07.04.1969

UNTERNEHMEN / C & A BRENNINKMEYERStummer Gigant

Im Dunkel der Nacht verließ der 2,08 Meter große Franz Brenninkmeyer als letzter Teilnehmer einer Diskussion über die Beichte fluchtartig den Hintereingang der Pfarrkirche St. Agatha in Mettingen unweit von Osnabrück.
Als ein Photograph vom Hauptportal des Gotteshauses herbeistürzte und durch die Scheibe der abfahrbereiten Mercedes-Limousine blitzen wollte, zog sich der Seniorchef von C & A blitzschnell eine Kamelhaardecke über den Kopf.
Franz Brenninkmeyer, 78, scheut -- wie der ganze Clan -- das Licht der Öffentlichkeit. Er verkaufte den Deutschen im letzten Jahr für fast 2,2 Milliarden Mark Oberbekleidung, aber nicht einmal in der Branche bekam ihn jemand zu Gesicht. "Für einen normalen Sterblichen ist an die Herren der Firma einfach nicht heranzukommen", klagt Dr. Gerhard Wörner, Hauptgeschäftsführer des Fachverbandes Wäsche- und weibliche Berufsbekleidungs-Industrie. Und sein für die Herrensparte zuständiger Kollege Dr. Paul Stauf sinnt: "Vielleicht gibt es die überhaupt nicht."
Die internationale Firmengruppe bringt heute über 175 Filialen in Holland, Westdeutschland, England, Belgien und USA Massenkonfektion für rund vier Milliarden Mark unter das Volk. "Auf die Frage nach den reichsten Familien Europas", so schrieb die englische "Sunday Times" über die Brenninkmeyers, "würden die meisten wahrscheinlich nur die Rothschilds ... Krupps oder Agnellis nennen. Aber vielleicht werden all diese Familien zur Zeit von dem scheuen, zurückgezogen lebenden, aber reichen holländischen Clan übertroffen."
Allein die deutsche Konzerntochter, die C & A Brenninkmeyer GmbH in Düsseldorf, erzielte 1968 mit 2,2 Milliarden Mark Umsatzziffern, die höher lagen als die einschlägigen Verkäufe der Handeisriesen Karstadt, Kaufhof, Hertie und Horten zusammengenommen. Durch die Kassen von C & A geht heute jede vierte Mark, die Bundesbürger für Kleider, Anzüge oder Mäntel ausgeben. Weit hinter Brenninkmeyer erreicht Müller-Wipperfürth als Zweitgrößter unter den Textilfilialisten mit 155 Millionen Mark gerade ein Vierzehntel des C & A-Umsatzes.
Meist nach Selbstbedienungsprinzip kauft die Brenninkmeyer-Kundschaft in mancher Filiale pro Tag 600 Mäntel, 1000 Kleider, 650 Herrenanzüge, 1000 Hüte und 1200 Kinderartikel ein.
Vor den Schachzügen, mit denen die Absatzmanager von C & A billige Massenmode in die vollen Kleiderschränke lancieren, "zittert die ganze Branche", so gesteht August Koch, Chef der Textil-Einkaufsgenossenschaft Sütex in Sindelfingen. Er schimpft und lobt zugleich: "Die sind eine ganz verrückte Familiengemeinschaft, mir imponieren die richtig."
Selbst intime Kenner des Marktes tappen bis zuletzt darüber im dunkeln, mit welchem Werbegag oder Angebotsschlager der stumme Gigant das nächste Mal Kunden locken wird. Ein Trappistenorden könnte die Schweigepflicht nicht ernster nehmen als die Brenninkmeyers.
Ihr Konzern verweigert konstant jede Mitarbeit in den Spitzenverbänden der Kleidermacher. Der Firmenpressestelle ist es sogar verboten, Journalisten auch nur die Zahl der Filialen zu nennen. Und in einem Bildband über die Heimat des reichen Händlergeschlechts, das Tecklenburger Land, durfte das C & A-eigene Herrenkonfektionswerk Cunda nur als "modernes Fabrikgebäude" erwähnt werden, das "von Mettinger Kaufleuten errichtet" wurde.
