27.01.1969

FUSSBALL / WELTMEISTER-ELFSchlechte Geschäfte

Der Lebenskampf ist schwieriger als der Fußballkampf", schrieb 1954 Deutschlands bester Kicker, Fritz Walter aus Kaiserslautern, nach dem Sieg im Weltmeisterschafts-Endspiel.
Walters Worte -- er schrieb damals einen Werbetext für eine Lebensversicherung erwiesen sich als wahr: Am vergangenen Montag schnitt sich sein Bruder und Mannschaftskamerad Ottmar Walter, 44, die Pulsader auf. Geldschulden in Hübe von 250 000 Mark und familiäre Sorgen sollen der Antrieb gewesen sein. Eine Bluttransfusion rettete den Lebensmüden.
Bruder Fritz erholte sich zur gleichen Zeit mit seiner Frau Italia im Schwarzwald. So eilte der frühere Fußball-Lehrer der Walters, Altbundestrainer Joseph Herberger, 72, an das Krankenlager in Kaiserslautern. Erst als die Gefahr beseitigt war, unterrichtete der alte Herr den schon in früheren Fußhallkampfzeiten sensiblen Lieblingsschüler: "Halten Sie sich fest, Fritz, der Ottmar hat einen Selbstmordversuch unternommen"
Während Fritz Walter noch rätselt, was seinen vier Jahre jüngeren Bruder zur Tat angestiftet haben könnte, vermochte Herberger vorerst keine Stellungnahme über "Glanz und Elend des Ottmar Walter" ("Rheinische Post") abzugeben. "Im Augenblick steht mir nicht der Sinn danach", entschuldigte sich der seit 1964 pensionierte Fußball-Lehrer. "Dabei gibt es über die Probleme meiner ehemaligen Schüler allerlei zu sagen."
Rührselige Geschichten kursierten vor allem über die Gastwirtssöhne Walter, So bildeten die Spieler in Kaiserslautern vor jedem wichtigen Spiel in der Umkleidekabine einen Kreis, faßten sich an den Händen und gelobten äußersten Einsatz. Diesen Ritus übertrugen sie später auch auf die Nationalequipe.
Als beim Weltmeisterschaftsturnier 1954 im Spiel gegen Österreich Fritz Walter einen Elfmeter treten sollte, befragte ihn Bruder Ottmar in Pfälzer Mundart: "Was ist -- hasche Mumm?" Fritz hatte Mumm. Er schoß ein Tor, und das deutsche Team kam ins Endspiel gegen die Ungarn.
Dort siegten die Deutschen 3:2 -- zwei Tore schoß Helmut Rahn aus Essen. Er wurde neben Fritz Walter zum beliebtesten deutschen Balltreter. Doch drei Jahre später karriolte der Weltmeisterschütze unter Alkoholeinfluß mit seinem Auto in eine Baugrube. Polizisten legten ihm Handschellen an, weil er sie mit Boxhieben empfangen hatte. Das Gericht verurteilte Hahn zu zwei Wochen Haft, Der sittenstrenge Herberger strich ihn daraufhin aus dem nationalen Kicker-Kader. Später freilich verzieh er dem fidelen Athleten. Hahns Ruhm erlosch erst nach einem zweiten Trunkenheits-Delikt im Straßenverkehr.
Besonders widrigen Umständen waren jedoch die Weltmeister aus Kaiserslautern ausgesetzt. Selbst der umsichtige Fritz Walter, dessen "Kameradschaft keine Flecken hatte" (Herberger), erlitt Mißerfolge. Eine Wäscherei mußte er wieder schließen, einen Generalvertreterposten bei einer Polstermöbelfirma aufgeben. Schließlich verschaffte ihm Herberger beim Fernsehgeräte-Produzenten Saba eine gut dotierte Lebensstellung.
Denn: Eine Tätigkeit als Fußballtrainer mied der vom Berufswettkampf entnervte Ballartist stets. So verzichtete er an der Sporthochschule in Köln kurzfristig auf den von Herberger freigehaltenen Studienplatz. Auch ein Angebot des 1. FC Kaiserslautern als Direktor lehnte Walter ab.
Zur gleichen Zeit mußte ein anderer Weltmeister die Stadt Kaiserslautern verlassen: Werner Kohlmeyer. Trunksucht hatte seine Ehe zerstört, die Stellung als Lohnbuchhalter bei der Nähmaschinenfabrik Pfaff gekostet und das Ansehen geschmälert. "Alles, was nach der Weltmeisterschaft kam", klagte der verfemte Kicker, "war wie ein einziges verlorenes Wochenende," Herberger lud Kohlmeyer als einzigen Endspielteilnehmer nicht zu seinem 70. Geburtstag ein. Bei einer Blitzableiter-Fabrik in Mainz fand Kohlmeyer ein Unterkommen.
Ottmar Walter schien von allen Weitmeisterspielern noch einer der erfolgreichsten zu sein. Bereits ein Jahr vor dem Endspiel hatte er in Kaiserslautern eine Tankstelle und Autoreparaturwerkstatt eröffnet. Er erwarb ein Haus und haute sich einen Bungalow. Als Bruder Fritz nach dem Gewinn der Weltmeisterschaft sein Buch "3:2" herausbrachte" schrieb Ottmar ein Geleitwort: "Bruderherz, hoffentlich geht dein Buch so gut wie meine Tankstelle in den ersten Tagen nach der Weltmeisterschaft."
Jetzt Ist auch Ottmar Walter ein verschuldeter Mann. Tankstelle und Häuser sind verkauft. Sogar das Amt des Spielausschußvorsitzenden beim 1. FC Kaiserslautern verlor er. Ein Amateurklub in Grünstadt bootete ihn als Trainer aus. Mit Herbergers Unterstützung führte ihn Bruder Fritz bei einer amerikanischen Aluminium-Fassadenbau-Firma ein.
Doch dann erlitt er in Zell an der Mosel einen Autounfall und war zeitweilig arbeitsunfähig. Er schickte seinen 18jährigen Sohn auf ein Internat. Im Dezember versuchte sich seine Frau Anneliese Walter mit Schlaftabletten das Leben zu nehmen -- auch sie wurde gerettet.
"Jetzt gibt es wieder Schlagzeilen über unsere Elf", sorgte sich Endrundenteilnehmer Karl Mai, Tabakwarenhändler und Inhaber einer Lotto- und Toto-Annahmestelle in München. Und Möbelhändler Josef Posipal in Hamburg kritisierte das Verhalten des ehemaligen Mannschaftskameraden Ottmar Walter: "Heute gehen eben die Geschäfte überall schlechter." Posipals Schuldenlast beträgt etwa 50 000 Mark,
"Wir stellen Ottmar wieder auf die Beine", ermutigte Oberbürgermeister Dr. Hans Jung den verlorenen Sohn der Stadt. Der Gerettete, von "Bild" am Bett exklusiv umsorgt, gestand: "Ich schäme mich."
* An Herbergers 70. Geburtstag (28. März 1967), nachdem Herberger das Große Verdienstkreuz überreicht worden war, von links: Fritz Walter, Turek, Liebrich, Ottmar Walter, Schäfer, Morlock, Herberger, Rahn.

DER SPIEGEL 5/1969
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