27.01.1969

Fabian v. Schlabrendorff über Bodo Scheurig: „Ewald von Kleist-Schmenzin“DEM UNTERGANG GEWEIHT

Dr. Fabian von Schlabrendorff, 61, ehemaliger 20.-Juli-Widerstandskämpfer, Autor des Buches „Offiziere gegen Hitler“ und Rechtsanwalt, ist seit 1967 Richter am Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe. -- Der Berliner Historiker Dr. Bodo Scheurig, 40, wurde durch eine Studie über das „Nationalkomitee Freies Deutschland“ und eine Stauffenberg-Biographie bekannt.
Kein Geringerer als Eduard Spraner hat zeit seines Lebens immer wieder betont, daß nichts so wichtig sei als die in die Tiefe gehende Kenntnis des Lebens großer Persönlichkeiten. An dieses Wort von Spranger fühlt man sich erinnert, wenn man Bodo Scheurigs Biographie über Ewald von Kleist-Schmenzin liest.
Zugegeben: Das Bild, das uns Scheurig von dem politischen Leben eines Mannes malt, der, 1890 geboren, als Grundbesitzer in Hinterpommern gelebt hat, nach dem 20. Juli 1944 von der Gestapo verhaftet, vor den Volksgerichtshof gestellt, zum Tode verurteilt und durch Enthauptung hingerichtet wurde, ist die Darstellung einer weiß Gott vergangenen Zeit oder -- schärfer ausgedrückt -- einer für immer untergegangenen Schicht konservativer Menschen.
Dennoch geht von diesem Buch eine faszinierende Wirkung aus. Sie ist in der Kraft einer geschlossenen Persönlichkeit begründet. Ihr tiefster Ursprung ist die religiöse Gebundenheit, die unserer säkularisierten Gegenwart nur noch als Abglanz erhalten geblieben ist. Aber es bleibt auch für uns zu wissen notwendig, daß es diese Bindung gegeben hat und vielleicht noch einmal oder öfters in der Geschichte geben wird, weil die Summe der im Menschen verkörperten Kräfte gleichbleibt. Das gilt auch dann, wenn wir eine solche Bindung nicht mehr nachvollziehen können, weder im Alltag noch am Sonntag.
Das von Scheurig geschilderte Leben erinnert in politischer Hinsieht an die Rolle, die die Vendee in der Zeit der Französischen Revolution gespielt hat. Die Vorgänge auf dieser Welt werden von einem auf dem Lande lebenden und in der Welt des Waldes verwurzelten Konservativen vom Standpunkt des pommerschen Gutshofs angesehen, und zwar so einseitig, daß die doch schon damals deutlich sichtbare Welt der Industrie gar nicht in Erscheinung tritt. Man wird gewahr, daß wir uns in den letzten Jahrzehnten von dem vorangegangenen halben Jahrhundert weiter entfernt haben, als es die Zahl der Jahre erkennen läßt.
Aber hinter diesen Vordergründigkelten bleibt ständig das Leben einer ungebrochenen Persönlichkeit sichtbar. Dieser Gesichtspunkt aber ist wichtiger als die Summe aller damaligen Begebenheiten. Es liegt auf der Hand, daß Ewald von Kleist kein Anhänger der Demokratie von Weimar, überhaupt kein Demokrat war. Ihm schwebte eine Autorität des Staates vor, die sich nicht auf Parlamentsmajoritäten verließ. Seine Feinnervigkeit, sein umfassendes Wissen und seine hohe Intelligenz lassen ihn schon frühzeitig erkennen, daß mit dem Ende des Ersten Weltkrieges eine neue Epoche hereingebrochen war. Von Hause aus Monarchist, sieht er in dem Versagen Kaiser Wilhelms II. ein so entscheidendes Ereignis, daß er voller Vorbehalte gegenüber vielen Vertretern der alten Dynastie ist. Trotzdem hält er halb verzweifelt, halb verkrampft an dem Gedanken der Krone als der Idee eines Schibboleth fest.
Kleists politisches Gedankengefüge führt weil von Hugenberg weg, dem er den Vorwurf macht, er habe durch das Bündnis von Harzburg Deutschland verraten. Immer stärker zieht ihn die gemeinsame Gegnerschaft gegenüber Hitler und dem Nationalsozialismus hin zu Ernst Niekisch, dein kraftvollsten Vorkämpfer der extremen Linken. Beide lernen voneinander. So erweist sich wieder einmal die Wahrheit des alten Satzes: Les extrêmes se touchent. Das Großartige in Ewald von Kleist läßt ihn in dem linken Widerpart den kongenialen Geist erkennen und anerkennen.
Das Ausland fragt immer wieder: Habt ihr Deutsche denn eigentlich niemanden, der von Anfang an gegen Hitler war? Ewald von Kleist können wir Deutsche vorweisen. Denn schon 1932 läßt er die Schrift "Der Nationalsozialismus -- eine Gefahr" erscheinen. Wegen dieser Schrift hat er dann auch manchen Strauß mit seinen pommerschen "Standesgenossen" zu bestehen. Für ihn gibt es keine entschuldbare Konzession gegenüber dem Nationalsozialismus. Mit beißendem Spott hält er seinen Mitmenschen die politische Schande ihrer Haltung vor.