Erfolgreich, aber schweigsam arbeitete die heute auf mehr als 200 Mitglieder angewachsene Kleidersippe, seit 1671 die ersten Brenninkmeyers ihren Mettinger Bauernhof verließen, um als "Strücheltüödden" (hausierende Leinenhändler) ein einträglicheres Brot zu finden. Damit niemand ihre Wanderpfade und Geschäftstricks erfuhr, verwendeten sie bei Gesprächen. einen Kode, den nicht einmal ihre Frauen kannten. In dieser Geheimsprache hieß beispielsweise handeln "quinten", und statt von Geld redeten die Brenninkmeyers von "büchte".
Ihr Geschäft mit weißem Linnen entwickelte sich vor allem im benachbarten Holland so rege, daß die Brüder Clemens und August 1841 in Sneek unweit Leeuwardens ihren ersten Laden eröffneten. Außer Textilien hielten sie auch Solinger Stahlwaren feil, und die erste Jahresbilanz von C & A Brenninkmeyer wies einen Gewinn von 1000 Gulden aus. Für persönliche Ausgaben rechneten die sparsamen Firmengründer 345,63 Gulden ab.
In Amsterdam, Den Haag, Rotterdam, Utrecht und sieben weiteren holländischen Städten errichteten die ehrgeizigen Brüder ebenfalls Geschäfte. Augusts jüngster Sohn Clemens nahm schließlich auch Fertigkleidung in seine Läden auf und baute die bescheidene Gemischtwaren-Kette zu Europas erfolgreichster Konfektions-Handelsgruppe aus.
Kurz vor dem Ersten Weltkrieg kehrten die Nachfahren der hauslerenden Leinenhändler als reiche Kaufleute aus Holland nach Deutschland zurück: Von 1911 bis 1914 etablierte sich C & A in Berlin (zwei Häuser), Köln, Hamburg und Essen. Bei Ausbruch des Zweiten Weltkrieges zählte die deutsche Brenninkmeyer-Gruppe mehr als ein Dutzend Filialen.
Am Ende des Krieges, den die Sippe in Ihrem holländischen Refugium überstand, waren nur zwei ihrer Geschäfte von den Bomben verschont geblieben. Ein Direktorium aus sieben C & A-Getreuen begann von Mettingen aus den Wiederaufbau der Firma. Die Familienbosse kehrten erst Anfang der fünfziger Jahre aus ihrem Exil zurück, Ihre holländische Staatsangehörigkeit behielten sie bei.
Anders als die Kleiderfamilie Peek & Cloppenburg, die in drei selbständige Unternehmen zerfiel, und als die streitende Gruppe Hettlage, blieb der Orden der Brenninkmeyers intakt. An der Stirnseite seines Alterssitzes Haus Langenbrück ließ Franz Brenninkmeyer die Losung anbringen, die dem Unternehmen Erfolg brachte: "Eendracht maakt Macht."
Nur Mitglieder der Familie besetzen in allen Ländern, in denen C & A Brenninkmeyer vertreten ist, Geschäftsführerposten (in Düsseldorf 14), die Schlüsselpositionen im Einkauf und Marketing sowie die Chefsuiten der großen Filialen. Herrscher über den internationalen Kaufhauskonzern ist derzeit Rudolf W. Brenninkmeyer, der an der Spitze der Amsterdamer C & A Holding Unicena N. V. die nationalen Tochterfirmen kontrolliert.
Mit der Strenge einer mittelalterlichen Zunft drillen die katholischen Handeisherren ihren Managernachwuchs im Korpsgeist der Firmengemeinschaft. Substituten müssen unter der Aufsicht einer Hausdame gemeinsam mit acht bis zwölf Kollegen im firmeneigenen "Haushalt" leben. Während vierwöchiger Kurse lernen sie in Mettingen das Andenken der Ahnen zu ehren.
