10.03.1969

ARCHÄOLOGIE / INDUS-SCHRIFTStempel in Stein

Als der britische Ingenieur William Brunton 1856 die nördliche Strecke der Ostindischen Eisenbahn anlegte, ließ er den Damm aus vorgefertigtem Material aufschütten -- aus Trümmern der Ruinen-Stadt Harappa.
Noch immer donnern im heutigen West-Pakistan die Züge über die Ziegelscherben. Es ist geschichtsträchtiger Schotter. Der sparsame Brite hatte ahnungslos Relikte einer rätselhaften Zivilisation zerstört.
Harappa war Metropole eines tausendjährigen Reiches. Doch von dem Staatswesen, das sich vor vier Jahrtausenden im Indus-Tal weiter ausdehnte als die alten Hochkulturen im Zweistromland Mesopotamien und am Nil, kündet kein Geschichtswerk, keine Sage mehr.
Ende letzten Monats jedoch kam aus dem Skandinavischen Institut für Asienforschung in Kopenhagen neue Kunde von dem verschollenen Volk: Asko H. S. Parpola und drei andere Sprachforscher haben mit kriminalistischer Phantasie und mit Hilfe eines Computers das meistversprechende Zeugnis der Indus-Kultur dechiffriert: die mysteriösen Bilderzeichen der Harappa-Bewohner.
Zum zweitenmal ist es damit gelungen, ein unentwirrbar scheinendes philologisches Rätsel zu lösen.
"Eine unbekannte Sprache in einer unbekannten Schrift kann nicht entziffert werden", hatte die Amerikanerin Dr. Alice Kober vor zwei Jahrzehnten resigniert angesichts der sogenannten Linearschrift B. Aber schon 1953 wurden diese 3500 Jahre alten kryptischen Aufzeichnungen aus Kreta entschlüsselt. Es war ein (bekannter) griechischer Dialekt, nur mit eigentümlichen Silbenzeichen notiert.
Auf einen solchen Glücksfall konnten die Kopenhagener Forscher nicht rechnen, als sie vor vier Jahren mit der Untersuchung der Indus-Schrift begannen. Herkunft und Verbleib des Volkes, das eine hohe Bauern- und Händlerkultur entwickelte, als die Mitteleuropäer noch mit Faustkeilen hantierten, blieben bislang unbekannt.
Erst in den zwanziger Jahren hatten britische Archäologen begonnen, die archaischen Stätten am Indus freizulegen. Unter dem Schutt von Harappa und im südwestlich davon gelegenen Mohenjo-Daro entdeckten sie Reste vorzüglich organisierter Gemeinwesen, Zentren eines Reiches, das sich vom Himalaja bis zum Arabischen Meer erstreckte. Inzwischen wurden mehr als 70 weitere Indus-Städte geortet und teilweise ausgegraben.
Die Siedlungen sind von einem rechtwinkligen -- streng nach den Himmelsrichtungen orientierten -- Straßennetz durchzogen, das mit einem Kanalisationssystem verbunden ist. Es sind -- so der Nestor der britischen Archäologie, Sir Mortimer Wheeler -- "die ältesten bekannten Beispiele systematischer Stadtplanung".
In Mohenjo-Daro beispielsweise entdeckten die Archäologen eine mächtige Zitadelle, Kornspeicher mit einem sinnreichen Lüftungssystem und ein -- möglicherweise kultisches -- Bad; das zwölf Meter lange und sieben Meter breite Becken war so sorgsam mit Gipsmörtel verfugt und mit Erdpech unterlegt, daß es noch immer wasserdicht ist.
In den mehrstöckigen Wohnhäusern lebten die Bürger von Mohenjo-Daro komfortabler als bundesdeutsche Sozialbau-Bewohner: Von der Eingangshalle ist eine Portiersloge abgeteilt, Bad und Toilette sind getrennt, die Wohn-, Schlaf- und Gästeräume um einen Innenhof gruppiert.
Kunstwerke freilich haben die Archäologen bisher nur vereinzelt gefunden -- so die Statuette einer nackten Tänzerin in Mohenjo-Daro. Ihre Kunstfertigkeit scheinen die Indus-Kaufleute vor allem auf ihre Siegel verwandt zu haben: in viereckige Tontaf ein geritzte oder in Speckstein geschnittene Darstellungen von Stieren und Nashörnern, Elefanten und Schlangen. Auf diesen Warenstempeln sind auch die Schriftzeichen der Indus-Zivilisation überliefert.
Die Bilderrätsel sind, wie Parpola und seine Mitarbeiter nun berichten, tatsächlich Rebus-Figuren: Fast jedes Zeichen steht für ein ganzes Wort.
Nahezu alle Inschriften der rund 2000 bekannten Siegel hatten die finnischen Forscher katalogisiert, insgesamt mehr als 9000 Zeichen. So konnten sie, mit Hilfe ihres Computers, zunächst die Häufigkeit, die Stellung und die Kombinationen der einzelnen Zeichen statistisch aufschlüsseln.
Dann allerdings half nur Intuition weiter. Ein Strichmännchen deuteten die Entzifferer als Zeichen für das männliche, ein kammähnliches Signum als Zeichen für das weibliche Geschlecht. Ähnliche Schlüsse brachten sie zu der Erkenntnis, daß manche Wörter bestimmten Sprachwendungen des Drawidischen ähneln -- einer urtümlichen Gruppe von Sprachen, die noch immer am Indus und im südlichen Indien verbreitet sind.
Auf diese Weise dechiffrierten Parpola und seine Helfer bisher etwa 300 Wörter, wenn auch noch nicht alle Siegel. Immerhin hat, wie Professor Kristof Glamann, der Leiter des Kopenhagener Instituts, im "Hufvudstadsbladet" von Helsinki resümierte, eine einzigartige Reise um Jahrtausende zurück begonnen".
Das größte Geheimnis der Indus-Kultur wird sich jedoch auch durch die vollständige Entzifferung der Stempelschrift nicht aufdecken lassen -- der offenbar jähe Untergang des Reiches.
Etliche Archäologen entdeckten allerdings Hinweise, daß vor 3200 Jahren der Indus durch Erdbeben gestaut wurde; die Städte versanken möglicherweise im Schlamm. Andere Funde deuten auf ein noch gewaltsameres Ende: In den Ruinen von Mohenjo-Daro (wörtlich: Hügel des Todes) lagen gruppenweise die Skelette Erschlagener -- Opfer eines Massakers. Mutmaßlich starben sie unter den Schwertstreichen der nach Indien einrückenden Arier.

DER SPIEGEL 11/1969
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Stempel in Stein

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