06.01.1969

SPANIEN / CARLISTEN

Rote Mützen

Eines Tages wird der Carlismus an die Macht kommen", prophezeite Cortes-Abgeordneter Don Auxilio Goni im September vergangenen Jahres, "und er wird zehn, zwanzig, dreißig oder mehr Jahre an der Macht bleiben."

Drei Monate später, kurz vor Weihnachten, riß Generalissimus Franco die Carlisten aus ihren Träumen und wies ihren Kronprinzen, Carlos Hugo von Bourbon-Parma, 38, wegen politischer Betätigung aus.

Auch die übrigen Mitglieder der Familie Bourbon-Parma der Carlistenführer und Carlos-Vater, Prinz Xavier, ein Bruder der letzten österreichischen Kaiserin Zita, Mutter Magdalena, die beiden Schwestern Maria Teresa und Maria de las Nieves sowie Carlos-Ehefrau Irene -- folgten dem Thronprätendenten eine Woche darauf -- Prinzessin Irene, Tochter der niederländischen Königin Juliana, als einzige freiwillig.

Die Heirat des Prinzen mit der holländischen Königstochter im April 1964 hatte die im Ausland nahezu vergessenen Carlisten wieder bekannt gemacht. Freunde der holländischen Königsfamilie vermuteten sogar, berichtete die "Neue Zürcher Zeitung", "daß der Prinz in einer Verschwägerung mit dem Haus Oranien-Nassau ein Mittel sehe, seine Ansprüche (auf den spanischen Thron> zu unterstützen".

Bei seiner Ankunft auf dem Pariser Flughafen Orly beschwerte sich Irenes Schwiegervater: Die spanische Regierung habe ihn und die Seinen ausgewiesen, "ohne im Laufe der letzten zehn Jahre ihre Mißbilligung unserer politischen Tätigkeit in Spanien auch nur irgendwie gezeigt zu haben".

Grund zur Mißbilligung hatte das Franco-Regime in den letzten Jahren häufig. Die carlistische Arbeiterbewegung MOC forderte in einem Entwurf für das neue spanische Syndikatsgesetz freie und demokratische Gewerkschaften; die carlistische Studentenverbindung AET attackierte die staatliche Studentengewerkschaft SEU; vor allem aber machten sich die Carlisten durch Sympathiebekundungen für die separatistischen Basken und Katalanen beim Regime mißliebig.

Um neue Anhänger aus den Kreisen der Franco-Gegner zu gewinnen, zeigten Carlos Hugo und Prinz Xavier "freundliches Interesse an der Demokratie" ("The Economist") und entwarfen "Konzepte für eine moderne "sozialistische" Monarchie" ("Times">.

Die neue Fassade verdeckt ein Überbleibsel aus dem vorigen Jahrhundert. Damals, so schreibt der Kulturhistoriker Salvador de Madariaga, repräsentierte die rote Mütze der Carlisten-Miliz "das Symbol der kirchlichen Reaktion gegenüber dem freien Denken, des königlichen Absolutismus gegenüber dem liberalen Parlamentarismus".

Mit der roten Mütze zogen die Carlisten noch im 20. Jahrhundert in die Schlacht: Während des Spanischen Bürgerkrieges kämpften sie an der Rechtsfront.

Doch der Caudillo honorierte die Waffenbrüderschaft nicht. Zwar erklärte er 1947 Spanien zur Monarchie -- aber bestimmte keinen Monarchen.

Francos Favorit jedoch ist der 30jährige Juan Carlos -- Enkel des letzten regierenden Königs von Spanien, Alfons XIII. aus der isabelinischen Linie der Bourbonen. Im Gegensatz zu den Carlisten enthielt er sich jeder Opposition gegen das Franco-Regime.

Mit der Ausweisung der Carlisten ebnete Franco dem Prinzen Juan Carlos endgültig den Weg zum Thron, Sein Vorwand: Weder Xavier noch Carlos Hugo haben die spanische Staatsbürgerschaft. Beide sind Franzosen.


DER SPIEGEL 1/1969
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