So hausbacken und verschlossen sich jedoch der Kleidertrust intern gebärdet, so weltoffen geriert er sich in seiner Werbung. Galt C & A einst als Einkaufsstätte für biedere Billigkleidung, so will Brenninkmeyer heute für die Masse Mode machen.
Ganzseitige Anzeigen in mehr als 70 Tageszeitungen, von der "Welt" bis zur "Ibbenbürener Volkszeitung", verkünden wöchentlich, was moderne Leute tragen. Der altehrwürdige Kleidertrust war der erste, der 1957 in Westdeutschland eigene Twen-Modelle herausbrachte. Und Sittenstrenge hielt die Manager nicht zurück, früh in die Minimode einzusteigen.
In Kolle-Manier forschen C & A-Texter heute: "Kennen Sie Ihre Frau wirklich soo genau?" und "Welcher Pyjama-Typ ist Ihr Mann?" Für gezielte Kundenwerbung erfanden sie den Mister "wächst, wächst und wächst", die ältere "Miß Leiderniefürmich" und den Globetrotter "Pass-Ager".
Modische Ware billig und in Massen zu beschaffen, ist bei Brenninkmeyer Sache einer über hundert Mann starken Einkäufertruppe, die Fabrikanten das Fürchten lehrt.
Auf enge Teilgebiete des Sortiments wie Kostüme oder Kleider einer bestimmten Preislage spezialisiert, besitzen sie die beste Warenkenntnis der Branche. In Warenhauskonzernen beispielsweise kauft durchweg nur ein Angestellter Kostüme und Mäntel ein; für C & A disponieren in dieser Sparte gleich acht spezialisierte Teams aus drei bis fünf Einkäufern, die ihre Verhandlungen mit Lieferanten stets gemeinsam führen.
Mit ihren Mammutorders peilen sie besonders gern Fabrikanten an, die gerade schlecht beschäftigt sind und klotzige C & A-Aufträge durch große Preiszugeständnisse honorieren. Wieviel Luft in der Kalkulation ihrer Kontrahenten noch ist, wissen Brenninkmeyers Einkäufer fast bis auf den Pfennig genau, denn ihre Firma produziert einen Teil der Ware selbst:
In sieben Werken, unter anderem in Wattenscheid und Essen, stellt die Cunda Kleiderfabrik Brenninkmeyer KG Herrenmäntel und -anzüge her, in Ludwigshafen Damenkleidung und in Neu-Ulm Strickwaren. Experten schätzen, daß C & A etwa zehn Prozent des Sortiments von seiner Tochterfirma fabriziieren läßt.
Fürchten die Lieferanten ihren Kunden mit den holländischen Nationalfarben blau-weiß-rot im Hausemblem nur, so begegnet der Fachhandel dem großen Unheimlichen mit kaum verhüllter Feindseligkeit. Über den "Verein gegen Unwesen in Handel und Gewerbe" und ihre Verbände prangerten sie C & A bis vor die Schranken des Bundesgerichtshofs wegen unlauterer Werbung sowie verbotener Schlußverkäufe an und hatten teilweise auch Erfolg.
Als der mächtige Außenseiter Anfang vorigen Jahres in einem Vierzeilenbrief seinen Lieferfirmen 4,5 Prozent Eilskonto für promptes Zahlen abverlangte (branchenüblich: vier Prozent), wähnte Horten-Generalbevollmächtigter Rudolf Tesmann diesen Schritt "auf der Linie eines Mißbrauchs der Marktmacht". Erst Bundeswirtschaftsminister Karl Schiller, der die Kontrahenten nach Bonn einlud, konnte den Streit schlichten.
