke herausreden."

Doch er hat einen Schaden einen schwersten Schaden, er gerät in diese Welt, ohne eine Chance in ihr zu haben. Bachmanns Eltern, dieses Paar, das kein Elternpaar ist, gehen in den freien" Westen. Der Junge Josef wird gehänselt in der Schule, er spricht sächsisch, diesen trotz Kiesinger, Gerstenmaier, Heck und anderen noch immer fatalsten deutschen Dialekt. Wie bitter er gehänselt wurde, beweist, daß er in seinem Prozeß in Berlin nur selten das Sächsische anklingen läßt.

"Und dann hatte ich noch meinen sächsischen Dialekt, der hat mir viel zu schaffen gemacht." Mehr sagt er dazu nicht, doch er spricht nicht mehr sächsisch. Bei der Schulentlassung ist er zwei Jahre zurück hinter dem, was von ihm zu erwarten wäre. Er wird in die Bergwerkslehre gesteckt. Knapp über einen Meter sechzig ist er klein. Doch er wollte "mehr lernen, mehr verdienen können". Er sucht Geltung, bricht aus dem Bergwerk aus. Er ist handwerklich geschickt. Es geht ihm um schnelle Mopeds, später um ein schnelles Auto. Immer ist da irgendwo eine Finanzierung, die noch nicht abgeschlossen ist, wenn der Schlitten versagt.

Auslandsreisen mit Freunden. Nach Frankreich, nach Nordafrika, irgendwohin. vielleicht ist es nur der Ort, daß nichts aus ihm wird. Mädchen hat er, so sagt er, dann und wann. Doch sein Unbehaustsein ist zu groß, als daß es durch die Bindung an einen Menschen zu befrieden wäre. Und es taucht die Waffe auf, eine schreckliche, aber keineswegs unerklärliche Sucht nach Bewaffnung.

Die Waffe ist ein unheimliches Instrument. nicht nur was ihren Effekt angeht. Die Waffe kann verborgen getragen werden. Wer dem insgeheim Waffentragenden begegnet, begegnet einem König Laurin, einem Harun al Raschid, einer Macht, die sich verbirgt.

Gaspistolen werden aufgebohrt, Pistolen auf dem schwarzen Markt gekauft. Es geht um die verborgene Macht über die anderen, um das geheime Stärkersein. Und es tritt nun auch auf die Neigung zu Taten, die sinnlos sind, die aber in einer anderen Wertordnung bedeutsames Zeugnis ablegen. In Frankreich springt er einmal in Handschellen ins Mittelmeer, nur um dem Kumpel zu beweisen, daß er kein Schwächling ist.

Josef Bachmann mag, wie die Anklage annimmt, an der unteren Grenze des Intelligenzrahmens angesiedelt sein. Doch die Berechner der Intelligenz pflegen zu übersehen, daß Leiden einen Rang für sich hat: daß es eine unmeßbare Kategorie ist. Und trotzdem eine Realität. Betrachtet man das Gesicht Josef Bachmanns: Die Unterentwicklungen stechen ins Auge, das Unplastische, Ungeformte. Doch was sagt all dies Augenfällige über die Qual aus, mit der einer, mit der dieser Josef Bachmann seine Beschaffenheit erträgt? Nichts.

Er ist, trotz seiner Vorstrafen, nicht einmal ein Krimineller. Er ist ein Leidender. Und mit der Spürsamkeit der Leidenden entwickelt er einen neunten oder zehnten Sinn, wieviel Sinne der Mensch hat, muß entgegen aller Wissenschaft bestritten bleiben -- er entwickelt einen Sinn für den Sinn derer, die es geschafft haben, für die Gemeinschaft, die sich leidlich in ihrem -- scheinbaren -- Erfolg einig ist. Josef Bachmann, gerade weil er ein Niemand ist, wird zu einer Art Medium; entwickelt einen Spürsinn für das, was jene wollen, die ihn ausstoßen. Die ihn für eine Niete halten, für einen Niemand, für ein Nichts.

Am ersten Tag seiner Schwurgerichtsverhandlung in Berlin erklärt er, die "Springer-Presse" nicht gelesen zu haben. Der SPIEGEL, der "Stern" "Pardon" -- das sollen die Gazetten gewesen sein, aus denen er sein Wissen über Rudi Dutschke bezogen haben will. Am zweiten Sitzungstag widerruft er: "Vorneweg die 'Bild-Zeitung' ..." Warum hat er zunächst die "Springer-Presse" exkulpiert? "Ich habe Rücksicht genommen auf die Springer-Presse ..."

Die Springer-Presse, so erklärt er, habe geschrieben, er habe sich am ersten Tag der Sitzung "seiner Tat gerühmt". Das hat ihn derart getroffen, daß er vollständig schweigen will.

