16.12.1968

„Und wir zeigen unsere Brüste für jeden“

sangen sechs Studentinnen des SDS-"Arbeitskreises Emanzipation" am letzten Donnerstag im Hamburger Amtsgericht und zogen Pullover und Blusen aus. Das Stichwart für den Solidaritäts-Striptease hatte ungewallt das Gericht gegeben, var dem sich die Studentin Ursula Seppel wegen Hausfriedensbruchs verantworten mußte, weil sie bei einem früheren Studenten-Prozeß der Aufforderung der Polizei, das Gerichtsgebäude zu verlassen, nicht nachgekommen sei. Obwohl Ursula Seppel in durchsichtiger Bluse ohne Dessaus erschienen war, hatte Richter Wolfgang Schneider, 41, die Verhandlung unbefangen eröffnet, weil er den schwarzverschleierten Busen für einen modischen Gag gehalten hatte. Doch als er -- wie die Mädchen erwartet hatten -- verkündete, der gegen ihn vorgebrachte Befangenheitsantrag der Angeklagten werde zurückgewiesen, formierten sich die vorsorglich ohne Büstenhalter gekommenen Zuhörerinnen zum Oben-ohne-Sextett. Auch Ursula Seppel entblößte ihren Busen, sprang über die Barriere und sang die frei nach Brecht gedichtete "Ballade von den asexuellen Richtern" mit. Richter Schneider ("Diese Art von Befangenheit möchte ich mir gern erhalten; ich möchte nämlich auch weiterhin bei Obenohne etwas empfinden") rief Polizei und ließ die Mädchen abführen. Die Utensilien, die sie in Erwartung einer Haftstrafe vorsorglich mitgebracht hatten, benötigten sie nicht, denn -- entgegen ihrer Sing-Prophezeiung "für uns gibt's Knast" -- verhängte Schneider keine Ordnungsstrafe. Auch Ursula Seppel durfte nach Hause gehen. Sie wurde -- in Abwesenheit -- freigesprochen.

DER SPIEGEL 51/1968
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