Angriffe von außen stoßen bei C & A auf ein festgefügtes Familien-Management und mehr als 11 000 Beschäftigte, deren Korpsgeist mit sozialen Wohltaten wachgehalten wird. Die Manager beziehen Spitzengehälter und erhalten sechs Wochen Urlaub. Es wird gern gesehen, wenn sie schon mit 55 Jahren in Pension gehen, weil das dem Modebewußtsein des Hauses zugute kommt. Die Firma zahlt Prämien für Ausbildungsversicherungen, durch die Kinder leitender Angestellter mit 16 Jahren 15 000 Mark erhalten. Und schon seit 1950 gibt es bei C & A zu Weihnachten ein 13. Gehalt.
Ein ausgeklügeltes Punkte-Bewertungssystem spornt die Brenninkmeyer-Verkäufer an, mehr zu leisten. Für besondere Anstrengungen wie "mehr als einen Kunden gleichzeitig bedienen" oder "gute Zusammenarbeit in der Gruppe" können sie zu dem Grundgehalt Prämien kassieren. Ihre übertariflichen Leistungen (Fünf-Tage-Woche, vier Wochen Jahresurlaub) entheben die Nachfahren der Mettinger Hausierhändler auch lästiger Auseinandersetzungen mit Gewerkschaftsfunktionären.
Für niedere Dienstgrade spielt bei C & A die Konfession keine Rolle. Managerkarrieren dagegen stehen auch heute noch fast ausschließlich nur Katholiken offen. Ihre mehrmals im Jahr stattfindenden Gesellschafter-Konferenzen in Amsterdam schließen stets mit einem Kirchgang.
Brenninkmeyers waren Kommandeur im Orden des Heiligen Gregorjus des Großen, Vize-Vorsitzer der Bischofskommission für Katholische Krankenpflege in Holland und Ehrenkammerdiener des Papstes. Die C & A-Familie ist so schwarz, schwärzer geht's nicht.
Firmenschecks für Kirchenfenster, Monstranzen und Beichtstühle' für katholische Krankenhäuser und Kindergärten zeugen von der Verbundenheit Brenninkmeyers mit der Kirche. Die Ortspfarrer von Mettingen beispielsweise können jeden Monat über mehrere tausend Spendenmark aus den Schatullen der reichen Familie verfügen. Doch die Empfänger, Alte und Kranke, dürfen nicht wissen, von wem das Geld stammt.
Kaum weniger stark ausgeprägt als ihre Bindung an Kreuz und Klerus ist der Hang der verstreuten Milliardärsfamilie zur heimatlichen Scholle. Aus Mettingen (im Volksmund: Sankt Brenninkmeyer) engagieren sie Hausmädchen und Köche nach London, Amsterdam und New York. Auch draußen beziehen sie täglich ihr Heimatblättchen, das 70fach in alle Welt verschickt wird.
Bereits 1965 übernahmen die Brenninkmeyers die New Yorker Konfektionsgruppe Ohrbachs mit sieben Läden. In Holland sollen bis 1971 sechs, in Deutschland bis 1975 fast 30 neue Häuser entstehen. Selbst kleinere Städte wie Moers, Lüneburg und Delmenhorst haben die Düsseldorfer Planungsbosse im Visier.
Und daß der Segen auf seinem Werk ruht, ließ sich das gottesfürchtige Händlergeschlecht erst jüngst von kompetenter Stelle bescheinigen. Während einer Messe in der Amsterdamer Dominicus-Kirche für das Personal der neuen Firmenzentrale in Amsterdam stellte Pfarrer R. Tepe in seiner Predigt "einen dritten Mann" neben die C & A-Gründer Clemens und August, "der von Anfang an eine Rolle beim Wachsen des Konzerns gespielt hat: der liebe Herrgott".

DER SPIEGEL 15/1969
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 15/1969
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

UNTERNEHMEN / C & A BRENNINKMEYER:
Stummer Gigant

  • Postkarten-Aktion gegen den Brexit: Und täglich grüßt "Ihr Martin Cobb"
  • Privater Raumfahrttourismus: "SpaceShipTwo" für eine Minute im All
  • Filmstarts: "Krieg der Städte"
  • Seidlers Selbstversuch: Abwracken für Anfänger