Man überredet ihn, doch nun wird der Angeklagte Josef Bachmann zum Ankläger. Und nur Narren können ihn dahin verstehen, daß er die Springer-Presse anklage und niemand sonst. "Sehr viele sind meiner Meinung. Oder richtiger: Ich bin ihrer Meinung. Das ist besser." Josef Bachmann trägt vor, er habe mit seinen Schüssen auf Rudi Dutschke nur ausgeführt, was die meisten wünschten. Josef Bachmanns Äußerungen in seinem Prozeß sind auf den ersten Blick unübersichtlich. Er sei, so behauptet er, nach Berlin gefahren, um mit Rudi Dutschke zu sprechen. Er sei, räumt er ein, ein Mensch, dem es leicht durchgeht. "Wenn was schiefgeht, dann hab" ich was danebengemacht, dann bin ich aus den Wolken raus Doch andererseits, so behauptet er, habe er sich in seinen ersten Aussagen nach dem Attentat auf Rudi Dutschke selbst belastet und seine Schüsse als sorgfältig geplant hingestellt, "weil ich gemerkt hatte, daß ich Sympathien weitester Bevölkerungsmassen hatte". Er will sich zu seinem Attentat bekannt haben, weil er sich davon Vorteile versprochen hat. In Wahrheit, so sagt er jetzt in der Verhandlung, seien seine Schüsse keineswegs vorbedacht, sondern absolut zufällig gewesen.

Es soll, hört man jetzt in Berlin, überhaupt nichts geplant gewesen, sondern alles dadurch entstanden sein, daß Rudi Dutschke auf den Anruf "Du dreckiges Kommunistenschwein" hin "mit einem Hechtsprung" auf ihn losging. Erst, als er sich bedroht fühlte, will er geschossen haben.

Heute will Josef Bachmann einen Ausweg finden, will er abschwächen. Josef Bachmann möchte von dem geplanten Mordversuch herunter, und wer darf ihm das übelnehmen. Das Gesetz honoriert die Wahrheit nicht. Wer die Wahrheit sagt, wer Einblick in seine Motive, in den Ablauf öffnet, handelt sich dafür nichts ein. Wer die Wahrheit sagt, bekommt, was er auch ohne die Wahrheit bekommt.

Die Wahrheit ist jedoch so schlicht wie der erste Eindruck von Josef Bachmann verwirrend." Ich möchte mit Ihnen wetten, daß sich 70 Prozent der Bevölkerung im stillen die Hände reiben Das hat Josef Bachmann kurz nach dem Attentat gesagt. Das hat er gesagt, als er wieder ansprechbar war, in einem Feuergefecht mit der Polizei schwer verwundet und aus Operation und Narkose erwachend.

Er empfand damals, daß Sympathien auf seiner Seite waren. Da hielt er es für geschickt, zu behaupten, er sei "mit dem festen Vorsatz nach Berlin gekommen, Rudi Dutschke umzubringen". Er bestreitet das am ersten Tag der Sitzung. Am zweiten Tag jedoch, die "BZ" hat ihn verraten, wie er meint, bricht es aus ihm hervor: "Wie die Masse denkt" -- nichts anderes hat er ausgeführt.

In die Isolation hinein wurde Josef Bachmann geboren. Kreatürlich hat er gespürt, was die Mehrheit Rudi Dutschke, den Studenten, der Jugend wünschte. Josef Bachmann spürte den Wunsch der Mehrheit und wollte durch eine Tat, die viele ersehnten, die aber keiner wagte, in die Gemeinschaft heimkehren, die ihn nie aufgenommen hatte. So schoß er.

Die Sowjets sind für ihn "die größten Verbrecher". Napoleon und Hitler hält er für "Staatsmänner", die "ein starkes Europa zusammenschweißen" wollten, "um sicherheitsmäßig und stark dazustehen". Und "die anderen haben Dreck am Stecken, was bloß heute, wo wir den Krieg verloren haben, nicht zur Sprache kommt". Wenn schon von Hitlers Verbrechen an den Juden die Rede sein soll: "Dazumal haben sie alle geschrien 'Heil Hitler'."

Links war Rudi Dutschke für ihn, ein Umstürzler, ein Gewaltapostel, ein Kommunist, ein Erzfeind. Dem mußte endlich einer die Antwort der Mehrheit geben. "Meine täglichen Informationen habe ich aus der 'Bild-Zeitung' entnommen", sagt er jetzt verbittert. Seine Tat hat ihm nicht die Rückkehr des verlorenen Sohns verschafft. Gelesenes, Gehörtes, Gespürtes ließ ihn damals wissen, was die meisten wollten. Doch nun distanziert sich diese Mehrheit von ihm, hört er bis zum Überdruß, daß Gewalt keine Antwort auf Gewalt sei.

Rudi Dutschke, der noch immer schwer versehrte, hat ihm geschrieben: "Du wolltest mich fertigmachen, aber auch wenn Du es geschafft hättest, hätten die herrschenden Cliquen von Kiesinger bis zu Springer, von Barzel zu Thadden Dich fertiggemacht." Und am 10. Januar 1969 hat er Rudi Dutschke geantwortet: "Wenn ich Sie richtig verstehe, wollen Sie und Ihre Kommilitonen ein besseres System erreichen als das heutige. Aber jetzt kommt die Frage, was soll das sein, und wie will man etwas ändern, was gar nicht zu ändern geht? Denn die breite Bevölkerungsschicht fühlt sich so wohl, daß sie überhaupt nicht daran denkt, sieh etwas anderes aufschwatzen zu lassen."

Er ist angeklagt, aber er ist auch ein Ankläger. Er ist ein sozialer Fall, doch zuerst ist die Sozietät an ihm schuldig geworden. Er ist allein. Die einen wollen ihn nicht. Zu den andern kann er nicht. Was Gewalt ist, kann nun einer wirklich nicht mehr wissen: dieser Josef Bachmann.


DER SPIEGEL 11/1969
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