Das mag es auch erklären, warum das deutsche Adelsblatt kürzlich bei der Rezension der Biographie über Ewald von Kleist sich nur zu einem verhaltenen Lob aufschwingen konnte.
Natürlich war Ewald von Kleist nicht nur ein Feind Hugenbergs, sondern auch ein krasser Gegner Papens. Die Biographie bringt eine Aufzeichnung aus seiner Feder vom Jahre 1934. Hier schildert Ewald von Kleist das Verhalten Papens in den Januartagen des Jahres 1933. Er zeigt. wie Papen von Anfang an bestrebt war, nicht nur Schleichei zu stürzen, sondern auf eine Regierung Hitleis hinzusteuern, indem er gleichzeitig gegenüber den konservativen Kräften so tat, als ob es auch ohne Hitler ginge.
Aus dieser Niederschrift geht weiter hervor, daß Hindenburg der Berufung Hitlers zum Reichskanzler ablehnend gegenüberstand und bereit war ein Kabinett ohne Hitler in den Sattel zu setzen, ein Bestreben, das nach Kleist von Papen mit Fleiß und Erfolg torpediert wurde.
Die Biographie Scheurigs über Kleist wird im angelsächsischen Lager nicht überall mit Freuden gelesen werden -- sie zeigt klar, daß Kleist in seinen Gesprächen mit Winston Churchill, Lord Vansittart und Lord Lloyd die tödliche Gefahr des Nationalsozialismus und die Gefahr Hitlers für die Welt ungeschminkt dargestellt hat.
England kann auch nicht behaupten. daß Kleist sich damit begnügt habe, auf die Gefahr aufmerksam zu machen, ohne einen Weg zu benennen. auf dem die Welt vor dem Zweiten Weltkrieg zu bewahren gewesen wäre. Kleist empfahl eine große Flottendemonstration im nassen Dreieck (wie die Marine aller Länder die Nordsee zu nennen pflegt); er wußte, daß Hitler letzten Endes furchtsam war und darauf vertraute, daß die Welt ihn gewähren lassen würde. Aber Chamberlain konnte sich nicht zu einem solchen Vorgehen entschließen.
Die analytische Fähigkeit Kleists glich dem Witterungsvermögen eines Jagdhundes. Er durchschaute sein Gegenüber und verfügte über eine pupillarische Sicherheit des Blickes wie wohl nur wenige seiner Zeitgenossen. Es liegt auf der Hand, daß Ewald von Kleist im kleinen Kreise seine Äußerungen mit einer ätzenden Schärfe vorbrachte, die weit über das Ziel hinausschoß. Aber für die Tiefe der Gegensätzlichkeiten sind seine bissigen Bemerkungen doch aufschlußreich, so etwa der Ausspruch: "Dumm wie ein Intellektueller, glaubenslos wie ein Pfarrer, ehrlos und feige wie ein General."
So intransigent Kleist sich in der Theorie gab, so flexibel war er in der Praxis. Er hatte an der Freund-Feind-Theorie von Carl Schmitt gelernt.
Auch in der Innenpolitik stand Ewald von Kleist auf der Seite der Reformer. Trotzdem war er aus Gründen der Tradition vielen Gedankengängen der Vergangenheit verhaftet. Aber in Fragen der Außenpolitik gab es für ihn nur einen Maßstab: das Kalkül der Realitäten.
Als der Nationalsozialismus seinen Siegeszug angetreten hatte, bezeichnete sich Ewald von Kleist selbst als ausgelöscht. Dessenungeacht gab es für ihn keinen Kompromiß. auch nicht in der Geste. So verweigerte er den Hitlergruß und die Flaggenhissung. wie auch die Spende zur NS-Volkswohlfahrt. Wer so lebte, war gezeichnet. Ernst Jünger hat in einem Gespräch über Ewald von Kleist es einmal so ausgedruckt: "Kleist war hochgezüchtet, von sehr empfindlichem verletzbaren Ethos. Ich habe den Typus im Fürsten Sunmyra der Marmorklippen festzuhalten versucht. Daß er dem Untergang geweiht war. ließ schon die Aura ahnen."
Ewald von Kleist hat noch in der Gestapohaft bis zuletzt gekämpft. Aber er schied von dieser Welt als ein Mann, der mit sieh und Gott ins reine gekommen war. Hatte ei früher das Wesen des Glaubens im Gehorsam gesehen, so war ihm im Gefängnis der Begriff der Liebe als das entscheidende Kriterium des Christentums klargeworden.
Seine Haltung im Gerichtssaal und auf dem Schafott wurde auch von seinen Gegnern anerkannt. Der Vertreter Martin Bormanns sagt in seinem Fernschreiben, Kleist habe mit dem Vorsitzenden gespielt und habe die Szene beherrscht. Nach der Vollstreckung des Todesurteils erklärte der anwesende Richter des Volksgerichtshofes: "So unangenehm mir der Mann in der Hauptverhandlung gewesen ist, so groll war er, als er wie ein Held in den Tod ging."

DER SPIEGEL 5/1969
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