23.12.1968

LEHRER / LÜNEBURGKonflikte vermuschelt

"Die Veranstaltung ist beendet", rief Professor Hermann Gackenholz, Rektor der Pädagogischen Hochschule (PH) Lüneburg. Dann stürmte er aus dem Festsaal. Einige Kollegen folgten ihm mißgelaunt.
Im Saal blieben 400 angehende Volksschullehrer vergnügt sitzen. Sie hatten, Mitte vergangenen Monats, ihre Immatrikulationsfeier planmäßig platzen lassen.
Kaum hatte die Feier begonnen, da ließen sie schon Flugblätter flattern, in denen das Ereignis als "Integrationsfeierei mit Patriarchen und Häuptlingen" karikiert wurde. Bei der Vorstellung des Akademischen Rats Dr. Friedrich erhob sich der schnauzbärtige Student Günter Heidmann und verneigte sich nach allen Seiten.
Danach beklagte sich die Studienanfängerin Renate Petter, 21, in ihrer Festansprache -- von einem Pult mit der Aufschrift "Königliches Lehrerseminar" -, daß hier "psychische Krüppel durch eine autoritäre Erziehung entstehen". Und schließlich stürmten SDS-Studenten das Mikrophon, um mit der "lieben Scheingemeinschaft" Studienprobleme zu erörtern.
Der Zorn des Rektors Gackenholz ("Das wird das erste Semester nicht vergessen") wurde von Lüneburger Realschullehrern geteilt. Zwei Tage später, in der großen Pause, beschloß das Kollegium der Christiani-Schule mit 19 gegen zwei Stimmen, die "terrorähnlichen Verhaltensweisen einer kleinen radikalen Minderheit ... anläßlich der Immatrikulationsfeier" zu ahnden: "Wir lehnen es ab, Studenten der PH als Praktikanten zu betreuen, die sich nicht zur demokratischen Grundordnung ... bekennen."
Diesen Beschluß verkündeten die Realschul-Pädagogen per Leserbrief in der "Landeszeitung für die Lüneburger Heide" (LZ). Und Rektor Dr. Elmar Peter, 48, bat per Umlaufschreiben die Kollegen an den übrigen 13 Real-, Volks- und Sonderschulen Lüneburgs, "sich mit uns in dieser Hinsicht solidarisch zu erklären".
Wenn auch "Sympathiebezeigungen in der Breite" (Peter) nicht auf sich warten ließen, offizielle Solidaritätsbekundungen blieben aus. Nur sieben Lüneburger Junglehrer fragten in einem offenen Brief, ob die "Verfasser jenes Rundschreibens das Grundgesetz nicht gelesen oder ... bewußt ignoriert" hätten und ob "politisch denkenden und handelnden jungen Bürgern unseres Staates ... Studiums- und Examensmöglichkeiten beschränkt" werden sollten,
Das befürchteten auch die meisten der 796 Pädagogik-Studenten. Ihr Asta fragte den resoluten Rektor Peter in einem ungenügend frankierten Eilbrief: inwieweit glauben Sie berechtigt zu sein, qua Selbstjustiz Verfassungsgerichten die Arbeit abzunehmen?" und bat den Lehrkörper der Christiani-Schule "sehr herzlich" für den folgenden Tag zu einem Teach-in.
Das war nicht nach Rektor Peters Geschmack. Er schlug einen kleineren Treff ("je fünf Teilnehmer") im Klubzimmer eines Gasthauses vor, doch Asta-Vorsitzender Wolfgang Meisen, 25, lehnte ab: "Wir wollen nach dem Paukenschlag des Lehrerleserbriefes kein Harfengesäusel im Hinterzimmer, sondern die öffentliche Austragung des Konfliktes." Auch ohne offizielle Vertreter der Christiani-Schule fand in der Aula der PH das Teach-in ein zahlreiches Publikum.
Am Rednerpult prangte der Zweizeiler: "Ein übler Vertreter -- der Dr. Peter." Doch Schüler der Christiani-Schule fanden das gar nicht und verteidigten ihren Schul-Chef.
Aber die Ansichten der Erwachsenen waren geteilt. Christiani-Schullehrer Turau warnte vor "Gruppen, die an diesem Staat rütteln". Christiani-Schullehrer Michaelis dagegen bedauerte, daß sein Kollegium die "Konsequenzen nicht voll durchdacht" habe. PH-Professor Schlotthaus bezeichnete die Störaktionen als "besorgniserregendes Mittel". PH-Professor Sauer dagegen lobte die heilsame Unruhe, ohne die es eine "pädagogische Provinz" gäbe. SDS-Sprecher Helmut Kuhnt ortete eine "Manifestation des schleichenden Faschisierungsprozesses" bekam aber vom ehemaligen Asta-Vorsitzenden Klaus von Geiso "unreflektiertes Handeln" vorgeworfen.
Es blieb bei Debatten. Ein vom SDS für die Christiani-Schule empfohlenes Go-in wurde von der Mehrheit nicht akzeptiert. SDS-Chef Ritter: "Wir wollten die anderen Schulen veranlassen, doch noch der Peter-Petition zu folgen. Erst danach wären die faschistischen Tendenzen an den Lüneburger Schulen vollends offenbar geworden."
Wenn es sie gibt" so blieben sie verborgen und die "Konflikte vermuschelt" (Ritter). Der Asta forderte die Christiani-Lehrer auf, "durch einen Leserbrief in der "LZ' selbstkritisch von dem ersten Beschluß Abstand zu nehmen". Doch das Kollegium antwortete Anfang vorletzter Woche lediglich, es sei "nicht die Instanz, die einzelnen Studenten wegen politischer Verhaltensweisen, die sie vor ihrem Praktikum gezeigt haben, eine Ausbildung in unserer Schule verwehren kann" -- als ob es nie zuvor gerade das versucht hätte.
Der getarnte Rückzug ist freilich verständlich: Nach dem Aufruhr um den Rektor-Aufruf wurde Rektor Peter, wie er angibt, "vom Regierungspräsidenten zurückgepfiffen" -- was Präsident Kaestner bestreitet: "Nein, wie sollte ich?"
Kaestner, der auch Chef der Schulaufsichtsbehörde ist, hat die Entscheidung" wer an Lüneburgs Schulen als Praktikant zurückgewiesen werden soll, sich selbst vorbehalten. Er sieht freilich "keinen Anlaß, dieses Kollegium zu rügen". Denn: "Ich bin froh" wenn Leute sagen: "Wir sind verfassungstreu' und wir wollen keine Verfassungsfeinde haben. Warum sollten Lehrer nicht genauso engagiert sein wie SDS-Studenten?"
Beamte des niedersächsischen Kultusministeriums beurteilen den Vorstoß der Christiani-Lehrer ebenso wohlwollend. Oberregierungsrat Hesse: "Verständlich in jedem Fall." Realschulreferent Rohlfink: "In der Sache hat Dr. Peter sicher recht, ob es politisch klug war, ist eine andere Sache."
* Links: PH-Student Heidmann beglückwünscht die Protestrednerin Renate Petter nach ihrem Auttritt; Mitte: Professor Gackenholz; am Pult: SDS-Chef Ritter.

DER SPIEGEL 52/1968
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